BUCHBESPRECHUNG „GOTT? EIN STREITGESPRÄCH“Bergsteiger des Glaubens

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Leser: Ein Agnostiker und ein überzeugter Christ im Gespräch über die Beweisbarkeit Gottes.

Es gibt zwei Wege zu Gott. Den einen hat im Jahr 1224 der heilige Franziskus genommen, als er sich auf den Berg La Verna im Apennin zurückgezogen hatte, um dort nach intensiver Gebetszeit die Stigmata Christi zu empfangen. Den zweiten hat der Theologe Bonaventura eingeschlagen. Der ist 36 Jahre später auf denselben Berg hinaufgekraxelt und hat dort darüber nachzusinnen versucht, was seinem Vorbild Franziskus damals eigentlich widerfahren ist. Der eine Weg ist ein Weg der unmittelbaren Erfahrung, der andere einer der Grübelei – die hat Bonaventura vielleicht nicht näher zu Gott gebracht, dafür aber hat er später ein wichtiges Buch darüber verfasst: Der Pilgerweg des Menschen zu Gott.

Nachhaltiger dürfte der erstere Weg gewesen sein. Der zweite aber ist populärer. Die ganze Philosophie- und Theologiegeschichte nämlich ist reich an Traktaten und Schriften, die sich allesamt der Frage gewidmet haben, wie man über den menschlichen Verstand zu Gott gelangen könne. Von den Schriften Anselm von Canterburys über die Gottesbeweise von Thomas von Aquin bis zu den weit moderneren Reflexionen eines Hans Jonas oder Thomas Nagel reicht eine Spur, die der Intellekt in Richtung Himmel gezogen hat.

Auf der letztjährigen Wiener Buchmesse haben sich auch der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann, wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech, sowie der Theologe und YouTuber Johannes Hartl an dieses große Projekt herangewagt. Der erste, Liessmann, bezeichnet sich in Anlehnung an Jürgen Habermas als „religiös unmusikalisch“, ist bestenfalls Agnostiker; der zweite ist eine prägende Figur der charismatischen Erneuerungsbewegung innerhalb der katholischen Kirche. Unter der Anleitung der ORF-Journalistin Renata Schmidtkunz haben sich also diese so unterschiedlichen Figuren des öffentlichen Denkens in einen Saal der Wiener Hofburg begeben, um dort im gemeinsamen Gespräch auszuloten, was sich Gottesglaube und wissenschaftlich fundierter Zweifel im 21. Jahrhundert zu sagen haben. Kann man Gott inzwischen vielleicht sogar endlich empirisch beweisen?

Um die Antwort auf diese Frage vorwegzunehmen: Man kann es nicht. Und dennoch hatten sich die beiden Denker eine Menge zu sagen. Angeregt stritten sie über Nietzsche und Kierkegaard, hinterfragten ontologische Gottesbeweise und die Polarität von Gut und Böse. In den schönsten Passagen liest sich ihr kleines Streitgespräch so anregend wie die Lektüre eines sokratischen Dialogs – was gewiss auch an der strengen Gesprächsführung von Renata Schmidtkunz liegt. Auf die Frage etwa, was den einen an der Position des jeweils anderen störe, antworten beide in fast christlicher Eintracht: „Gar nichts.“ Man würde eben nur einige Dinge anders akzentuieren. Und schon käme man zu völlig anderen Ergebnissen in der Betrachtung von Gott. So kritisiert Liessmann die als existenziell beschriebene Gotteserfahrung Hartls, wird bei dessen Absolutheitsansprüchen sogar gelegentlich laut, während Hartl wiederum darauf pocht, dass Intellekt und Wissenschaft allein nicht ausreichten, um Welt und Dasein vollends erklärbar zu machen: „Der Empirismus kann sich nicht empirisch beweisen, der Empirismus scheitert am Empirismus“, so seine These.

Zugegeben, das Allermeiste hat man auf die ein oder andere Weise schon mal gelesen. Und dennoch überrascht die Aktualität der alten Fragen. So mündet das Fazit, das Patrick Zöhrer, Geschäftsführer der Buchmesse, in einem Nachwort zum kurzweiligen Gespräch zieht, in einer versöhnlichen Bilanz: „Man kann an Gott zweifeln. Aber man kann nicht daran zweifeln, dass die Frage nach Gott lebendig ist“.

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