Die Ursprünge der christlichen Mystik liegen im Judentum, im griechischen Ideal der Kontemplation und in der Jesusbewegung. Zu einer ersten eindrucksvollen Theologie der Mystik kam es im 3. Jahrhundert bei den alexandrinischen Theologen, insbesondere bei Origenes. Entscheidend für Kontinuität und Präsenz christlicher Mystik bis in die Gegenwart hinein wurde jedoch das frühe Mönchtum, dessen Anfänge im ausgehenden 3. Jahrhundert liegen und das im 4. Jahrhundert zur "größten Jugendbewegung der Antike" (Peter Brown) wurde: "Es war die Institution des Mönchtums, die die mystischen Theorien eines Origenes, eines Augustinus und der anderen frühen lateinischen Mystiker an die kommenden Jahrhunderte weiterreichte" (Bernard McGinn, Die Mystik im Abendland. Bd. 1, Freiburg i. Br. 1994, 196).
Bereits im 2. und 3. Jahrhundert gab es innerhalb der christlichen Gemeinden einzelne und kleine Gruppen von Christen, die asketisch lebten, die Ehelosigkeit, Fasten und intensive Formen des Gebetes praktizierten und weitgehend auf Besitz verzichteten. Gegen Ende des 3. und besonders zu Beginn des 4. Jahrhunderts, nach der sogenannten Konstantinischen Wende, wanderte eine immer größere Zahl von Männern und Frauen aus den Gemeinden aus, um sich in der Einsamkeit der Wüste der Suche nach Gott zu widmen.
Wüste
Besonders deutlich tritt die Bewegung in Ägypten hervor. Die Wüste gilt in der biblischen Überlieferung als Ort der Prüfung und Gottesbegegnung. Als biblische Vorbilder dieser Lebensform wurden Mose, Elija und Johannes der Täufer angesehen und nicht zuletzt Jesus selbst, der sich vor seinem öffentlichen Auftritt in die Wüste zurückzog, um zu fasten und den Versuchungen des Teufels zu widerstehen (Mt 4,1–11). Konstitutives Element der Lebensform dieser Eremiten ("Wüstenbewohner" – ἔρημος heißt "Wüste") waren die Absonderung (Anachorese von ἀναχωρέω "weggehen, sich entfernen") und das damit einhergehende Alleinsein (μοναχός / monachus – μονάζω "für sich allein bleiben"). Formen flacher Gesellung wurden von ihnen als Feind des geistlichen Lebens gemieden. Allerdings kann asketischer Eifer auch zu einer Überforderung führen. Charismatische Autorität steht in der Gefahr, sich gegen berechtigte Kritik zu immunisieren.
Auch in der Einsamkeit bleibt die Beziehung zum Nächsten ein Prüfstein. Wer im Gebet Frieden findet, aber andere verachtet, hat das Ziel verfehlt.
Um diesen Gefahren zu entgehen, trat dem anachoretischen Mönchtum, als dessen Gründer Antonius (ca. 256–356) galt, schon bald das koinobitische Mönchtum, das ebenfalls auf einen ägyptischen Mönch, dem aus heidnischem Elternhaus stammenden Pachomius (ca. 292–346), zurückgeht, an die Seite. Wie der Name sagt, lebten die Koinobiten in der Gemeinschaft (κοινονία), in einem Koinobium (κοινόβιον), einem Kloster. Sie beriefen sich auf das Gemeinschaftsideal der Urkirche, in der die Gläubigen alles gemeinsam hatten und "ein Herz und eine Seele waren" (Apg 4,32–35). So gab es im frühen Mönchtum von Anfang an unterschiedliche Lebensformen: das eremitische Leben, lockere Siedlungen benachbarter Einsiedler sowie das gemeinschaftliche, später durch Regeln geordnete Klosterleben.
Askese
Trotz ihrer äußerlich unterschiedlichen Gestalt teilten beide Lebensformen dasselbe Ideal: das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Die ungeteilte Hingabe an Gott (erstes Gebot) reinigt das Herz und ordnet die Liebe zum Nächsten (zweites Gebot; vgl. Mk 12,18–34). Auch in der Einsamkeit bleibt die Beziehung zum Nächsten ein Prüfstein. Wer im Gebet Frieden findet, aber andere verachtet, hat das Ziel verfehlt. Im Gemeinschaftsleben werden Geduld, Dienst, Vergebung und der Verzicht auf Vorrang täglich eingeübt. Die monastische Mystik ist deshalb nicht einfach individualistisch: Die Echtheit der Gottesbeziehung soll an ihren Früchten in der Liebe erkennbar sein.
Das Mönchtum verstand das Leben als einen geistigen Übungsweg, als Askese (ἄσκησις "Übung"); es deutete diesen Weg im Lichte des Evangeliums: Nicht Selbstvervollkommnung war das Ziel, sondern die Bereitschaft, sich von Gott verwandeln zu lassen. Fasten, Wachen, körperliche Arbeit, Schweigen und Besitzverzicht sollten die Bindung an vergängliche Dinge lösen und zur Haltung innerer Freiheit führen. Deshalb gehört die sorgfältige Wahrnehmung und Unterscheidung der Gedanken (logismoi) und Gefühle zum Kern der geistigen Übung. Es gilt zu prüfen, welche Regungen zu Gott und welche in die Fallen der Dämonen führen. Formen falscher Anhänglichkeiten müssen erkannt und abgeschnitten werden. Nur wer ein reines Herz hat, kann Gott schauen (Mt 5,8).
Schriftmeditation und unablässiges Gebet
Das geistige Leben der frühen Mönche ist zutiefst biblisch. Die Heilige Schrift wird nicht nur studiert, sondern meditiert, im Rhythmus des Atems halblaut rezitiert, durch ständiges Wiederholen memoriert und im Alltag praktiziert. Vor allem die Psalmen strukturieren das Gebet und begleiten die Arbeit. Die Schrift wird zu einer Schule geistiger Wahrnehmung und Verwandlung.
Hier zeigt sich ein wesentliches Merkmal monastischer Mystik: Die Heilige Schrift gilt nicht nur als ein Buch, das von vergangenen Heilstaten Gottes erzählt, sondern als ein Wort, das den Menschen in die Gegenwart Gottes führt und verwandelt.
Das paulinische Gebot "Betet ohne Unterlass!" (1 Thess 5,17) gewinnt grundlegende Bedeutung. Das immerwährende Gebet verbindet sich mit dem Atem und steigt in das Unterbewusstsein hinab. Daraus geht später das Jesusgebet, auch Herzensgebet genannt, hervor: "Herr, Jesus Christus, erbarme dich meiner!" Mit gezielt ausgewählten Worten der Psalmen werden die Angriffe der Dämonen abgewehrt. Wiederkehrende kurze Bibelverse, Psalmengebet, Schweigen und Arbeit greifen ineinander.
Hier zeigt sich ein wesentliches Merkmal monastischer Mystik: Die Heilige Schrift gilt nicht nur als ein Buch, das von vergangenen Heilstaten Gottes erzählt, sondern als ein Wort, das den Menschen in die Gegenwart Gottes führt und verwandelt. Schriftauslegung, Gebet und Lebensführung sind innerlich miteinander verbunden.
Reinigung des Herzens und Kontemplation
Die frühen Mönche vertraten keine einheitliche Theorie außerordentlicher Erfahrungen. Sie sprechen von Gotteserkenntnis, reinem Gebet, innerem Frieden und geistiger Schau (Kontemplation). Ihnen ging es nicht in erster Linie um Visionen und Ekstasen wie in der mittelalterlichen Visionsmystik. Solche Erlebnisse waren zwar auch in ihren Kreisen bekannt, standen jedoch nicht im Zentrum ihres geistigen Lebens. Visionen und Auditionen können auch zu einer Quelle der Selbsttäuschung werden; in jedem Fall bedürfen sie der geistigen Unterscheidung, wenn sie auftreten. Nüchternheit, Demut und Liebe sind die Haltungen, die es einzuüben gilt. Es geht um die ungeteilte Hinwendung zu Gott, in der die Zerstreuung der Gedanken zurücktritt. Daraus kann eine Gotteserkenntnis erwachsen, die über das diskursive Denken hinaus den ganzen Menschen erfasst und verwandelt. Das Besondere dieser Mystik liegt darin, dass die Sammlung des Bewusstseins und die Art der Erkenntnis auf die liebende Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott hin ausgerichtet sind.
Geistliche Begleitung
Im frühen Mönchtum entstanden erste Formen geistlicher Begleitung. Viele, die in den Sorgen des Alltags nicht mehr weiter wussten, spirituell Suchende und Anfänger im geistigen Leben suchten erfahrene "Väter" – und auch einige wenige "Mütter" – auf, erzählten ihnen von ihren Nöten und Sorgen und baten um ein wegweisendes Wort. Auch untereinander tauschten sich die Einsiedler über ihre Erfahrungen aus, besonders an den Sonntagen, wenn sie zum gemeinsamen Gottesdienst zusammenkamen. So entstanden bereits in der Mitte des 4. Jahrhunderts erste Zusammenstellungen von Worten bedeutender Lehrer des geistlichen Lebens, die in den folgenden zwei Jahrhunderten weiter fortgeschrieben, in unterschiedlichen Sammlungen zusammengefasst und geordnet und in alle gängigen Sprachen der damaligen Zeit übersetzt wurden, die sogenannten "Apophthegmata Patrum" ("Aussprüche der Väter"). Daraus sei ein Beispiel zitiert (Erich Schweitzer, Apophthegmata Patrum, Teil II. Die Anonyma, Weisungen der Väter, Bd. 15, Beuron 2011, Nr. 1463):
"Es sagte ein Alter: Wie auf einer begangenen Straße nie Grünes aufgeht, auch nicht, wenn du Samen auswirfst, weil der Ort zertreten wird, so ist es auch mit uns. Ruhe (hesychazo) nach jedem Geschäft, und du wirst Wachsendes sehen, von dem du nicht wusstest, dass es in dir war, weil du darauf herumgegangen bist."
Wer sich auf das Wagnis eines geistigen Weges einlässt, bedarf der Begleitung eines erfahrenen Meisters. Geistliche Erkenntnis wird nicht allein durch private Lektüre, sondern auch durch "Conversatio in Spiritu" ("Gespräch im Geist"), durch Vorbild und gemeinsames Üben vermittelt. Der Ausstieg aus den alltäglichen Formen des "weltlichen" Lebens ist nicht asozial, sondern führt am Ende zu einer tieferen Form von Gemeinschaft, die den "weltlich" Gesinnten in dieser Form nicht möglich ist. Der nach Jahren geistiger Übung gereifte Mönch, der mit Gott und dem Inneren seiner Selbst in Kontakt gekommen ist, kann mit der Seele seiner Mitmenschen eine Verbindung aufnehmen, die diesen selbst gewöhnlich verwehrt ist. Auf diese Weise werden Wege der Heilung eröffnet, die "in der Welt" verschlossen waren. Von den Einsiedlern werden Heilungen überliefert, die an die Wunder Jesu und der Apostel erinnern (vgl. Apg 3,1–11). Die frühen Mönche verstanden ihre Lebensform nicht als einen esoterischen Sonderweg außerhalb der Kirche, sondern als eine authentische Form der Nachfolge Jesu in apostolischer Tradition.
Mystik erscheint hier nicht als esoterisches Sonderwissen, sondern als Vertiefung des Glaubens durch Umkehr, durch Lektüre und Meditation der Schrift, durch Gebet und Arbeit.
Schule der Gottesgegenwart
Das frühe Mönchtum hat die christliche Mystik nicht erfunden. Es greift ältere Impulse aus Bibel und Theologie auf, verbindet sie mit den geistigen Übungen der antiken Philosophie und formt sie zu einer konkreten Lebensform, die zur Quelle einer lebendigen Überlieferung wird, die die Geschichte christlicher Mystik über die Jahrhunderte hin bis in unserer Gegenwart hinein prägt. Aus einer theologisch reflektierten Möglichkeit der Gotteserkenntnis, wie sie exemplarisch bei Origenes anzutreffen ist, wird eine methodisch eingeübte Lebensform, die zunächst allein, später aber vor allem in der Gemeinschaft der Klöster praktiziert wurde. Mystik erscheint hier nicht als esoterisches Sonderwissen, sondern als Vertiefung des Glaubens durch Umkehr, durch Lektüre und Meditation der Schrift, durch Gebet und Arbeit. Das Kloster wird dadurch zu einem bevorzugten, wenngleich keineswegs ausschließlichen Ort christlicher Mystik: zu einer Schule der Gottesgegenwart mitten in den Umbrüchen der Zeit.