Die Kirche fehlt in der SozialreformdebatteCappuccino statt dünne Suppe

Es braucht gravierende Veränderungen in den sozialen Sicherungssystemen. Die meisten wissen das auch, dass es nicht nur angenehm wird. Doch die katholische Kirche fehlt in der Reformdebatte, stattdessen kommen aus den Verbänden oft nur wohlfeile Appelle.

Bei Cappuccino denkt keiner sofort an Rente, doch die katholischen Verbände, die sich ein neues Modell für die Alterssicherung in Deutschland ausgedacht haben, hatten Sinn für ein aussagekräftiges Bild: Espresso, Milch und Milchschaum. Das neue System von KAB, Kolping und Familienbund sollte dreigliedrig sein, um Altersarmut zu begrenzen und private und betriebliche Vorsorge zu fördern. Das Modell ist über 20 Jahre alt, aber doch verblüffend aktuell. Das renommierte Münchner Ifo-Institut bewertete es damals positiv, auch was die Antworten auf demografischen Wandel angeht.

2007 fehlte der Regierung von Angela Merkel der Mut zu Reformen. Noch immer sind die gravierenden Probleme des Rentensystems nicht gelöst. Jetzt tobt wieder eine große Reformdebatte. Doch was ist mit den katholischen Akteuren los? Sie sind weitgehend verstummt – oder noch schlimmer, sie kommentieren die politische Lage ohne eigene Konzepte, indem sie schlicht „das Soziale“ anmahnen. Das ist zu wenig. Wo ist der große Reformaufruf der Kirchen, der erklärt, dass es auch schwierig werden wird?

Als Bundeskanzler Friedrich Merz darauf hinwies, dass die gesetzliche Rentenversicherung künftig nur noch eine „Basisabsicherung“ darstellen könne, sprach er aus, was alle wissen. So wie bisher geht es nicht weiter, wenn immer weniger Arbeitnehmer für immer mehr Rentner zahlen sollen. Doch Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa hielt dagegen: „Wer jahrelang einkommensabhängige Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat, kann im Alter nicht auf eine ‚Basisrente‘ verwiesen werden.“ Das klang gut, nur eine Lösung präsentierte sie nicht. Reformen seien nötig, aber man dürfe nicht „mit der Axt unterwegs“ sein, sagte sie. Auch das ist irgendwie immer richtig.

Anders als noch vor 20 Jahren. Der politische Katholizismus hat sich zumeist aus der konstruktiven politischen Arbeit verabschiedet. Nicht nur die Caritas, auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und die einst einflussreichen Verbände verlagern sich zu oft aufs wohlklingende Mahnen und Warnen. Kein Cappuccino mehr, nur dünne Suppe. Im politischen Berlin hingegen kommt etwas in Bewegung.

Auf dem Katholikentag hat ZdK-Präsidentin Irme-Stetter-Karp verkündet: „Eine politische Kirche mischt sich ein.“ Doch warum lösen die katholischen Laien ihren Einspruch kaum mehr ein? In ihrem in Würzburg verabschiedeten Papier bekräftigen sie die Notwendigkeit von Reformen, um dann sogleich Veränderungen abzulehnen, „die die Idee eines befähigenden Sozialstaats unter dem Etikett der Effizienz in ihr Gegenteil verkehren“. Was soll das bedeuten? Seit wann ist Effizienz etwas Schlechtes?

Der frühere Caritas-Generalsekretär Georg Cremer warnt in seinem Buch Alles schrecklich ungerecht vor trügerischen „Sozialmythen“, die nur einen Niedergang beschreiben. Es sei falsch, immer nur mehr Geld zu verlangen und ansonsten den Stillstand zu verwalten. Wenn die Kirche und die organisierten Laien die Weltverantwortung der Christen wieder ernst nehmen wollen, dann müssen sie mit dem Betrachten der Wirklichkeit beginnen und nicht im Wünsch-dir-was verharren. Das gilt dann bei den Sozialreformen – und bei anderen Themen auch.

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