Der Römerbrief lässt schon in den ersten Versen innehalten. Statt des lapidaren römischen Briefformulars X an Y, Gruß oder der erweiterten typisch paulinischen Form Paulus… an…: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, findet sich am Beginn des Römerbriefs ein an die einhundert Worte langer Satz, der sich über die ersten sieben Zeilen des Briefes erstreckt, und Paulus, seine Rolle(n), seinen Auftrag und seine Beziehung zu den Adressaten vorstellt, daneben das Evangelium und Jesus Christus, bis die Adressaten endlich den bekannten paulinischen Gruß lesen.
Über die Anschrift und den in drei Dreierschritten kunstvoll gestalteten Gruß ließe sich problemlos eine ganze Vorlesungsreihe schreiben, doch so viel Zeit hatten weder die römischen Adressaten noch die heutigen digitalen Leser. Daher ist es sinnvoll, eine Schneise in den dichten theologischen Text zu schlagen und zentrale Begriffe und Themen herauszugreifen, die im Laufe des Briefes wiederkehren werden. Einer davon ist Sklave.
Sklave, Apostel und Ausgesonderter
Der Absender Paulus stellt sich in Röm 1,1 nicht zuerst als Apostel vor, sondern als Sklave, und zwar als "Sklave Christi Jesu" oder "Sklave des Messias, Jesus". Erst danach stellt er sich als "berufener Apostel berufen" und "ausgesondert, das Evangelium zu verkünden", vor. Drei Merkmale machen Paulus dieser Selbstvorstellung nach aus: Sklave, Apostel und Ausgesonderter.
Der Begriff Sklave ist im Römischen Reich wie in der ganzen antiken Welt bekannt und braucht keine Erläuterung. Er bezeichnet eine soziale Realität, die in der Antike unhinterfragt hingenommen wird, und für die Menschen des ersten Jahrhunderts so selbstverständlich ist wie der Besitz eines motorisierten fahrbaren Untersatzes für Menschen des 21. Jahrhunderts. Der Vergleich, so ungewöhnlich er sein mag, bringt auf den Punkt, dass Sklaverei den Menschen zur Sache macht: ein Ding, das gekauft, genutzt und wieder verkauft werden kann.
Der Anteil der Sklaven an der Gesamtbevölkerung im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts betrug um die 20-25 %, und Begegnungen mit Sklaven und ihrer Arbeit waren im Alltag völlig normal. Sklaven begegneten in unterschiedlichsten Kontexten vom Hausdiener bis zum Bergwerksarbeiter und vom Landarbeiter bis zum Hausökonom. Sie konnten in öffentlichen Ämtern im Staat ebenso eingesetzt sein wie in Gewerbebetrieben oder Privathaushalten und konnten einer Einzelperson oder als servus publicus einer Stadtgemeinde oder dem Römischen Staat gehören. Es gab bei den Aufgaben keine Grenzen, und antike Sklaven hatten nur eines gemeinsam: dass sie unfrei waren und einem kyrios oder dominus, einem Herrn gehörten, der über sie die völlige Verfügungsgewalt hatte.
Sklave des Gesalbten, Jesus, zu sein, ist das Gegenkonzept und verheißt nicht Sklaverei, sondern Freiheit.
Freiheit statt Sklaverei
Was heißt es nun, wenn Paulus sich als "Sklave des Gesalbten, Jesus", vorstellt? Zum einen lässt er erkennen, dass er nicht frei ist und auf eigene Rechnung arbeitet, sondern einem Herrn untersteht. Damit ist er nicht allein, denn viele, auch seiner Adressaten, sind Sklaven. Doch Paulus wird im Römerbrief noch einen Schritt weiter gehen und den Sklavenbegriff metaphorisch aufladen. Im ersten Satz ist das noch nicht erkennbar, doch es wird nicht lange dauern, bis er die Adressaten damit konfrontiert, dass alle miteinander Sklaven sind – und zwar Sklaven der Sünde. "Sklave des Gesalbten, Jesus", zu sein ist das Gegenkonzept dazu und verheißt nicht Sklaverei, sondern Freiheit. Doch so weit sind wir noch nicht.
Zunächst stellt Paulus sich als einer vor, der einem Herren untersteht. Dieser hat ihn zum "Apostel" oder "Gesandten berufen". Die Formulierung spielt auf sein Berufungserlebnis an, von dem er in Gal 1,15-16 erzählt. Damit kommuniziert er einerseits einen herausgehobenen Status und andererseits eine Abhängigkeit. Wenn Paulus das Evangelium verkündet, ist es nicht sein Privatevangelium, sondern das, was er von Christus empfangen hat. Paulus ist zwar berufen, bleibt aber in Abhängigkeit.
Dass er "ausgesondert" ist, das Evangelium von Gott zu verkünden, ruft prophetische Traditionen auf. In Gal 1,15 spielt er auf Jes 49,1 und Jer 1,5 an und stellt sich damit in die Tradition der großen Schriftpropheten. Wie sie ist er vom Gott Israels für einen speziellen Dienst beiseitegestellt, und darüber hinaus von seinem Gesalbten zum Gesandten berufen. Der apostolische Sonderbotschafter verkündet nun als Sklave die Botschaft, wobei er sich weder aussuchen kann, was er sagt, noch wohin er geht.
Christusglaube ist damit nicht ein kognitives Fürwahrhalten, sondern Beziehungsgeschehen. Es bedeutet nicht einen abstrakten Glauben zu haben, sondern konkretisiert sich in der gesamten Existenz des Menschen.
Christusglaube als Beziehungsgeschehen
Nach der dreistufigen Vorstellung seiner selbst im ersten Vers stellt Paulus seine Botschaft, das Evangelium vor – ebenfalls in drei Stufen als "Evangelium Gottes" (1,1), als "Evangelium von seinem Sohn" (1,3) und als "Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn" (1,4). Auch diese drei Vorstellungen sind auf engstem Raum voller Theologie, die Paulus im Laufe des Briefes entpacken wird: die Vorausverkündigung des Evangeliums in den Schriften Israels, insbesondere der Prophetie, die Botschaft von Jesus in einer zweistufigen Christologie, die Jesus herkunftsgemäß als Davidssohn und qua Auferstehung als Gottessohn und nun als kosmischen Herrscher vorstellt, der wenig verhüllt als Gegenmodell zum Kaiser und als wahrer Herr erscheint, dem Gehorsam zu leisten ist.
Doch bleiben wir beim ersten Satz: Wie umfassend Paulus den Sklavenbegriff denkt, wird mit Seitenblick auf 1 Kor 6,12-20 deutlich. Hier führt Paulus aus, was es heißt zu sagen "Christus ist der Herr" – der Mensch gehört nicht mehr sich selbst, sondern dem Herrn. Das hat weitreichende Folgen: Der Missbrauch des eigenen Leibes wird zum Missbrauch des Leibes Christi, und die Selbstbeherrschung ist kein stoisches Beherrschen der eigenen Triebe, sondern ein Sich-selbst-Übergeben an die Herrschaft Christi. Die Argumentation von Röm 13,12-14 ist damit ebenso vorbereitet, wie die von Röm 1,18-32 – mit einem einzigen Wort.
Christusglaube ist damit nicht ein kognitives Fürwahrhalten, sondern Beziehungsgeschehen. Es bedeutet nicht einen abstrakten Glauben zu haben, sondern konkretisiert sich in der gesamten Existenz des Menschen. Es verleiblicht sich im Gehorsam, in der Unterordnung unter Christus. Mit anderen Worten: Nicht nur der Geist gehört dem Herrn, sondern auch, antik ausgedrückt, das Herz und der ganze Leib.
Das lange Präskript des Römerbriefs ist mehr als nur eine Anrede mit etwas aus dem Ruder gelaufener Selbstvorstellung. Es steckt voller Theologie.
Zwischen Augenhöhe und Belehrung
Paulus stellt den Sklavenbegriff vielleicht auch deswegen an den Anfang, weil er das Charakteristikum bezeichnet, das er mit allen Jesusnachfolgern teilt. Er steht am Beginn einer Argumentation, die zwischen Augenhöhe und Belehrung schwankt. Einerseits ist er "Sklave Christi", wie sie, andererseits hat er "in Christi Namen Charisma und Apostolat empfangen, um Glaubensgehorsam unter allen Völker aufzurichten" (1,5), und auch den römischen Jesusnachfolgern sein Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn zu verkünden.
Die Adressaten werden zunächst als "von Jesus Christus Berufene" (1,6) angesprochen und stehen damit auf Augenhöhe, denn auch Paulus ist "berufen" (1,1). In seinem Brief wendet Paulus sich nicht an eine (oder mehrere) Gemeinde(n), sondern "an alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen" (1,7). Die Anrede verortet sie wiederum heilsgeschichtlich mit ihm auf Augenhöhe: "geliebt, berufen, heilig" sind nach Dtn 7,6-8; Hos 11,1; Ps 60 und Lev 19,2 Attribute des Gottesvolkes, dessen Teil Paulus und die römischen Jesusnachfolger sind. Erwählung und Bundesgedanke bleiben bestehen.
Das lange Präskript des Römerbriefs ist mehr als nur eine Anrede mit etwas aus dem Ruder gelaufener Selbstvorstellung. Es steckt voller Theologie. Die erste Zeile erschließt sich aus der Kenntnis des gesamten Briefes nicht nur als programmatische Aussage, sondern als Bekenntnis: Jesus ist der Gesalbte und mein Herr. Ich gehöre weder mir selbst noch – wie sich später zeigen wird – der Sünde, sondern ihm allein.