Einem Jugendfreund aus gemeinsamen Genueser Studientagen vertraute sich Benedikt XV. im Sommer 1915 an: Er tue alles ihm Mögliche, um die Menschen zu versöhnen, «aber die Katholiken, die auf mich hören müssten, fühlen sich eher als Belgier, Deutsche, Österreicher usw., als dass sie sich als Katholiken fühlen.»1 Mit diesen Worten ist das ganze Dilemma umschrieben, das das Wirken des «Friedenspapstes» im Ersten Weltkrieg kennzeichnet.
Um sein Handeln recht einordnen zu können, muss man ein wenig zurückblenden. Nach der Zerschlagung des alten Kirchenstaates im Jahr 1870 war es zu einer nie gekannten Solidarisierung mit dem Papst als selbsterklärtem «Gefangenen im Vatikan» gekommen. Wallfahrten nach Rom wurden zu einem namhaften Phänomen; eine ultramontane Presse machte sich für die Anliegen des Papsttums stark; durch den «Peterspfennig» wurden Katholiken in aller Welt zur Gewährleistung der materiellen Basis des Vatikans in die Pflicht genommen; durch insgesamt zehn internationale Vermittlermissionen wurde das außenpolitische Prestige des Heiligen Stuhls gemehrt. Damit war das Papsttum mehr denn je zum politscher global player mit moralischer Weltgeltung geworden. Eine Probe auf diese neuen Rahmenbedingungen musste der Erste Weltkrieg werden. Würde man dem Papst Autorität zubilligen und seinen Worten Gehör schenken?
Die Wahl eines «politischen Papstes»
Am 20. August 1914 war Pius X. (1835–1914) gestorben. Der moribunde Papst hatte den Ausbruch des Krieges nur noch beklagen können. Über das Stimmungsbild des auf seinen Tod folgenden Konklaves sind wir relativ gut unterrichtet. Der Pontifikat des Sarto-Papstes war von innerkirchlichen Reformen geprägt gewesen (Liturgie, Kirchenmusik, Kampf gegen vermeintliche «modernistische» Strömungen in der Theologie). Schon bald bildete sich unter den Kardinälen als Konsens heraus, dass derlei Probleme im neuen Pontifikat angesichts der Weltlage nicht im Vordergrund stehen konnten. Der schließlich gewählte Kandidat, der Bologneser Erzbischof Giacomo Della Chiesa (1854–1922), hatte denn auch ein ausgesprochen politisch-diplomatisches Profil. Ausgebildet an der Päpstlichen Diplomatenakademie, war der Genueser Markgraf schon früh der engste Mitarbeiter Mariano Rampolla del Tindaros (1843–1913) geworden. 1887 zum Kardinalstaatssekretär ernannt, wurde er zum eigentlichen Architekten der ambitionierten Außenpolitik Leos XIII. (1810–1903). Neben den genannten Mediationen zwischen Staaten stand vor allem die Aussöhnung der französischen Katholiken mit der ungeliebten Republik auf der Agenda. Unter Pius X. stockte Della Chiesas kuriale Karriere, und er wurde zuletzt auf den Bischofsstuhl von Bologna weggelobt (nach dem römischen Prinzip promovetur ut amoveatur). Obwohl die Bologneser Erzbischöfe für gewöhnlich dem Kardinalskollegium angehören, musste er selbst ungewöhnlich lange auf das rote Birett warten.
Seine Wahl zum Papst wird man als Option für die Möglichkeiten der Diplomatie und als Beitrag zum Frieden unter den verfeindeten Staaten, vielleicht für eine päpstliche Mediation in großem Stil deuten können. Freilich waren seine Handlungsmöglichkeiten begrenzt, wie er schon bald durch inoffizielle Kanäle erfahren musste. Im Londoner Vertrag vom 26. April 1915, durch den sich die Italiener vor dem Kriegseintritt von der Entente zukünftige Gewinne im Fall eines gewonnenen Krieges zusichern ließen, hieß es in Artikel 15: «Frankreich, Großbritannien und Russland unterstützen Italien darin, jedwede Beteiligung eines Vertreters des Heiligen Stuhls bei Friedensverhandlungen oder bei Verhandlungen von Fragen, die durch den Krieg entstanden sind, abzulehnen.» 2
Auf den ersten Blick mag das widersinnig erscheinen: Warum sollte man nicht nach jedem Strohhalm greifen, um den Krieg zu beenden und eine gerechte Friedenslösung herbeizuführen? Der Grund liegt auf italienischer Seite darin, dass mit der Anrufung des Heiligen Stuhls als internationaler Mittler indirekt dessen Souveränität anerkannt worden wäre. Es ging der römischen Regierung darum – wie schon in den vergangenen 45 Jahren –, die Römische Frage von der Agenda der internationalen Politik fernzuhalten.
Internationale Kriegspropaganda und päpstliche Neutralität
Seit 1870 war das Profil des Heiligen Stuhls als global-politischer Akteur und als neutrale Schiedsinstanz modelliert worden. Der Verlust des Kirchenstaates, bei aufrechterhaltenem Souveränitätsanspruch, bot also auch eine Chance für politisches Handeln in der Gegenwart. In fast allen europäischen Kriegen der Neuzeit hatte der Heilige Stuhl Partei ergriffen bzw. ergreifen müssen, sei es in den Renaissancekriegen, in den Konfessionskriegen des 16./17. Jahrhunderts, im Spanischen Erbfolgekrieg, in den Napoleonischen Kriegen oder im Risorgimento. Immer wieder hatte man auf militärischem Wege die eigene Position verteidigen müssen.
Man wird dem Diplomaten Benedikt XV. bescheinigen dürfen, dass er diese Chance erkannte und beherzt ergriff, indem er für sich selbst klar und eindeutig die Neutralität postulierte. Dies ist umso bemerkenswerter, als der Krieg in allen kriegführenden Staaten von Christen gerechtfertigt, ja bisweilen sogar enthusiastisch begrüßt wurde. Dieser Aspekt ist in der Forschung immer wieder herausgestellt worden. Vor dem Hintergrund der internationalen Kriegspropaganda hebt sich die päpstliche Unparteilichkeit schroff ab. Sie erscheint umso bemerkenswerter, als es von beiden Seiten immer wieder Versuche gegeben hat, den Papst dazu zu bewegen, echtes oder vermeintliches Unrecht der Kriegsgegner zu verurteilen. In Belgien etwa, das vom Deutschen Reich unter Verletzung seiner Neutralität angegriffen und besetzt worden war, kam die sterile Neutralität des Pontifex nicht gut an. Hier beherrschte der antideutsch eingestellte Erzbischof von Mecheln, Kardinal Desirée-Joseph Mercier (1851–1926), die öffentliche Meinung, da König Albert I. (1875–1934) im Exil auf Seiten der Franzosen kämpfte. In Italien war der Franziskaner Agostino Gemelli (1878–1959) unter den Meinungsführern, was den Krieg anging, in Deutschland (Erz-)Bischof Michael Faulhaber (1869–1952), in Frankreich der Dominikaner Antonin-Dalmace Sertillanges (1863–1948) – um nur einige prominente Stimmen von katholischen Befürwortern des Krieges zu nennen. Wiederholt kam es zu diplomatischen Verstimmungen wegen angeblicher Parteilichkeit des Papstes, etwa als ihm unterstellt wurde, er habe im Dezember 1917 vor Freude über die Befreiung Jerusalems aus osmanischer Hand in Rom alle Glocken läuten lassen.
Allerdings hätte es ihm aus katholischer Sicht durchaus schwerfallen müssen, die eine oder andere Seite zu bevorzugen, kämpften doch auf beiden Seiten Katholiken, ja große katholische Nationen wie Frankreich, Italien, Österreich-Ungarn standen einander unversöhnlich gegenüber. Im Konsistorium vom 22. Januar 1915 erklärte er, Christus sei für alle Menschen gestorben. Als dessen Stellvertreter auf Erden könne er nur beklagen, dass in allen Lagern Katholiken kämpften, und er sei deshalb umso mehr zu einer strengen Neutralität verpflichtet.3
Kurz nach seiner Wahl versicherte Benedikt XV. in dem Apostolischen Schreiben Ubi primum, er wolle alles in seiner Macht Stehende tun, um zur Beendigung des Krieges beizutragen.4 In seiner ersten Enzyklika, Ad beatissimi Apostolorum, betonte er, als Vater aller Katholiken, ja aller Menschen, dürfe er nicht parteiisch sein. Klar verurteilte er schon hier den Krieg als ein menschliches Versagen.5 Diese Deutung sollte sich wie ein Grundakkord durch seine öffentlichen Äußerungen in den Jahren 1914–1918 ziehen. Der Krieg ist Folge der Abkehr von Gott, Ungehorsam gegenüber seinen Geboten, Mangel an Liebe, Untreue gegenüber Christus. Europa, das christliche Abendland, verfehlt sich an seiner eigenen Bestimmung. Wiederholt bezeichnete Della Chiesa den Krieg als einen «Selbstmord des zivilisierten Europa».6 Insofern kann er nichts anderes als ein «sinnloses Blutvergießen» sein, wie er dann 1917 in seiner Friedensnote formulieren wird. In Ad beatissimi Apostolorum erinnerte er daran, dass die Menschen, die sich bekämpfen, alle dieselbe Würde besitzen. Sie alle sind Kinder des einen himmlischen Vaters. Eindringlich rief er die Regierenden zum Frieden auf.
Humanitäres Wirken
Man wird Benedikt XV. nicht absprechen können, über den Krieg und seine grausamen Folgen persönlich betroffen gewesen zu sein. Das breit gefächerte humanitäre Wirken, das während des Krieges vom Papst initiiert wurde, war also nicht bloß politisch begründet (auch wenn es politische Folgen zeitigen sollte, wie zu zeigen sein wird).
Weihnachten 1914 setzte sich der Pontifex vergeblich für einen Waffenstillstand ein. Immer wieder wurde der Austausch von verwundeten und invaliden Männern in neutralen Drittstaaten wie der Schweiz, Holland und Dänemark vermittelt. Am bekanntesten war sicher der Suchdienst für vermisste, verwundete und gefallene Soldaten, der im Staatssekretariat eingerichtet wurde. Um die 500.000 Antworten auf Anfragen verließen die vatikanischen Mauern. Mehrfach setzte er sich für Zwangsarbeiter ein. Als es seit dem Frühjahr 1915 zu Massendeportationen von Armeniern kam, die de facto nichts anderes als Todesmärsche waren, ließ er auf diplomatischen Kanälen beim deutschen und österreichischen Geschäftsträger an der Hohen Pforte intervenieren. Als dies nichts fruchtete, entschloss er sich zu dem ungewöhnlichen Schritt, persönlich an den Sultan des Osmanischen Reiches zu schreiben und mit eindringlichen Worten zum Schutz des armenischen Volkes aufzurufen.
Schließlich wird man nicht zuletzt die zahlreichen Gebetsaufrufe und Gebete um den Frieden als von der Sorge um den Menschen beseelt, und damit als in einem tieferen Sinne «humanitär» einstufen dürfen. Die humanitären Aktivitäten des Vatikans waren nicht auf Katholiken beschränkt, sondern kamen Menschen jedweder Religion zugute, so dass man zu Kriegszeiten von einem «Zweiten Roten Kreuz» sprach. Sie mussten quasi aus dem Boden gestampft und in der schwierigen Situation der politischen Isolation organisiert werden. Zwar waren sie kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein, hatten aber als solche eine große symbolische Wirkung.
Friedensinitiativen
Benedikt XV. war ein Schüler Rampollas und ein Erbe der Ausgleichspolitik Leos XIII. Er wusste um die Bedeutung der Neutralität, die Voraussetzung für jedwede Friedensinitiative ist. Durch die humanitären Aktivitäten wurden Prestige und moralisches Gewicht des Papsttums gestärkt. Auch diesen Zusammenhang nahm der Della Chiesa-Papst aufmerksam wahr.
Zum gewöhnlichen Instrumentarium eines Papstes in Kriegszeiten gehört das Gebet. Davon machte Benedikt XV. ausgiebig Gebrauch. Immer wieder betete er um den Frieden und rief die Christen zum Gebet auf. Das Beten um den Frieden wurde geradezu zum Leitakkord seines Pontifikates. Die Anrufung Mariens als Regina Pacis (Königin des Friedens), die seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar ist, wurde jetzt erst richtig populär. Ebenso fehlten nicht religiös-moralische Appelle, mit denen er die Kriegsparteien zum Frieden aufforderte.
Wenn man an die Friedensinitiativen dieses Papstes erinnert, denkt man zu Recht zunächst an seine große Friedensnote Dès les débuts, mit der er sich am 1. August 1917 an die Führungen der kriegführenden Staaten wandte. Weniger im Blick sind seine Versuche, Italien davon abzuhalten, Österreich-Ungarn den Krieg zu erklären. Die beiden Mächte waren ja seit 1882 in der defensiv ausgerichteten Tripel-Allianz verbündet. Rom sah sich bei Kriegsbeginn nicht genötigt, dem Nachbarn im Norden beizuspringen, hatte dieser doch Serbien den Krieg erklärt. Allerdings stand es von Anfang an zu erwarten, dass das Land auf der Seite der Entente in den Krieg eintreten würde, da die Überschneidung der Interessen im Blick auf die Donaumonarchie denkbar groß war. Rom erhob Anspruch auf Welschtirol, Triest und Istrien, die 1870 nicht Teil des Königreichs Italien geworden waren. Beide Mächte konkurrierten auch auf dem Balkan und an der dalmatinischen Küste. Um einen kriegerischen Konflikt zu vermeiden, ließ Benedikt XV. im Frühjahr 1915 in Wien sondieren, ob man dort zum Verzicht auf die umstrittenen Gebiete bereit sei. Auf Seiten der Entente wurde dies als Parteilichkeit zugunsten der Donaumonarchie gedeutet. Ohnedies kam ein solcher Verzicht für die kaiserliche Regierung nicht in Frage, da Triest als Kriegshafen strategisch bedeutend war und die Preisgabe der italienischsprachigen Gebiete ein Fanal für das Vielvölkerreich bedeutet hätte. Die päpstlichen Bemühungen mussten auch deshalb ins Leere laufen, weil der antiklerikale italienische Außenminister Sidney Sonnino (1847–1922) längst parallel mit der Entente verhandelte. Auf sein Betreiben hin fand die erwähnte Klausel, die den Ausschluss des Vatikans von Friedenverhandlungen vorsah, in den Londoner Vertrag mit der Entente Eingang. Am 24. Mai 1915 erfolgte die Kriegserklärung Italiens gegen Österreich-Ungarn, im Folgejahr auch gegen das Deutsche Reich.
Trotz der fortbestehenden Spannung zwischen Quirinal und Vatikan wegen der «Römischen Frage», der ungeklärten Souveränität des Heiligen Stuhls, wurden nun inoffizielle Gesprächskontakte über den Tiber hinweg aufgenommen. Für Kirchenfragen zuständig war in der Person Carlo Montis ein Studienfreund des Papstes, der nun beflissen Informationen von einer Seite des Tibers zur anderen übermittelte. Seine umfangreichen Tagebücher vermitteln ein gutes Bild der Einschätzungen und Intentionen des Papstes.7
Erstaunlich am Ersten Weltkrieg ist nicht nur, dass er nach einer langen Inkubationsphase tatsächlich ausbrach. Die Metapher der «Schlafwandler» (Chr. Clark), als welche sich die europäischen Mächte vor dem Sommer 1914 bewegten, scheint in diesem Zusammenhang höchst treffend. Überraschend ist auch, dass alle Seiten nur mit einem kurzen «Abenteuer» rechneten, nicht aber mit einem jahrelangen Stellungskrieg, der Millionen Menschen das Leben und die Gesundheit kostete. Am erstaunlichsten erscheint jedoch, dass trotz des Friedenswillens aller Beteiligten kein Ausweg aus dem Konflikt zu finden war. Im Jahr 1916 hatte sich eine Pattsituation verfestigt. Trotz der in jeder Hinsicht bestehenden Überlegenheit der Entente standen die Mittelmächte noch weit in Feindesland, und große Erfolge wie die Überwindung der Italiener sowie die Ausschaltung Russland sollten noch kommen. Letztlich zeigte sich, dass ein moderner Massenkrieg nicht mehr wie die klassischen Kriege in Feldschlachten zu gewinnen war, sondern allenfalls durch innere Unruhen und das Kollabieren ganzer Nationen beendet werden würde (wie es im Fall der Mittelmächte und Russlands dann tatsächlich der Fall sein sollte). Obwohl allgemeine Kriegsmüdigkeit sich breitmachte, blieb ein Friedensvorstoß der Mittelmächte im Dezember 1916 folgenlos, da er keine konkreten Zusagen enthielt. Immerhin schien der Boden für eine päpstliche Intervention damit bereitet.
Der Friedensnote vom 1. August 1917 gingen geheime Sondierungen seitens des Vatikans vor allem bei den Mittelmächten voraus, die zum Ziel hatten, dass diese ihre Kriegsziele und Friedensbedingungen deutlich offenlegten. So sollte ihre Glaubwürdigkeit in den Augen der Entente-Mächte gestärkt werden. Ende Juni 1917 führte der neue Münchner Nuntius Eugenio Pacelli (1876–1958) Gespräche mit Reichskanzler Theodor von Bethmann Hollweg (1856–1921) in Berlin und mit Wilhelm II. (1859–1941) in Bad Kreuznach, dem er ein Handschreiben des Papstes übergab.8 Der Nuntius bemühte sich um die Zusage, dass Belgien, dessen Neutralität durch den deutschen Einmarsch verletzt worden war, als unabhängiger Staat wiederhergestellt würde – eine elementare Forderung der Entente. Die Gespräche mit dem Regierungschef waren durchaus vielversprechend. Auch die Friedensresolution des Reichstags vom 19. Juli 1917, der Sozialdemokraten, Politiker der katholischen Zentrumspartei und Liberale einen baldigen Verständigungsfrieden forderten, konnte als Hoffnungszeichen gelten. Doch bald zeigte sich, dass die von Bethmann Hollweg gemachten Zusagen von dessen Nachfolger Georg Michaelis (1857–1936) nicht erneuert wurden. Der neue Kanzler hatte der Dritten Obersten Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff wenig entgegenzusetzen.
Dieser diplomatische Fehlschlag hielt den Papst nicht davon ab, den Staatsoberhäuptern der kriegführenden Nationen seine Friedensnote zu übermitteln. Folgende Punkte enthielt der päpstliche Plan:9
1. Verzicht auf Annexionen und Reparationen, also die Rückkehr zum status quo ante vom Sommer 1914. Polen, Serbien und Belgien müssen unabhängige Staaten sein;
2. Rückgabe der Kolonien an Deutschland;
3. Regelung strittiger Gebietsfragen zwischen Deutschland und Frankreich (Elsass-Lothringen) bzw. zwischen Österreich-Ungarn und Italien (s.o.) durch Schiedsgerichte;
4. allgemeine, kontrollierte Abrüstung;
5. Freiheit der Meere. Das richtete sich sowohl gegen den vor allem von Deutschland ausgehenden U-Boot-Krieg, als auch gegen die Abriegelung der deutschen Nachschublinien durch die englische Seeblockade.
Es überrascht die Konkretheit der päpstlichen Vorschläge, die eine gute Kenntnis der militärisch-politischen Situation voraussetzen. Der Pontifex beschränkte sich mit seiner Note eindeutig nicht auf moralische Appelle und religiöse Weisungen, sondern begab sich in das Gebiet der Politik
Die Mittelmächte signalisierten in ihren Reaktionen Anerkennung und Respekt, verblieben aber ansonsten im Unverbindlichen. Dies sollte sich als ein historischer Fehler erweisen: Hätte man die Chance ergriffen und durch Offenlegung der eigenen Kriegsziele sowie der Bedingungen, unter denen man zu einem Friedensschluss bereit war, ernsthaft die Bereitschaft zu Verhandlungen signalisiert, hätte man diese aus einer Position der Stärke herausführen können – anders als es dann ein Jahr später der Fall sein sollte. Die Ententemächte waren durch den Londoner Vertrag gehalten, eine Friedensvermittlung des Heiligen Stuhls nicht zu akzeptieren. Deshalb antworteten sie nicht – abgesehen von den USA, die jenen Vertrag nicht unterschrieben hatten. Präsident Woodrow Wilson (1856–1924) machte deutlich, dass ohne eine Demokratisierung der Kaiserreiche nicht mit einem Frieden zu rechnen sei. Und das hieß nach Lage der Dinge, dass die Kanzler von den Parlamenten ernannt werden müssten und ihnen allein verantwortlich seien. Auch müsse erst der «preußische Militarismus» gebrochen werden. Zwischen Quirinal und Vatikan herrschte Funkstille, und nicht einmal im Ansatz verstanden sich König und Ministerpräsident zu einer positiven Würdigung der päpstlichen Bemühungen. Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri ließ die Regierung wissen: «Wie! Der Papst wendet sich zum ersten Mal nach 1870 an den italienischen König, und dieser antwortet nicht einmal! Er hätte zumindest eine höfliche Ablehnung signalisieren müssen. Wilson dagegen hat geantwortet, und geantwortet haben neben Österreich und Deutschland sogar die Türkei und Bulgarien.»10
An sich ein diplomatisches Aktenstück, wurde die päpstliche Friedensnote doch bald schon bekannt. Es waren die Bolschewisten, die alle geheimen Verträge des zaristischen Regimes öffentlich bekannt machten. Als nach der für die italienischen Gebirgstruppen verheerenden Schlacht von Karfreit (24.–27. Oktober 1917) Hundertausende von Soldaten und Zivilisten gen Süden flohen, trugen viele von ihnen den päpstlichen Text in der Rocktasche, auf den Lippen den Ruf «Viva il papa che vuole la pace!» (Es lebe der Papst, der den Frieden will).11 In der parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Ursachen der Niederlage wurde auf den verderblichen Einfluss der Friedensnote hingewiesen.
Die zukünftige Friedensordnung hatte Benedikt XV. in der letzten Phase des Krieges im Blick, als er sich für den Fortbestand der Habsburgermonarchie stark machte. Der persönlich fromme Kaiser Karl I. (1887–1922; 2004 seliggesprochen) zeigte besonderes Vertrauen zu dem eine Generation älteren Pontifex. So konnte er seinen Rat beherzigen, den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson um einen Frieden auf der Basis seiner 14 Punkte zu ersuchen und ihn um Unterstützung bei dem Vorhaben zu bitten, aus Österreich-Ungarn einen echten Bundesstaat zu machen. Was den Papst dabei leitete, liegt auf der Hand: Er hielt den Nationalismus für die Wurzel allen Übels, auch des gegenwärtigen Krieges. Im Zusammenleben der Völker in der Donaumonarchie war der Nationalismus aus seiner Sicht im Ansatz überwunden. Hellsichtig sah er voraus, dass kleinere Nationalstaaten, wie sie aus der Erbmasse des Riesenreiches entstehen sollten, dem Bolschewismus nichts entgegenzusetzen haben würden. Das sollte sich – nach dem für diese Staaten nicht weniger verhängnisvollen Intermezzo des Faschismus – erst 1945 bewahrheiten.
Nach Kriegsende
Die Folgen des Krieges beschäftigten Benedikt XV. bis zu seinem Tod im Januar 1922. Ausgeschlossen von den Friedensverhandlungen in den Pariser Vororten, war er persönlich überzeugt, dass die Friedensregelungen nicht zu einer dauerhaften Befriedung Europas führen würden. Als erster Papst in der Geschichte veröffentlichte er 1920 eine Enzyklika zum Thema des Friedens. In Pacem Dei munus schreibt er, dass echter Friede nur auf der Versöhnung der einstmals verfeindeten Nationen gründen kann. Vergeltung und Rache seien nur der Nährboden für neue Gewalt. Es brauche daher eine Umkehr der Herzen und eine Rückkehr zur Beachtung der Gebote Gottes.12 Gleichwohl kam es nicht zu einer Einbindung des Vatikans in den neuen Völkerbund, der doch zum Frieden unter den Staaten beitragen sollte.
Die Friedensinitiativen des Papstes, seine entschiedene Verurteilung des Krieges und seine humanitären Aktivitäten wurden zum Katalysator des christlichen Zweigs der Friedensbewegung. Christliche Pazifisten wie etwa der NS-Märtyrer Max Josef Metzger (1887–1944) oder der französische Christdemokrat Marc Sangnier (1873–1950) konnten sich auf die Friedensbotschaft Benedikts XV. berufen. Bei allen positiven Aspekten hatte das Wirken des Papstes jedoch auch Grenzen: Während des Krieges hatte der lutherische Primas von Schweden, Erzbischof Nathan Söderblom (1866–1931), ohne größeren Erfolg Vertreter verschiedener Kirchen zu einer Friedenskonferenz nach Uppsala geladen (die katholische Kirche hatte keine Delegierten entsandt). Benedikt XV. agierte kraftvoll, doch letztlich nur im Namen der katholischen Kirche. Für eine Zusammenarbeit der Kirchen um des Friedens, einer Milderung der Kriegsfolgen und einer gerechten Friedensordnung willen war es noch zu früh.
Fazit
Benedikt XV. empfand es als tragisch, dass sich im Ersten Weltkrieg christlich geprägte Nationen gegenüberstanden und Katholiken einander bekämpften. In der Tradition der Außenpolitik Leos XIII. warf er das ganze moralische Gewicht des Papsttums in die Waagschale, um die Folgen des Krieges für die Menschen zu mildern. Durch Friedensinitiativen suchte er zu einer Verständigung beizutragen. Sein Wirken für den Frieden und das humanitäre Engagement des Vatikans wurden nach Kriegsende allgemein anerkannt. Durch die Politik Benedikts XV. wurde das Papsttum endgültig als Friedensmacht und als moralisch-politischer global player etabliert. Von hier aus lässt sich eine Linie zum Friedensaufruf Pius’ XII. am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, zur Friedensrede Pauls VI. vor der UNO im Jahr 1965 und zu den von ihm begründeten Weltfriedenstagen ziehen. Seit dem Wirken des «Friedenspapstes» Benedikt XV. weiß die Weltöffentlichkeit, dass das Papsttum für Frieden und Völkerverständigung steht. Noch Papst Franziskus ist diesem Erbe verpflichtet, wie seine Vermittlungsbemühungen zwischen Kuba und den USA zeigen.