Ich bin dabei, meine Berufung zu finden“, sagt die siebzehnjährige Ainara zu ihrer Tante Maite, die sie um ein Gespräch gebeten hat. Deren erste Reaktion ist erstaunte Sprachlosigkeit, dann entgegnet sie: „Das mit der Berufung ist eine ernste Sache. Wie triffst du diese Entscheidung?“ – „Seit mehreren Monaten spreche ich mit meinem geistlichen Begleiter“, antwortet Ainara und unterstreicht damit ihre Ernsthaftigkeit. Ainara weiß, dass ihre Tante nicht gläubig ist, und Maite gibt dies auch zu, fügt jedoch gleich an: „Aber ich respektiere deinen Glauben“.
Dieser Dialog stammt aus dem Film „Los Domingos“, der Ende Oktober unter dem Titel „Glaube“ in den deutschen Kinos startet. „Los Domingos“ von Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa wurde mehrfach ausgezeichnet: beim Filmfest in San Sebastian als bester Film und bei der 40. Ausgabe der Goya-Filmpreise als bester Film, für die beste Regie, beste Hauptdarstellerin (Patricia López Arnaiz) und das beste Originaldrehbuch.
Das Gespräch zwischen Tante und Nichte ereignet sich nach etwa 20 Minuten der Filmlaufzeit und führt mitten hinein in den zentralen Konflikt der Filmhandlung, die sich als Familiendrama beschreiben lässt. Zuvor zeigten sich bei der Feier der Erstkommunion von Ainaras jüngerer Schwester Gegensätze und Spannungen innerhalb der Familie. Zuerst geht es um ungleich verteilte finanzielle Lasten oder berufliche Karrieren. Als sich das Gespräch um die jeweils eigene Kommunionfeier und den bei scheinbar allen Beteiligten vorrangigen Wunsch nach Geschenken dreht, erzählt Ainara, dass ihre Mutter ihr ein Marien-Medaillon geschenkt habe mit dem Versprechen, die heilige Mutter Maria sei immer bei ihr. Es herrscht Stille bei den Erwachsenen, allerdings weniger aufgrund des Verweises auf das Medaillon als wegen der Erwähnung von Ainaras verstorbener Mutter. In einem späteren Gespräch heißt es, sie sei schwierig gewesen und die Kinder hätten aus guten Gründen nicht alles über die Umstände ihres Todes erfahren. Im Laufe des Films werden so viele Spuren gelegt, ohne dass Ainaras Wunsch, ins Kloster einzutreten, damit erklärt wäre.
Auch Tante Maite ging auf eine katholische Schule und nahm an Exerzitien teil. Sie repräsentiert damit rund 20 Prozent der spanischen Schülerschaft, die eine kirchliche oder von einem Orden betriebene Schule besuchen. Diese im europäischen Vergleich hohe Zahl verdeckt allerdings die Tatsache, dass auch in Spanien der größere Teil der Bevölkerung sich nicht als kirchlich bezeichnet; bis zu zwei Drittel (je nach Altersgruppe) nennen sich selbst „nicht religiös“. Insofern trifft der Film den Nerv einer Gesellschaft, die zwar zunehmend säkular, deren Kultur aber weiterhin stark vom Katholizismus geprägt ist. Diskutiert wurde vor allem die Frage, ob sich eine Minderjährige tatsächlich frei für ein Leben im Kloster entscheiden kann. Im Film sind die Haltungen zu Kirche, Religion und Spiritualität nicht klar verteilt, sondern fließen durch die Darstellung von Personen, Emotionen oder auch die Musikauswahl ineinander.
Die Musik stützt sich auf wenige Gesänge. Unter anderem singt Ainara im Chor gemeinsam mit anderen Jugendlichen Nick Caves „Into my arms“. Das Lied spiegelt die Ambivalenz aus Nichtglauben und Glaubenssehnsucht wider. Neben „I don’t believe in an interventionist God“ steht der Wunsch nach Liebe: „If he felt he had to direct you, then direct you into my arms, Into my arms, oh, Lord.“ Ainara erlebt eine flüchtige Liebesgeschichte mit einem Jungen aus diesem Chor. Auch sie ist von ganz unterschiedlichen Gefühlen erfüllt: Eine Berufung ist keine eindeutige Angelegenheit.
Am Ende des Films werden die beiden Hauptprotagonistinnen – Ainara und Maite – noch einmal in einer Parallelmontage gezeigt, zu hören ist im Chorgesang das baskische Lied „Aitormena“ – auf Deutsch „Geständnis“ oder „Bekenntnis“. Das in Spanien sehr bekannte Lied der baskischen Rockband Hertzainak reflektiert melancholisch über den Verlust der Leidenschaft in einer Beziehung, die Vergänglichkeit sowie den Drang nach Freiheit. Auch eine Freiheit, sich für oder gegen den Glauben zu entscheiden. Das Ende des Films zeigt einen Anfang, der nicht ohne Abschiede und Brüche zu haben ist.
Die Stärke von „Glaube“ ist das Nebeneinander verschiedener, in sich berechtigter Haltungen: Der Pragmatismus des Vaters, der für seine Älteste das Beste will, die Beharrlichkeit der Oberin, die Ainara in ihrer Berufung begleiten möchte, die Ablehnung von Kirche und Glaube durch Maite, die befürchtet, dass ihre Nichte einem Irrtum erliegt. Der ruhige und vielschichtige Film stellt unbequeme Fragen nach Freiheit, Glauben und Selbstbestimmung, ohne den Zuschauer zu belehren, und bleibt so lange im Gedächtnis.