5. Sonntag nach Trinitatis (5. Juli 2026)
Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch; Gottes Gabe ist es. (Epheser 2,8)
Recht: Freiheit.
Die äußerste Grenze der schieren Weite Freiheit, deren Raum eingehegt sein muss, weil sie sonst alles verschlingt: das Recht Gottes. Eine paradoxe Gnadengabe, die ihr Angenommensein verlangt, weil sie Hüterin des Lebens ist. Eine Gnadengabe, deren Verstoßung immer wieder bezeugt ist. Eine Verstoßung, die allein geahndet sein kann im verurteilenden Rechtsspruch Gottes, weil sie Leben verunmöglicht und gottgegebene Freiheit verkehrt.
Glaube: Hingabe.
Etwas oder jemanden fest packen und nicht loslassen, egal wie sehr er um sich schlägt. Mancher Hingabe lässt sich nicht vertrauen, und als Unwahrheit geglaubt, ist sie unerträglich. Packen, weil es jemand ist, der nicht wert ist, losgelassen zu sein. Eine Hoffnung auf Zukunft, der man sich in Gänze ausliefert, weil ihre Wirklichkeit im Erahnen wahr sein wird.
Gnade: Leichentuch.
Im Angesicht des Urteils, jeder Begreiflichkeit entzogen: Gnade ergeht vor Recht, Vollstreckung zieht an uns vorüber, ohne dass sie nicht einen anderen Ort finden würde. Die verurteilten Gotteskinder, die wir sind, bekleidet Gott sanft mit seiner Gnade wie mit einem Leichentuch aus feinster Seide. Ein Leichentuch, gewebt aus dem Glauben Gottes, seiner Hingabe an uns. Und dann: Es fällt, womöglich nicht am dritten Tage, aber es fällt wirklich. Und in ein neues Leben erstehen wir auf, aus unserer Finsternis in das Licht. In diese Welt hinein, aber nicht mehr von ihr, in diese Welt, doch in ihr schon sehend, was wahr geworden sein wird – unser Einzug in das Haus unseres Vaters, in dem wir seine Hausgenossen sein werden, nachdem alle Zeit ihr Ende gefunden hat.
Vater unser, bekleide uns mit deiner Gnade, erlöse uns, dass unsere Finsternis uns nicht in uns verschlingt. Schenke uns deine Hoffnung, bedecke uns mit deiner Hingabe. Bekleide uns mit deinem seidenen Tuch und wir wollen dich unsere Namen in den Fasern flüstern hören. Und wir wollen dein sein.
6. Sonntag nach Trinitatis (12. Juli 2026)
So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. (Jesaja 43,1)
Szene 1: Die Alltäglichkeit.
Der Pfarrer geht voraus, der Trauerzug tröpfelt hinterher, peinlich berührt, weil die Selbstverständlichkeit, die Natürlichkeit eines Trauermarsches schon längst verloren ist; man ist mehr damit beschäftigt, wie man unauffällig gehen und sich organisch einfügen könnte, als tatsächlich zu gehen.
Am Grab: Der Pfarrer murmelt mit Trauerzug und Sargträgern im Rücken. So spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein – „Das tut gut, so schön, und das hier“ geht es denen durch die Herzen, die das Murmeln hören.
Jakob-Israel: Ist nicht vom Tisch, weil es da nie war; und kann an diesem Ort nicht wahr sein?
Szene 2: Ein Ruf vom Tisch.
Gottes Wort an Jakob-Israel mag zwar nicht zu uns gesprochen sein, über uns ist es aber trotzdem gesprochen; wir sind darin eingeschlossen. Genau deswegen müssen wir hören und aufmerken, wer dieser Gott ist, der uns zu seinen Hausgenossen und Israels Mitbürgern in seinem Reich der Himmel gemacht hat. Die Verheißungen gehören Israel – das schreibt Paulus uns durch die Zeiten hindurch und dieses Wort gilt unbedingt.
Was diese Gnade aber ist, die unseren Gott ausmacht, was Hingabe ist, die bis in den Tod und dann darüber hinausführt; was es heißt, wenn Gott einen packt und nicht mehr loslässt: Das hören wir hier. Deswegen dürfen wir diese Treue und dieses Packen Jakob-Israels nicht verschweigen, nicht im Angesicht von Staub, der in den Staub fällt und nicht in den Hallen unserer Kirchen.
Und wir? Wir können diesem Gott nicht entkommen, weil er sich längst dazu entschieden hat, sich selbst hinzugeben: an Israel und dann an uns.
Und Jakob? Der kämpft mit Gott. Danach humpelt er den Rest seines Lebens. Und so wird er und bleibt er Gottes humpelndes Gnadenkind.
Gott kämpft mit einem Menschen: Ein Zeichen der Nähe und Zuwendung, ein Zeichen der Macht und Ohnmacht, ein Zeichen der Gnade und Begrenzung. Einer Gnade, deren Sanftheit erst Israel und dann uns umschließt wie ein Tuch aus feinster Seide. Verwebt mit dem Glauben Gottes daran, dass Jakob seinen Namen hört, wenn Gott ruft. Eine Gnade, deren Widerschein heilig ist.
7. Sonntag nach Trinitatis (19. Juli 2026)
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Epheser 2,19)
Ein Gast: begrüßt und aufgenommen aus Zugewandtheit.
Oder: Aufgenommen aus Höflichkeit und dabei Zurückhaltung, im Horizont die erleichternde Perspektive seines Verlassens.
Ein Fremdling: Eine Frage der Perspektive.
Fremd: Der eine, der nicht hierhergehört, weil der andere, „Eigentliche“, vor ihm am geteilten Ort ist. Aber waren sie das wirklich? Waren sie vielleicht Fremde, nach denen andere Fremde dazukamen? Auch fremd:
Jemand an einem Ort, dem „die Eigentlichen“ ihre Heimat nicht hergeben wollen. Man ist nicht mehr dort, hier aber auch nicht, man schwebt im Äther über der Erde, wo man nicht wurzeln darf. Und wir müssen auf die Fremdlinge und die Eigentlichen schauen und sie beide fragen, was Heimat nicht ist?
Der Ort, an dem der Gast niemals wird sagen dürfen: Dies ist mein Haus, und nach mir wird es das meiner Kinder und Kindeskinder sein. Der Ort, an dem der Fremde wieder und wieder fragen muss, wann für „die Eigentlichen“ ihrer Heimat nicht mehr nur deren, sondern auch zu gleichen Teilen ihre sein wird. Der Ort, an dem die Fremden Schutzrechte gewähren, und sie darauf hoffen müssen, dass „die Eigentlichen“ den fremden Kindern ihr Schutzrecht nicht entziehen, weil sie ohne jedermanns Willkür preisgegeben wären. Kann das denn Heimat sein? Ist das wirklich ein Schutz für „die Eigentlichen“, oder ist es unerträglicher Schmerz, die anderen niemals Heimat finden zu lassen, sie entwurzelt weder hier noch dort zu halten? Wir aber müssen nach oben schauen und fragen, was Heimat ist, für diese und jene, die sie beide nicht beanspruchen dürfen, weil sie ihnen vom ganz Anderen geschenkt ist. Heimat ist der Ort, an dem die vielen Wohnungen in nur einem Haus sind. Ein Haus, das aufgeschlossen ist und bleibt von seinem einzigen Herrn. Der Ort, dessen Mauern aus Barmherzigkeit gebaut sind, dessen Wind uns sanft und kühl umweht wie feinste Seide an einem heißen Sommertag. In dessen Wehen Gottes Flüstern von Hingabe und Erlösung sich in die Ohren drängt. Der Ort, dessen Eck-stein verworfen und vom Herrn des Hauses nur umso erbitterter in den Grund gerammt wurde, damit er uns trägt. Heimat ist der Ort, an dem wir keine Herberge mehr brauchen – denn ihre Erde heißt Ewigkeit und ihre Sonne fällt gnadenwarm auf unser Gesicht.
8. Sonntag nach Trinitatis (26. Juli 2026)
Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit (Epheser 5,8b.9)
Wenn da Dunkelheit ist, liegt der Abglanz des Mondes auf dem Schnee vor allen, die im Dunkel stehen. Und weil der Mond der Mond ist, und weil der Schnee der Schnee ist, wird das Licht des Himmels auf seiner Erde schimmern. Wer in diesem Lichte steht – und sei es nur für einen kurzen Moment des Umherwandelns – auf dem wird dieses Himmelslicht seinen Widerschein legen. Und weil das Himmelslicht das Himmelslicht ist, und der Mensch der Mensch, auf den es seinen Abglanz legt, muss es so sein und wird es so sein: Das Himmelslicht wird die Dunkelheit um uns herum und sogar in uns selbst vertreiben. Und deswegen sind wir Kinder des Lichtes, weil der Himmel es entschieden hat. Der Himmel soll auf uns zu sehen sein; seine Güte und Wahrheit und Gerechtigkeit muss an uns erkennbar sein, weil sein Licht auf uns fällt.
Manch einer behauptet, dass Gott zu viel verlange in diesem Abglanz. Dass er zu viel Güte, zu viel Wahrheit, zu viel Gerechtigkeit fordere; wie das überhaupt gehen sollte in so einer Welt? Und sowieso: Wie sollte es gehen so zerbrechlich und fehlerhaft und unbarmherzig, wie wir sind? Wer das einwirft, der sieht nicht hin: Denn das Gnadenlicht des Himmels lässt jeden noch so kleinen Eiskristall funkeln, obwohl er furchtbar klein und unbedeutend ist. Weil es sich selbst hingibt, für jeden kleinen und unbedeutenden Eiskristall, der vergehen wird.
Manch anderer behauptet, Gott verlange gar nichts von uns in diesem Abglanz: Dass wir schon Kinder seien und wir sowieso strahlen. Und überhaupt, Gottes Recht, das gelte nicht uns, sondern Israel; und sowieso, unser Gott sei nicht herrisch, der will nichts befehlen, der will Freiheit. Wer das einwirft, der sieht nicht hin: Denn die Strahlen dieses Himmelslichtes heißen Güte und Wahrheit und Gerechtigkeit, und so muss in ihrem Widerschein, obgleich viel kleiner, schwächer, ärmer, spürbar sein, was es mit diesen Strahlen auf sich hat. Und das kann nur geschehen, wenn wir selbst strahlen in der Dunkelheit – und unser Licht auf die Welt darin fällt.