Wenn Glaube Geschichte machtDie Friedliche Revolution begann in den Kirchen

Abstract / DOI

When Faith Makes History: The Peaceful Revolution Started with the Churches. The author shows that a scant thirty years after the turning point of 1989 the peaceful revolution in East Germany would not have been possible without the churches. Though the government pursued an openly repressive politics against religion, the two large confessions offered the freedom to keep alive alternative notions of law, justice, solidarity and human dignity. In this context the Christians in the GDR benefitted from a multifaceted educational system. Critical impulses – for example from literature – here were taken up, pondered and reinforced. Thus became possible a new way of thought that put an end to the rule of the SED.

«Die Kirche in der Siegfeldstraße stand jedem offen, der die Republik blamierte, und Andreas Wolf war eine solche Blamage, dass er sogar dort wohnte, im Keller des Pastorats.» 1 Treffsicher charakterisiert Jonathan Franzen in seinem jüngsten Roman Unschuld die späte DDR als ein Regime, in dem autoritär-bürokratische Traditionen nach 1945 nahezu bruchlos fortgeführt wurden. «Niemals hätte die Staatsgewalt ein Geständnis oder eine Denunzierung einfach nur diktiert und die Unterschrift erzwungen oder gefälscht. Es musste Fotos und Tondokumente geben, penibel mit Verweisen versehene Akten, die Berufung auf demokratisch erlassene Gesetze. In ihrem Bestreben, konsistent zu sein und die Dinge richtig zu machen, war die Republik herzzerreißend deutsch.»2

Franzens Protagonist, der abtrünnig gewordene Sohn einer Nomenklatura-Familie, findet Zuflucht unter dem Dach einer Kirchengemeinde. «Neben der groben Ironie des Schicksals, als Atheist von einer Kirche abzuhängen, gab es da noch die feinere, dass der sich seinen Lebensunterhalt damit verdiente, gefährdeten Jugendlichen zu helfen.»3 Dass ein Autor, dessen Werke oft im Mittleren Westen Amerikas ansiedelt sind, plötzlich auf Jena, Leipzig und Ostberlin zu sprechen kommt und die Atmosphäre in einem kirchlichen Jugendkeller authentisch einzufangen vermag, versetzte mich bei der Lektüre in Staunen. Denn im Spiegel seiner Darstellung zeichnete sich für mich nichts Fremdes ab, sondern Vertrautes: Der vormundschaftliche Staat wollte den Menschen ganz und gar. Nicht Erkenntnisse waren gefragt, sondern Glaubensbekenntnisse. Ideologie sollte Seelen junger Menschen bis in den letzten Winkel prägen – das hat seine Spuren hinterlassen.

1. Die wunderbaren Jahre

Tatsächlich erinnere ich mich an Treppenstufen, die in enge Kirchenräume hinabführten. Und es waren vor allem junge Leute, die dort Schutz suchten, sich öffneten und auf freiere Weise von ihrem Leben zu erzählen begannen. Zwar strebt der Roman Unschuld gar nicht an, eine Rekonstruktion des ostdeutschen Alltags zu bieten, aber für Leser in West und Ost gibt Franzen deutliche Hinweise darauf, dass die Friedliche Revolution im Freiraum der Kirchen begann.

«In der Kreisstadt haben sie einen von der Schule geschmissen – wegen Kunzes Buch», flüsterte mir, dem «Katholiken» in der Klasse, eine Mitschülerin zu. Ihr älterer Bruder, der dort die Erweiterte Oberschule (EOS) besuchte, hatte ihr davon erzählt. Es waren Nachrichten wie diese, die uns im Herbst 1976 in Aufregung versetzten. Auch im Keller der «Jungen Gemeinde», hörte ich von evangelischen Freunden, kursierte der heimlich eingeschleuste Band bereits. Mit einem Mal war zu spüren, dass in der politisch erstarrten DDR die bleierne Zeit in Bewegung geraten war. Ängste und Hoffnungen jener Tage sind für mich seitdem mit einem Buchtitel von Reiner Kunze verbunden: Die wunderbaren Jahre 4. Nach Veränderung hatte es lange nicht ausgesehen: wenn in den ersten Schuljahren mehrfach gefragt wurde: «Glaubst Du wirklich an Gott?» Und ein Lehrer hinzufügte: «Nur alte oder ungebildete Leute halten solche Fantasien für wahr.» Dann kam ich mir so alt vor wie ein Fossil aus dem Oligozän, das zufällig die eigene Art überdauert hatte.

Gerade in Katholischen und Evangelischen Studentengemeinden, wo Kunze in den sechziger und siebziger Jahren mehrfach zu Gast war, galten seine Gedichte und Texte als Lebensmittel und geistiger Proviant. Man lernte sie auswendig, schrieb sie ab oder vervielfältigte sie heimlich, um die Realität des DDR-Alltags besser bestehen zu können So wurde ein Gedicht aus dem 1969 erschienenen Lyrik-Band Sensible Wege unter dem Titel «Kurzer Lehrgang» wegen seiner satirischen Schärfe besonders gern zitiert. Es lautet: Unwissende damit ihr / unwissend bleibt / werden wir / Euch schulen.»5 Die Staatssicherheit hat dazu in Kunzes Akte vermerkt: «Der soeben erschienene Gedichtband ‹Sensible Wege› von Reiner Kunze stellt eine politische Provokation gegenüber unserem Staat und seiner Politik dar. Die in diesen Geschichten bezogene Position des Autors muß als weit negativer als die bisher bekannte Position eingeschätzt werden. Aus den Gedichten werden im Wesentlichen drei Thesen sichtbar, die der Verfasser vertritt: 1. Die DDR ist ein großes Gefängnis, worunter nicht nur die Beschränkung der Bewegungsfreiheit, sondern auch eine Einengung des geistigen Lebens und der Entwicklung der Persönlichkeit und des Talents verstanden wird. Charakteristisch sind dafür die Verse aus dem Gedicht mit dem bezeichnenden Titel ‹Kurzer Lehrgang›.»6

Der kleinere deutsche Teilstaat war, das machte der Lyriker kenntlich, auf eine Weise geheimdienstlich überwacht und kontrolliert, wie nie zuvor eine europäische Gesellschaft. Ein Netz aus Misstrauen, Angst und Verrat überzog das Land. Wegen seiner unerhörten Art, Scheinwelten zu demaskieren und die Wahrheit auszusprechen, fand Reiner Kunze gerade bei jungen Leuten Resonanz. Das wussten auch die Mächtigen in Ost-Berlin. Sie reagierten darum mit äußerster Härte und erteilten Verweise von der EOS [vom Gymnasium – T.B.].

Probleme der Suche, Auswahl und Gewinnung von jugendlichen IM [Inoffiziellen Mitarbeitern – T.B.] zur politisch-operativen Durchdringung der ‹Jungen Gemeinde› der evangelischen Kirche7, lautet in Kurzform eine noch im April 1989 angefertigte «Diplomarbeit», die an einer ganz speziellen Einrichtung entstand: an der Juristischen Hochschule des MfS in Potsdam-Golm ( JHS)8. Der Autor dieser «Vertraulichen Verschlußsache», Offiziersschüler Jan Fencik, erklärt darin sachlich, es sei wichtig, dass der IM-Kandidat Ansatzpunkte besitzt, «die es erlauben, ein Interesse an der kirchlichen Jugendarbeit herauszubilden. Keineswegs darf er hierzu oder zu religiös gebunden Personen eine grundsätzlich ablehnende Haltung einnehmen. Günstig ist es, wenn der IM-Kandidat Interesse an solchen Problemkreisen besitzt, wie Ökologie oder der kirchlichen Friedensarbeit bzw. über spezifische Kenntnisse auf solchen Gebieten verfügt. In diesem Zusammenhang können auch solche Hobbys wie Musik, das Spielen von Instrumenten, bestimmte Literaturrichtungen usw. von Bedeutung sein und genutzt werden.» Der angehende MfS-Offizier begründet außerdem, warum es notwendig sei, sich «hauptsächlich auf die Altersgruppe zwischen 16 und 18 Jahren [zu] konzentrieren, «weil hier noch die günstigsten Voraussetzungen bestehen, bestimmte Einstellungen und Neigungen der IM-Kandidaten entsprechend den operativen Interessen des MfS zu formen sowie Einfluß auf die persönliche Lebensplanung auszuüben.»9

Wie nur anzudeuten, wurde die Anzahl Inoffizieller Mitarbeiter infolge der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa («Menschenrechte») 1975 sowie aufgrund des Spitzengesprächs zwischen SED-Staat und Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen vom 6. März 1978 spürbar erhöht. Denn es erschien opportun, physische Gewalt bloß noch verdeckt auszuüben. Stattdessen sollten die Kirchen und Religionsgemeinschaften, vor allem die Studentengemeinden, infiltriert werden. Psychotechniken wurden beschreiben und verstärkt eingesetzt, um innerhalb christlich-oppositioneller Gruppen Konflikte zu schüren, diese zu spalten und zu zersetzen. Gemeinsames ökumenisches Agieren der Kirchen sollte unbedingt verhindert werden.

2. Gewagte Freiheit

«Zu den Erstaunlichkeiten der DDR gehörte durchaus der Umstand, dass es neben dem ‹einheitlichen sozialistischen Bildungssystem› ein höchst vielfältiges konfessionell bzw. kirchlich gebundenes Bildungssystem gab.»10 In den achtziger Jahren engagierte ich mich, kirchliche Ausbildungsstätten in Erfurt, Naumburg, Leipzig, Berlin und Rostock miteinander zu vernetzen; dies führte auch zu dem Plan, Olof Klohr11 einzuladen. «Sogar Atheismus-Forscher können sich irren», mit diesem unerwarteten Eingeständnis überraschte Klohr seine Zuhörer in Erfurt. Auch für den Kaderphilosophen, von 1963 bis 1969 erster und einziger «Professor für Wissenschaftlichen Atheismus» in Jena, danach bis 1990 an der Ingenieurhochschule für Seefahrt, Warnemünde/Wustrow tätig, war es ein Zusammentreffen der besonderen Art, das im Herbst 1986 im Coelicum des Erfurter Philosophisch-Theologischen Studiums stattfand.

Klohr war der Anfrage, die wir als ökumenischer Kreis von Studierenden aller theologischen Ausbildungsstätten des Landes an ihn ausgesprochen hatten, gefolgt. Schließlich sah er sich 150 erwartungsvollen Gesichtern gegenüber. Die relativ große Zahl junger Leute, die in der DDR Theologie studierten, setzte ihn sichtlich in Erstaunen. «Nach dem Krieg», so Kohr, «war ich überzeugt: In ein paar Jahrzehnten sind alle Pfaffen verschwunden.» Aber der Sozialismus, räumte der Atheismus-Forscher ein, habe die Seelen vieler Menschen anscheinend nicht erreicht, so dass es noch immer «religiöse Befindlichkeiten» gebe.

Dass sich der einstige «Professor für wissenschaftlichen Atheismus» schließlich zu dem Bekenntnis durchrang, «mit dem Christentum ist noch Jahrhunderte zu rechnen», hat mich nicht kalt gelassen. Denn meine Schulzeit war geprägt von dem Gegensatz: Christliches Elternhaus – Sozialistische Schule: mit schmerzhaften Konsequenzen. Ich denke an Kinder, die durch eine christliche motivierte Verweigerung der Mitgliedschaft bei Pionierorganisation oder Freier Deutscher Jugend (FDJ) aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen wurden. Ich denke an die versperrte Möglichkeit, zur Erweiterten Oberschule zu gehen. Oder an ein Gespräch mit meiner Staatsbürgerkundelehrerin, die mich am S-Bahnhof bei einer Caritas-Straßensammlung beobachtet hatte. Auch sie machte einen großen Bogen, kam aber am Ende des folgenden Schultags auf mich zu und fragte, was ich denn da gemacht hätte. Dass jemand aus Tradition evangelisch sei, konnte sie nachvollziehen, aber katholisch und in aller Öffentlichkeit mit einer Sammelbüchse – das grenzte für sie an religiösen Fanatismus.

Was sich drei Jahre vor der Friedlichen Revolution mit Olof Klohr ereignete, scheint symptomatisch für eine freier agierende Generation ostdeutscher Christinnen und Christen zu sein. Sie war durch das Leben im SED-Staat geprägt – und wusste, dass sie zusammenhalten musste. Überhaupt war «Kirche» die einzige Großorganisation, die dem absoluten Anspruch des Staates durch ihre pure Existenz Grenzen setzte. Viele von uns 150 jungen Theologie-Studierenden begannen in evangelischen und katholischen Kirchen- und Studentengemeinden bald darauf, widerständigem christlichen Denken und Handeln Raum zu geben. Exemplarisch sei ein Dokument der Staatssicherheit zitiert, das belegt, welche Bedeutung etwa der Berliner Katholischen Studentengemeinde – hier trat z.B. Ernst-Wolfgang Böckenförde12 mehrfach als Gastreferent auf – zu Zeiten des Prager Frühlings zugemessen wurde:

Die Katholische Studentengemeinde in der Hauptstadt der DDR ist eine der 28 zur Zeit an den Hoch- und Fachschulen der DDR existierenden KSG. Als Mitglieder haben sich ca. 350 katholische Studenten, nahezu aller Studienrichtungen der Hoch- und Fachschulen der Hauptstadt der DDR, eingetragen. Eine besondere Konzentration ist dabei unter den Medizinstudenten festzustellen. Ihr Anteil beträgt etwa 20%. An den wöchentlichen Veranstaltungen nehmen etwa 50 – 70 Studenten ständig teil […] Unter Leitung des ehemaligen Studentenpfarrers KIRSCH, Eberhard, der von 1962 – 1968 als Studentenseelsorger der KSG in der Hauptstadt eingesetzt war, entwickelte sich immer mehr ein reaktionärer Kern katholischer Studenten innerhalb der Berliner KSG, der mit den ihm eigenen Mitteln im Zusammenwirken mit westdeutschen Kräften, politisch-ideologische Diversion betrieb. Neben ständigen Referenten aus den kapitalistischen Ländern, besonders aus der BRD zu den KSG-Veranstaltungen in der Hauptstadt der DDR, organisierte dieser reaktionäre ‹Mitarbeiterkreis› auch Vorträge der Neomarxisten und Revisionisten Prof. Dr. MACHOWITZ [Milan Machovec – T.B.], Prag, im Mai 1968.13

Die Ausgangsbedingungen beider Konfessionen waren im «Mutterland der Reformation» sehr verschieden: Bekannten sich im Gründungsjahr des Dreibuchstabenlandes 1949 noch rund 80% zur evangelischen Volkskirche, gaben etwa 12%, darunter viele Flüchtlinge und Vertriebene, an, katholisch zu sein. Bei der Volkszählung 1964 wurde ein Anteil von etwa 59% Protestanten und 8% Katholiken erhoben. Der dramatische Rückgang der Kirchenmitglieder konnte kaum gestoppt werden. Bis zum Ende der DDR hatten sich diese Prozentzahlen angesichts permanenter Repression gegenüber den Gläubigen (Schule) etwa halbiert. Allerdings, so der evangelische Systematiker Wolf Krötke, habe das «klappernde Gerüst einer ‹Volkskirche ohne Volk›» den Anspruch lebendig gehalten, überall präsent zu sein. «Die weithin sichtbaren Kirchsturmspitzen an jedem Ort zeigten jedenfalls den Willen der Kirche an, sich nicht auf das Maß eines religiösen Vereins in irgendeine Nische zurückdrängen zu lassen.»14 Ohne dieses Gerüst, bin ich überzeugt, hätte die Friedliche Revolution kein Fundament gehabt.

Forscht man nach Orten, an denen die Opposition gegenüber dem vormundschaftlichen Staat besonders wachsen konnte, wird man schnell in evangelischen Kirchengemeinden fündig: in der Leipziger Nikolaikirche und in der Berliner Gethsemane- oder Zionskirche. Hans Simon, langjähriger Pfarrer der Zionskirche, berichtet davon, dass die jungen Leute der dortigen «Umweltbibliothek» den Ökologiebegriff längst erweitert hatten: «Zur ‹Umwelt› gehörte für sie eben auch die soziale und politische Struktur der Gesellschaft. Die Staatsfunktionäre witterten hier die Opposition. […] Dabei übertrugen die Genossen historisch unreflektiert das Bild von der russisch-orthodoxen Kirche auf die reformatorischen Kirchen in der DDR. Aber diese waren nach ihrem Selbstverständnis eben nicht einfach kultische Religionsgemeinschaften hinter massiven Mauern.»15

Auch die Katholische Kirche in der DDR sah sich durch das 1979 von Johannes Paul II. in seiner polnischen Heimat gesprochene Wort «Habt keine Furcht!» inspiriert und herausgefordert. «In Polen hatte nie eine Union von Thron und Altar existiert wie im orthodoxen und im evangelisch-lutherisch geprägten Europa. So war es die katholische Kirche, die trotz aller Repressionen durch den Staat die widerstandsfähige Basis einer möglichen Zivilgesellschaft bildete. Das waren die Gründe dafür, dass in diesem Land zuerst der Funke der Freiheit übersprang.»16 Zuerst noch zögerlich verließen auch die Bischöfe in Ostdeutschland Mitte der achtziger Jahre ihre Deckung. Sie begannen – etwa im Jahr 1987 mit dem Dresdner Katholikentreffen, an dem 100.000 Gläubige teilnahmen – damit, sich stärker einzumischen. Als die Ökumenische Versammlung «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung» Anfang 1988 in Dresden ihre Arbeit aufnahm, beteiligte sich an diesem christlichen und zugleich zivilgesellschaftlichen Lernprozess auch die Katholische Kirche. «Es war goldrichtig, daß sich die Bischöfe dazu entschlossen haben, voll an der Ökumenischen Versammlung teilzunehmen; denn andernfalls hätten wir wie eine Gouvernante das Ganze nur von außen begleitet, aber wären nicht mitgestaltend dabei gewesen.», urteilt der katholische Dogmatiker Lothar Ullrich rückblickend.17

War es der Massenexodus über Ungarn oder die wirtschaftliche Misere des SED-Staates, die schlicht zur Implosion des ostdeutschen Systems führten? All das spielte eine Rolle. Aber wer sich im Herbst 1989 aktiv engagiert hat, weiß aus eigener Erfahrung: Zu keinem Zeitpunkt gab es einen Automatismus der Ereignisse. In Berlin suchten die von der Polizei brutal Verfolgten Zuflucht in der Gethsemane-Kirche – und fürchteten, dass bei ihrer Erstürmung Blut fließen würde. Am 9. Oktober wollte die Staatsmacht die Leipziger Montagsdemonstration ein für alle Mal gewaltsam niederschlagen – aber es kamen einfach zu viele, die mit Kerzen in der Hand demonstrierten. «Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.», hat ein hoher Funktionär später hellsichtig bemerkt. Viele atheistisch Erzogene haben es 1988/1989 aus Sorge um die Zukunft erstmals überhaupt gewagt, die Schwelle einer Kirche zu überschreiten, sich zu öffnen und eine Kerze zu entzünden – gut, dass das noch möglich war.

3. «Wir Christen bringen etwas mit in die deutsche Einheit»

Ihr christliches Zeugnis hat nicht wenigen im Osten Deutschlands Karriere und Aufstieg gekostet. Es war ein oft unspektakulärer Widerstand, der die Zeitenwende 1989 – das Wunder unserer Tage – erst möglich gemacht hat. «Wir Christen bringen etwas mit in die deutsche Einheit: Wir haben versucht, an Gott und seiner Kirche in einer atheistischen Gesellschaft festzuhalten.», heißt es im letzten Hirtenbrief der Berliner Bischofskonferenz (BBK) zum «Tag der Einheit» am 3. Oktober 1990. «Wir alle wurden in Unfreiheit gehalten. Eine von Marxismus und Atheismus geprägte Ideologie war diesem Staat wichtiger als der Mensch. Jeder Widerstand wurde im Keim erstickt.»18

Zur Geschichte der Friedlichen Revolution zahlt, dass Mitglieder der Katholischen Studentengemeinde im Ostteil Berlins nach vier Jahrzehnten verordneter Sprachlosigkeit Eingangskontrollen ignorierten (Ausweise wurde nicht gezeigt), um im Foyer der Humboldt-Universität einen Stand zu errichten und dabei zu fordern: «Wir sind Teil einer neuen Universität.» Fünfzehn Jahre haben «wir» von der KSG dann – nicht zuletzt mit Unterstützung von Ernst-Wolfgang-Böckenförde, Eugen Biser und Hans Maier – für die Wiedererrichtung des Guardini-Lehrstuhls gekämpft, lange fast auf verlorenem Posten gegenüber der alten Kaderschmiede, aber auch gegenüber desinteressierten Dezernenten im Ordinariat, für die der Ostteil Berlins weit weg war. Als ich damit begann, den Berliner Ansatz zu propagieren, wurde Anfang der neunziger Jahre ein Verbot ausgesprochen, den Namen «Romano Guardini» bei Aktivitäten an der Lindenuniversität zu verwenden. Begründung: Gefahr für die Theologie an der Freien Universität.

Der kairos wurde dennoch genutzt. Es waren dies nämlich wirklich «Wunderbare Jahre» des Dialogs und der Freiheit für junge katholische Intellektuelle im universitären Bereich. Allerdings ging diese Aufbruchsgeschichte mit dem Ende der KSG nach mehr als fünf Jahrzehnten im Jahr 2004 aufgrund der Finanzkrise des Erzbistums Berlin zu Ende. «Wir haben keine Verwendung für ihre hochgestochene Arbeit an der Humboldt-Universität» – lautete die Begründung im letzten Gespräch mit Verantwortlichen des Erzbischöflichen Ordinariats.

Im Juni 2018 fand eine Tagung zur Zukunft Katholischer Theologie an der Humboldt-Universität statt. Dabei wurde von einem der Teilnehmer nachgefragt, ob denn nach 1989 überhaupt schon etwas geschehen sei. Den auswärtigen Fragesteller konnte ich verstehen. Denn in den Bildungseinrichtungen des Erzbistums Berlin, der Katholischen Akademie, der Katholischen Hochschule in Köpenick sowie der jetzigen Katholischen Studentengemeinde, gibt es keine theologischen Vertreter aus Ostdeutschland, die Auskunft geben könnten, auf welche Weise sie in der DDR widerständig waren.

Mehr denn je gilt angesichts wachsender gesellschaftspolitischer Brüche das, was der einstige Erfurter Bischof Joachim Wanke in dem Bild zum Ausdruck gebracht hat: Die Kirche in den neuen Ländern sei nicht als «fieberkrankes Körperglied» an einem ansonsten gesunden Gesamtkörper wahrzunehmen. Vielmehr bleibe der Osten mit seiner spezifischen Erfahrung extremer Säkularisierung «voraussichtlich für lange Zeit eine Herausforderung»19.

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