Die Hard-Rock-Band Black Sabbath ist legendär. Eines ihrer Bandfotos ebenso: Es zeigt vier dunkel gekleidete Gestalten in der gotischen Johanniterkirche in Schwäbisch Hall, wenige Stunden vor ihrem dortigen Auftritt im Dezember 1969. Damals war die Kirche schon längst nicht mehr liturgisch genutzt, sondern diente als Konzertsaal, Turnhalle und Lagerfläche. Von einem heiligen Raum hätte man damals wohl nicht mehr sprechen können. Aber gibt es solche Räume überhaupt?
Architekten oder Bausachverständige würden hier wohl eher mit den Schultern zucken. Hinsichtlich Statik, Mörtel, Heiztechnik oder Blitzableiter macht etwa ein Kirchenraum keinen Unterschied zu einem Museum, Klinikkomplex oder Landratsamt. Strom- und Heizrechnungen sehen am Schluss auch ähnlich aus – allenfalls etwas horrender als anderswo. Aber Menschen errichten eben nicht nur Landratsämter oder Klinikkomplexe. Sondern auch Räume, die bewusst einer konkreten Funktion entzogen sind. Ob Steinformation, Hügelanlage, Kapelle oder Betonkirche: Hier wird nichts produziert oder verwaltet. Es scheint etwas in unserer menschlichen Natur zu sein, dass wir uns Orte schaffen, die ganz anders geartet sind. Sonst würden wir es nicht tun.
Was macht solche Orte heilig? In der Erzählung von Mose vor dem brennenden Dornbusch spricht Gott: „Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3,5). Das ist der Schlüssel: Es sind die einzigen Orte, zu denen wir die Widersprüchlichkeit unseres Lebens bringen können, an denen wir förmlich die Schuhe ausziehen und Bodenhaftung erfahren.
Taufe, Ehe, Begräbnisse, Trauer, Freude, Angst: Wir kommen auf diese Welt – ohne dass wir gefragt werden. Und wir müssen sie unweigerlich wieder verlassen – ohne dass wir das ändern können. Wir finden nicht auf alles eine Antwort, aber wir können Orte pflegen, an denen wir uns dennoch mit unserer Sprachlosigkeit versöhnen und der Heiligkeit des Lebens bewusst werden. Wenn es keine heiligen Orte mehr gibt in unserer Gesellschaft, bleiben wir mit unseren großen Fragen allein. Oder wollen wir sie wirklich im Landratsamt klären?
Stefan Weigand
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
Die berühmte letzte Strophe des Gedichts Herbsttag von Rainer Maria Rilke (1875–1926) steht in meinen Augen treffend für Menschen, denen das Heilige abhanden gekommen ist. Das Haus als heiliger Raum: Wer es jetzt nicht hat, baut es sich auch nicht mehr. Aber gibt es überhaupt heilige Räume?
Rilkes unruhigem Wanderer möchte man zurufen: Du brauchst kein Haus. Du brauchst kein bestimmtes Gebäude, um dir deiner Heiligkeit sicher zu sein. Die Nähe Gottes ist nicht an Gebäude gebunden. Glaube wird nicht durch Kirchenbauten lebendig, nicht durch Synagogen und nicht durch Moscheen. Das Gebet braucht keinen Altar, das Evangelium keine Kanzel. Wenn wir Christen unseren Glauben leben mit Herz und Hand, dann tun wir dies gerade im Alltag, quasi an jedem beliebigen Ort: dort, wo wir beten, die Kraft der Schöpfung spüren, Zeit schenken, zuhören, in Nächstenliebe handeln. Schweigen.
Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum, so beten wir mit Psalm 31. Weiter Raum ist in der Natur. In der Familie. Weiter Raum ist all das, was Gott uns schenkt. Im weiten Raum erkennen wir, wie freundlich der Herr ist. Dieser Raum ist unser ganzes Leben, er ist Freude und Schmerz. Wenn wir Gott annehmen, dann darf uns dieser Raum auch der Resonanzboden der Frohen Botschaft sein. Kein Kirchengebäude und auch kein sonstiger Raum, kein Haus, um Rilkes Bild aufzunehmen, ist so sakral, dass es all dies für uns sein könnte.
Gott lässt sich nicht in Kirchenmauern pferchen. Er ist unendlich viel größer. Und ebenso die heilbringende Botschaft Jesu Christi, dem wir überall begegnen können. Er ist in den Augen der Bettler und im Lachen der Kinder. Er ist im tröstenden Wort und in der Zuversicht. Er ist Glaube, Hoffnung, Liebe.
All dies ist kein Aufruf, Kirchen zu schließen. Wo Profanierung aber sinnvoll ist, kann und darf aus einer Kirche eine Bibliothek, ein Konzertsaal oder bezahlbarer Wohnraum werden. Warum auch nicht? Das Haus unseres Glaubens steht und fällt damit nicht. Es hat sein Fundament im Herzen.
Dirk Müller