Kein Detail bleibt ungenannt. Was immer sich über Geschichte, Verfassung und Politik des Vatikans mitteilen lässt – Jörg Ernesti hat es in der gebotenen komprimierten Form zusammengefasst: von der Pippinschen Schenkung am Anfang, der durch die gefälschte Konstantinische Schenkung um knapp fünf Jahrhunderte vorverlegt wurde, bis zu den Lateranverträgen 1929, durch die der Vatikan ein unabhängiger Staat wurde, und zum heutigen Regierungssystem. Der Blick auf die Staatlichkeit macht die von Ernesti bündig und verständlich dargestellte Besonderheit dieser ältesten Institution der Welt deutlich: „Der Staat der Vatikanstadt ist rechtlich allen anderen Staaten dieser Welt gleichgestellt, obwohl er manche Merkmale eines solchen gar nicht oder nur eingeschränkt besitzt … Kein Staat im eigentlichen Sinne, sondern ein nicht-territoriales Völkerrechtssubjekt ist der Heilige Stuhl.“ Im Amt des Papstes durchdringen sich spirituelle und politische Autorität – dass sie sich bisweilen kaum voneinander unterscheiden lassen, macht es Katholiken wie Nicht-Katholiken schwer, dieses institutionelle Konstrukt zu begreifen. Den päpstlichen Absolutismus feiern vor allem jene, die immer schon meinten, dass ein starker Mann das erste und letzte Wort haben sollte.
Jörg Ernesti spricht ganz bewusst nicht von „starken Männern“, sondern von charismatischen Päpsten, die im Lauf der Geschichte den Vatikan zu dem gemacht haben, was er heute ist: ein Player auf der internationalen Bühne, der, ohne eigene Territorialinteressen verteidigen zu müssen, idealer Impulsgeber für Friedensbemühungen sein könne und diese Rolle immer wieder auch gespielt habe. So kann der Vatikan durchaus auf diplomatische Erfolge in den knapp 150 Jahren seit dem Pontifikat Leos XIII. zurückblicken – von Papst Franziskus’ misslungenem Appell an die Ukraine, doch um des Friedens willen „die weiße Fahne zu hissen“, einmal abgesehen.
So überzeugend Ernestis Darstellungen der Außenpolitik des Vatikans sind, so erstaunen manche zu dessen Innenpolitik: „Der Papst“, so der Kirchenhistoriker, „muss für seine Vorhaben keine parlamentarischen Mehrheiten organisieren und nicht um seine Wiederwahl fürchten.“ Ob das eine Institution glaubwürdiger macht, die sich weltweit für Menschenrechte und Demokratie einsetzt, sei dahingestellt. Und so wichtig es zweifellos war, dass der Heilige Stuhl ab 1969 aktiv an den KSZE-Verhandlungen in Helsinki teilnahm und sich für Religionsfreiheit einsetzte, so sehr sollte das Paradox hervorgehoben werden, dass sich die katholische Kirche erst sieben Jahre zuvor selbst von ihrer rigiden und antimodernistischen Haltung zur Religionsfreiheit verabschiedet hatte. Eindrücklich beschreibt Ernesti den Modernisierungsschub, den der Vatikan unter Paul VI. erfuhr – ein zwischen den großen Charismatikern Johannes XXIII. und Johannes Paul II. unterschätztes Pontifikat.
Ausführlich geht Jörg Ernesti auf den Vatikan als „kulturelle Großmacht“ ein. Diese sei nicht nur daran zu messen, wie viele prominente Kunstwerke in den Museen des Vatikans versammelt seien, sondern zeige sich auch in der oftmals geräuschlos stattfindenden Förderung von Kunst und Wissenschaften. Kunst sei für den Vatikan immer auch Vermittlung einer mit ihr verbundenen Intention. Auf vier knappen Seiten behandelt Ernesti ein Thema, um das niemand herumkommt, der sich mit dem Vatikan beschäftigt: dessen Finanzwesen. Hier taten und tun sich in der Tat Abgründe auf, an denen offenbar bisher jeder Papst seit 1929 gescheitert ist. Ähnliches gilt für den Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker, bei dem der eigentliche Skandal – jenseits der Verbrechen Einzelner – darin liegt, dass kirchliche Institutionen bis hin zum Vorgänger des jetzigen Papstes die staatlichen Rechtswege bewusst ignorierten. Ob angesichts dieses Fehlverhaltens die Feststellung genügt, dass es „als glücklos erscheint, wie die Päpste damit umgehen“?
Bei aller Sympathie, ja Bewunderung für diese so vielfältige, mindestens 1300 Jahre alte Institution spart Ernesti am Ende seines lesenswerten Buchs keinesfalls mit Kritik: Es werde „nicht säuberlich zwischen staatlichem und religiösem Bereich, zwischen weltlichen und geistlichen Fragen getrennt“ – aber liegt dies nicht im Wesen dieser Doppelinstitution? Auch dass es im Vatikan keine Pressefreiheit gebe, moniert er und kritisiert, „dass alles, was aus dem Vatikan kommt, Ewigkeitswert haben muss“. Der eigentliche Fehler liege allerdings in dem, was Ernesti als „Die offene Flanke: Die Frauenfrage“ bezeichnet und in einem eigenen Unterkapitel abhandelt – inklusive der zarten Fortschritte, die der Frauenanteil im Vatikan während Franziskus’ Pontifikat gemacht hat.
Wie schade, dass gerade heute, wo in Europa der Einfluss des Katholizismus schwindet, die vatikanischen Instanzen sich in ihren „Grundmängeln“, wie Ernesti sie nennt – „Fixierung auf den Papst, fehlende Gewaltenteilung, Demokratiedefizit, Klerusherrschaft“ –, so wenig wandlungsfähig zeigen. Liege die Bestimmung des Vatikans doch darin, „die Gesellschaft und die internationale Gemeinschaft im Licht des Evangeliums mitzugestalten“. Trotz der Neuanstöße, die Papst Franziskus gemacht habe, bleibt Ernesti ernüchtert: „Die Grundprobleme der vatikanischen Staatsverwaltung hat er nicht gelöst.“