KATHOLISCHE SOZIALLEHRE: Die Freiheit der Person

Verantwortung beginnt beim Einzelnen und geht nicht in Mitverantwortung auf. Eine Replik auf die Thesen von Eva Maria Welskop-Deffaa.

Was sind die Grundlagen der Politik? Welche Fundamente haben wir als katholische Kirche für eine christliche Politik anzubieten? Angesichts von polarisierten und moralisierenden Debatten können wir auf etwas zurückgreifen, was stabiler ist als tagespolitische Abwägungen und Nützlichkeiten. Diese Grundlagen müssen immer wieder neu erarbeitet werden. Es fehlt an solchen Auseinandersetzungen über unser Selbstverständnis. Insofern ist es wichtig, dass die Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, so eine Debatte, nicht zuletzt durch ein Interview in dieser Zeitschrift (vgl. CIG Nr. 42, S. 3), jetzt angestoßen hat.

Doch die Thesen reizen in mehrerer Hinsicht zum Widerspruch. Manches wäre zu sagen zu einem unkritischen Blick auf die Linkspartei. Sie ist die Rechtsnachfolgerin der Partei, die für die zweite Diktatur auf deutschem Boden, für Unfreiheit und die Toten an der innerdeutschen Grenze verantwortlich war. Die Linkspartei hat eine fragwürdige Haltung zur sozialen Marktwirtschaft und derzeit in Berlin ein massives Problem mit innerparteilichem Antisemitismus. Eine Kirche, die von ihren Grundlagen her argumentiert, kann darüber nicht hinweggehen. Deshalb haben die Fundamente auch immer wieder Auswirkungen auf Äußerungen zu aktuellen Fragen, etwa im Bereich von Migration und Integration, die auch in einer bestimmten, einseitigen Weise angesprochen wurden.

Meiner Ansicht nach gehen die Ausführungen der Caritaspräsidentin zur katholischen Soziallehre in die falsche Richtung und führen dann auch zu falschen Schlussfolgerungen. In der Reduzierung auf Mitverantwortung blendet sie aus, dass neben Subsidiarität und Solidarität auch Personalität ein wichtiges Prinzip unserer Soziallehre ist. So setzt die Subsidiarität bei Verantwortung an, bei der Verantwortung des Einzelnen auch für sich selbst. Nicht in dem Sinne: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Sondern sie setzt beim Einzelnen als Person mit Würde, mit Freiheit, mit Rechten und Pflichten an. Das ist ja gerade das Faszinierende am christlichen Menschenbild, dass es die Individualität und die Sozialität des Menschen verbindet. Der Mensch ist eben nicht nur Individuum, das sich nur um sich und seine Freiheitsrechte dreht, und zugleich geht der Einzelne nicht darin auf, nur Teil einer Gesamtheit zu sein. So korrespondiert die Solidarität in erster Linie mit der Sozialität des Menschen, wenn sie von der Verantwortung der Gemeinschaft für den Einzelnen ausgeht. Die Subsidiarität korrespondiert hingegen mit der Individualität des Menschen, wenn sie von der Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft ausgeht.

Das christliche Menschenbild und mit ihm die katholische Soziallehre hält die Balance zwischen Individuum und Gemeinschaft. Es tappt weder in die Falle des Liberalismus mit dessen Überhöhung des Einzelnen noch des Sozialismus mit dessen Überhöhung des Kollektivs. Papst Leo XVI. greift diesen Konnex von Subsidiarität und Verantwortung des Einzelnen auf, wenn er in den Ausführungen zum Subsidiaritätsprinzip schreibt: „Diese Verantwortung des Einzelnen beginnt bei sich selbst und wird zur Mitverantwortung für die Angehörigen, für die Gemeinschaft und für das Gemeinwohl“. Der Papst ermutigt dazu, jede Form einer paternalistischen oder wohlfahrtsstaatlichen Verwaltung des gesellschaftlichen Lebens zu überwinden, und eine Kultur der Mitverantwortung zu fördern.

Es geht also gerade nicht darum, dass der Staat oder die allgemeine Wohlfahrt dem Einzelnen jede Verantwortung abnehmen, sondern um einen Staat, der die Initiative der Bürger wertschätzt, eine Zivilgesellschaft, die in der Lage ist, Bindungen zu schaffen und Kräfte für den Dienst am Gemeinwohl zu mobilisieren. Subsidiarität ist nicht zuvörderst ein Konjunkturprogramm für professionelle, staatlich refinanzierte Wohlfahrtsverbände und schon gar nicht eine Rechtfertigung für überbordende Sozialausgaben des Staates, sondern will die Initiative und die Verantwortung des Einzelnen für sich und für das Gemeinwohl ermöglichen. Subsidiarität fängt beim Einzelnen an, bleibt aber nicht beim Einzelnen stehen.

Die Verantwortung des Einzelnen ist nicht allein Mitverantwortung im Sinne einer kollektiven Verantwortung, sondern sie beginnt bei der Verantwortung für sich selbst, ohne sich darauf zu beschränken. Nur wenn der Einzelne befähigt wird, diese Verantwortung zu tragen, ist der Personalität und der Würde und der Freiheit jedes Menschen Genüge getan.

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