Wochensprüche September

14. Sonntag nach Trinitatis (06.09.2026)

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Psalm 103,2)

Dankbarkeit durchzieht wie ein roter Faden das Beten des 103. Psalms. Die Aufforderung des Nicht-Vergessens eröffnet über die verbleibenden 20 Verse hinweg den Bilderbogen einer gleichsam mütterlich-väterlichen Zuwendung Gottes. Das Thema: Barmherzigkeit. Im Zentrum des Gebets: „Wie sich ein Vater seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich Jahwe derer, die ihn fürchten“ (V. 13). Der jüdische Gelehrte Hermann Cohen weist bereits im Jahr 1900 darauf hin: „Das hebräische Wort, welches gewöhnlich mit Erbarmen oder Barmherzigkeit übersetzt wird (Rachamim), stammt von der Wurzel, welche Mutterleib (Rechem) bedeutet. Die Liebe ist also zuerst Mutterliebe; gleichsam das Mutterrecht der Liebe.“ Auch darum übersetzt die Bibel in gerechter Sprache so: „Segne die Eine, du meine Lebenskraft! / Vergiss nicht, was sie alles vollbracht hat.“ Vielleicht steht die Beliebtheit dieses Bibelworts tatsächlich im Zusammenhang mit den vielen weiblichen Zügen, die der Psalm in seinen Gotteserfahrungen beschreibt. Eine beinahe zärtliche Zuwendung Gottes, vom ersten Atemzug bis zum letzten. Primäre frühe Bindungserfahrungen mit der eigenen Mutter nähren die seelische Gesundheit bis ins hohe Alter. Getröstet werden, in Krankheit begleitet sein, Geborgenheit erfahren in Angst, aber auch das Anerkennen der eigenen Endlichkeit – die Bilder laden dazu ein, eigene Erfahrungen einzutragen, die nährenden und vielleicht auch die schmerzhaften. Der Lobgesang derer, die Gott „fürchten“ (V. 13.18), findet sein vertrauensvolles Gegenüber. „In gewissem Sinn ist ‚Ehrfurcht‘ die Antithese zu ‚Furcht‘. Ehrfurcht ist Einsicht in einen Sinn, der größer ist als wir selbst. Darum ist der Anfang der Ehrfurcht das Staunen und der Anfang der Weisheit die Ehrfurcht“ (Abraham J. Heschel). Das Ich, das lobt, betet sich immer wieder hin zu einem mütterlich-väterlichen Du und bleibt nicht heillos sich selbst ausgeliefert – Gott sei Dank!

15. Sonntag nach Trinitatis (13.09.2026)

Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. (1Petrus 5,7)

Der 1. Petrusbrief redet vollmundig vom Vorbild Jesu für das eigene Leben und Leiden über die Bedeutung der Gemeinschaft in der Fremde bis hin zu den praktischen Fragen des Glaubens in unsicheren Zeiten. Zweifel, Ängste, zermürbende Gedanken können sich zu einem übergroßen Sorgenberg anhäufen. Endlose Schleifen, wie alles weitergehen wird, auch in unseren Kirchen, manchmal unaussprechliche Abgründe. Dann sind da die Menschen aus meinem persönlichen Umfeld, um die ich mich sorge. Und die Welt, die uns anvertraut ist mit ihrer Schönheit und ihrer Zerbrechlichkeit, mit ihren Spuren der Liebe und ihren kaltschnäuzigen Fratzen der Gewalt. „Alle Sorge“ auf Gott zu werfen – was für ein Gott könnte das aushalten? Am Ende ändert sich doch eh nichts. Ich liege Gott in den Ohren und komme mir selbst peinlich vor. Anerkennend, dass Gott sich nicht um alles und jedes kümmern kann, stelle ich mir vor, wie Gott sich dennoch bewerfen lässt mit meinen Sorgen. Wo immer der Ballast auch landen mag – manchmal wird „es“ bei mir leichter. Im intimen Zwiegespräch der eigenen Seele mit Gott entlaste ich mich von der Letztverantwortung und bleibe doch „nüchtern und wachsam“ (V. 8) im Wissen darum, dass Beten und Handeln zusammengehören.
Menschen aus der Telefonseelsorge oder den Beratungsstellen, aus den Besuchsdiensten und den Beichtstühlen kennen das Phänomen der sogenannten „Entlastungsgespräche“. Depression braucht Expression (Edith Eger). Wie gut es tut, wenn meine Sorgen auf ein offenes Ohr treffen. Entlastung einerseits und Verantwortungsübernahme andererseits sind dann wie zwei Seiten einer Medaille: Was kann ich lassen? Und was genau ist meine Aufgabe? Das Sorgen-Werfen ist mehr als Psychohygiene. Es ist ein täglicher Akt des ernsthaften Gebets, eine Entscheidung, eine Priorisierung, ein entlastender Kraft-Akt. Gerade auch für alle, die in den Kirchen Verantwortung tragen. Ein Versuch ist es wert.

16. Sonntag nach Trinitatis (20.09.2026)

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. (2Timotheus 1,10b)

Österliche Klänge: das Leben und ein unvergängliches Wesen. Der Tod: entmachtet. Ein Lichtstrahl göttlicher Güte. Mich interessiert das „unvergängliche Wesen“. Nur bei Martin Luther findet sich diese Wendung. Das unvergängliche Wesen, von dem der Apostel hier so vollmundig redet, beinhaltet Licht und Klarheit. In mir klingt das Pfingstlied: „O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein“ (EG 136,1). So will ich singen und bitten: Im Geist des Jesus von Nazareth, des Messias, des Gekreuzigten und Auferweckten, mögen sich Licht und Klarheit ausbreiten – in mir und an allen Orten, wo Menschen sich auf diese Wahrheit hin ausrichten. Das „unvergängliche Wesen“, wie Martin Luther hier übersetzt hat, ist offensichtlich die Gegenkraft zur tödlichen Maschinerie aus Lügen, Gleichgültigkeit und offener Gewalt. Das „unvergängliche Wesen“ ist eine Sache des Glaubens, eine Wirklichkeit hinter den „Wahrheiten“ unserer Tage. Weil einer den Tod entmachtet hat, nicht zuerst für das Jenseits, sondern für jetzt und hier, kann ich mich – freilich nur immer wieder stotternd, wagend, zögernd – hier und jetzt schon dem Vergänglichen aussetzen. Den Tod ernst nehmen. Und ihn zugleich heilsam relativeren. In der kühnen Perspektive des Glaubens scheint ein unvergängliches Wesen auf wie ein geheimnisvolles Hologramm. Es durchdringt die todbringenden Mächte, Stimmen und Stimmungen. Singend und betend nähern wir uns dem Geheimnis: „Komm zu uns, werter Tröster, und mach uns unverzagt“ (EG 136,2).

17. Sonntag nach Trinitatis (27.09.2026)

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1Johannes 5,4c)

„Mit meinem Gott kann ich Wälle zerschlagen, mit meinem Gott über Mauern springen!“ (Psalm 18,30) Wie habe ich als Kind dieses Lied geliebt. Ich gehörte eher selten zu den Siegertypen. Bis heute sind mir Wettkämpfe und Siegertreppchen – im Sport wie in der Kirche – ziemlich egal. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, waren es Geschichten von Abraham und Sarah, von David und Goliath, von Paulus und Silas, die mich inspiriert haben. Immer wieder diese subtile Kraft: Glaube macht Mut. Und dann diese Unabhängigkeit, diese Souveränität, die aus solchen Zeilen klingt: Unser Glaube – der Sieg!
Dann kam die Zeit als junger Erwachsener, wo ich vor Glaubenskraft kaum laufen konnte und in meiner Arroganz jene bemitleidete, die nicht glauben konnten wie ich … Das Siegergefühl kam allerdings kräftig ins Wanken, als sich mein Verstand mit weiterführenden theologischen Fragen befasste, kritisches Denken und Glauben ins Gespräch kamen miteinander. Plötzlich keine Siegesgewissheit mehr. Nach und nach lernte ich, den Zweifel zu lieben und mit Martin Luther die Anfechtungen anzunehmen. „Wer immer weiß / zu welchem Gott er betet / wird nie erhört“ (Erich Fried). Unser Vertrauen ist eine leise, stille, manchmal ohnmächtige Kraft mitten in einer lauten, polternden Welt voller Machtspielchen und Gewalt. Der Glaube ruft mich heraus, Verantwortung zu übernehmen und mich zu entscheiden – gegen den Mainstream, aber immer wieder mit dem Rückenwind der Apostel und der Heiligen. Da lege ich ein anderes, neues Koordinatensystem auf die Welt und mein kleines Leben. Und entdecke unbekannte Gegenden meiner Seele und dieser Welt. In gemischten Allianzen schmiede ich neue Pläne, wie wir unseren Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen könnten. Obwohl ich ahne, dass die Aufgabe zu groß ist für uns alle. „Nur noch ein Gott kann uns retten“ (Martin Heidegger). Unser Glaube – für mich jedenfalls die Kraft, weiterzugehen, weiterzukämpfen gegen die Goliaths dieser Zeit. Mit dem Mut, der aus dem Singen und Beten, aus der Stille und dem Tun des Gerechten erwächst. Mit Vertrauen. Mit dem Wagnis des Glaubens.

Anzeige: Fundamental Things. Über Vernunft, Moral und Empathie – Was es bedeutet, Mensch zu sein. Von Joachim Bauer
Pastoralblätter-Hefte

Die Pastoralblätter im Abo

Gottesdienste komplett und fundiert vorbereiten.

Zum Kennenlernen: 2 Ausgaben gratis

Jetzt gratis testen