Das neue Schulfach heißt schlicht „Christliche Religion“. Es ersetzt im Bundesland Niedersachsen mit dem soeben begonnenen neuen Schuljahr die bisherige katholische und evangelische Religionslehre, zunächst in der ersten und fünften Jahrgangsstufe. Die Kinder der entsprechenden Klassen werden von Cuxhaven bis Hannoversch Münden nun nicht mehr nach ihren christlichen Konfessionen getrennt unterrichtet, sondern gemeinsam. Auch konfessionslosen und andersgläubigen Schülerinnen und Schülern steht das neue Schulfach offen.
Dialogischer soll der Unterricht sein, mehr an den Fragen und Interessen von Kindern und Heranwachsenden orientiert – und zwangsläufig auch ökumenischer. Das neue Fach mit der Abkürzung CRU wurde gemeinsam vom Land Niedersachsen, den evangelischen Landeskirchen und den katholischen Bistümern entwickelt. Man kann und sollte ihm von Herzen einen erfolgreichen Start wünschen. Es ist gut möglich, dass das Fach sprichwörtlich „Schule macht“: nicht nur über die erste und fünfte Jahrgangsstufe in Niedersachsen hinaus, sondern auch in anderen Bundesländern.
Und warum nicht größer denken? Kann ein gemeinsamer christlicher Schulunterricht ein Signal für eine starke ökumenische Bewegung in Deutschland sein? Ist mehr ökumenisches Denken und Handeln nicht längst überfällig? Katholiken und Protestanten teilen dieselben christlichen Werte und auch dasselbe Schicksal: Sie werden in rasanter Geschwindigkeit weniger. Laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland waren Ende 2025 nur noch rund 44 Prozent der deutschen Bevölkerung Mitglied einer der beiden großen Kirchen, fast die Hälfte war konfessionslos. Selbst wenn man alle christlichen Gemeinschaften wie Orthodoxe und Freikirchen einrechnet, sind Nichtchristen bereits in der Überzahl.
Warum also nicht stärker zusammenlegen, was ja doch irgendwie zusammengehört? Zwei Kirchen im Dorf, zwei Welten: Dieses Denken ist ein Anachronismus. Warum nicht neue, ökumenische, gemeinsame Gottesdienstformen entwerfen? Warum nicht auch Gemeindefeste zusammenlegen? Gemeinsam lassen sich womöglich auch effektivere Aktionen starten, um junge Menschen neu für Kirche zu begeistern. Oder Hilfsangebote für bedürftige Menschen auf- und ausbauen. Zu überkonfessionellen Friedensgebeten aufrufen. Kinder- und Jugendgruppen öffnen. Gemeinderäte vernetzen. Und wenn schon die Schulen vorangehen, könnten dann nicht auch die Hochschulen gemeinsam mit den Kirchen Ideen für ein überkonfessionelles Theologiestudium entwickeln? Es gibt so viele Möglichkeiten, sich aufeinander zuzubewegen – und alle sind besser, als sich gegenseitig untätig bei lähmenden Schrumpfungsprozessen zuzusehen.
Natürlich gibt es sie nach wie vor, die signifikanten Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus, und es wäre naiv, davor die Augen zu verschließen. Stichworte Zölibat, Eucharistie/Abendmahl, Marien- und Heiligenverehrung, das unauflösliche Sakrament der Ehe. Und, natürlich: ein hierarchischer Aufbau hier, eine föderale Gesamtorganisation ohne globales Oberhaupt dort. Von der vollen Ämtergleichberechtigung protestantischer Frauen und Männer gar nicht zu reden. Aber das alles muss auf Gemeindeebene niemanden davon abhalten, Gemeinsamkeiten auszuloten und mutige Schritte auf die Glaubensgeschwister zuzugehen. Ein starkes Ehrenamt ist gefordert, das selbstbewusst vorangeht und nicht erst auf Konzepte „von oben“ wartet. In erster Linie sind wir Christinnen und Christen, die der rasanten Säkularisierung unserer Gegenwart mehr entgegensetzen sollten als achselzuckende Tatenlosigkeit.
Meine zweite Kirchensozialisierung als Erwachsener fand in einer ökumenischen Kirche statt: Wenn man dort hineingeht, findet man links einen katholischen und rechts einen evangelischen Altar. Die meisten Gottesdienste sind ökumenisch, es gibt ein ehrenamtliches Liturgieteam, alle Gemeindefeste werden gemeinsam gefeiert, die Kirchenband ist ökumenisch, auch der Taizé-Kreis und das Kunstteam. Die Gemeinde Maria Magdalena in Freiburg-Rieselfeld klingt nach Zukunft und zeigt einen Weg auf: Raus aus der Lethargie, rein in die Gemeinsamkeit! Zusammen ist man weniger allein – und kann auch mehr bewirken.
Bitte, die genannten Vorschläge und Beispiele sollen niemanden belehren. Es geschieht ja auch schon einiges, die ökumenischen Berührungsängste waren früher ungleich größer. Und doch ist noch viel zu tun, um Kirche wieder sichtbarer zu machen. Lasst es uns gemeinsam angehen!