Sammlung des LichtsZu Philippe Jaccottets «Bonjour, Monsieur Courbet»

Gustave Courbet, La Rencontre, ou Bonjour Monsieur Courbet
Gustave Courbet, La Rencontre, ou Bonjour Monsieur Courbet © gemeinfrei/Wikimedia Commons

Als läse ein tiefgebeugter Mensch ein Buch, ganz unten am Boden.
Als läse er zum letzten Mal.1

Philippe Jaccottet ist am 24. Februar 2021 gestorben. Die französische Ausgabe von Bonjour, Monsieur Courbet erschien am 10. März 2021 im Genfer Verlag Dogana. Elisabeth Edl und Wolfgang Matz haben den Text ins Deutsche übersetzt und das großzügig mit ausgesuchten Abbildungen gestaltete Buch enthält 23 Texte zu Malerinnen und Malern. Sehr bekannte Künstler wie Piero della Francesa, Marc Chagall, Giorgio Morandi und Alberto Giacometti und weniger Bekannte, enge Freunde und Vertraute Philippe Jaccottets wie Italo De Grandi, Gérard de Palézieux, Gérald Goy, Henri Lachièze-Rey und die Malerin Anne-Marie Jaccottet erscheinen in Essays und Miniaturen und Notizen auf und versammeln sich in diesem Lebensendebuch in einem Kreis von Vertrauten, die sich auf je eigenwillige Weise der Mehrung des Lichts verschrieben haben und der stillen Übung der Malerei.

Der späte Philipp Jaccottet hat seine Gedichte zunehmend in den Lauf seiner Prosanotizen eingebettet und aus Gedichten und Aufzeichnungen seine sanft leuchtenden und schillernden Texturen geschaffen. Ihre Fäden sind aus vielen Elementen gewoben, aus Licht und Wasser, dem Wind, den Blumen und Vögeln und vielem anderen mehr. Nuancenreich und unaufgeregt laden sie den Leser ein, ihrem eleganten Rhythmus zu folgen, der wie eine vertraute Resonanz auf das Leben wirkt, das sie begleiten im diskreten Wechsel von fürsorglicher Nähe und seinlassender Ferne. Diese Texte sind über viele Jahrzehnte im zurückgezogenen Leben in Grignan in der Provence entstanden. Die reichen Facetten alltäglicher Aufmerksamkeit spiegeln sich in den lyrischen Notizen, den Aufzeichnungen und Reflexionen, kurzen Stücken, in denen Philippe Jaccottet die Gänge des Tages versammelt und geduldig darauf wartet, dass sich dessen innere Transzendenzen offenbaren und öffnen. In diesem Band – so schreibt Philippe Jaccottet mit dem Vermerk Grignan, Mai 2020 – hat

der Zufall der Begegnungen, sogar der Aufträge seine Rolle gespielt und schafft womöglich ein gewisses Durcheinander. Ich hätte die vorliegenden Seiten auch dem privaten Gebrauch vorbehalten können. Doch als ich sie jetzt nicht ohne einigen Zweifel wieder las, löste dieser sich am Ende auf, weil ich in ihnen stets von neuem eine Aufmerksamkeit fand, die, vielleicht inkompetent, durchdrungen ist von tiefer Freundschaft, und wenn sie auch nicht von kritischer Tiefe erstrahlen – da fehlt einiges –, so gewiss von menschlicher Wärme. (161)

Philippe Jaccottet schreibt hier nicht als Kunstkritiker, sondern als Freund, der der Malerei und ihrem Handwerk mit größter Wertschätzung, Scheu und Zurückhaltung begegnet und sie vor den Gefahren des dichterischen Überschwangs in Schutz nimmt, der gefährlichen Neigung, Malereien mit «Lyrismus» zu belasten, sich an ihre Stelle zu stellen oder mit dichterischen Parallelwelten die Konzentration auf das gemalte Bild zu stören. Peter Handke hatte in seiner Laudatio des Petrarca-Preises Philippe Jaccottet einen «Diener der Sichtbarkeit» genannt, eine Bezeichnung die Jaccottet auf den von ihm bewunderten Italo de Grandi überträgt, die aber für viele der hier versammelten Künstler gelten dürfte. Die stille Übung an der Sichtbarkeit ist eine tägliche Übung an Konstellationen des Alltags, in der das Ding, das Zimmer, die Wege, die Landschaft und die Welt, kurz das Leben, dem Malen und Schreiben vorausgehen und stets die Gefahr besteht, dass die Vorstellungen, Imaginationen, die Bilder und Metaphern das ursprüngliche Licht verstellen, unsichtbar machen.

Jaccottet schenkt uns zum Schluss eine Sammlung von Texten, in der er alte Skrupel fahren lässt und – nicht zufällig im Text zu seiner Frau Anne-Marie – noch einmal betont, worauf es wirklich ankommt:

Doch ist es einer der wenigen Vorzüge des hohen Alters, man muss sich beim Schreiben nicht mehr allzu viele Skrupel aufhalsen, kann einfach sagen, was man empfindet, und endlich ohne Umschweife sprechen.

Man müsste also bloß helfen beim Sehen. Und dabei trotzdem ermessen, dass es nicht so einfach ist, wie es scheint. (143)

Wer zu sehen gelernt hat, hat Augen für die Fragmente einer Sammlung des Lichts. Das ursprüngliche Licht des Anfangs kommt aus der Höhe und wird nun in Wildbächen gefunden, in Pfützen im Gras, im abendlichen Feuer der Welt und am Boden in der Glut, in Asche und Staub. Eine Sammlung in Fragmenten in einem Leben «ohne Schummeln und Mogeln», ohne metaphorischen Überschwang und in einem Wissen um das Böse, die Gewalt und die Dunkelheit. Zwischen den Nächten, die hinter und vor uns liegen, gibt es den Trost jenes Lichtes, das sich im Blühen der Blumen sammelt wie in den Kelchen unserer sehenden Aufmerksamkeit. Tägliche Übung zeichnen die Werke aus, von Giorgio Morandi, dem Malermönch aus Bologna, von Anne-Marie Jaccottet in Grignan oder Philippe Jaccottet, der auf die Vesperglocke der Kirche des Klosters Clarté Notre Dame hört. Das Leben geht der Dichtung und Malerei zuvor und zwingt einen jeden zu einem eigenwilligen Weg des Sehens und der «Mehrung des Lichtes», das seine Anrufung sucht, in seinem Erscheinen und Verschwinden, dem der Mensch als armer Bettler zu entsprechen sucht, immer entblößter und näher zum Boden hin wie Philippe Jaccottet es vor allem in seinem wunderbaren Buch Die Pilgerschale für das Leben und Werk Giorgio Morandis beschrieben hat. Dinge als sie selbst, Blumen als sie selbst, Bäume als sie selbst. Ihr Glanz, ihr Licht. Keine Botschaft nirgends, keine Allegorie und auch kein Ornament, sondern der Versuch sich dem zu öffnen und nahe zu sein, was einen wirklich berührt. Darum ist Bonjour, Monsieur Courbet auch ein Buch der Freundschaft, der Verbundenheit und Wahlverwandtschaft, die einen befähigt zu jener geteilten und gemeinsamen Scheu und Diskretion dem Leben und der Welt gegenüber, die jene Poesie und Dichtung möglich macht, die ihre Höchstschätzung mit der Zurückhaltung versieht, das dem Leben und der Welt den Vortritt lässt. Der polnische Dichter Adam Zagajewski und sein Lob der Freundschaften mit Malern, kommt mir beim Lesen von Philippe Jaccottet in den Sinn und seine Fassung des Poetischen als «kleine Übertreibung». Dichtung und Poesie sind eine kleine Übertreibung, nicht mehr, aber auch nicht weniger. «Wir müssen ja immer über- oder untertreiben, wenn wir sagen wollen, was wir sehen, was uns begegnet [...] Wie schwer es doch ist, den Ort zwischen Hyperbel und Litotes zu finden, an dem unsere Erfahrung situiert ist.»2

Poesie erhebt sich nur ein wenig über das Leben, die Erde und den Boden und vergisst niemals den Schmerz, das Böse und den Tod. Poesie vermeidet jede «Exaltation» und Zagajewski hätte Jaccottets realistischer Sicht auf das Leben zugestimmt: Das Leben nutzt sich ab, führt nach unten, und die letzten Bücher werden am Boden gelesen, wo sie sich vielleicht öffnen wie Blüten und das Licht ahnen lassen, das nicht vergeht. Die Dichter brauchen Vergleiche, Bilder und Metaphern, das ist eine Not und eine Freude und nicht die Lösung. Und am Ende steht der Tod. Elisabeth Edl und Wolfgang Matz geben ihrem Nachwort zu dem Buch den Titel: Anrufung des Lichts. Anrufung des Lichts bis zuletzt: Sammlung, Scheu, Genauigkeit, Zurückhaltung und Freundschaft und die Vesper-
glocke des Klosters Clarté Notre Dame. «Man bräuchte als Hebel, aufzustemmen ein solches Grab, / ein Licht, doch vergessen der Namen, mit dem man es ruft.»3

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Sammlung des Lichts: Zu Philippe Jaccottets «Bonjour, Monsieur Courbet»
Philippe Jaccottet

Wallstein: Göttingen 2025, 161 S., € 34,–.

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