Nach Hugo von Sankt Viktor (ca. 1095-1141) vollzieht sich das Verstehen der Heiligen Schrift in einer regelmäßig wiederkehrenden Abfolge von Lesung (lectio) – Meditation (meditatio) – Gebet (oratio) – Handeln (operatio) – Kontemplation (contemplatio) [Studienbuch 5,9]. Die Rezitation der Psalmen wird heute gewöhnlich zur vorkontemplativen Form des Betens gerechnet. Im weiteren Sinn gehören dazu Lesung, Meditation und Gebet. In der lectio liest der Übende die Psalmen mit aufmerksamem Sinn, in der meditatio bedenkt er, was er gelesen hat, und erwägt es in seinem Herzen, in der oratio antwortet er darauf, indem er seine Seele im Gebet zu Gott erhebt. Diese drei Phasen, wenngleich zu unterscheiden, gehen gewöhnlich ineinander über; ihre Abfolge und wechselseitige Durchdringung prägen die Tagzeitenliturgie. Damit steht die Frage im Raum, in welchem Verhältnis das kontemplative Gebet zum Rezitieren der Psalmen steht.
Vom Hören der Psalmen zum kontemplativen Beten
Der Jesuit Michael Schneider hat in seiner grundlegenden Monographie zur Theologie des christlichen Gebets (Würzburg, 2015) auf die hier angesprochene Problematik aufmerksam gemacht. Sie ist eine historisch gewordene. Sie ergab sich aus einem Wandel im Verständnis des Stundengebets, der mit dem 5. und 6. Jahrhundert einsetzte:
"Ursprünglich stellt das auf die Psalmodie folgende stille Gebet das Herzstück des Psalmengebetes dar. Der Beter hört in Ehrfurcht auf die vorgetragenen Psalmen und bemüht sich im stillen Gebet intensiv um die rechte Antwort auf Gottes Wort, indem er bei der 'oratio' seine Anstrengungen verdoppelt, nämlich durch Tränen, Seufzer und Ausstreckung der Hände" (ebd. 311).
Noch zur Zeit des Johannes Cassian (ca. 360-435) wurden die meisten Psalmen solo vorgetragen. Aufmerksam hörte die Gemeinschaft der feierlichen Psalmodie zu und ließ sich mit den Worten der Schrift zum stillen, inneren Gebet hinführen.
Der Verlust der Kontemplation in der Tagzeitenliturgie
So wurde in den ersten Jahrhunderten christlichen Betens die Rezitation der Psalmen als Hinführung zum kontemplativen Gebet verstanden. Im 5. und 6. Jahrhundert setzte ein tiefgreifender Umbruch ein: Die Psalmen wurden im Wechselgesang vorgetragen und das sich ihnen ursprünglich anschließende stille Gebet löste sich auf. Mit der Umstellung der Psalmodie von einer vor einer hörenden Gemeinschaft vorgetragenen Lesung, die in das stille Gebet, die Kontemplation, führen sollte, zu einem von der gesamten Gemeinschaft im Wechselgesang verrichteten "Beten" verschwand das kontemplative Gebet aus der Tagzeitenliturgie:
"Das Hören auf die Psalmen führt nun nicht mehr zur Antwort im stillen Gebet des Einzelnen, sondern zum ununterbrochenen Rezitieren, 'in dem sich die Stimmen des Menschen und die Stimme Gottes zu einem einzigen Stimmengewirr vermischen'. Jetzt hat bereits gebetet, wer den Psalm singt" (ebd. 311; das Zitat im Zitat stammt von A. de Vogüé, Die Regula Benedicti, 176).
Damit setzte eine verhängnisvolle Entwicklung ein. Hörte die Gemeinschaft bisher aufmerksam den vorgetragenen Psalm, um sich anschließend dem stillen Gebet hinzugeben, so wurde nun der im Wechselgesang gesungene Psalm selbst bereits als Gebet verstanden.
Mit dem Verschwinden des kontemplativen Gebets aus dem Stundengebet verdunstete auch das "immerwährende Gebet" im Alltag. Es setzte ein verhängnisvoller Prozess geistiger Säkularisation ein, der zur Krise und zum Verlust des Gebets in der Neuzeit führte: "Der angesprochene Wandel im Verständnis des Stundengebetes", so Michael Schneider, "zeigt sich nicht nur im äußeren Vollzug, auch der Grundinhalt dieses Gebets verändert sich: Es wird als Offizium, als Pflicht und Pensum empfunden, das neben den Tag als eine eigene Gebetsübung tritt und seine ursprüngliche Einheit mit dem unablässigen Gebet des Alltags verliert" (ebd. 312).
Immerwährendes Gebet
Paulus ermahnt die Christen im ersten Brief an die Thessalonicher: "Betet ohne Unterlass!" (5,17). In der frühen Kirche wurde dieses Wort nicht so verstanden, dass immer eine Gruppe von Christen betet, während eine andere in der gleichen Zeit nicht betet, weil sie arbeiten und sich die notwendigen Dinge des Alltags besorgen muss. Dieses verbreitete Missverständnis, so die großen Lehrer des geistlichen Lebens, wird dem Wort des Apostels nicht gerecht. Das Gebot des immerwährenden Gebets gilt auch für die Zeit der Arbeit. Das Beten zu bestimmten Tagzeiten soll von seiner ursprünglichen Intention her nicht das immerwährende Gebet ersetzen, sondern zum immerwährenden Gebet hinführen. Es ist eine Stütze und Erinnerung an das immerwährende Gebet:
"Das regelmäßige Einhalten der Tagzeiten hilft, 'ohne Unterlass' zu beten und ununterbrochen Gebet und Psalmengesang im Herzen zu haben: Die einzelnen Horen [Gebetszeiten] entpflichten also nicht vom unablässigen Gebet, sondern erinnern daran. Erst später, nämlich mit dem schon herausgestellten fundamentalen Wandel im Verständnis des Stundengebetes, wird das Gebetsprogramm der 'Tageszeiten' zu einem Pensum, in dem die einzelnen Gebetszeiten ('Horen') das immerwährende Gebet verdrängen" (ebd. 320).
Damit setzte ein Prozess geistiger Säkularisation ein, der dazu führte, dass das Wort Gottes aus einer in der Gegenwart wirkenden Kraft zu einem Ereignis der Vergangenheit wurde, aus dem dann nur noch die entsprechenden moralischen Konsequenzen für den Alltag zu ziehen sind, worauf dann allerdings auch bald verzichtet werden konnte.
Das Beten in der Stille und das daraus hervorgehende immerwährende Gebet bedürfen allerdings einer methodisch angeleiteten Übung. Wenn diese fehlt, wie das heute in vielen Gemeinden der Fall ist, dann setzt in den wenigen Minuten der Stille eine Unruhe ein, ein Scharren mit den Füßen, ein nervöses Husten, und eine innere Stimme meldet sich zu Wort, die da sagt: "Wann geht es endlich weiter!" So bleibt das Wort Gottes etwas rein Äußerliches und es kann seine Kraft im menschlichen Tun, das doch so sehr der göttlichen Hilfe bedarf, nicht entfalten.