Die Guten und die Bösen?: Über die Versuchung, die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte zu teilen

Ob im Nahostkonflikt oder bei sozialer Ungleichheit: Linke Denkmuster betonen strukturelle Ursachen des Bösen und blenden dabei oft die Verantwortung des Einzelnen aus. Warum diese Sicht zu kurz greift und den Frieden erschwert.

Johannes Hartl
© Rudi Töws

Warum eigentlich steht die Linke so fest an der Seite der Palästinenser? Und was hat dieses Thema mit anderen linken Themen wie sozialer Ungleichheit oder bezahlbaren Mieten zu tun? Leiden und Benachteiligung wecken in uns eine empathische Reaktion. Man möchte sich an die Seite der Unterdrückten stellen. Schockierende Bilder und reißerische Grafiken helfen dabei. Auf diese emotional verständliche Reaktion folgt die Annahme: "Hier gibt es eine Opfergruppe und eine Tätergruppe" und "die einen sind Unterdrücker, die anderen Unterdrückte".

Genau das stellt einen typischen Kerngedanken linker Analyse dar. Bei Karl Marx waren es die reichen Unternehmer, die die armen Proletarier ausbeuteten. Nach dem selben Muster ist es verführerisch, die Israelis als militärische Übermacht zu sehen, die Palästinenser unterdrückt.

Aus dem zutreffenden Befund realen Leidens wird gefolgert, dass es hier eindeutig Täter und Opfer gebe.

Oder auch in ganz anderen Bereichen: Vermieter, die Mieter auspressen, Superreiche, die auf Kosten der Ärmeren leben, Kolonialmächte, die andere Länder ausbeuten. Immer ähnelt sich das Muster. Aus dem zutreffenden Befund realen Leidens wird gefolgert, dass es hier eindeutig Täter und Opfer gebe. Freilich gibt es nirgends unter Menschen eine eindeutige Opfer- oder eine eindeutige Tätergruppe, auch wenn das einfach wäre.

Die unterschätzte Verantwortung des Einzelnen

Es gibt in all den angesprochenen Themen keine eindeutige Tätergruppe: Es gibt Reiche, die Armen ausbeuten. Und es gibt Reiche, die mit ihrem Reichtum viel Gutes tun und Arbeitsplätze schaffen. Es gibt fanatische und aggressive Israelis und solche, die gegen Netanyahu und für eine Zwei-Staaten-Lösung sind. In der Kolonialgeschichte gab es Ausbeutung und Rassismus, doch auch viel humanitäre Hilfe. Es gab Weiße, die Sklaven hielten und andere Weiße, die gegen den transatlantischen Sklavenhandel waren und diesen erfolgreich abgeschafft haben.

Es gibt auch keine eindeutige Opfergruppe: Palästinensische Clans kämpfen untereinander, viele Palästinenser leiden unter der Hamas. Es gibt Rassismus auch außerhalb Europas, z.B. in Indien oder China. Es gab Sklavenhandel innerhalb Afrikas: manche Volksgruppen haben mit Sklaven anderer Volksgruppen gehandelt, lange bevor die Kolonialisierung begann. Es gibt Arme, die andere Arme ausbeuten. Auch das ist die Geschichte aller Revolutionen: Sobald die ehemals Unterdrückten an die Macht kamen, wurde auch die neue Führungsriege korrupt und unterdrückte andere… "Die Guten" und "die Bösen" gibt es nämlich nicht.

Eine Sicht auf die Welt, die die Menschheit in Täter und Opfer einteilt und die Geschichte als Kampf zwischen diesen Gruppen liest, wird automatisch Rachegefühle erzeugen.

Nur weil jemand Diskriminierung und Gewalt erlebt hat, bedeutet das noch lange nicht, dass er oder sie selbst ein schuldloser und gerechter Mensch wäre. 

Das Böse kommt aus dem Herzen des Menschen und jeder Mensch ist anfällig dafür. Das Problem linker Analyse ist, die strukturellen Ursachen des Bösen zu überschätzen und die Verantwortung des Einzelnen dabei zu unterschätzen. (Spiegelbildlich gibt es bei der anderen politischen Seite das exakt gegenteilige Problem.)

Frieden entsteht durch Kooperation, nicht durch Rache

Nicht jedes Leid der Welt kommt durch Ungleichheit. 

Eine Gesellschaft, die möglichst viel Chancengleichheit bietet, ist erstrebenswert. Diskriminierung ist wirklich ein Problem. 

Doch auch in einer komplett chancengleichen Gesellschaft wird es zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Weil Menschen unterschiedlich sind. Unterschiedlich fleißig, untschiedlich begabt, unterschiedlich motiviert, charakterlich unterschiedlich. Nicht jede Ungleichheit ist schon Ungerechtigkeit. Eine Sicht auf die Welt, die die Menschheit in Täter und Opfer einteilt und die Geschichte als Kampf zwischen diesen Gruppen liest, wird automatisch Rachegefühle erzeugen. Friede zwischen Menschen entsteht aber nicht durch Rache, bewaffneten Kampf und Umsturz, sondern durch Kooperation.

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