I
Eines der in der gegenwärtigen kirchlichen Diskussion am häufigsten und eindringlichsten diskutierten Themen gilt der Stellung der Frau: es sei an der Zeit, in der katholischen Kirche endlich nachzuholen, was sich in den modernen Gesellschaften zumindest anfänglich schon durchgesetzt habe. Denn dort wisse man inzwischen um die Gleichberechtigung der Frau und öffne ihr Schritt für Schritt die Türen auch in die Bereiche, die bislang gewöhnlich Männern vorbehalten waren. Dabei gehe es vor allem um die Übertragung und dann Wahrnehmung von entscheidungsrelevanten Kompetenzen in der Politik und in der Wirtschaft. Von daher ist heute der Ruf nach der Öffnung der kirchlichen Ämter für die Frauen auch im Raum der katholischen Kirche deutlich vernehmbar. Die evangelischen Kirchen seien auf diesem Wege schon einige Schritte weiter.
Wenn die Wahrnehmung nicht trügt, findet in dieser Diskussion eine Stimme gewöhnlich nur wenig Gehör, die gleichwohl beachtet werden sollte. Es ist die Stimme Hans Urs von Balthasars, der sich zu diesem Thema schon früh und ausführlich, wenngleich nicht in der Perspektive des modernen Feminismus zu Wort gemeldet hat. Wer auf eine Zulassung von Frauen zu den kirchlichen Ämtern fixiert ist, wird seine theologischen Meditationen und Reflexionen als störende Zwischenrufe abzutun geneigt sein. Tut er dies, so verpasst er freilich, dessen weitausholenden und grundlegenden und in jeder Hinsicht eine Bereicherung bedeutenden Beitrag zum Konzept einer kirchlichen Spiritualität, die marianische und somit in eigener Weise weibliche Züge trägt, kennenzulernen. Sie setzt eine Sicht der Frau voraus, die schon auf der Ebene der natürlichen Schöpfung eine eigenständige Bedeutung hat und dem Mann ebenbürtig ist und die in der Geschichte Gottes mit seiner Welt eine in Maria, der Mutter Jesu, gebündelte und sich von ihr her entfaltende eigene Prägung erhält.
Von Balthasar hat im Laufe der Jahre seine Einsichten und Anliegen im Bereich der theologischen Anthropologie, der Mariologie und der Ekklesiologie in immer neuen Anläufen vorgestellt. Dabei brachte er als entscheidendes Motiv das antwortende und eine eigene Fruchtbarkeit begründende Jawort zur Sprache, auf das hin Gott sein erwählendes Wort hat ergehen lassen.1 Und dieses Jawort war immer der Ursprung und der Horizont des Lebens in Gottes Volk. In konzentrierter Form hat von Balthasar diese Linien einmal so nachgezeichnet:
Die persönliche Erwählung wird am Sinai eine kollektive Erwählung, zu der das Volk ja sagen darf: ausschließlich im Gnadenakt der freien Erwählung beruht die Erlaubnis, dieses Erwähltsein und Gottes Wohnen im Volk in Freiheit wahr sein zu lassen […] Erfüllt wird diese freie Antwort an Gott im Jawort Marias als ‹Tochter Sion› zur Gnadenvollendung des Bundes in der Menschwerdung Gottes. Dieses Jawort ist Erfüllung des Sinai-Ereignisses und Urbild aller christlichen Existenz in der kommenden Kirche.2
Was dieses Zitat in knappster Form vorstellt, lässt an zentrale und immer wieder in kürzerer oder längerer Form entfaltete Themen in von Balthasars Theologie und Konzept einer christlichen Spiritualität denken.3
Das Jawort Marias ist der Urakt der Kirche. Deshalb gilt es für ihre Glieder, Männer und Frauen, in ihn existentiell einzustimmen, wenn sie ihr Christsein in der Gemeinschaft der Kirche glaubwürdig und fruchtbar leben wollen. Auf diese Weise tritt der in einem tiefen Sinn weibliche Charakter der Kirche und des in ihr möglichen und gemeinten Lebens zutage. Was in ihr den männlich bestimmten Strukturen entspricht, hat dem geistlichen Leben der Christus Folgenden zu dienen. Das sich in der Kirche entfaltende Leben der Christen selbst lebt aber aus der Übernahme des marianischen Grundaktes und trägt von daher auch die Züge des Sich-Zeigens und – Bewährens der «anima ecclesiastica».4
II
Bis in die Mitte der 40er Jahre kreisten von Balthasars Interessen und Einsichten nicht ausschließlich, aber doch schwerpunktmäßig um die Theologie der Kirchenväter und die literarischen und philosophischen Tendenzen der neueren europäischen Geistesgeschichte. Dabei brachte er, nicht zuletzt durch Erich Przywara angeregt, eine Grundkonzeption zur Geltung, die die Eigenbedeutung der geschöpflichen Welt – auch vor Gott – betonte und in der Lehre von der Analogia entis ihre begriffliche Erschließung fand. Darüberhinaus entfaltete er seine Einsichten auf Wegen, die vor allem von Maurice Blondel und dann Henri de Lubac gebahnt worden waren und auf eine spezifisch offenbarungstheologische Verifikation der Glaubenswahrheiten hinausliefen.
Aber dann – von den frühen 40-er Jahren an – kam es zur folgenreichen Begegnung mit Adrienne von Speyr. In zahlreichen, sich schließlich über Jahre hinziehenden Gesprächen verdichteten sich für von Balthasar die bislang eher religionsphilosophisch entfalteten Auffassungen zu einer Sicht Gottes und seiner Welt, die entschiedener an der Bibel und an den Erfahrungen von Menschen, die ihren Glauben existentiell zu leben versucht hatten, ihr Maß nahm. Sie war nun deutlich heilsgeschichtlich bestimmt. In ihr rückte Maria, die Mutter Jesu und das Urbild der Kirche, in ganz neuer Weise ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Man wird die Bedeutung dieser durch die Gespräche mit Adrienne von Speyr angestoßenen Neuausrichtung der schon eingeschlagenen Wege für von Balthasar nicht überschätzen können.
Fortan betonte von Balthasar immer wieder, dass es Maria, die Mutter Jesu gewesen war, die durch Gottes Erwählung und in persönlicher Freiheit für das Volk, dem sie entstammte, ja für die Menschheit im Ganzen das Jawort zum Eintritt Gottes in seine Welt gesprochen hat. Dieses Jawort hat, wie die Bibel bezeugt, das Leben Marias bis zum Ende bestimmt. So war sie, die ‹Tochter Zion›, die Verkörperung und Darstellung der inneren, gottgewollten Bestimmung Israels und gleichzeitig der Anfang und die Ausrichtung der Gemeinschaft der Jesus, dem menschgewordenen Wort Gottes, Folgenden, also der Kirche. Die Kirche hat von diesem Anfang her, der sich in ihrer Geschichte darstellt und immer neu bewährt, eine marianische Grunddimension. Adrienne von Speyr hat dies in dem ersten von ihr verfassten Buch «Magd des Herrn. Ein Marienbuch»5 in aller Ausführlichkeit dargestellt. Der Text dieses Buches beginnt ganz programmatisch so:
Wie eine Garbe in der Mitte zusammengerafft wird und sich an ihren Enden entfaltet, so wird das Leben Marias in ihrem Jawort zusammengefasst; von ihm aus erhält es seinen Sinn und seine Gestalt und entfaltet sich nach rückwärts und nach vorwärts. Das einmalig Zusammenfassende ist zugleich das, was sie jeden Augenblick ihres Daseins begleitet, was jede Wendung ihres Lebens beleuchtet, jeder Lage ihren besonderen Sinn verleiht und ihr selber immer neu in allen Situationen die Gnade des Verstehens schenkt.6
Das Buch bietet eine ausführliche Meditation der Stationen des Lebens Marias und der Begleitung ihres Sohnes Jesus – eine «Theologie der Mysterien des Lebens Mariens». Das Jawort Marias lebt in der Nachfolge der Kirche und ihrer Glieder fort und macht ihre inneren Dimensionen aus. Von Balthasar schreibt:
Von Gott her ist dieses Ja die höchste Gnade, vom Menschen her aber auch die höchste, durch die Gnade ermöglichte Leistung: bedingungslose, endgültige Hingabe. Es ist Glaube, Hoffnung und Liebe zugleich. Es ist auch das Urgelübde, aus dem jede Form endgültiger christlicher Bindung an Gott und in Gott entspringen wird. Es ist die Synthese von Liebe und Gehorsam – von Johannes und Ignatius. Gewiss, für Johannes ist die Liebe vorgezeichnet im Gehorsam des Gottessohnes, und für Ignatius ist der echte Gehorsam immer Liebe zu Christus, der mich geliebt und erwählt hat; aber die höhere Einheit, die Identität schlechthin zwischen Liebe und Gehorsam liegt doch bei Maria, wo die Liebe sich in diesem Willen äußert, nichts zu sein als die Magd des Herrn.7
Aus solchen Erwägungen ergibt sich, dass nach von Balthasar alle christliche Spiritualität zutiefst als Vollzug der «anima ecclesiastica» zu verstehen ist und von daher eine marianische Grunddimension aufweist. Es sei hier nur angemerkt, dass von Balthasar das ignatianische «Sentire in Ecclesia» nicht selten und stets nachdrücklich als Entfaltung des marianisch bestimmten Lebens in kirchlicher Gesinnung gedeutet hat. Es entfaltet sich ebenso ins aktive wie ins kontemplative Leben hinein. Von Balthasar drückte es so aus:
Das Jawort Marias ist das Urbild der christlichen Fruchtbarkeit. Nur mit dem Ja des Menschen kann Gott christlich, übernatürlich etwas Sinnvolles anfangen. Nur in dieses Ja hinein kann der Sohn Gottes Mensch werden: damals in Maria und neu in jedem, der ihr Jawort mitzusprechen versucht […]. Wird mit diesem Gedanken ernst gemacht, dann ist das echte kontemplative Leben – als Versuch restlosen Offenstehens für das Wort Gottes – nicht nur ebenso fruchtbar wie das aktive Leben, sondern für alle Christen, Beschauliche wie Tätige, unentbehrliche Grundlage alles christlichen Wirkens in die Welt hinaus.8
Die Kirche als die Gemeinschaft der Menschen, die aus solchen Quellen ihr Leben speisen, ist folglich eine primär marianische Gemeinschaft. Dass sie auch eine petrinische und apostolische Gemeinschaft ist, ist ebenso zutreffend; aber dieser Sachverhalt tritt zur ersten Grundbestimmung hinzu und hat seinen Sinn darin, diese zu gewährleisten und immer wieder lebendig werden zu lassen. Die Ämter sind in der Kirche Männern vorbehalten, das Leben aus dem Glauben an das Evangelium, das an Marias Leben im Jawort anknüpft, hat eine eher weibliche Grunddimension. Von daher ist es auch immer wieder in ganz und gar überzeugender Weise von Frauen gelebt worden.
Da für von Balthasar der marianische und von daher dann auch ignatianische Vollzug christlichen Lebens die entscheidende Antwort auf Gottes Wort ist, ist es nachvollziehbar, dass er im Laufe seines Lebens immer wieder das Zeugnis von Männern und Frauen erkundet und dargestellt hat, die ihren Glauben an das Evangelium lebendig und glaubwürdig im Sinne einer Teilhabe am marianisch bestimmten Grundakt der Kirche gelebt haben. Im Folgenden soll die Aufmerksamkeit ausschließlich auf Schriften gelenkt werden, in denen von Balthasar das christliche Lebenskonzept von Frauen vorgestellt hat. Sie nehmen einen breiten Raum in seinem theologischen Werk ein. Und eben dies darf als ein Hinweis darauf gewertet werden, dass es von Balthasar sehr wichtig war zu zeigen, dass der christliche Grundakt als Entfaltung des marianischen Jaworts eine innere Nähe zum Weiblichen aufweist. Dies schließt nicht aus, sondern ein, dass das Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe, wenn es von Männern gelebt wird, in eigener Weise ebenfalls marianische und in diesem Sinn weibliche Züge aufweist.9
Nun ist es nicht möglich, die bisweilen breiten Darlegungen, die von Balthasar zum Leben und Wirken von bestimmten Frauen aus der Geschichte der Kirche erarbeitet und vorgelegt hat, auch nur annährungsweise nachzuzeichnen. Es muss und mag genügen, diese Arbeiten nacheinander in aller Knappheit werkgeschichtlich vorzustellen und auf ihre inhaltlichen Grundlinien hinzuweisen.
III
In den Jahren, in denen von Balthasar im intensiven Gespräch mit Adrienne von Speyr stand und die von ihm zusammen mit ihr gegründete Johannesgemeinschaft begleitete, galt seine Aufmerksamkeit immer auch Frauen, die im Laufe der Geschichte der Kirche ein lebendiges Zeugnis ihres Glaubens gegeben haben. Sie hatten existentiell in das marianisch bestimmte Jawort, das die Kirche in ihrem Ursprung und auf ihrem Weg geformt hat, eingestimmt. Wenn sie ihre geistlichen Erfahrungen auch in Schriften, die nun noch greifbar sind, bezeugt hatten, war es möglich, das, was dort zur Sprache kommt, noch einmal anzuschauen und aufzunehmen. An von Balthasars Blick auf neun Frauen, die an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten gelebt und sich dem Ruf in die Nachfolge Jesu geöffnet haben, sei hier erinnert.
a) Mechthild von Magdeburg
Sie lebte im 13. Jahrhundert, sie wurde geboren 1212 und ist gestorben 1294. Schon als junge Frau entschied sie sich, dem Ruf Gottes zu folgen und in der Nachfolge Jesu zu leben, glaubend, hoffend, liebend. Sie tat dies zunächst als Begine, also als Frau, die – in Magdeburg – in Anlehnung an die neuen franziskanischen und dominikanischen Ordensgemeinschaften im Zeichen der Jesusnachfolge in der Welt lebte. Ihren Lebensabend verbrachte Mechthild im Zisterzienserinnenkloster zu Helfta, wo sie unter anderem mit Gertrud der Großen zusammentraf. Ihr Beichtvater hat ihr die Anregung gegeben, ihre geistlichen Erfahrungen niederzuschreiben. So entstand das umfangreiche, überaus anregende Buch «Das fließende Licht der Gottheit»10. Es ist eine Sammlung von zahlreichen, meist recht kurzen Texten, in denen Mechthild sich angesprochen erlebt oder antwortend spricht. Von Balthasar hat im Blick auf diese geistlichen Texte eine Studie verfasst, die unter der Überschrift steht «Mechthilds kirchlicher Auftrag»11. Dabei stellt er unter anderem heraus, dass Mechthild zur Darstellung ihrer Beziehung zu Gott und seinem Wort und Werk immer wieder auf Motive zurückgreift, die aus dem alttestamentlichen Hohelied der Liebe stammen.
b) Mechthild von Hackeborn
Sie lebte zur selben Zeit wie Mechthild von Magdeburg, also im 13. Jahrhundert. Sie wurde in Hackeborn, nahe Halberstadt, im Jahre 1241 geboren. Gestorben ist sie im Jahre 1299. Schon als junge Frau schloss sie sich den Zisterzienserinnen an. Ja, sie wurde 1251 – also 19- jährig – Äbtissin in ihrer Abtei, die 1258 nach Helfta verlegt wurde. Sie nahm dieses Amt 41 Jahre lang wahr. Mechthilds geistliches Leben war zum einen durch die vielen mystischen Erfahrungen, die ihr geschenkt wurden, und zum anderen durch ihre Teilnahme am gemeinsamen Gotteslob, wie es – benediktinisch – in ihrer Abtei gefeiert wurde, bestimmt. Mechthild hat von ihren überaus reichen geistlichen Einsichten und frommen Entscheidungen in ihrer Schrift «Buch der besonderen Gnade» Kunde gegeben. Sie sind zutiefst durch ihre Kirchlichkeit und also durch ihre marianische Prägung durchformt. Hans Urs von Balthasar hat das genannte Buch in Auszügen ins Deutsche übersetzt und mit einem neuen Titel versehen – «Das Buch vom strömenden Lob».12 Und er hat dem Text Mechthilds eine «Einführung» vorangestellt, in der er an das Leben Mechthilds von Hackeborn erinnert und die theologischen Schwerpunkte ihrer geistlichen Lehre herausstellt.13 Dabei zeigt sich, dass Mechthild von Hackeborn zu den herausragenden Gestalten der Kirche als geistlicher Gemeinschaft gehört.
c) Caterina von Siena
Die dritte Frau, die im Mittelalter gelebt hat und deren geistliches Zeugnis Hans Urs von Balthasar nachgezeichnet hat, war Caterina von Siena. Sie lebte im 14. Jahrhundert. Geboren wurde sie in Siena im Jahre 1347, gestorben ist sie – 33-jährig – in Rom im Jahre 1380. Sie hat in der Welt gelebt, gehörte jedoch seit ihrem 17. Lebensjahr dem Dritten Orden der Dominikaner an. Schon früh hatte sich Caterina zu einem Leben in Ehelosigkeit entschieden. Sie lebte dann für einige Jahre zurückgezogen. In dieser Zeit hat sie tiefe geistliche Erfahrungen gemacht. Darauf folgten Jahre, in denen Caterina sich für die Armen und Bedürftigen in Siena eingesetzt hat. Große Bedeutung hat Caterina erlangt durch ihren Einsatz für die Rückkehr des Papstes aus dem Exil in Avignon und für eine Wiederherstellung des Friedens zwischen dem Vatikan und der Republik Florenz und zwischen den kleinen Stadtstaaten der Toscana, die im Streit miteinander lagen. Ihre öffentliche Wirksamkeit war stets von einem lebendigen geistlichen Leben getragen. In ihr Gespräch mit Gott und in Gottes Gespräch mit ihr hat sie in ausführlicher und eindrucksvoller Weise Einblick gegeben in den Texten, die in ihr Buch eingegangen sind – «Dialogo della divina Provvidenza», ins Deutsche übertragen unter dem Titel «Gespräch von Gottes Vorsehung»14.
Von Balthasar hat die wichtigsten Linien der geistlichen Lehre, die Caterinas Leben getragen hatte, in einer kurzen, dichten Studie nachgezeichnet. Sie steht unter der Überschrift «Umriss der Lehre» und findet sich in der «Einleitung» des Buches, das Caterinas Gedanken und Gebete enthält.15 Von Balthasar hebt hervor, dass sie im ständigen Gespräch zwischen ihr und dem ihr in Christus nahen Gott ihren Ort hatten. Gleichzeitig ist ihm wichtig, dass Caterina ihr christliches Leben ebenso auf den Feldern der Welt wie hinter den Mauern ihres Klosters gelebt hat: «…der Grundriß ihres Daseins war: Kloster in der Welt. Sie sprach davon, man müsse ‹seine Zelle im Innern, im Herzen› tragen. Sie wollte immerfort bei den Armen, den Kranken, und den Ärmsten von allen, den Sündern, sein.»16 So gehörte für von Balthasar Caterina zu den Menschen, die ihre ganze Existenz unter das Zeichen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe gestellt und so in das marianische und kirchliche Ja zu Gottes Wort und Ruf gefügt haben.
d) Therese von Lisieux
Mehrere hundert Jahre später, im späten 19. Jahrhundert, lebte Therese von Lisieux, oft «Kleine Therese» genannt. Geboren wurde sie 1873, gestorben ist sie 1897, also im frühen Alter von 24 Jahren. 15-jährig trat sie in den Karmel von Lisieux ein. Therese fühlte sich schon als Kind zu einem Leben nach dem Evangelium berufen. Und so war es nur folgerichtig, dass sie sich so bald als möglich der Gemeinschaft der Schwestern im Karmel anschloss. In der Nachfolge Jesu wurden ihr viele geistliche Einsichten geschenkt. Sie wurden ihr auch in den nicht seltenen Zeiten zuteil, in denen sie gesundheitlich geschwächt war. Therese hat drei ausführliche Texte hinterlassen, in denen sie in ganz lebendiger, bildreicher Sprache von ihren geistlichen Wegen berichtet. Es handelt sich um die «Aufzeichnungen für die Ehrwürdige Mutter Agnès de Jésus» (die «Handschrift A»), den «Brief an Schwester Marie du Sacré-Coeur» (die «Handschrift B) und schließlich um die «Aufzeichnungen für Mutter Marie de Gonzague» (die «Handschrift C). Diese Texte geben Zeugnis von dem außergewöhnlichen Leben der jungen Therese, die sich ganz dem Ruf Gottes überlassen hat und so mit den überzeugendsten kindlichen und dann fraulichen geistlichen Erfahrungen beschenkt wurde. Die drei Handschriften füllen einen umfangreichen Band: Therese vom Kinde Jesus, Selbstbiographische Schriften.17
Hans Urs von Balthasar hat eine sehr ausführliche Studie zum Leben und zum Zeugnis der Therese vom Kinde Jesu, die sich ganz dem Ruf Gottes zu einer Sendung in der Kirche und der Welt geöffnet hatte, verfasst: «Therese von Lisieux. Geschichte einer Sendung».18 Er zeichnet in hochdifferenzierter Weise die Facetten der geistlichen Berufung Thereses nach. Dabei wird deutlich, dass sie die Konturen einer Sendung trug, die in der Kontemplation der der Welt zugewandten Liebe Gottes ebenso bestand wie in der stellvertretenden Zuwendung zu den Menschen ihrer Zeit. So hat Therese aus der Übernahme des Jawortes gelebt, das die innerste Bestimmung der Kirche ist und im Ursprung marianische Züge trägt. Von Balthasar war es auch wichtig, eine innere Verwandtschaft zwischen diesem Leben im marianischen Jawort und der ignatianisch bestimmten kirchlichen Gesinnung herauszustellen.
e) Elisabeth Catez – Elisabeth von Dijon
Elisabeth Catez wurde 1880 in Bourges geboren. Sie ist unter ihrem späteren Ordensnamen Elisabeth von Dijon oder auch Elisabeth von der Dreifaltigkeit (Elisabeth de la Trinité) bekannt geworden. Da die Familie, der sie entstammte, bald darauf nach Dijon umzog, wuchs sie dort auf. Schon als Jugendliche vernahm sie den Ruf Gottes zu einem Leben in einer klösterlichen Gemeinschaft. Bis zum Eintritt in den Karmel vergingen noch einige Jahre. Sie nahm eine geistliche Begleitung in Anspruch, sie widmete sich der Lektüre geistlicher Schriften und lebte schon im Geiste der evangelischen Räte. Im Jahre 1901 trat sie dann in den Karmel von Dijon ein. Dort lebte sie ein intensives geistliches Leben. Sie hat über die Erfahrungen, die ihr so zuteilwurden, in Texten Rechenschaft gegeben. Sie nahm gleichzeitig in ihrer Gemeinschaften Aufgaben wahr. Gesundheitlich war Elisabeth nicht selten geschwächt. Seit 1905 war sie bisweilen ernsthaft krank. Im November 1906 ist sie schließlich – 26-jährig – gestorben. In vielem ähnelt der Lebenslauf Elisabeths dem der Therese von Lisieux.
Die Texte, die Elisabeth verfasst hat und in denen sie ihre geistlichen Erfahrungen und ihre theologischen Überzeugungen darstellt, sind später veröffentlicht worden – in französischer Sprache. Auszüge aus diesen Schriften wurden von Hans Urs von Balthasar übersetzt. Eine von Susanne Greiner erstellte Auswahl aus diesen Schriften wurde im Jahre 2000 unter dem Titel «Der Himmel im Glauben» als Buch veröffentlicht.19 Die Texte Elisabeths sind von beeindruckender Einfachheit und Klarheit. Sie zeugen von ihrer gläubigen Offenheit für den dreifaltigen Gott und seine Liebe zur Welt und zu jedem Menschen und dann auch – ganz persönlich – zu ihr selbst. Es ist ein «Gebet zur heiligen Dreifaltigkeit», das sie 1904 verfasst hat, überliefert. 20 Es gibt in bewegender Weise Einblick in die Mitte ihrer christlichen Existenz. Im Übrigen ist die christliche Lehre von der Erwählung und Berufung der Welt und jedes Menschen durch Gott von Ewigkeit her, wie sie im Eingangshymnus des Epheserbriefes und in einer Aussage, die Paulus in Röm 8,9 gemacht hat, das Vorzeichen zu all ihren Einsichten. In marianischer Offenheit hat Elisabeth ihr Ja zu ihrer Sendung gelebt.
Von Balthasar hat das Leben und die geistliche Lehre Elisabeths von Dijon, die am 16. Oktober 2016 durch Papst Franziskus heiliggesprochen wurde, in einer in den frühen 50-er Jahren abgefassten großen Studie beschrieben und gedeutet: «Elisabeth von Dijon und ihre geistliche Sendung»21.
f ) Paule de Mulatier – Marie de la Trinité
Sie wurde im Jahre 1903 in Lyon geboren. Sie entstammte einer großen, wohlhabenden Familie. Schon als junge Frau fühlte sie sich zu einem geistlichen Leben berufen. Beraten durch den Provinzial der Dominikaner entschloss sie sich 1930 zum Eintritt in eine soeben gegründete Dominikanerinnenkongregation. Dort nahm sie den Namen Marie de la Trinité an. Dieser Gemeinschaft gehörte sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1980 an. Sie nahm unterschiedliche Aufgaben wahr, sowohl im inneren Bereich ihrer Kommunität als auch im öffentlichen Raum. Dies kostete sie viele Kräfte. Und so geriet sie immer wieder auch an ihre gesundheitlichen Grenzen. Für sie selbst war ihr Leben in Meditation und Kontemplation das entscheidend Wichtige. Und so war sie dankbar, dass sie ihre letzten Lebensjahre in der Stille einer Einsiedelei verbringen konnte.
In ihrem Gebet kreiste sie immer wieder um die zentralen Geheimnisse des christlichen Glaubens. Das Leben und Wirken des Dreifaltigen Gottes stand in seinem Zentrum. Und dann war es ihr wichtig, die Annahme der Gnade Gottes als Teilhabe am gemeinsamen Priestertum aller Glaubenden zu bedenken.
Marie de la Trinité hat viele ihrer geistlichen Einsichten zu Papier gebracht. Ihre Texte sind durch eine bemerkenswerte Klarheit und Entschiedenheit bestimmt. Von Balthasar hat, als diese Texte in französischer Sprache veröffentlicht worden waren, ihre Übersetzung vorgenommen. Und er hat sie – geordnet und gegliedert und in Kürze gedeutet – als eigenes Buch herausgebracht. Es trägt den Titel «Im Schoß des Vaters».22 Marie de la Trinité hat ein Leben führen dürfen, in dessen Zentrum eine lebendige, entschiedene Offenheit für den dreifaltigen Gott und seine Liebe zu seiner Welt stand. So hat sie mit ihrem Herzen in dem gläubigen Ja Marias und der Kirche zu Gott gelebt.
g) Madeleine Delbrêl
Zu den Frauen, die bis heute viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, gehört Madeleine Delbrêl. Sie wurde 1904 geboren und ist 60-jährig, 1964, gestorben. Nachdem sie zunächst dem christlichen Glauben und der Kirche fernstand, kam es – in den 20-er Jahren – zu einer folgenreichen Wende in ihrem Leben: sie ließ sich zum Glauben an das Evangelium und in die Kirche rufen. In der Folge lebte sie ganz entschieden als Christin. Sie trug sich mit dem Gedanken, in ein Karmelkloster einzutreten. Doch kam es dazu nicht. Stattdessen betätigte sie sich im städtischen Sozialdienst der zu Paris gehörenden Stadt Ivry. Dies wird sie bis an ihr Lebensende tun. Dieses Leben mit den hilfsbedürftigen Menschen ist genau der Ort, wo sie dann ihre Nachfolge Christi auf ursprüngliche und ganz lebendige Weise lebt. In den 50-er Jahren sammelte sie einige Frauen um sich, die mit ihr diese Wege zu gehen bereit waren. So haben sie auf ihre Weise gelebt, was in der Idee der modernen Säkularinstitute angelegt war. Madeleine Delbrêl hatte eine starke poetische Begabung. Und so hat sie ihre geistlichen Erfahrungen in immer neuen, ebenso ernsten wie bildreich lockeren Texten zur Sprache gebracht.
Hans Urs von Balthasar hat das Charisma dieser französischen Frau wahrgenommen und als einer der ersten im deutschen Sprachraum bekannt gemacht. Er hat zahlreiche, von Madeleine Delbrêl verfasste Texte ins Deutsche übertragen.23 Und er hat den Büchern, in denen diese Texte veröffentlicht wurden, einleitende Texte beigegeben, in denen er die Sendung Madeleine Delbrêls umschrieb. Dabei war es ihm stets besonders wichtig, die innere Einheit der auf den sich mitteilenden Gott bezogenen Kontemplation und der auf die ganz und gar weltliche Welt bezogenen Aktion herauszustellen.
h) Monika Timár
Diese junge Frau, die in Ungarn gelebt hat, ist bis heute nur wenigen bekannt. Sie ist 1937 in Budapest geboren worden. Es war ihr kein langes Leben beschieden: 25-jährig ist sie 1962 gestorben. Sie hat nach ihrer Gymnasialzeit ein Studium der Heilpädagogik aufgenommen und nach dessen Abschluss in einem staatlichen Institut als Heilpädagogin mit Kindern gearbeitet. Schon früh erkannte sie, dass Gott sie auf einen geistlichen Weg berufen hat. Und so schloss sie sich 1955 einer Gemeinschaft an, die sich an der Regel des Hl. Benedikt orientierte. Sie absolvierte bis 1957 ihr Noviziat und lebte dann unter immer neuen und stets schwierigen Verhältnissen mit ihren Mitschwestern zusammen. Es galt den weltlichen Aufgaben nachzugehen und gleichzeitig ein kommunitäres Leben zu führen, das nicht zuletzt durch das liturgische Stundengebet bestimmt war. Monika hat schon bald die Aufgabe der Novizenmeisterin und dann auch der Oberin übertragen bekommen. Sie hat ein ganz lebendiges und glaubwürdiges Leben in der Nachfolge Jesu geführt. Und sie hat über ihre vielfältigen Erfahrungen ein ausführliches Tagebuch geführt. Da zeigt sich, wie sie ihre Wege gegangen ist – in ihren beruflichen Aufgaben, in der Gemeinschaft mit ihren Mitschwestern, im Leben aus einem entschiedenen Ja zu ihrer geistlichen Berufung. Im Herbst 1962 erkrankte Monika schwer und starb im Dezember desselben Jahres.
Ihr Tagebuch, das ein umfangreiches und sehr eindrucksvolles Lebens- und Glaubenszeugnis ist, ist erhalten geblieben und veröffentlicht worden. In deutscher Fassung liegt es unter dem Titel «Monika. Ein Zeugnis in Ungarn» vor.24 Hans Urs von Balthasar hat dem Buch ein «Vorwort» vorangeschickt.25 Darin hebt er unter anderem hervor, dass Monika in einer durchaus nicht einfachen, weil weitgehend atheistischen Umwelt in wegweisender Form die Einheit von voller Zuwendung zu Gott und ebenso voller Zuwendung zur Welt gelebt hat. So hat sie, die junge Frau, auf den Ruf, der ihr von Gott her zukam, geantwortet und sich so dem marianisch bestimmten Jawort, das im Ursprung der Kirche lebt, eingefügt.
i) Erika Holzach
Erika Holzach stammte aus Basel, wo sie 1903 geboren wurde. Dort ist sie auch im Jahre 1987 gestorben. Im Laufe ihres Lebens lebte und wirkte sie auch an anderen Orten in der Schweiz. Zunächst gehörte sie der protestantischen Kirche an. Doch mehr und mehr erlebte sie sich zur katholischen Kirche hingezogen. Es kam 1927 zur Konversion. Dies bedeutete einen tiefen Einschnitt in ihrem Leben, das fortan durch sehr intensive geistliche Erfahrungen bestimmt war. Sie schloss sich der Gemeinschaft an, die den Namen «St. Katharinen-Werk» trug. So hatte sie Kontakt mit gleichgesinnten Schwestern, für die sie nicht wenige Aufgaben wahrnahm. Gleichzeitig betätigte sie sich in sozialen Einrichtungen und war bedürftigen Menschen hilfreich nahe. In späteren Jahren kam es zu einer Entfernung von ihrer Kommunität und einer Hinwendung zur Johannesgemeinschaft, die von Adrienne von Speyr und Hans Urs von Balthasar gegründet worden war. Mit beiden trat sie in Basel in Kontakt. Wichtig war ihr immer auch die geistliche Begleitung, die sie durch einen Jesuitenpater bekam. Die Spiritualität der Ignatius von Loyola gab ihr mehr und mehr ihre Orientierung.
Erika Holzach erfuhr Gottes Nähe in einer ganz persönlichen Weise. Aus manchen Jahren sind die geistlichen Notizen, die Einblick in diese Erfahrungen geben, überliefert. Sie lassen ahnen, wie lebendig Erika Holzach ihrer geistlichen Sendung entsprach. Hans Urs von Balthasar hat eine Auswahl aus Erika Holzachs Tagebüchern zusammengestellt und unter dem Titel «Du weißt nicht, wie sehr ich dich liebe. Aufzeichnungen» veröffentlicht.26 Er hat diesem Buch eine längere «Einleitung» vorangestellt.27 So hat von Balthasar einen Blick auf das Leben und die Glaubenserfahrungen einer Frau, der im zurückliegenden Jahrhundert ein langes Leben beschieden war, ermöglicht. Sie waren dadurch gekennzeichnet, dass sie sich von Gott angesprochen erlebte und darauf offenen und bereiten Herzens antwortete.
Es ist sicherlich kein Zufall, dass Hans Urs von Balthasar sich mit den geistlichen Zeugnissen von nicht wenigen Frauen so intensiv und engagiert befasst hat. Sie waren ihm Hinweise dafür, dass die christliche Spiritualität zutiefst durch ihre Einstimmung in das das Leben Jesu Christi begleitende Jawort Marias und von daher dann auch durch ihre Kirchlichkeit im Sinne des «Sentire in Ecclesia» gekennzeichnet ist. Es sei nur angemerkt, dass das spirituelle Konzept, das das in die Kirchenkonstitution «Lumen gentium» eingegliederte konziliare Lehrstück über Maria kennzeichnet, der Sache nach aufs engste mit dem verwandt ist, was hier als theologisches Anliegen von Balthasars in Erinnerung gerufen wurde.28