Zum DreifaltigkeitssonntagBetendes Bauprogramm

Wenn Kirchenräume auf die Spur der Dreifaltigkeit führen.

Wie kann man sich dem Geheimnis der Dreifaltigkeit nähern? Mit kluger Theologie? Mit Gebet? Schweigend? Oder können uns Kirchenräume auf die Spur bringen? Zum Beispiel zwei Dreifaltigkeitskirchen in München, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die eine steht im Zentrum und geht auf die Initiative der Maria Anna Lindmayr zurück, die ein Gelübde zum Bau einer Kirche ablegte, um die Stadt vor dem Spanischen Erbfolgekrieg zu verschonen. 1718 wurde die Kirche im Stil des Spätbarocks sowie ein angrenzendes Karmelitinnen-Kloster eingeweiht. Das Altarbild zeigt die sündige Menschheit, die bei der Dreifaltigkeit um die Abwendung des göttlichen Strafgerichts bittet. Zurückgehend auf Lindmayrs Vision ist der Heilige Geist hier als Jüngling mit sieben Flammen um das Haupt dargestellt. Die Kirche wurde während des Zweiten Weltkriegs als einzige in der Innenstadt nicht zerstört und ist heute eine beliebte Hochzeitskirche.

Die andere steht im Stadtteil Nymphenburg und wurde 1964 nach Plänen von Josef Wiedemann als runde Zeltdachkirche vollendet. Der Architekt arbeitete viel mit der Zahl Drei als Hinweis auf die Dreifaltigkeit. So hat der Altarraum eine Grundfläche von 3x3x3 Metern, es gibt drei Altarstufen und eine dreigeteilte Orgel. Auf dem unter dem Zeltdach umlaufenden Mosaikband sind Vater, Sohn und Heiliger Geist angedeutet. Die Kirche zeugt vom innerkirchlichen Aufbruch im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils. Durch den Wegzug der Congregatio Jesu ist derzeit unklar, wie es mit der Kirche weitergeht.

Die Barockkirche führt uns drastisch vor Augen, wie unzureichend unsere Lebensführung ist und wie sehr wir der beständigen Hinwendung auf Gott in seinen drei Personen bedürfen. Unser Blick wird nach vorne gezogen und die Aufmerksamkeit gebündelt, hin zum Tabernakel unter dem Altarbild. Die Architektur will uns direkt und ohne Umwege ansprechen. Die moderne, nachkonziliare Kirche geht dagegen sparsam mit gegenständlichen Abbildungen um und vertraut auf eine indirekte Wirkung des Baus. Sie lässt den Betenden Raum für die eigene, je individuelle Hinwendung zu Gott. Dazu gibt es eine Seitenkapelle mit Tabernakel, eine Muttergottes-Figur ebenso wie eine Abbildung Mary Wards, der Gründerin der Congregatio Jesu. Zugleich betont die Kirche den Aspekt der Gemeinschaft durch die Rotunde unter dem Zeltdach. Sie weist uns darauf hin, wie vorläufig und brüchig unser Leben ist – freilich: gegründet auf und behütet durch die Dreifaltigkeit.

Wer sich von welcher Raumgestaltung wie ansprechen lässt, ist offen. Manchmal braucht man den eher dunklen, geschützten, kleinen Raum, manchmal die Weite, die sich nach oben zu öffnen scheint. Ebenso wie ich mein Gebet manchmal eher zum Vater, zu Christus oder zum Heiligen Geist, dem Tröster, wende. Wir müssen das nicht enträtseln. Es genügt, wenn wir uns in den Segen des Paulus stellen, der uns in der Liturgie des heutigen Sonntags zuspricht: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen“ (2 Kor 13,13).

Anzeige: Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird. Von Annette Jantzen
CIG Ausgaben

Christ in der Gegenwart im Abo

Unsere Wochenzeitschrift bietet Ihnen Nachrichten und Berichte über aktuelle Ereignisse aus christlicher Perspektive, Analysen geistiger, politischer und religiöser Entwicklungen sowie Anregungen für ein modernes christliches Leben.

Zum Kennenlernen: 4 Wochen gratis

Jetzt gratis testen