Abstract / DOI
DOI: 10.23769/communio-55-2026-521-523
In einer Zeit der Umbrüche und Diskontinuitäten, sagte Hans Maier, musste er unweigerlich auf seine Lebensthemen auch in der Wissenschaft stoßen. Von ganz persönlichen Prägungen ist diese Einsicht natürlich nicht frei. Schließlich gestaltete sich sein junges Leben mental in einer christlich-katholischen Gegenwelt zum nationalsozialistischen Umfeld. Insofern erfuhr er in dieser Zeit schon in der Praxis, worum sein späteres wissenschaftliches Werk kreiste: Dass nämlich zentrale, alltäglich wirksame Kategorien in Politik und Gesellschaft «an einem Wertsystem ausgerichtet sind». An welchem? Nach den zeitgeschichtlichen Erfahrungen konnte allein die unverfügbare Würde des Menschen Orientierung stiften für eine freiheitliche und solidarische Ordnung von Gesellschaft und Staat. Bekanntlich ist diese Orientierung nicht nur in jener frühen Umbruchzeit nicht frei von kämpferischer Konkurrenz gewesen; sie ist es weltweit auch heute nicht und anfällig geblieben ist sie selbst auch hierzulande.
Hans Maier folgt konsequent der normativen politikphilosophischen Tradition, soweit sie in modernen Zeiten Würde und Freiheit eines jeden Menschen unterschiedslos im Auge hatte. Zu realisieren und zu analysieren ist der an diese Wertsubstanz gebundene freiheitliche Staat. An dessen Erklärung hat er gemeinsam mit Ernst-Wolfgang Böckenförde kontinuierlich gewirkt. Beide hatten schon Jahrzehnte zuvor zum Ausdruck gebracht, was erst nach der Jahrtausendwende auch Jürgen Habermas schrieb: Dass nämlich die allen Menschen gleichermaßen zukommende Würde eine «rettende Übersetzung» der «Gottesbildlichkeit» (sic!) des Menschen in die Aktualität sei. Daraus folgen Pluralismus und Toleranz im Rahmen einer solchen Freiheitsordnung, nicht Tolerierung ihrer Infragestellung zum Beispiel durch religiös begründete autoritäre Herrschaft. Heil und Erlösung, sagt Hans Maier, sind nicht Aufgabe der Politik. Und auch der von einem Bundeskanzler vertretenen These, der Staat könne nicht zurückholen, was in der Gesellschaft an Wertorientierung verfallen sei, ist er entschieden entgegengetreten, besonders die Staatsdiener – eigentlich uns alle – an ihre, an unsere sittliche Pflicht erinnernd.
Den Zugang zur Wissenschaft eröffneten ihm seine Forschungen zur Frühgeschichte der christlich-demokratischen Bewegungen und zu ihren Auseinandersetzungen mit der – nie unkritisch gesehenen – Kirche seit der Französischen Revolution. Zweiter bedeutender Schritt war die Aufklärung der Entwicklung des neuzeitlichen Staates über Rechts- und Friedensordnung hinaus zu seinem Wohlfahrtszweck, also zur Grundlegung des modernen Sozialstaats. Hans Maier erschloss die ältere Staatslehre für die neuere Politikwissenschaft: seine zweite Säule neben der ethischen. Sie machte die historischen Wurzeln einer keineswegs erst nach 1945 erfundenen Disziplin sichtbar. Im zweiten akademischen Leben auf dem Lehrstuhl für christliche Weltanschauung führte ein dritter Focus im internationalen und interdisziplinären Großprojekt «Totalitarismus und politische Religionen» die Sichten auf Ethik und Institutionen unter der Frage zusammen, was den verschiedenen Despotismen des 20. Jahrhunderts gemeinsam war. Dass sich daraus auch für heute lernen lässt, hat er selbst angedeutet. Sein Werk sollte man viel deutlicher auch als Beitrag zur Erforschung der politischen Kultur verstehen: der Mensch als individuelles und soziales Wesen. Darüber hinausgehend Maiers Faszination an der christlichen Zeitlehre, die über die Kontinente Alltags-Lebensweisen strukturiert, aber doch an kulturellem Verständnis verliert. Der Wissenschaftler hat mit offenem Blick fürs Staatsrecht historische und sozialwissenschaftliche Ansätze verknüpft. In all diesen Disziplinen wurde er gleich ernst genommen wie in seiner eigenen.
Was gab er den Studierenden jenseits der Wissensvermittlung? Vor allem: Er hat sie ernst genommen und als eigenständige Individuen respektiert, auch einen begründeten Widerspruch. Ihn kennzeichnete ehrliche Offenheit: die Fähigkeit, sich auf Alternativen einzulassen. Zugespitzt: Standpunkte gibt es in Forschung und Lehre nicht, nur Erkenntnis, Begründung – und auch Neugier. Diese Offenheit stieß nie an Barrikaden. Den Lehrstuhl umlagerte bei Assistenten und Studierenden kein Milieu – kein konservatives, kein katholisches. Ausschlaggebend war die eigenständige wissenschaftliche Qualifikation, das Leistungsprinzip: gelebter Pluralismus, alles andere als wertneutral.
Aber erschöpft sich das Bild eines akademischen Lehrers allein am Katheder? Eigentlich wohl nicht einmal in der düster gewordenen Unübersichtlichkeit von heute. Hans Maiers Kompetenz und Integrität waren nicht zu übersehen und sein Faible für institutionelle und gesellschaftliche Verantwortung ebenso wenig. Gerade zu herausfordernden Zeiten haben sich dem nicht allzu viele Kollegen gestellt, selbst als es darum ging, die Freiheit der Wissenschaft zu verteidigen. Er hat gezeigt, dass es in der Krise keine Lösung ist, sich Kommunikation und sogar auch verletzendem Streit zu entziehen. Er hat vermittelt, dass Wissenschaft, auf freiem Wissen beruhend, sich gegen Gesinnung, Ideologie und Opportunismus treu zu behaupten hat. Vor allem aber hat er aufgeklärt, dass nicht nur der Politikwissenschaftler, sondern jeder Bürger Verantwortung für die freiheitlich-demokratische Grundordnung trägt, die ihm ja das Recht auf persönliche Entfaltung gewährt. Verantwortung aber heißt Handeln, zumindest wenn Entgleisung droht oder entsprechende zeitgeschichtliche Erinnerungen aufscheinen.
Hinter dem Katheder wurde ein Mensch mit Haltung sichtbar – auch zu Orientierung einladend. So schließt sich der Kreis vom reflektierten werteorientierten Selbstverständnis zur Praxis in Forschung und Lehre. Ein voraussetzungsloser Diskurs kann nicht der Kitt sein, der das Gemeinwesen zusammenhält. Zu finden ist er in wenigen regulativen Ideen wie zum Beispiel Menschenwürde, Legitimität der Herrschaft, Gemeinwohl. Die Bedeutung dieser Prinzipien und ihre Begründung, und wie sie auch «Haltung» im eigenen Leben fördern, das hat man bei Hans Maier dankbar lernen können. Er möge in Frieden ruhen – aber seine Wegweisungen nicht. So wird er auch in Zukunft unter uns bleiben.