Ein Gelehrter mit WeitblickZum Tod von Hans Maier (1931–2026)

Hans Maier
© KNA-Bild

Hans Maier, der letzte Gründungsherausgeber der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio, ist am 8. Juni 2026 nach kurzer Krankheit kurz vor seinem 95. Geburtstag verstorben. Maier hat alshomme de lettresden Austausch bei den Communio-Herausgebersitzungen bis ins vergangene Jahr entscheidend mitgeprägt. Er war ein guter und geduldiger Zuhörer, der bis zuletzt neugierig war, was die Jüngeren zu bestimmten Themen zu sagen hatten. Zugleich konnte er durch seine fächerübergreifende und enorme Belesenheit manchem Gespräch eine überraschende Wendung geben. In kulturellen, historischen politischen, aber auch theologischen Fragen war er hochgebildet, ohne diese Bildung jemals ostentativ zur Schau zu tragen.

Der Initiator der Zeitschrift Communio, der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar (1905-1988), war auf den Münchner Politologen Maier durch dessen Beiträge zur Kritik an der politischen Theologie aufmerksam geworden. Maier erinnerte den Münsteraner Theologen Johann Baptist Metz und seine Mitstreiter daran, dass der Begriff der politischen Theologie durch Carl Schmitt, den Kronjuristen des Dritten Reiches, bereits semantisch besetzt und auch historisch belastet sei. Eine Neuauflage des autoritären Denkens in Freund-Feind-Unterscheidungen könne doch kaum im Interesse von Metz sein, der die gesellschaftskritische und weltverändernde Dimension des Glaubens gestärkt sehen und in die Debattenkultur der noch jungen Bundesrepublik einbringen wollte. Der Münsteraner Theologe reagierte, indem er sein Projekt fortan «Neue politische Theologie» nannte.

Hans Maier wurde am 18. Juni 1931 in Freiburg i.Br. geboren und wuchs in einer katholischen Familie auf. Gemeinsam mit seiner Schwester wurde er am 27. November 1944 durch einen Bombenangriff verschüttet und durch die Hilfe von Nachbarn gerettet. Das traumatische Erlebnis gegen Ende des Zweiten Weltkriegs dürfte mit ein Auslöser dafür gewesen sein, dass er später ein waches Interesse an historisch-politischen Zusammenhängen ausbildete. Nach Studien der Geschichte, der Germanistik, Romanistik und Philosophie an den Universitäten Freiburg i. Br., Paris und München promovierte Maier 1957 bei Arnold Bergstraesser zum Thema Revolution und Kirche. Studien zur Entstehungsgeschichte der christlichen Demokratie in Frankreich. Die in mehreren Auflagen nachgedruckte Arbeit trug mit dazu bei, vor dem Konzil Vorbehalte im katholischen Milieu gegenüber der Staatsform liberaler Demokratien abzubauen. Im Jahr 1962 folgte die Habilitation zu einem Thema der Staats- und Verwaltungslehre und Maier erhielt einen Ruf auf die Professur für politische Wissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In seinen weit ausgreifenden Forschungen nahm das Thema «Politische Religion»breiteren Raum ein. Unter der pointierten Formel «Reich Gottes ohne Gott» analysierte er den Nationalsozialismus, den Kommunismus und den Faschismus und leistete wichtige Beiträge zur vergleichenden Totalitarismusforschung.

Der Politikwissenschaftler blieb nicht im Bereich der Theorie, sondern ließ sich auch für die konkrete Politik gewinnen. Von 1970 bis 1986 war Maier Kultusminister des Freistaats Bayern und hat vielfältige Reformen mit auf den Weg gebracht. Aus dem bayrischen Kabinett ist er ausgeschieden, als der damalige Ministerpräsident Franz-Josef Strauß das Kultusministerium in zwei Ministerien – Unterricht und Kultus hier, Wissenschaft und Kunst da – aufgeteilt hatte. Diese Halbierung der Zuständigkeiten, die einer Demütigung gleichkam, wollte Maier sich nicht gefallen lassen. In seiner Amtszeit verhinderte er 1979 – gemeinsam mit dem damaligen Erzbischof von München und Freising, Joseph Ratzinger – die Berufung von Johann Baptist Metz auf den Münchner Lehrstuhl für Fundamentaltheologie. Beide befürchteten eine Politisierung der Theologie und wollten gegensteuern. Die Aktion brachte Hans Maier einen geharnischten Protestbrief von Karl Rahner ein, er hat sie später bereut. Nach Beendigung seiner politischen Tätigkeit übernahm Hans Maier als Nachfolger von Eugen Biser von 1988 bis zu seiner Emeritierung 1999 denRomano-Guardini-Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie an der LMU München.

Vorher schon hatte Maier gemeinsam mit Ratzinger ein Buch über Demokratie in der Kirche geschrieben. Die Kirche müsse sich in demokratischen Kontexten wandeln, ohne wegen ihrer sakramentalen Verfassung demokratische Prozeduren eins zu eins übernehmen zu können. Die bischöfliche Struktur der Kirche müsse mit synodalen Verfahren ausbalanciert werden. Manchen lauten Befürwortern einer Demokratisierung der Kirche heute täte die leise Erinnerung gut, dass die Fundamente der Kirche nicht auf dem Prinzip der Volkssouveränität aufruhen.

Hans Maier hat engagiert an der Würzburger Synode teilgenommen und war von 1976 bis 1988 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. In der Frage der Schwangerschaftskonfliktberatung überwarf er sich mit Kardinal Ratzinger und setzte sich für den Verein Donum vitaezur Förderung des Schutzes menschlichen Lebens ein – ein Streit, der zu einer anhaltenden Eintrübung des Verhältnisses, nicht aber zum Kommunikationsabbruch zwischen den beiden Communio-Herausgebern führte.

Hans Maier war ein feinsinniger Gelehrter, der ein Denken in klar abgezirkelten Disziplingrenzen auf einen größeren Horizont hin öffnete. Seine stets in ansprechender Diktion verfassten Essays wurden auch in den großen Zeitungen wie der FAZ oder NZZ gerne gedruckt, er war – wie Balthasar – hochmusikalisch, hatte eine selten kunstvolle Handschrift und spielte selbst anspruchsvollste Orgelkompositionen mit virtuoser Perfektion. In jedem Jahrgang der Communio war Hans Maier mit lesenswerten Beiträgen vertreten. Seine Autobiographie Böse Jahre, gute Jahre. 1931ff. enthält feinsinnige Porträts von Gestalten aus Universität, Politik und Kirche und ist ein wichtiges Buch auch zur politischen Geschichte der Bundesrepublik.

Gastfreundlich organisierte Maier bis zuletzt die Herausgeber-Sitzungen im Orff-Zentrum in der Münchner Kaulbachstraße. Abends führte er die Communio-Gruppe gerne in die Pizzeria Mario, wo er bereits in den 1970er Jahren manche Diskussion mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß durchgefochten hatte. Neben der umfangreichen Privatbibliothek von Hans Maier, die im Schloss Suresnes in der Katholischen Akademie in Bayern ihren Platz gefunden hat, wird für die Communio-Redaktion neben den Messbesuchen in der Ludwigskirche die quirlige Pizzeria Mario ein Erinnerungsort an den Gelehrten, Politiker, Musiker und Familienmenschen Hans Maier bleiben. Die Zeitschrift Communio wird ihrem Gründungsmitherausgeber und Freund ein dankbares Andenken bewahren.

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