Musik und TranszendenzZum aktuellen Heft von COMMUNIO

In allen Religionen und Kulturen spielt die Musik eine wichtige Rolle. Im christlichen Westen bestimmte die Vorstellung, dass Musik ein Tor zu Transzendenz sei, lange Zeit das Musikverständnis.

Hans Memling, Santa María la Real de Nájera - Altarbild
Hans Memling, Santa María la Real de Nájera - Altarbild © gemeinfrei/Wikimedia Commons

Musik sagt mehr als Worte. Wer eine Mahler-Sinfonie, eine Schubert-Messe, ein Stück von Arvo Pärt oder seine Lieblingsmelodie hört, mag unmittelbar berührt werden, ohne diese Erfahrung in Sprache fassen zu können. Als «höhere Offenbarung» (Ludwig van Beethoven), als «ein unerklärbares Geschenk aus einer anderen Welt, eine Sprache des Unsagbaren» (Nikolaus Harnoncourt), als «hervorragendes ‹Vorspiel› zum Unsagbaren und Unsichtbaren» (Olivier Messiaen) wurde Musik bezeichnet. Musik, die immateriellste der Künste, vermag in Sphären vorzudringen, die sich dem sprachlichen Zugriff entziehen und zugleich an Höheres rühren. Von «undefinierbarem und ungeheurem Wesen bringt Musik», so George Steiner, «unser Sein als Menschen in Beziehung mit dem, was das Sagbare transzendiert, was das Analysierbare hinter sich lässt.» Sie lässt das erahnen, was Hans Urs von Balthasar in seinem verkannten Erstlingswerk Die Entwicklung der musikalischen Idee (Versuch einer Synthese der Musik) «das Göttliche in der Kunst» genannt hat.

In allen Religionen und Kulturen spielt die Musik eine wichtige Rolle. Im christlichen Westen bestimmte die Vorstellung, dass Musik ein Tor zu Transzendenz sei, lange Zeit das Musikverständnis. Schon die Antike erkannte in der Musik und ihren Proportionen ein Abbild der himmlischen Ordnung, ein tönendes Symbol der Schöpfungswirklichkeit, eine Gabe Gottes. Frühchristliche gregorianische Melodien galten als unmittelbar von den Engeln abgelauscht, das liturgische Singen als Verbindung zwischen Himmel und Erde. Von Augustinus über Martin Luther bis hin zu Johann Sebastian Bach wurde die Musik als ein göttliches Geschenk gedeutet, angestimmt zur Erbauung der Menschen und zum Lob Gottes. In der Liturgie diente die Musik der Glaubensverkündigung, der Ausrichtung der Menschen auf Gott, der Be-Tonung des Wortes. Auch außerhalb des Kirchenraumes sprechen bis heute religiöse Werke, etwa die großen Passionen, Bachs h-moll-Messe oder die Werke Olivier Messiaens, ein breites säkulares Konzerthauspublikum an.

Dabei bewegt sich Musik in Spannungsfeldern zwischen Sinn und Sinnlichkeit, zwischen Geistlichem und Weltlichem, zwischen dienender Funktion und künstlerischer Autonomie. Schon frühchristliche Autoren hegten ein Problembewusstsein für die Ambivalenzen der Musik, die sich aus der Intensität ihrer unmittelbaren emotionalen Wirkung sowie ihrer Nonverbalität, Deutungsoffenheit und Versprachlichungsresistenz ergeben. Augustinus ortete in der sinnlichen, affektiven Dimension die Gefahr der Ablenkung von geistigen Inhalten. Durch Musik evozierte Emotionen lassen sich mit religiösem Erleben verwechseln wie in der Kunst-Religion oder können manipulierend aufgeladen werden wie bei Fan-Gesängen oder politischen Propaganda-Hymnen. Vor diesem Hintergrund bleibt zu fragen: Ist jede Art von Musik, sind alle Stilrichtungen, sind instrumentale und vokale Musik offen für mögliche Transzendenzerfahrung oder ist dieses Prädikat allein der geistlichen Musik vorbehalten? Bedarf es, um der Transzendenz in und durch Musik gewahr zu werden, besonderer «Antennen», einer wie auch immer gearteten religiös oder musikalisch geschulten Disposition der Hörenden? Wie lässt sich ­Transzendenz-
erfahrung durch Musik philosophisch, theologisch begründet denken?

Um diese und weiterführende Fragen kreist das vorliegende Heft, das den Blick aus unterschiedlichen Perspektiven, der Theologie, Philosophie, Musikwissenschaft, der kirchenmusikalischen und kompositorischen Praxis auf die christlich-europäische Musiktradition richtet. Gleich einer Ouvertüre spannt Michael Gassmann den Bogen von der Bibel über die Liturgie hin zu Kunstgeschichte und Musik. Im Zentrum steht die biblisch bezeugte Vorstellung von Gott lobenden, musizierenden Engeln, an deren Gesängen die Liturgie Feiernden bereits hier Anteil erhalten. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert inspirierte die Idee einer Musik der Engel auf unterschiedliche Weise Komponisten wie Edward Elgar, Gustav Mahler und Olivier Messiaen zu faszinierenden Werken. Markus Riedenauer nähert sich aus philosophisch-phänomenologischer Perspektive der Frage, wie sich im Hören von Musik Selbstüberschreitung ereignen kann. Anhand von acht musikalischen Parametern entfaltet er, wie Musik aus sich selbst heraus Transzendentes offenbaren und erfahrbar machen kann. Michael Hartmann fokussiert auf den Bereich der geistlichen Musik und durchschreitet kirchenmusikalische Entwicklungen von der Gregorianik bis zur Gegenwart. Ausgehend von den Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Kirchenmusik reflektiert er drei Kriterien wahrer Kirchenmusik und konkretisiert diese anhand verschiedener kirchenmusikalischer Ausdrucksformen, dem gregorianischen Choral, dem Volksgesang, der frühen Mehrstimmigkeit, der Orchestermusik und der Orgelmusik. Ein Theologe des 20. Jahrhunderts, der sich differenziert mit (Kirchen-)Musik auseinandergesetzt hat, war Joseph Ratzinger. Michaela Christine Hastetter zeigt auf, inwiefern das Musikverständnis von Augustinus, dessen Traktat De musica das christliche Bild der Musik nachhaltig geprägt hat, im Denken Ratzingers Widerhall findet. Der in der Musik angelegte Prozess der Vergeistigung findet nach Ratzinger in der musica sacra seine höchste Form. Diese wird zum Tor der Transzendenz, ohne jedoch den Bezug zur Welt aus dem Blick zu verlieren. Mit Markus Uhl wechselt die Perspektive hin zu konkreten Bereichen der Musik. Als Ausbildungsleiter des Studiengangs katholische Kirchenmusik skizziert er die Spannungsfelder, in denen das Berufsfeld Kirchenmusik derzeit steht. Einer prinzipiell hohen Wertschätzung der Musik in der Liturgie stehen sinkende Stellen-, Kirchenbesucher- und Studierendenzahlen sowie abnehmende Voraussetzungen der Studienbewerber gegenüber. Wie ist mit gewandelten kirchenmusikalischen Anforderungen zwischen hohem künstlerischem Anspruch und niederschwelligen pastoralen Angeboten, zwischen Tradition und modernen Musikformen umzugehen? Der lettische Komponist Pēteris Vasks (*1946), der heute zu den meistgehörten zeitgenössischen Komponisten geistlicher Musik gehört, gibt Einblicke in sein Leben und sein Musikschaffen. Im Gespräch mit Dorothee Bauer spricht er von seiner Heimat Lettland, der Natur und seinem Anliegen, durch Musik etwas mehr Licht, Liebe und Frieden zu bringen. Wie bei Johann Sebastian Bach Musik zur musikalischen Exegese und Verkündigung des christlichen Glaubens wird, entfaltet Meinrad Walter anhand von Kantaten, dem Weihnachtsoratorium, der h-moll-Messe und anderen Werken, die allesamt von Versen des vor 350 Jahren verstorbenen Kirchenlieddichters Paul Gerhardt inspiriert sind. Elisabeth Maier nimmt das sinfonische Schaffen Anton Bruckners in den Blick und entwirft ein differenziertes Bild, wie sich Bruckners katholischer Glaube in seiner Musik manifestiert. Dass Transzendenzerfahrung durch Musik nicht auf den Bereich der europäischen musica sacra beschränkt ist, zeigt der Beitrag von Benno Haunhorst. Er reflektiert über eine der berühmtesten Jazz-Platten, «A Love supreme» von John Coltrane, der in diesem Jahr einhundert Jahre alt geworden wäre und der sein Album als Gottesbekenntnis verstand.

Das Bündel unterschiedlicher Perspektiven auf Musik und Transzendenz lädt ein zum Hören. Denn nicht im Lesen dieser Beiträge, sondern allein im Hören der Musik kann sich ereignen, was sich letztlich dem sprachlichen Zugriff entzieht: eine Ahnung von Transzendenz.

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