9. Sonntag nach Trinitatis (2. August 2026)
Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert. (Lukas 12,48)
Einer ist viel anvertraut. Sie kann besonders gut organisieren. Sie arbeitet als Chefsekretärin einer großen Kanzlei. Ihr Organisationstalent lebt sie dort aus. Sie strukturiert die verschiedenen Aufgabentypen, führt einen ordentlichen Kalender aller Anwältinnen und Anwälte. Hat sie Urlaub, muss sie vorher die verschiedenen Arbeiten an andere delegiert haben. Über ihren Tisch fließen vertrauliche Informationen, sensible Daten, Mandant:innen am Telefon erzählen ihr schon Einzelheiten der Fälle, manche laden auch ihren Frust bei ihr ab. Sie filtert, hört zu und sortiert, gibt weiter, bleibt freundlich, zieht Grenzen. Wer gut organisieren kann, von der wird erwartet, dass sie nicht schludrig arbeitet. Es geht nicht darum, dass Fehler passieren können. Das kann immer sein. Ein unachtsamer Moment, zu viele offene Posten, Zeitnot, wenig Schlaf, privater Stress. Alles menschlich. Es geht nicht um Perfektionismus. Es geht um Verantwortung. Eine hat eine Gabe, und sie setzt ihre Gabe für die Umsetzung und Unterstützung von Gerechtigkeit in der Anwaltskanzlei ein. Von ihr wird nicht mehr verlangt, als ihr anvertraut wurde. Sie kann gut organisieren, dann wird das von ihr verlangt. Sie muss aber nicht auch noch gut lehren können. Will heißen: Das, was wir als Gabe geschenkt bekommen haben, sollen wir gebrauchen und benutzen. Als Christ:innen heißt das, dass wir das, was wir können und als Person mitbringen, einsetzen für das Reich Gottes. Auch wenn uns manchmal so ist, als würde es nichts bringen. Als hätte es keine Auswirkung. Als würde es keine Relevanz haben. Das hat es sehr wohl. Jesus verdeutlicht, dass auch in der Zeit, wo der Glaube klein, schwach oder die Erwartung auf ein zweites Kommen Jesu nicht mehr vorhanden ist, es einen Unterschied macht, ob wir mit unseren Gaben in der Welt handeln und leben oder nicht. Zum einen ist es ein Geschenk, das es mit Freuden zu nutzen gilt. Zum anderen vertraut Gott darauf, dass wir – mit Dorothee Sölle gesprochen – seine Hände und Füße auf der Welt sind. Zum dritten wird es auch bei aller Gnade am Ende offen vor Gott liegen, was wir mit dem getan haben in der Welt, was uns geschenkt ist und was nicht. Meine Motivation, meine Gaben zu nutzen, ist aber nicht die Angst und das, was am Ende offen liegt, sondern die Freude daran, an dieser Welt und Gottes Reich wirklich mitzugestalten und zu wirken.
10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag; 9. August 2026)
Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! (Psalm 33,12)
Wirre, harte, beängstigende Zeiten liegen hinter dem Volk Israel. Es blickt zurück auf Jahre der Bedrängnis; fremde Mächte regierten Israel, zerstörten alles, was ihnen lieb und teuer war – sogar den Tempel. Den Ort der Gegenwart Gottes. Und Israel schlug sich durch, versuchte zu überleben, fand einen Glauben, der trägt, auch ohne festen Gebetsort. Verstärkte den eigenen Glauben durch Hymnen. Hymnen, die bereits auf all das Elend und die Not zurückblicken können. Hymnen, die wissen: Das Exil hat ein Ende gefunden. Hymnen, die aus der Erfahrung von Freiheit singen. Hymnen, die zeigen, wie selig Leben ist, wenn Gott bei den Menschen bleibt, auch wenn die Menschen an verschiedene Orte geschickt werden. Wenn ein Volk getrennt wird, ein Land fürchterlich geschunden wird.
„Ashrei“ . Glücklich, das Volk. Wohl dem Volk. Gesegnet, das Volk. „Ashrei“ – eine Selig preisung im Ersten Testament. Eine von einigen. Das Vertrauen ist tief, ist es geworden über die Not hindurch; das Vertrauen, dass Gott die Treue hält. Wo die Angst vor der Gottverlassenheit das Leben der Menschen prägt, ermutigt dieser Psalm, in die Bewegung mithineinzugehen, dass Gottes Treue zugesagt wurde und Bestand hat. Der Verweis auf den Schöpfergott (V. 6) spannt den Bogen zum Bogen des Bundes und dem Versprechen Gottes, dem Volk Israel die Treue zu halten. „Ashrei“ – ja dieses Volk ist gesegnet. Ein Vorsänger leitet den Hymnus ein, ermutigt die Gemeinde miteinzustimmen, ihre Glaubensstimme zu finden – zusammen mit anderen, die ähnlich gelitten haben; um dann das Thema durch Solisten zu vertiefen, stellvertretend für alle. Am Ende stimmt das Volk wieder ein. „Ashrei“. Ja, glücklich das Volk, das so einen Gott hat, der die Treue hält – auch wenn sich nichts mehr danach anfühlt. 1
1. Sonntag nach Trinitatis (16. August 2026)
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. (1Petrus 5,5b)
Hochmut hat sich im Lauf der Jahrhunderte in Nuancen verändert. Es meint immer ein sich-selbst-größer-Machen und wird zumeist als Beziehungswort verwendet. In der Beziehung zu Gott steht Hochmut im Alten Testament. So ist die Wendung im 1. Petrusbrief wie ein Anklang an das Buch der Sprüche (Sprüche 3,34). Macht sich der Mensch größer als Gott, dann fällt er tief, ist der alttestamentliche Gedanke. Hochmut kommt vor dem Fall, kann man mit Sprüche 16,11 auch sagen.
Das heißt nicht, dass wir nicht mehr stolz auf uns sein dürfen. Stolz zu sein, ist in meiner Generation kaum mehr ein Wort, das genutzt wird. Stolz zu sein und sich freuen über das, was ich geschafft habe, ist ein Gefühl, das unfassbar negativ konnotiert ist.
Vielleicht hängt das mit der vorangehenden Boomer-Generation zusammen. Die Boomer konnten noch so gut in etwas sein, gefühlt waren sie immer durchschnittlich. Irgendjemand war immer besser. Es gab viele von ihnen und so auch viele Interessenten auf wenige Stellen. Stolz auf sich zu sein in einer Generation, die sehr von Leistung abhängig war, ist ein schweres Unterfangen und wirkt sich auf die nachfolgende Generation aus.
Ich möchte einen angemessenen Umgang mit Stolz leben. Wobei ich hier deutlich zwischen Stolz und Hochmut unterscheide. Denn ich möchte mich freuen über das, was ich geschafft und geleistet habe. Wissend, dass ich mir manches davon gewiss auch eigenständig angeeignet habe, aber christlich gesprochen, glaube ich, dass in mich hinein eine Gabe gelegt wurde, die es mir erst möglich macht, etwas zu können. So bin ich nicht nur auf mich stolz, sondern auch dankbar, dass mein Gott mir diese Lebensmöglichkeiten schenkt. Würde ich den Teil des Dankes weglassen, wäre die Nuance von Stolz zu Hochmut kaum mehr spürbar. Im 1. Petrusbrief geht es um die Gemeindeleitung. Gott stellt sich einer stolzen und hochmütigen Gemeindeleitung entgegen und macht deutlich: Wer sich unterstellt, sich zur Verfügung stellt in der Leitung, mit dem, was er mitbringt, mit den Gaben, die ihm geschenkt sind, der erfährt Gnade. In V. 6 stellt der Schreiber sogar heraus, dass die sich kleinmachende Person durch Gottes Gnade groß gemacht wird. Demut wird verwandelt in Herrlichkeit.
12. Sonntag nach Trinitatis (23. August 2026)
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. (Jesaja 42,3)
Der Gottesknecht hat einen Auftrag. Er soll zu den Menschen reden. Es bleibt ein bisschen im Dunkeln, was genau. Es geht um Licht und Bund, um Gerechtigkeit und Freiheit (V. 6).
Und ich frage mich: Wer redet heute mit welchem Auftrag zu den Menschen? Von wem erwarten wir etwas für Gerechtigkeit und Freiheit, wenn wir ihnen zuhören? – Dem Bundeskanzler? Der Präsidentin der UN-Generalversammlung? Dem Präsidenten von Amerika? Oder etwas kleiner gesprochen: von unseren Eltern, unseren Freund:innen, von uns selbst? Als Christ:innen haben wir alle den Auftrag, das Licht in die Welt zu bringen, Licht zu sein, an den Bund Gottes zu erinnern, an die Treue Gottes zu erinnern, für Gerechtigkeit einzustehen und Freiheit zu lassen im Denken, im Handeln – gemessen an den Grenzen der Liebe und des Lebens.
Woran orientieren sich die Knechte Gottes? Wer ist Maßstab für unser Handeln in der Welt? Es ist das geknickte Rohr, der glimmende Docht. Das sind die, die kraftlos und mutlos (geworden) sind. Maßstab sind aber auch diese hier:
- Auf dem aufgeschürften Knie von Emil drückt er nicht mit Absicht rum.
- Denen, die außer Atem sind, schnürt er nicht die Kehle zu.
- Diejenigen, die ein gebrochenes Herz haben, reißt er es nicht raus.
- Diejenigen, die orientierungslos sind, stellt Gott nicht ins Wattenmeer.
- Von denen, die ausgelaugt sind, fordert Gott nichts weiter.
- Denen die Stimme genommen wurde, verbietet er nicht den Mund.
Maßstab für den Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit, Maßstab für die Lichtbringer und Treue-Erinnerer sind die Menschen, die gelitten haben, die noch immer leiden. Die unter konkreter Not zu zerbrechen drohen oder unter struktureller Macht ohnmächtig geworden sind. Der Auftrag orientiert sich an Gott, dem Auftraggeber, dem am Wohl der Menschen gelegen ist. Und er orientiert sich an den Adressaten, die des Wohls Gottes bedürftig sind. In dieser Mitte zwischen Gott und Menschen stehen die Boten, die Knechte, selbst geschunden und der Gerechtigkeit, der Liebe und der Freiheit bedürftig. Die Botschaft gilt auch ihnen selbst.
13. Sonntag nach Trinitatis (30. August 2026)
Und der König wird ihnen antworten: Amen, das sage ich euch: Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan. (Matthäus 25,40b; BasisBibel)
Eine war alt geworden. Und ihr habt ihr eine Freude bereitet, habt sie besucht, ihre Haare gekämmt, habt sie mit Essen versorgt und sie wissen lassen: Wir kümmern uns um dich.
Einer war Opfer des Kriegs zwischen Israel und Palästina. Und ihr habt alles für den Frieden getan, was in eurer Macht steht. Ihr habt eure Stimme genutzt, an Friedensgebeten und Friedensdemonstrationen teilgenommen.
Eine war heimatlos. Und ihr habt sichere Korridore geschaffen, dass sie bei euch Zuflucht findet, habt Kirchenasyl gewährt, Deutschkurse organisiert.
Einer war traumatisiert. Und ihr habt ihm psychologische Hilfe organisiert, seine Grenzen gewahrt, Geduld gehabt.
Eine war allein. Und ihr habt ihr Gemeinschaft geschenkt, sie angerufen, ihr Blumen vor die Haustür gestellt.
Und die zu seiner Rechten werden fragen: „Wann haben wir all das für dich getan, Jesus?“ Und der König wird ihnen antworten: „Amen, das sage ich euch: Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan.“
Dann wird er zu denen links von sich sagen: „Geht weg von mir! Gott hat euch verflucht. Ihr gehört in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel vorbereitet ist“ (Vers 41).
Eine war alt geworden. Und ihr habt euch über das Kramen im Portemonnaie an der Kasse geärgert; ihr habt euch nicht um einen Pflegedienst für sie gekümmert, habt sie verlacht und vernachlässigt.
Einer war Opfer eines Krieges. Und ihr habt euch nicht mit euren Privilegien für den Frieden eingesetzt, sondern weitergemacht wie immer, weil ihr meintet, der Krieg betrifft euch nicht. Eine war heimatlos. Und ihr habt Parteien gewählt, die die Grenzen dicht machen wollen, die Seenotrettung kriminalisieren und keine Zuflucht bieten.
Einer war traumatisiert. Und ihr habt ihn nicht ernstgenommen, habt ihn verlacht, ihm nicht geglaubt, ihm nicht geholfen.
Eine war allein. Und ihr seid unter euch geblieben. Dann werden auch sie antworten und fragen: „Wann haben wir all das nicht für dich getan, Jesus?“ (Vers 45) Da wird er ihnen antworten: Amen, das sage ich euch: Was ihr für andere nicht getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend waren –, das habt ihr für mich nicht getan!