Dänische Trendwende?Wie junge Menschen Alternativen zum areligiösen Mainstream suchen

Neue Studien aus Dänemark zeigen eine überraschende Entwicklung: Vor allem junge Männer interessieren sich wieder stärker für Glauben, Bibel und Kirche. Was steckt hinter dieser religiösen Trendwende? Und gibt es einen Zusammenhang mit dem politischen Rechtsruck?

Mann mit zum Gebet gefalteten Händen
© Foto von Ben White auf Unsplash

Die Sonne strahlt und die Stimmung ist bestens. Rund 6.000 Besucher sind zur diesjährigen "Sommeroase" gekommen, einem christlichen Festival in Dänemark, das von dem Netzwerk charismatischer ausgerichteter evangelischer Kirchen veranstaltet wird. Auffallend viele Familien sind unter ihnen, rund 1.600 Kinder und Jugendliche.

Als Sprecher werde ich im Vorfeld von einer Reporterin der größten christlichen Zeitung des Landes interviewt. Die Katholikin mittleren Alters ist kreativ gekleidet, ihre Fingernägel sind in verschiedenen Farben lackiert. Sie berichtet, dass jüngst immer mehr junge Männer in ihre Kirchgemeinde kommen. Auffallend und irgendwie irritierend sei jedoch, dass diese sich allesamt zu einem sehr konservativen Katholizismus hingezogen fühlen. Auf der Konferenz angekommen treffe ich hinter der Bühne mit dem Sprecher zusammen, der nach mir im Programm steht. Er ist Soziologe und wird die Ergebnisse seiner soeben erschienenen Studie zur Religiosität junger Dänen vorstellen; ich bekomme eine private Vorabinformation.

Spektakuläre Statistik

Die gefundenen Zahlen sind nicht weniger als spektakulär. 56,6 % aller junger Männer sagen, dass sie an Gott oder eine höhere Macht glauben. Diese Zahl ist bedeutend höher als die für junge Frauen (44,7 %) und die Gesamtbevölkerung (39,7 %). Genau diese Beobachtung zieht sich durch alle weiteren Fragen: junge Männer sagen bedeutend öfter (36 %), dass Religion ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags ist als junge Frauen (16,8 %). Ihr Interesse an der Bibel ist mit 45,7 % außerordentlich hoch, während das mit 21,8 % nur für deutlich weniger Dänen insgesamt zutrifft. 21 % der jungen Männer, doch nur 6 % der jungen Frauen lesen die Bibel regelmäßig.

Noch erstaunlicher wird es beim Kirchenbesuch: 33,8 % der jungen Männer geben an, im letzten Monat einen Gottesdienst besucht zu haben (Hochzeiten und Beerdigungen nicht eingerechnet). Diese Zahl ist seit der letzten vergleichbaren Erhebung sprunghaft gestiegen und sie ist wiederum signifikant höher als die für junge Frauen und die Gesamtbevölkerung. 31,2% der jungen Männer berichten von einem geistlichen Erlebnis, das sie stark verändert habe, doch nur 16,4 % aller Dänen tun das ebenso.

Es gibt tatsächlich eine Trendwende hin zu mehr Religiosität unter ausgerechnet jungen Männern. Über die genauen Gründe hierfür kann nur gemutmaßt werden. Auffällig ist jedoch, dass größere kulturelle Trendwenden oft von jungen Männern ausgelöst wurden: zum Besseren und zum Schlechteren. 

Nach Großbritannien und Frankreich ist der Begriff quiet revival nun auch in Dänemark in aller Munde. Vorausgesehen hatte dieser Trend keiner. Dass fortschreitende Säkularisierung ein Trend ohne Wiederkehr sei, wurde über lange Zeit hinweg als fraglos vorausgesetzt (und wird es nicht selten noch heute). Gerade die skandinavischen Länder galten als exemplarisch für diese Entwicklung. Wenn Leute noch religiös sind und in die Kirche gehen, dann sind es eher Frauen älteren Semesters, so möchte man meinen. Und für die "Bestandskunden" der verfassten Kirchen gilt das auch mehrheitlich.

Trendumkehr zu mehr Religiosität

Umso erstaunlicher aber sind die neuen Zahlen: Es gibt tatsächlich eine Trendwende hin zu mehr Religiosität unter ausgerechnet jungen Männern. Über die genauen Gründe hierfür kann nur gemutmaßt werden. Auffällig ist jedoch, dass größere kulturelle Trendwenden oft von jungen Männern ausgelöst wurden: zum Besseren und zum Schlechteren. Die Hippies und die Punks waren überwiegend junge Männer, ebenso die Kommunisten und die Nazis. Freilich waren nicht alle Männer Teil dieser Bewegung. Es waren unzufriedene, nonkonformistische, vielleicht gar frustrierte und aggressive junge Männer, die gegen den herrschenden Status quo rebellierten.

Ja, es gibt auch einen politischen Rechtsrutsch unter jungen Männern. Doch weder denken alle neu religiös Interessierten politisch rechts, noch sind alle Rechten offen für den Glauben.

Die Reporterin, die mich interviewte, war irritiert davon, wie anders die jungen Männer waren, die in ihre Gemeinde kamen. Anders eben als sie selbst und ihre Generation. Ja: wenn der Mainstream säkular, politisch links und wertliberal ist, dann gibt es einen kulturellen Pendelausschlag dagegen. Ist jemand mit dem Ist-Zustand unzufrieden, wird er nach Alternativen suchen. Manche werden sich hier politischen Gruppen zuwenden, andere dagegen gehen auf die spirituelle Suche. Dass es auch Entwicklungen geben kann, in denen das Politische und Religiöse Hand in Hand gehen, sollte nicht zu vorschnellen Urteilen verleiten.

Ja, es gibt auch einen politischen Rechtsrutsch unter jungen Männern. Doch weder denken alle neu religiös Interessierten politisch rechts, noch sind alle Rechten offen für den Glauben (davon kann tatsächlich keine Rede sein). Es gilt, die bisweilen gleichzeitig auftretenden Phänomene also nicht als dasselbe zu verwechseln. Gemein hat beides den Wunsch nach einer Alternative zu dem, was der empfundene Mainstream vorgibt. Für diese Art von Nonkonformismus scheinen junge Männer empfänglicher als andere Bevölkerungsgruppen. Wir leben in spannenden Zeiten.

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