Kurzpredigt zum 9. Sonntag nach TrinitatisWir sind Jeremia

9. Sonntag nach Trinitatis: Jeremia 1,4-10

„Ich wollte ja durch meine Tat noch größeres Leid verhindern.“ Dieser Satz stammt von Georg Elser, der den Anschlag auf Adolf Hitler im Bürgerbräukeller verübt hat. Offensichtlich war er nicht bereit, Abstriche zu machen, wenn es um Werte wie Respekt, Menschlichkeit und Anstand ging. Das waren alles keine hochtrabenden Ziele oder Vorstellungen. Das waren schlichte Anliegen, naheliegend, offensichtlich ja selbstverständlich für jedermann. Für Georg Elser galten sie uneingeschränkt. Er war ein einfacher Handwerker, aber er sah, dass solche Werte von Herrn Hitler ständig auf impertinente und schamlose Weise verletzt wurden.
Bei seinem Vorhaben ließ er sich durch nichts aufhalten. Er setzte alles daran und bereitete den Anschlag selbstständig und akribisch vor. Hitler überlebte bekanntlich. Georg Elser wurde geschnappt, im KZ Dachau inhaftiert und in den letzten Kriegstagen hingerichtet.
Die Folgen seiner Tat bekam seine Familie zu spüren. Sie waren fortan verfemt. In seiner Familie wurde nicht mehr über ihn gesprochen. In seiner Heimatgemeinde Königsbronn dauerte es bis 2010, bis man sich dazu durchgerungen hat, eine Gedenktafel für ihn anzubringen.
Für ihn war es naheliegend gewesen, was er zu denken hatte, und fraglos, was er zu tun hatte.

Bei dem Auftrag, den Jeremia bekommen sollte, war klar: Es würde ihm keine Sympathien einbringen. Es stand ihm bevor, dass er Kritik zu üben hatte und zwar umfassend. Kritik an den sozialen Verhältnissen, Kritik an politischen Entscheidungen, Kritik an der religiösen Praxis, den religiösen Würdenträgern, der Justiz. Es wurde nichts ausgelassen. Zum Zeitpunkt seiner Berufung konnte er nur ahnen, in welchem Ausmaß die Schwierigkeiten auf ihn warteten. Kein Wunder also, dass er sich aus der Affäre ziehen will.
„Sage nicht, ich bin zu jung.“ Die Antwort schneidet ihm den Rückzug ab. In gewissem Sinn bleibt ihm keine Wahl. So geht er seinen Weg. Er folgt seiner Berufung. Erzählt wird von dieser Berufung in Gestalt einer göttlichen Eingebung. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, worin Jeremia seinen Auftrag sieht. Was hätte er wohl gesagt, wenn man ihn gefragt hätte, was ihn so sehr antreibt? Auch für ihn scheint ja das, wofür er sich einsetzt, naheliegend zu sein. Auch er ist offensichtlich nicht bereit, bei seinen Werten und Überzeugungen Abstriche zu machen.

Wo stehen wir? Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Barmherzigkeit und Respekt im Umgang miteinander sind verletzliche Güter. Sie sind naheliegend, aber es ist nicht selbstverständlich, dass sie beachtet werden.
Es braucht zu allen Zeiten die Mahner und die Aktivisten, die sich nicht davon abbringen lassen und die nicht müde werden, darauf hinzuweisen und sie einzufordern. Solche Menschen haben in der Regel keine gute Presse. Man wirft ihnen alles Mögliche vor. Die Ehren für das, was sie bewirken konnten, werden ihnen meist erst im Nachhinein, womöglich erst nach ihrem Tod zuteil. Es liegt an uns, ob solche Mahner Gehör finden.
Wie urteilen wir über jene, die das Unbequeme aussprechen und sich damit unbeliebt machen? Halten wir uns vornehm zurück, oder beziehen wir Stellung? Mahner wollen keine Gefolgschaft. Mahner rufen zur Verantwortung. Ihr Platz ist nicht in der Menge, sie sind ein notwendiges Gegenüber. Darin liegt die Herausforderung für mich als glaubender Mensch. Ich habe nicht das Zeug dazu, ein Jeremia zu sein. Aber ich will den Mahnern Gehör schenken und Gehör verschaffen. Ich will aufmerksam sein, damit ich sie nicht übersehe und ihre Stimme im Stimmengewirr der Meinungen nicht überhöre. Berufung ist nicht an besondere Begabungen oder einen eigens erteilten Auftrag gebunden. Berufung heißt vielmehr, den eigenen Werten Geltung zu verschaffen. Berufung heißt auch, ein Gegenüber zu sein zu gängigen Haltungen und Überzeugungen. Wir sind Jeremia. Es ist auch unter den aktuellen Verhältnissen unsere Aufgabe, uns dafür einzusetzen, dass „nicht noch Schlimmeres geschieht“. Die aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung, die vielfältig vorhandene Aggressivität sind nicht förderlich, wenn es darum geht, die tatsächlich anstehenden Probleme erfolgreich zu lösen. Niemand erwartet dabei Weltbewegendes von uns. Wir dürfen aber, ja wir sollen sogar, davon ausgehen, dass wir durch das, was wir denken, sagen und tun in der Welt etwas bewegen werden.

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