Liebe Leserinnen und Leser,
du sollst nicht falsch Zeugnis reden. Das achte Gebot. Schon die Zahl weist auf Unendliches hin. Eine unendliche Wahrheit, eine unendliche Aufgabe, ein unendliches Mühen.
Ich erinnere mich an eine Vorlesung über die zehn Gebote, irgendwann in Heidelberg: Über die ersten sieben Gebote wurde stunden- und wochenlang geredet und gelehrt. Ab dem achten Gebot ging es dann jedoch im Schnelldurchlauf: Die Gebote neun und zehn sprechen für sich selbst und die Zeit, in der sie entstanden, da ist eher die Aufteilung in zwei Gebote interessant. Und das achte Gebot bezieht sich eindeutig auf die Situation vor Gericht. Kein falsches Zeugnis reden heißt nichts anderes als: keine Falschaussage, keinen Meineid vor Gericht leisten. Das war’s. Hören, abheften, vergessen.
Um einiges spannender war da schon die Diskussion im Grundkurs Religion kurz vor meinem Schulabschluss. Das „falsch Zeugnis“ war da noch als eine viel umfassendere Falschaussage, nämlich als Lüge in der Diskussion. Sturm und Drängler und Weltverbesserer, die wir damals waren, sahen wir Schülerinnen und Schüler die unbedingte moralische Notwendigkeit dieses Gebotes als unverrückbar an und zementierten sie mit Parolen: „Wahrheit trägt weiter“; „lügen schadet dem Gegenüber und mir selbst“, „wer lügt, hat schon verloren, auch mit langen Beinen“, wurde da überzeugt aus jugendlichen Kehlen und mit Kreidestückchen in Richtung Lehrerpult und Tafel geworfen.
Vom Lügen klar zu unterscheiden waren allerdings auch für uns damals schon all die lässlichen Schwindeleien des Alltags: Wenn die Mutter als Pantomimekünstlerin wie wild neben dem Telefon in der Stube auf und niederhüpfte und so mit Händen und Füßen zu verstehen gab, dass sie nicht da sei(n wollte), also nicht zu sprechen. Oder wenn man um nichts in der Welt zugeben wollte, dass man ein geplantes Treffen mit einem Freund vergessen hat: „Du, da gings unserer Katze nicht gut. Ich konnte nicht weg und hatte auch keine anderen Gedanken mehr.“ Lässlich, geschenkt und sogar irgendwo verständlich.
Aber wenn es um die harte Wahrheit geht, darf nicht gezögert werden, das stand für uns damals fest. Unser alter Lehrer hörte sich alles geduldig an und erzählte dann zwei Szenen, beide aus der Zeit unmittelbar vor und nach 1945, einer Zeit, die er noch selbst als Kind erlebt hatte.
Die eine Szene kommt aus Amsterdam, das im Zweiten Weltkrieg von Deutschen besetzt war. Dort lebten einige Niederländer, die während der 5jährigen Besatzung der Stadt jüdische Mitmenschen in ihren Häusern oder sogar in ihren eigenen Wohnungen verbargen vor dem Zugriff der deutschen Besatzung – unter ständiger Gefahr für Leib und Leben, denn ihnen drohte ein schnelles Standgericht, wenn die Sache aufflog.
„Stellt euch vor“, sagte jetzt der Lehrer, „ihr lebt 1943 in Amsterdam und habt eine jüdische Familie bei euch versteckt. Eines Tages klopft es laut an der Tür. Zwei Herren von der Gestapo stehen draußen und fragen: ’Haben Sie Juden im Haus versteckt?`– Was antwortet ihr? Und: Bleibt ihr bei der Wahrheit, wenn ihr antwortet?“
Das nun einsetzende Schweigen lag schwer im Klassenzimmer. Nach dieser Stunde waren wir alle bereit, Notlügen zu akzeptieren, sofern diese Leben bewahren und nicht weiteren Schaden anrichten.
In der nächsten Stunde erzählte der alte Lehrer von einem Zitat Martin Niemöllers, das er in einer Holocaust-Gedenkstätte entdeckt hatte:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
(Zitat nach: Martin-Niemöller-Haus Berlin-Dahlem e.V.)
Und der Lehrer schloss mit einem Tonfall, aus dem unendlich viel eigene Lebenserfahrung sprach: Das Schweigen ist wohl die schlimmste Lüge, die wir Menschen uns antun können. Bleibt wenn schon nicht immer bei der Wahrheit, aber bleibt aufrichtig, so gut ihr nur könnt.
Es gibt Stunden in einem Schülerleben, die vergisst du nicht. Seitdem begleitet mich das Wort Aufrichtigkeit. Und immer auch, wenn ich das achte Gebot lese.
Wie oft ich danach selbst im Leben gefehlt habe, geschwindelt, in bestimmten Situationen gelogen, um meine Haut, Ehre, Würde, was auch immer gegenüber anderen zu retten, habe ich weitgehend erfolgreich verdrängt. Und wie oft in meinem Pfarrerleben schon vom Leben gebeutelte Menschen an der Tür meines Pfarrhauses geklopft haben, um mir ausführlich die unglaublichsten Geschichten aufzutischen von ihrer Reise und Wanderschaft, um dann immer in der Bitte um finanzielle Unterstützung für die Weiterreise zu münden, habe ich vergessen.
Nicht aber das Wort Aufrichtigkeit, das aus meinem alten Religionslehrer und aus dem achten Gebot zu mir strahlt. Es geht auch darin nicht so sehr um das Pochen auf Wahrheit und einzelne Worte, es geht um die Aufrichtigkeit gegenüber Gott, den Menschen und mir selbst. Es ist weniger das einzelne Wort, das zählt, es ist eine Haltungs- und Glaubensfrage, die hinter den Worten zum Ausdruck kommt. Achte das achte! steht mit Schülerschrift und Ausrufezeichen bis heute in meinem alten Religionshefter.
Die vorliegende Ausgabe der Pastoralblätter nähert sich im achten Monat des Jahres dem achten Gebot mit einer besonderen Predigt und weiteren Impulsen und Gedanken. Dazu finden sie weitere spannende und für die Vorbereitung Ihrer kirchlichen Arbeit hilfreiche Texte und Predigten für den August 2026.
Aufrecht bleiben, auch im Lebensdschungel von Fakenews und taktischem oder hilflosem Schweigen,
das wünscht Ihnen und uns
mit herzlichen Grüßen
Ihre Redaktion der Pastoralblätter
und Ihr Jochen Lenz (Schriftleitung)