Pēteris Vasks, geboren 1946 in Lettland, gehört heute zu den meistgespielten zeitgenössischen Komponisten geistlicher Musik. Für sein umfangreiches und vielfach ausgezeichnetes Musikschaffen erhielt er 2022 den «Preis der Europäischen Kirchenmusik» sowie den «Opus Klassik»-Preis als «Komponist des Jahres». Seine Musik klingt konsonant und gesanglich, sie zeugt von Vasks Anliegen, durch die Musik die Herzen der Menschen zu berühren.
Am Telefon erzählte Herr Vasks, der heute in Lettland lebt, in einfachen, sehr herzlichen und persönlichen Worten von seinem Werdegang, seinem Aufwachsen im kommunistischen Lettland zwischen Freiheitsdrang und Repressalien des Sowjetregimes, vor allem aber von dem Anliegen seiner Musik: Harmonie und Frieden, Glaube, Hoffnung und Liebe zu verbreiten. Zu seinem Orchesterwerk Credo (2009) schrieb er: «Ich glaube, dass jedes mit Herzblut geschriebene Tonwerk unsere Welt erhellen kann. Ich glaube an die geistige Vertikale und werde davon in jedem Musikwerk bis zu meinem letzten Atemzug erzählen.»
Dorothee Bauer: Herr Vasks, Ihre Kindheit in einem lettischen Pfarrhaus war bestimmt von Musik und Religion, aber auch den schwierigen Lebensbedingungen unter der Sowjetherrschaft. Wie prägend war diese Zeit für Ihren Werdegang als Komponist?
Pēteris Vasks: Ich wurde 1946 in Aizpute geboren, einer kleinen Stadt in Lettland, 200 km von Riga entfernt. Mein Vater war baptistischer Pfarrer und damit ein «Staatsfeind». Meine Mutter war Ärztin, sie hatte eine sehr schöne Stimme. Musik war die ganze Zeit in unserem Haus, gehörte zu unserem Leben. Es gab viel Musik in unserer Familie und in der Kirche. Vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam die Rote Armee. Viele Leute versuchten, in den Westen zu fliehen. Ich habe keine guten Erinnerungen an diese Zeit.
Mein Vater und meine Mutter hatten, noch vor meiner Geburt, die Möglichkeit, in den Westen zu fliehen. Doch mein Vater sagte, er kann nicht, er wollte seine Gemeinde nicht verlieren, besonders in dieser Zeit kann er seine Heimat, sein Vaterland nicht zurücklassen... Es kam eine schwere Zeit, aber wir haben sie überlebt.
Wir wohnten gegenüber der Musikschule. Meine Eltern bemerkten mein großes Interesse für die Musik. Daher ging mein Vater mit mir zur Musikschule und ich lernte als erstes Instrument die Geige. Schon früh versuchte ich eine erste Komposition, ein Stück für zwei Violinen, es hatte nur sieben Takte! Doch langsam komponierte ich mehr. Am Anfang hatte ich eine Art Komplex, ich schrieb nur für mich, sehr persönlich, es war wie ein klingendes Tagebuch…
Bauer: Sie studierten Kontrabass bei Vytautas Sereika zunächst im Nachbarland am Litauischen Konservatorium in Vilnius und spielten in verschiedenen namhaften Orchestern. Von 1973 bis 1978 folgte das Kompositionsstudium bei Valentin Utkin an der lettischen Musikakademie in Riga…
Vasks: In Riga, unserer Hauptstadt, lernte ich an der Musikschule Kontrabass. Schon im Alter von 16 Jahren begann ich, in der Nationaloper Kontrabass zu spielen. Ich wollte weiterstudieren an der Musikhochschule in Riga, aber die kommunistischen Mächte sahen meine Biografie und sagten: Du bist kein kommunistischer Mann, du darfst nicht bei uns studieren. Das war ein großer Schock für mich!
Zum Glück hörte ich davon, dass im Nachbarland, am Litauischen Konservatorium in Vilnius, die Aufnahmeprüfung etwas später stattfand. Ich ging dorthin und man sagte mir: «Bitte, kommen Sie zu uns studieren!» So studierte ich Kontrabass und spielte unter anderem im Philharmonischen Orchester von Litauen. Zugleich komponierte ich, vor allem geistliche Chorwerke, für den Chor meines Vaters, später den Chor von Riga.
Doch ich verstand, dass in kommunistischer Zeit die Musik eines Komponisten nicht gespielt wird, wenn er kein Diplom hat. Also versuchte ich wieder in Riga Komposition zu studieren und bekam schließlich mein Komponistendiplom. Ich komponierte, zuerst für Freunde und Kollegen Kammermusik, Orchesterstücke, und langsam wurde ich ein professioneller Komponist.
Bauer: Wie kam es, dass Ihre Musik im Westen bekannt wurde?
Vasks: Der Schott-Verlag hat Ende der 1980er Jahre meine Musik entdeckt. Als Gorbatschow dieses verrückte sozialistische Regime reformieren wollte und es ein bisschen mehr Freiheit gab, kamen Leute vom Schott-Verlag nach Moskau. Der Verlag wollte einige sogenannte «sowjetische Komponisten» kennenlernen und entdeckte dabei auch mein 2. Streichquartett. Als sie mit mir Kontakt aufnehmen wollten, hieß es in Moskau, man kenne die Adresse dieses lettischen Komponisten nicht. Trotzdem fanden die Leute vom Schott-Verlag ein Jahr später meine Adresse und riefen mich an. Das war zu der Zeit, als das Sowjetregime am Ende war, es war schon möglich nach Europa, in die kapitalistischen Länder zu fahren. Zuvor hatten wir wie in einem großen Gefängnis gelebt. Ich reiste also nach Ostberlin genau zu der Zeit, als die Mauer fiel. «Kommen Sie zu uns», sagte der Verlag. So kaufte ich eine Fahrkarte und fuhr nach Mainz. Dort wurde mir angeboten, für den Verlag zu arbeiten. Seit 1990 bin ich «Schott-Komponist», daher wurde meine Musik auch im Westen immer mehr bekannt.
Bauer:«Die spirituelle Kraft Ihrer Musik war wichtig für die Freiheitsbewegung in den baltischen Staaten», hieß es in der Preisverleihung zum Preis der Europäischen Kirchenmusik. Schon als Jugendlicher komponierten Sie ein Freiheitslied. Ihr erstes Bläserquintett aus dem Jahr 1977 trägt den sehnsuchtsvollen Titel Musik für wegziehende Vögel. Zwischen 1987 und 1991 beteiligten Sie sich an der «singenden Revolution», Ihre Sinfonie Stimmen (1991) spiegelt ein Stück Zeitgeschichte, den Fall des Eisernen Vorhangs. Ihre Musik wurde für viele zum Symbol des gewaltlosen Widerstands und des Ringens um politische Unabhängigkeit. Wie erlebten Sie diese Zeit als Komponist zwischen Repressalien und Freiheitsdrang?
Vasks: Die Zeitgeschichte hat mich sehr geprägt. Alles wurde von der sowjetischen Kulturbehörde kontrolliert, jeder Text, jedes Gedicht, das vertont wurde. Aber ich war frei, denn ich schrieb überwiegend instrumentale Musik. Sehen Sie: Mein Cantabile für Streichorchester (1979) handelt von Liebe und Idealismus. Ebenso meine Botschaft für Streichorchester, Schlagzeug und zwei Klaviere (1982). Diese Werke sind in einer Zeit großer Konflikte entstanden. Aber die Musik habe ich immer verstanden als einen Weg zu Freiheit und Liebe. Mein Geist war frei. Natürlich hat der Sowjetkommunismus viele Menschen zerbrochen. Ich überlebte trotz allem.
Und dann kam die Freiheit – auch mit ihren Problemen: Viele Menschen waren Gehorsam gewohnt, waren überfordert von der Freiheit und dem Reichtum.
Bauer: Kommen wir von der zeitgeschichtlichen zur geistlichen Dimension Ihrer Musik. Gibt es in Ihrer Musik einen Unterschied zwischen geistlichen und weltlichen Werken, zwischen textgebundener und instrumentaler Musik?
Vasks: Nein, auch die instrumentale Musik kommt aus meinem tiefen Glauben und der Liebe. Da ist kein Unterschied zwischen Werken mit geistlichen Texten und Instrumentalstücken. Ich möchte durch die Musik einen Weg zur Liebe und zum Licht zeigen. Das ist mein Ziel. Warum sonst sollte ich überhaupt komponieren? Vielleicht ist das ein wenig idealistisch…
Bauer: Sie haben einmal gesagt: «Ich mache als Komponist dasselbe wie mein Vater als Pastor gemacht hat. Ich predige in Musik.» Was predigen Sie den Menschen?
Vasks: Mein Vater war ein leidenschaftlicher Prediger. Ich habe das übernommen, auch in meiner Musik. Zwei Dinge sind wichtig: die Stille und das innere Feuer. Von dieser Kombination lebt die Musik. Zum einen die Leidenschaft und das Kämpfen gegen Aggressivität und Materialismus in der Gesellschaft, die uns zerstören. Zum anderen die Stille. Die Stille findet sich in vielen meiner Werke.
Bauer: In Ihrer geistlichen Musik verbindet sich die Tradition Lettlands mit der der lateinischen Kirchenmusik. Sie haben das lateinische Mess-Ordinarium vertont, aber auch lettische, englische, deutsche Texte…
Vasks: Ich habe viele geistliche Werke in lettischer Sprache komponiert. Bis heute komponiere ich auch in lateinischer Sprache. Die Komponisten haben viele Jahrhunderte lang lateinische Texte vertont, es gibt eine lange Tradition. Gerade habe ich an einem Veni creator spiritus gearbeitet…
Bauer: An vielen Orten wird derzeit als Antwort auf den Krieg Ihr Chorwerk Dona nobis pacem gespielt. Glauben Sie an die Kraft des gemeinsamen Gebetes um Frieden?
Vasks: Ja, die Friedensbotschaft ist heute sehr wichtig! Sie findet sich in vielen meiner Werke. Es gibt das Dona nobis pacem (1996–1997) und das Da pacem, domine (2016). Der Text der gregorianischen Antiphon «Da pacem, Domine in diebus nostris» wurde oft vertont. Mein Da pacem, domine hat dieselbe Besetzung wie das von Arvo Pärt: Chor und Streichorchester. Aber es gibt einen Unterschied: Pärts Da pacem, domine (2004) dauert nur 5 Minuten, meines ist viel länger geworden, es dauert 15 Minuten!
Bauer: Ihr Kompositionsstil und Ihre Geschichte lassen an Arvo Pärt (*1935) denken. Sehen Sie Berührungspunkte mit dem estnischen Komponisten?
Vasks: Arvo Pärt ist einer meiner Lieblingskomponisten. Ich liebe seine Musik sehr. Am 11. September 2025 ist er 90 Jahre alt geworden. Er lebt schon in der Ewigkeit, seine Musik kommt vom Himmel. Der Unterschied zwischen dem großen Arvo und Pēteris besteht darin: Ich bin auf der Erde und ich höre und schaue zum Himmel. Mein Blick ist im Himmel, aber ich bin noch hier. Arvo ist schon dort, im Himmel, und er bleibt dort. Ich schätze die Stille und Einfachheit seiner Musik.
Ich liebe auch die Musik von Henryk Górecki (1933–2010). Viele Komponisten, die unter der schlechten sowjetischen Unterdrückung lebten, komponierten besondere Musik. Wenn ein Komponist in Komfort und in Freiheit lebt, komponiert er anders als einer, der kämpft. «To be or not to be». Daher hat die Botschaft der Komponisten in Osteuropa eine besondere Kraft!
Bauer: Welche geistlichen Texte und Autoren schätzen Sie besonders?
Vasks: Ich bin begeistert von den Texten von Mutter Teresa: Mein Chorwerk The Fruit of silence (2013/2018) vertont ein Friedensgebet von Mutter Teresa. Mutter Teresa arbeitet und tut alles für arme Menschen. Sie ist aktiv. Sie macht die Welt ein bisschen besser mit ihrer fantastischen Arbeit. Sie zeigt: Du musst alles von deiner Seele geben, den Menschen die Augen öffnen. So habe ich ein Werk für gemischten Chor und Streichorchester über ein Gebet von Mutter Teresa geschrieben: Prayer. Lord, open our eyes (2011).
Bauer: Was sind die Krankheiten der heutigen Zeit?
Vasks: Es herrscht ein starker Materialismus. Die Leute schauen zu wenig zu den Sternen, zu dem großen Wunder des Kosmos. Immer nur Geld, Geld, kaufen und verkaufen…
Bauer: Welche Bedeutung hat die Natur für Sie als Komponist?
Vasks: Wir Letten und Menschen aus den nördlichen Ländern, wir sind sehr tief in der Natur. Es gibt viele Wälder, die Ostsee… das alles verstehe ich als ein Gottesgeschenk für uns. Die Natur bewundere ich. Ich spaziere viel im Wald, bin voll mit Begeisterung für dieses große Wunder. Das habe ich nicht verloren in all den vielen Jahren, ich liebe die Natur immer, bin begeistert von ihrer Schönheit, von dem, was wir von unserem Gott bekommen haben. Diese Liebe und Begeisterung und Hoffnung, ein bisschen mehr Licht durch meine Kompositionen zu geben, das ist mein Weg in der Musik. Das ist mein Credo.
Bauer: Licht und Dunkel, Not und Hoffnung – beides findet sich in Ihrer Musik. Musica dolorosa (1983) gehört zu den schmerzlichsten Stücken in Ihrem Musikschaffen, komponiert nach dem Tod Ihrer Schwester. Dennoch klingt immer wieder in Ihren Werken die Perspektive der Hoffnung, die Verheißung von Frieden und Versöhnung durch. Besonders berührend: Ihr Stück Einsamer Engel (2006) über die Vision eines Engels, der voller Sorge, aber – anders als Paul Klees «Angelus novus» in der Deutung von Walter Benjamin – zugleich hoffnungsvoll auf die Welt herabschaut. Dazu schreiben Sie: «Ein Engel schwebt über der Welt und betrachtet den Zustand der geschundenen Erde mit Tränen in den Augen. Aber eine beinahe unmerkliche, liebevolle Berührung mit seinen Flügeln bringt Trost und Heilung. Dieses Stück ist eine Antwort auf den Schmerz.»
Vasks: Ich habe wenige trostlose Werke komponiert. Meine Musik ist voll Hoffnung. Ich will den Weg zur Ewigkeit zeigen. Darum komponiere ich. In meinen letzten Kompositionen gibt es immer weniger Dramatik, immer mehr Atem, freien Atem. Das ist mein Weg in der Musik. Die Musik ist die schönste Stimme Gottes. Meine Musik führt zur Ewigkeit, zu Gott. Damit meine ich sowohl die gesungene als auch die rein instrumentale Musik. Mein Credo ist nur Liebe, nur Idealismus.
Bauer: Herr Vasks, herzlichen Dank für das Gespräch!