O du hochheilig Kreuze,
daran mein Herr gehangen
in Schmerz und Todesbangen.
Allda mit Speer und Nägeln
die Glieder sind durchbrochen,
Händ, Füß und Seit durchstochen.
Wer kann genug dich loben,
da du all Gut umschlossen,
das je uns zugeflossen?
Du bist die sichre Leiter,
darauf man steigt zum Leben,
das Gott will ewig geben.
Du bist die starke Brücke,
darüber alle Frommen
wohl durch die Fluten kommen.
Du bist das Siegeszeichen,
davor der Feind erschricket,
wenn er es nur anblicket.
Du bist der Stab der Pilger,
daran wir sicher wallen,
nicht wanken und nicht fallen.
Du bist des Himmels Schlüssel,
du schließest auf das Leben,
das uns durch dich gegeben.
Zeig deine Kraft und Stärke,
beschütz uns all zusammen
durch deinen heilgen Namen,
damit wir, Gottes Kinder,
in Frieden mögen sterben
als seines Reiches Erben.
* * *
«Das Mysterium ist immer eins.» Diese auf den Benediktiner Odo Casel (1886–1948) zurückgeführte Maxime betont die Einheit und die Einzigkeit des «Geheimnis des Glaubens». Es gibt nicht ein halbes Dutzend Mysterien oder mehr, sondern nur ein einziges, nämlich die Überwindung des Todes durch die sich offenbarende Liebe Gottes, die alles zur Vollendung führen wird: «Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.» Dieses eine Mysterium wird in jeder liturgischen Feier als Einheit begangen. Es lässt sich nicht auf einzelne Tage verteilen. Die Feste des Kirchenjahres sind keine auf einer Zeitschnur gereihten Perlen, die einen historisierenden Schnelldurchgang des Lebens Jesu von der Geburt über die Taufe bis hin zu Leiden und Tod, Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung darstellen. Sie sind vielmehr unterschiedliche Akzentuierungen des einen Mysteriums, das wie ein geschliffener Edelstein je nach Lichteinfall verschiedene Facetten zum Leuchten bringt. Das Mysterium ist immer eins.
Diese Einheit ist in der gegenwärtigen Gestalt der Liturgie kaum so deutlich erfahrbar wie an Karfreitag. Auch wenn er in den liturgischen Büchern überschrieben ist mit «Die Feier vom Leiden und Sterben Christi», führt er mich doch durch Schriftlesungen und Kreuzverehrung über Leiden und Sterben hinaus zur Überwindung des Todes. Denn in dem Kreuz, vor dem ich mich beuge, verehre ich ja nicht den Galgen, das Schafott, den Marterpfahl, an dem ein Mensch auf schreckliche Weise getötet wird, sondern das Holz, an dem das Heil der Welt gehangen. Die Liturgie sieht als Begleitung zur Kreuzesverehrung einen Gesang vor, der leider in unseren real existierenden Karfreitagsgottesdiensten viel zu selten erklingt und darum kaum unser Bewusstsein erreicht: «Dein Kreuz, o Herr, verehren wir, / und deine heilige Auferstehung preisen und rühmen wir: / Denn siehe, durch das Holz des Kreuzes kam Freude in alle Welt.»
Das Kirchenlied O du hochheilig Kreuze ist ein jüngerer Bruder dieses Gesangs. Es ist zum ersten Mal in dem «Catholisch Gesangbüchlein […] getruckt zu Constantz am Bodensee bey Nicolao Kalt, 1600» nachweisbar. Wie die Karfreitagsliturgie führt es zu Beginn das körperliche und seelische Leiden vor Augen: Der Herr hat am Kreuze gehangen in Schmerz und Todesbangen, mit Speer und Nägeln sind Händ, Füß und Seit durchstochen, die Glieder sind durchbrochen. Was aber dann folgt, ist die Verehrung des Kreuzes als «Gottes Kraft und Gottes Weisheit» (1 Kor 1, 24). In fünf zumeist alttestamentlichen Bildern wird nicht die leidensschaffende, sondern heilbringende Dimension des Kreuzes besungen. Das erste Bild verknüpft das Kreuz mit dem Traum Jakobs (Gen 28, 12): Du bist die sichre Leiter. Wie die Himmelleiter ist das Kreuz die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Du bist die starke Brücke verlegt denselben Gedanken von der Vertikalen in die Horizontale. Wie Brücken Getrenntes verbinden und sicher über gefährliche Abgründe führen, so überbrückt das Kreuz die Gegensätze zwischen Erde und Himmel.
Du bist das Siegeszeichen sieht im Kreuz ein Tropaion: In der Antike wurde nach einer gewonnenen Schlacht an der Stelle, wo der Feind sich zur Flucht wandte, zum Zeichen des Triumphes ein Holzpflock in den Boden gerammt und an dessen oberen Ende ein Querbalken befestigt, am dem die Waffen und Rüstungen der Besiegten öffentlich als ‹Trophäen› gezeigt wurden. Schon Paulus dürfte auf diesen Brauch anspielen, wenn er schreibt: «[Christus] hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, […] dadurch getilgt, dass er ihn ans Kreuz geheftet hat. Die Fürsten und Gewalten hat er entmachtet und öffentlich zur Schau gestellt, durch Christus hat er über sie triumphiert» (Kol 2, 14f ). Du bist der Stab der Pilger erkennt in dem Kreuz Halt und Stütze auf dem Pilgerweg dieses Lebens. Zahlreiche biblische Assoziationen stellen sich ein: Der Stab, mit dem der von zuhause vertriebene Jakob den Jordan überschreitet (Gen 32, 11), der Stab, mit dem Mose das Rote Meer spaltet (Ex 14, 16) und in der Wüste Wasser aus dem Felsen schlägt (Num 20, 11), der Stab des Guten Hirten, der dem in finsterer Schlucht Wandernden Zuversicht gibt (Ps 23, 5). Du bist des Himmels Schlüssel (Str. 8) deutet den «Schlüssel Davids» (Jes 22, 20), ein Attribut der messianischen Vollmacht Christi, als das Kreuz. Mit ihm werden das Himmelreich auf- und das Totenreich abgeschlossen.
Ältere Fassungen des Liedes kannten noch weitere Bilder (etwa Schiff, Regenbogen, Anker, Baum), darunter auch eines, das in der Liebesmystik des Hohen Liedes wurzelt: «Du bist das süsse Bettlein / Darauff mein Gsponß sein Leben / Auß lautter lieb aufgeben.» Das Kreuz als Zeichen der unendlichen Liebe ist das Bettlein, auf dem sich der Bräutigam Christus und die bräutliche Seele liebend vereinen. «O siehe, wie schön bist du, mein Geliebter, und anmutig; voll Blumen ist unser Bett» (Hld 1, 16 Vulgata). Ein heute sicher ungewohntes, aber vielleicht doch zu wichtiges Bild, als dass man es in neuzeitlicher Prüderie einfach weglassen sollte.