Den Buchstaben durchstoßen: Thomas Merton, die Psalmen und das kontemplative Gebet

Die Psalmen bilden die Grundmelodie des monastischen Gebetslebens. Doch recht verstanden und kontemplativ erschlossen sollten sie das Leben jedes Christen und jeder Christin durchdringen. Denn Mystik ist - dem Trappisten Thomas Merton zufolge - keine Sache nur für spirituell Hochbegabte.

Aufgeschlagene Bibel
© Foto von Aaron Burden auf Unsplash

Die Jean Daniélou gewidmete Schrift von Thomas Merton (1915-1968) "Brot in der Wüste. Die Psalmen als Weg zur Kontemplation" (München, 2013), deren Titel im amerikanischen Original einfach "Bread in the Wilderness" lautet und im Jahre 1954 erstmals erschienen ist, versteht sich als eine Anleitung zum kontemplativen Verständnis der Psalmen. Warum, so fragt Bernardin Schellenberger, der Übersetzer und Herausgeber dieser Schrift, kommt ausgerechnet ein evangelischer Verlag darauf, "ein Buch aus dem spürbar konservativen katholischen Milieu der 1950er Jahre, das ursprünglich für Mönche geschrieben wurde, neu aufzulegen" (10)?

Die Frage führt uns zum Autor, der seit über einem halben Jahrhundert zu den bekanntesten und meistgelesenen geistlichen Schriftstellern gehört. In seiner Einführung schreibt Schellenberger:

"Der Trappistenmönch Thomas Merton war ein Katholik, der die Tradition seiner Kirche in einer derartigen Tiefe auslotete, dass er auf das allen Konfessionen und Denominationen gemeinsame Grundwasser stieß und daraus schöpfte. Alle christlichen Richtungen laufen ja Gefahr, nicht bis auf dieses tiefe Grundwasser vorzustoßen und aus ihm zu trinken. Das ist die tiefste Ursache dafür, dass sie einander in vielen Dingen fremd oder zumindest sehr eigenartig vorkommen. Wenn aber irgendwo einer tief genug ansetzt, bereichert er alle und hilft ihnen, sich selbst und ihr Ziel – also letztlich Gott – etwas besser zu verstehen und zu verfolgen." (10)

Werden, was wir sind

Mit seiner Schrift versucht Thomas Merton ein Problem zu beheben, das sich wie folgt beschreiben lässt: Die Trappisten wie alle übrigen Ordensleute sind dazu verpflichtet, über den Tag verteilt zu den jeweiligen Gebetszeiten die Psalmen zu beten. Diese Übung wurde zur damaligen Zeit jedoch nicht als ein Weg zur Kontemplation verstanden. Mertons Anliegen besteht darin, die kontemplative Dimension nicht nur des monastischen, sondern des christlichen Lebens überhaupt wieder zu erschließen. Beginnend mit seiner berühmten, in viele Sprachen übersetzten Autobiographie "The Seven Storey Mountain", erschienen im Jahre 1948, widmete er sich in zahlreichen Schriften diesem Anliegen.

Die paradoxale Struktur christlicher Mystik wird bei Merton nicht mit erhabenen Worten glattgebügelt. Er könnte mit der konventionellen Aussage beginnen, das Psalmengebet sei ein wesentliches Merkmal des monastischen Lebens. Doch eine solche Auskunft, so Merton, führt in die Irre: "Wollten wir sagen, der Hauptzweck des Mönchslebens sei das Singen von Psalmen, würden wir bestimmt bei einer völlig falschen Vorstellung vom Mönchsleben landen" (26). Der Mönch geht ins Kloster, um Gott zu suchen. Jeder Mensch, so Merton, sucht Gott, ob er es weiß oder nicht. Und jetzt kommt einer der typischen Merton-Sätze: Wer aufgrund des Satzes "Jeder Mensch sucht Gott", meint, er müsse Gott suchen, täuscht sich. Er hat ihn bereits gefunden, nur weiß er nicht darum. Gott ist nicht irgendwo außerhalb, so dass man ihn suchen müsste. Er ist in uns und wir sind in ihm. Nur ist uns das nicht bewusst. Das ist das Problem, das es zu beheben gilt. Als Beleg für die Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift zitiert Merton aus der Areopagrede des Apostels Paulus: "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17,28).

Die Psalmen sind eine Hilfe, das zu werden, was wir bereits sind:

"Der einzige Weg, auf dem wir schließlich zur Erfahrung dieser Wirklichkeiten vorstoßen können, die für unser Dasein als Mönche ganz grundlegend sind, ist der, dass wir damit aufhören, über sie zu reden und sie stattdessen wahr werden lassen, indem wir sie konkret mittels der Verwirklichung unserer kontemplativen Berufung leben" (26).

Es geht um die Realisation dessen, was wir bereits sind. Unser wahres Selbst ist verschattet. Es sehnt sich danach, freigelegt zu werden. Die Rezitation der Psalmen ist eine Übung, die uns dabei hilft. Psalmen sind "Schritte zur Kontemplation" (31). Sie sind allerdings nicht dazu da,

"Kontemplation zu 'produzieren' […] In manchen Klöstern, in denen man diese Wahrheit nicht klar erfasst hat, führt das in endlose Frustration. Neulinge im kontemplativen Leben vertreten dann die Auffassung, das 'Offizium' sei ein 'Hindernis für das kontemplative Gebet' […]. Natürlich steigert sich ihre Frustration nur noch, wenn ihnen Asketen erklären, man müsse das Offizium einfach nur als Form der Buße auf sich nehmen" (29f).

Was Merton vom Mönch sagt, gilt mutatis mutandis von jedem Menschen. Wie kaum ein anderer betont Merton, dass Mystik eine Sache für jedermann und nicht nur für "spirituell Hochbegabte" ist. Bereits die Eingangsüberlegungen Mertons zeigen, dass zwischen der Rezitation der Psalmen und der Kontemplation eine paradoxale Beziehung besteht: Zur Kontemplation führt das Beten der Psalmen nur, wenn das Gebet in kontemplativer Haltung vollzogen wird, wenn es sich allein auf Gott hin ausrichtet. Psalmen sind also kein Mittel zum Zweck. In der Kontemplation ist die "Um-zu-Struktur" menschlichen Handelns zu lassen. Gott ist allein um seiner selbst willen zu suchen: "Folglich ist es nutzlos, nach irgendeiner geheimen esoterischen 'Methode' der Psalmenrezitation zu suchen, um 'die Kontemplation zu erlangen'" (31).

Verstehen und Nicht-Verstehen

Eine weitere Spannung besteht nach Merton zwischen dem Verstehen und dem Nicht-Verstehen. Die Psalmen in ihrem theologischen Gehalt zu verstehen, heißt noch nicht, in eine kontemplative Haltung hineinzufinden. Es kann sogar zu einem Hindernis werden. Als Hinführung zur Kontemplation praktizieren einige Schulen das Tönen. Dabei werden einfach Töne gesungen, die keine weitere Bedeutung haben. Eine gewisse Ähnlichkeit zu dieser Übung weist der Gregorianische Psalmengesang auf. Wer sich darauf einlässt, wird in die Tiefe geführt, in jene Wirklichkeit, von der die Psalmen sprechen, auch wenn er die Worte – zumal, wenn lateinisch gesungen wird, – gar nicht oder zumindest nicht unmittelbar versteht. Deshalb kann es, wie Merton bemerkt, durchaus hilfreich sein, das Disputieren und Reden über diese Dinge einfach zu lassen und stattdessen in die Übung der Wahrnehmung zu gehen.

Der christliche Glaube ist keine Ritualreligion in dem Sinne, dass Texte einfach nur rezitiert und gar nicht verstanden werden wollen. Lektüre und Rezitation der Schrift zielen darauf ab, sie zu verstehen, genauer: jene Wirklichkeit zu verstehen, auf die sie verweisen

Auf der anderen Seite ist der christliche Glaube aber keine Ritualreligion in dem Sinne, dass Texte einfach nur rezitiert und gar nicht verstanden werden wollen. Die Frage des Philippus "Verstehst du auch, was du liest?" (Apg 8,30) verliert auch in der Kontemplation nichts von ihrer Gültigkeit. Lektüre und Rezitation der Schrift zielen darauf ab, sie zu verstehen, genauer: jene Wirklichkeit zu verstehen, auf die sie verweisen. Es geht um ein Verstehen, das nicht an der Oberfläche haften bleibt, sondern in die Tiefe dringt. Verstehen im theologischen Sinn ist ein zutiefst geistig-geistlicher Prozess. Die Kirchenväter haben diese Spannung mit den beiden Sinnebenen der Heiligen Schrift in Verbindung gebracht.

Die Heilige Schrift weist zwei Ebenen auf: eine literarische und eine mystische. Die beiden Ebenen stehen nicht beziehungslos nebeneinander, sondern sind miteinander verbunden. Wer auf einer rein wörtlichen Ebene der Texte verbleibt, versteht die Schrift nur oberflächlich. Er begnügt sich, wie Hieronymus bei der Auslegung von Ps 1 sagt, mit den Blättern des Baumes, gelangt jedoch nicht zum Genießen seiner Frucht. Nur wer den geistigen Sinn der Schrift erfasst, kann die Frucht genießen, die sie enthält. In diesem Sinne sagt Merton:

"Die Psalmen sind Theologie. Das heißt, sie versetzen uns dank der Zustimmung unseres Glaubens zu Gottes Offenbarung in direkten Kontakt mit Gott. Wegen dieser ihrer theologischen und dynamischen Wirkung sind die Psalmen Schritte zur Kontemplation […] Wenn wir die Psalmen voller Glauben singen, wird Gott sich uns offenbaren. Das ist dann Kontemplation" (30f).

Den Buchstaben durchstoßen

Und weiter heißt es bei Merton:

"Doch obwohl der buchstäbliche Sinn des Psalters zuweilen großartig, zuweilen blutig und manchmal einfach einfühlsam oder auch prosaisch ist, haben die Psalmen in der Praxis seit den ersten Tagen der Kirche die Kontemplation beeinflusst und zusammen mit der übrigen Heiligen Schrift für die katholische Mystik die ständige spirituelle Grundnahrung geliefert. Die Kirchenväter und die kontemplativen Heiligen waren sich stets bewusst, dass ihre tiefste Gotteserfahrung immer irgendwie mit der Liturgie verbunden war und innerlich von den Psalmen abhing. Sie begründeten das zuweilen im Nachhinein damit, dass der wahre Sinn der Psalmen ein verborgener und allegorischer Sinn sei. Dieser wurde zuweilen als der 'mystische' Sinn der Heiligen Schrift bezeichnet. Der buchstäbliche Sinn mit seinen Kämpfen und Siegen, seinem tödlichen Ringen und seinem Moralisieren sei nur die äußere Schale davon. Der 'wahre' Sinn der Psalmen stecke in ihrem inneren Kern, den man freilegen müsse, indem man den 'Buchstaben' durchstoße. Gemäß dieser Betrachtungsweise verpasst man den gesamten Sinn der Psalmen, wenn man sich allein an ihren buchstäblichen Sinn klammert, denn 'der Buchstabe tötet'" (50f).

Entschleierung

Nur wenige Jahre später spricht Joseph Ratzinger in seiner im Jahre 1959 veröffentlichten Habilitationsschrift im Anschluss an den hl. Bonaventura davon, dass Offenbarung, die durch Inspiration geschieht, nur im Durchstoßen des Buchstabens zu erfasst ist. Er zeigt, dass nach Bonaventura

"der Inspirationsvorgang einen Durchstoß durch den mundus sensibilis [die Welt der Sinne, L.S.] auf den mundus intelligibilis [die Welt des Geistes, L.S] einschließt, ja, dass in diesem Durchstoß sein besonderer Rang als Offenbarung (revelatio = Entschleierung!) liegt: […] Denn der heilige Schriftsteller kann seine visio intellectualis [geistige Anschauung, L.S.] nicht in ihrer nackten Geistigkeit weitergeben, er wickelt sie vielmehr in die 'Windeln des Schriftwortes' ein, so dass das, was bei ihm im eigentlichen Sinn die 'Offenbarung' ausmachte, in den von ihm niedergeschriebenen Buchstaben zwar zugänglich wird, aber doch in gewissem Maß hinter den Buchstaben verborgen bleibt und erst erneuter Entschleierung bedarf" (JRGS 2, 519f).
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