Sich nach dem Sehnen sehnenZu Karl Tetzlaffs erhellender Studie «Im Sehnsuchtsbereich»

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Man legt diesen schmalen, aber inhaltsreichen Band auf angenehme, beinahe diskrete Weise belehrt aus der Hand, denn sein Autor, Karl Tetzlaff, versteht sich auf die Kunst des Subtilen. Diese «theologischen Erkundungen der Gegenwartsliteratur», trefflich überschrieben mit Im Sehnsuchtsbereich, untersuchen zumeist christlich-religiöse Spuren in literarischen Werken unserer Zeit, die man nicht alle sogleich mit dieser Thematik in Verbindung bringen würde: Lutz Seiler etwa oder Wolfgang Herrndorf, gar Benjamin von Stuckrad-Barre und sage und schreibe Herbert Grönemeyer. Dass selbst letzterer bei Tetzlaff nicht fehlt, zeigt, dass der Autor, Theologe und verantwortlicher Leiter der Stiftung Leucorea in der Lutherstadt Wittenberg, keine Scheuklappen trägt. Man könnte nach dieser Lektüre Tetzlaff auch für einen Literaturwissenschaftler halten, so treffsicher sind seine einschlägigen Befunde.

Etwas überrascht, dass er offensichtlichere Beispiele für sein Anliegen, den religiös motivierten ‹Sehnsuchtsbereich› – eine Wortprägung von Sarah Kirsch – in der Gegenwartsliteratur auszuloten, nicht behandelt; man denke an Martin Mosebach, Friederike Mayröcker oder Sibylle Lewitscharoff. Doch ist gerade das sein Verdienst, dass er Unvermutetes aufspürt und zudem in seinem knappen und doch zugleich weitgespannten Prolog zeigt, woher er sein Interesse bezieht: aus einer Schreibhaltung, wie er diese für den Fall des späten Siegfried Lenz (Schweigeminute, 2008) nachweist, die sich von der Romantik herleitet. Die Frage drängt sich auf, ob diese religiös konnotierten Texte der Gegenwart von Wilhelm Genazino, Jon Fosse bis Annie Ernaux, Friedrich Christian Delius und vor allem Nora Bossong unter dem Signum ‹neoromantisch› zu verstehen seien.

Oberhalb der ‹musikalischen Wissenschaft›, so sagt man mit einem geflügelten Wort, beginne die Metaphysik in ihrer Schönheit der Spekulation. Etwas mag dies auch für die literarische Philologie gelten. Von Oscar Wilde haben wir gelernt, dass nichts schlimmer sei als eine erfüllte Sehnsucht. Nun kann allein das Erlebnis der eigenen Stimme eine Offenbarung sein, wie Tetzlaff am Beispiel von Lutz Seiler zeigt, wobei diesen Autor wie viele seiner Zeitgenossen das «Hervorgehen der Poesie aus dem ‹Nicht-Verbalisierbaren›» beschäftigt (51). Tetzlaff führt diese Auffassung auf Friedrich Schleiermachers Reden Über die Religion (1799) zurück. Dort findet sich die bange Hoffnung des Redners, den «ersten geheimnisvollen Augenblick» als der «höchsten Blüthe der Religion» aussprechen zu können, «ohne ihn zu entheiligen» (46). Doch wie könnte unter den Vorzeichen des Johannes Evangeliums dergleichen eine Sorge sein, nach dem doch gilt: In principio erat verbum? Offenbar gibt es aber entheiligende und per se heilige Wörter. Bei Grönemeyer findet sich dann die «Nacht als Sehnsuchtsgenerator»; in letzterem Unwort, einem bei diesem Popmusiker nicht gerade seltenen stilistischem Missgriff, sollte vermutlich eine Verbindung von entheiligter und heiligender Wortqualität erreicht werden.

Das eigentliche Problem, das Tetzlaff immer wieder aufgreift – etwa bei Stuckrad-Barre und Annie Ernaux – ist das der Subjektivität. Wie verhält sich Subjektivität (die Stuckrad-Barre mit Literatur überhaupt gleichsetzt) zur im Religiösen einbegriffenen Demutshaltung? Ergibt sich hier ein dialektisches Verhältnis oder schließt das eine das andere aus? Nun kann Demut auch Ausdruck von Subjektivität sein, selbst wenn man letztere gewöhnlich mit aufbegehrender Selbstbestimmung in Verbindung bringt. Am Beispiel von Delius und seiner ironisch-ernsten Schrift Warum Luther die Reformation versemmelt hat (2017). Wahre Subjektivität wäre gewesen, wenn Luther – bei aller Demut – auch die «Erbsünde wegreformiert» hätte, um den Menschen dadurch wirklich zu befreien (156).

Sucht man nach einem Schlüsselkapitel in Tetzlaffs Studie, dann findet es sich in jenem über die nach eigener Aussage «protestantische Katholikin» Nora Bossong. Als Katholikin im protestantischen Bremen aufgewachsen, war für sie «alles Profane protestantisch», zumal beides auch noch alliterierte. Dagegen war, wie Tetzlaff konstatiert, «der Sinn fürs Heilige und eine ästhetische Weite nach ihrer Erfahrung offenbar eher im katholischen Bereich beheimatet» (136). Als Bossong den Thomas Mann-Preis 2020 erhielt, hätte sie in ihrer Dankesrede aus einem Brief des Namensgebers dieses Preises an Agnes E. Meyer vom 21. Juli 1948 zitieren können. Thomas Mann schreibt darin: «Das Protestantische ist gewiss meine Überlieferung – die deutsche Kultur ist nun einmal wesentlich protestantisch. Aber das Heimweh nach vor-schismatischen europäischen Zeiten gehört auch dazu, und oft hat Katholisches mich sehr stark angezogen, z. B. in Gestalt von Claudels ‹L’Annonce faite à Marie›.» Aufschlussreich ist, dass es ein literarischer Text war (von Paul Claudel), der Thomas Mann zu dieser Äußerung veranlasste. Der Glaube geht im Protestantismus eben doch primär durchs Wort, gerade auch in Karl Tetzlaffs «Sehnsuchtsbereich».

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Sich nach dem Sehnen sehnen: Zu Karl Tetzlaffs erhellender Studie «Im Sehnsuchtsbereich»
Karl Tetzlaff

Freiburg i. Br.:Herder 2026, 192 S., €32,00.

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