Peter Henrici zum Neunzigsten

Wem es geschenkt ist, neunzig Jahre alt zu werden, und dies bei geistiger Frische, dem ist ebenso gegönnt, eine Ernte eingebracht zu haben. Bei Peter Henrici SJ, dem emeritierten Weihbischof der Diözese Chur und ehemaligen Professor für Philosophie an der Pontificia Università Gregoriana in Rom, darf von einer reichen Ernte gesprochen werden – nicht allein hinsichtlich der langen Dauer, in der sie immer wieder reifen konnte, sondern aufgrund ihrer allseits anerkannten Güte. Diese Ernte ist schon mehrfach dargestellt und gewürdigt worden, ganz besonders in der 1998, zum 70. Geburtstag, erschienenen Festschrift «Kirche Kultur Kommunikation». Trotzdem lässt sie sich nicht oft genug wiegen, ist sie doch in vielfacher Hinsicht eine ganz besondere, die alle Beachtung verdient.

Das Bemerkenswerte an dieser Ernte liegt bereits darin, dass sie – zumindest in ihrer endgültigen Form – von Peter Henrici ursprünglich nicht intendiert war, jedenfalls kaum in seiner Lebensplanung lag. Nicht dass er zu einem Glück hätte gezwungen werden müssen, das Kennzeichnende an seiner Persönlichkeit liegt vielmehr darin, dass er jede Herausforderung und Aufgabe, die sich in seinem Leben einstellte, bereitwillig angenommen und sie im wiederum nicht vorhersehbaren Ausmaß erfüllt und gestaltet hat. Insofern wird man angesichts seiner Biographie richtiger von Fügung als von Schicksal sprechen dürfen. Jedenfalls erzählt er selbst, dass er seinen früh gereiften Entschluss, Priester und Jesuit zu werden, in der Absicht fasste, in die Mission zu gehen. Als ihm seine Ordensoberen hingegen bedeutet hatten, dass sie ihn lieber im Universitätsgeschehen in Rom einsetzen würden, wäre ihm noch einmal die Theologie lieber gewesen als die Philosophie – die er schließlich und endlich mit so nachhaltigem Erfolg 33 Jahre lang als Professor für neuere Philosophiegeschichte an der Gregoriana unterrichten sollte. Es werden auch alle, die Peter Henrici näher kennen, bestätigen, dass er – darin seinem berühmten Cousin Hans Urs von Balthasar nicht unähnlich – in der persönlichen Begegnung zunächst von zurückhaltender Gesprächigkeit ist, allemal das Gegenteil eines redseligen Menschen oder eines großen Kommunikators. Dass wiederum ausgerechnet er zwischen 1979 und 1990 zum Gründer und ersten Direktors eines «Centro Interdisciplinare sulla Communicazione Sociale», einem Zentrum für Kommunikation an seiner Universität, und später zu einem Schweizer Medienbischof wurde, spricht zunächst für seine Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen, zugleich aber auch für seine stete Bereitschaft, sich ungeplanter Aufgaben anzunehmen und aus ihnen das Möglichste zu machen. Was schließlich 1993 die Ernennung von Henrici zum Weihbischof und Generalvikar des Bistums Chur (mit Sitz in Zürich) anbelangt, so hat er sicher am allerwenigsten mit ihr gerechnet, sie ganz bestimmt nie angestrebt. Trotzdem ist er sogar diesem Ruf in jesuitischem Gehorsam gefolgt und leistete dadurch einen unersetzlichen Beitrag zur Befriedung seiner Diözese und zur Normalisierung der damaligen Situation der Schweizer katholischen Kirche.

Sowohl für sein wissenschaftliches Profil als auch für seine Wirkung als Hochschullehrer war von ausschlaggebender Bedeutung, dass er 1960 an der Gregoriana in Rom speziell die Professur für neuere Philosophiegeschichte übernahm. Genau diese Periode der europäischen Philosophie – wir sprechen von der bis ins 20. Jahrhundert hineinreichenden Neuzeit – stand in besagten Jahren nicht nur im Mittelpunkt der fachphilosophischen Debatten, sondern wurde auch zunehmend zur Ansprechpartnerin unterschiedlicher Theologien. Hier war es wiederum die Philosophie Hegels – für viele die höchste Ausprägung des neuzeitlichen Denkens, für einige sogar der Kulminationspunkt des gesamten europäischen Philosophierens –, die in einem heute kaum mehr vorstellbaren Ausmaß direkt oder indirekt die philosophischen Szenen beherrschte. Wie Martin Heidegger treffend formulierte, dachten damals alle «im Schatten Hegels». Im Zuge dessen gerieten zugleich jene Philosophien, die dem Hegelschen System vorausgingen (Rationalismus und Kritizismus), sowie jene, die sich von ihm absetzten (Rechts- und Linkshegelianer, vor allem auch Kierkegaard) in den Fokus des verbreiteten Interesses. Die damit einhergehenden Debatten beschränkten sich – wie erinnerlich – keineswegs auf den Binnenraum der Fachwelten, sondern bestimmten zeitweise die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen mehrerer Länder weltweit. Peter Henrici betreute, erforschte und diskutierte auf seiner Professur somit das in vielfacher Hinsicht aktuellste und spannendste Gebiet der damaligen philosophischen Szene. Alle, die das Glück hatten, seine Schüler zu sein, werden bestätigen, dass er dies mit einer Kompetenz tat, der man auf Anhieb Anerkennung und Hochschätzung zollen musste. Unüberbietbar an Klarheit und Genauigkeit vermittelte er auf höchstem Niveau die schwierigsten geistigen Zusammenhänge. Alles, was er in seinen Vorlesungen und Seminaren darlegte, regte an, veranlasste zur Einmischung in die herrschenden Diskurse und ließ kritische Positionen beziehen. Nicht von ungefähr galt es als besondere Auszeichnung, bei Henrici dissertieren oder von ihm wenigstens begutachtet zu werden. Ein höheres Gütesigel in Philosophie konnte seinerzeit an der Gregoriana kaum erworben werden.

Es hieße das denkerische Profil Henricis jedoch arg verkürzen, würde es auf seine Auseinandersetzung mit der neuzeitlichen Philosophie eingeengt. Bezeichnenderweise trägt seine eigene Dissertation – sie wurde 1956 in Rom abgeschlossen und erschien 1958 in Pullach bei München – den Titel «Hegel und Blondel». Der Titel steht für das Programm, welches sich in seinem wissenschaftlichen Œuvre durchzieht. Dies wiederum nicht allein deshalb, weil Henrici zu den führenden Vermittlern der Philosophie von Maurice Blondel im deutschen, wohl auch italienischen Sprachraum zählt – 1957 gab er unter dem Titel «Logik der Tat» die erste Übersetzung in Auswahl von dessen Hauptwerk «L’Action» (1893) heraus –, sondern weil ihm die Blondelsche Frühphilosophie als jener Ansatz einer christlichen Philosophie erschien, die zur neueren Philosophie in den wohl überzeugendsten Dialog treten konnte. Tatsächlich nahm die Position Blondels, die er in seiner berühmten «Lettre sur les exigences de la pensée contemporaine en matière d’apologétique et sur la méthode de la philosophie dans l’étude du problème religieux» von 1896 am konzisesten darlegte, Wesentliches von dem vorweg, was später über die sogenannte Maréchal-Schule und ihre transzendentalphilosophische Rekonstruktion der Philosophie des Thomas von Aquin zur transzendentalen Theologie Karl Rahners und seinem Begriff des «übernatürlichen Existenzials» als Grundbestimmung des Menschen führen sollte. Genauso wie diesen ging es Peter Henrici um das Betreiben einer dezidiert christlichen Philosophie, welche die Autonomie der Philosophie in der Anwendung ihrer Methoden wahrt, sich zugleich jedoch – im Einsatz derselben – dem Faktum der Offenbarung stellt und von deren Inhalten aufbrechen lässt. «Aufbrüche christlichen Denkens» heißt deshalb eine schöne Aufsatzsammlung, die 1978 im Johannes Verlag in Einsiedeln erschienen ist. In dem Bemühen, ein christlicher Philosoph in enger Tuchfühlung mit der Moderne und im Rahmen der von ihr geschaffenen Rahmenbedingungen für das wissenschaftliche Denken zu sein, engagierte er sich seit 1977 im Vorstand des «Centro di Studi Filosofici di Gallarate», einer Organisation christlich inspirierter Philosophen und Philosophinnen Italiens. Aus demselben Grund beschäftigte er sich immer wieder mit dem Thema der «philosophischen Christologie», wie sie ihm in seiner Lektüre von Lessing, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Kierkegaard und anderen begegnet war, worüber er aber auch mit dem Klassiker dieses Themas, mit seinem Ordensbruder Xavier Tilliette, in wiederholtem Austausch stand.

Es passt erneut ins Bild, dass Henrici seine Blondel-Übersetzung «Logik der Tat» bewusst in einer «Sammlung geistlicher Texte» – in der Reihe «Christliche Meister» im Johannes Verlag in Einsiedeln – herausbrachte. Ebenso wenig zufällig leitete er das 1964 von H. U. v. Balthasar übersetzte Journal «Maurice Blondel – Tagebuch vor Gott 1883–1894» ein. Komplizierte Philosophie neben, richtiger wohl Hand in Hand mit tiefer Religiosität – ganz im Sinne dessen, was die Tradition von authentischer Theologie erwartete: die Einheit von Wissenschaft und Spiritualität. Henrici ist diesem Ideal sein Leben lang treu geblieben. Selbst aus seinen anspruchsvollsten wissenschaftlichen Überlegungen sprechen Religiosität und Spiritualität. Wenn dies nichts Anderes bezeugen sollte, so sind es die zahlreichen Titel seiner Veröffentlichungen und Übersetzungen, die sich Themen wie der Meditation, den (ignatianischen) Exerzitien, dem Gebet und dem geistigen Leben widmen – ganz zu schweigen von den zahllosen Predigten, Vorträgen, Reden und Exhorten in seiner Zeit als Weihbischof und Generalvikar. Darüber hinaus ist es sein pastoraler Einsatz, den er bereits in seiner Zeit als Universitätsprofessor in Rom ständig zu leisten bereit war – unter anderem im römischen Gefängnis «Regina Coeli». Nicht zu übersehen die blühende Ökumene, die sich während seiner aktiven Bischofszeit in der Churer Diözese einstellte: Sie erwuchs aus einer spirituellen Mitte, in der sich – diesseits und jenseits der Unterscheidungen – alle Seiten mit ihm jederzeit finden konnten.

Die Persönlichkeit Peter Henricis spricht nicht zuletzt aus seinem Engagement für die Internationale Katholische Zeitschrift Communio, welche in Herausgeberschaft und Redaktion seit inzwischen 35 Jahren anhält (im Januar 1983 hat es begonnen). Alle, die dieses weltweit vernetzte Großprojekt theologischer Publizistik seit seinem Start zu Beginn 1972 verfolgen, wissen, welche Herausforderungen sowohl in konzeptioneller als auch in organisatorischer Hinsicht mit ihm einhergegangen sind und nach wie vor einhergehen. Allein die Koordination von derzeit nicht weniger als dreizehn verschiedensprachigen Ausgaben setzt voraus, dass Personen am Werk sind, die es vermögen, ein solches Projekt geistig zu profilieren, aufgrund ihrer unstrittigen Anerkanntheit in der Lage sind, die notwendige Integration unter die Kooperationspartner zu bringen, und schließlich über das diplomatische und sachliche Gespür verfügen, mit den unvermeidlichen Spannungen innerhalb einer internationalen Organisation wie Communio umgehen zu können. Dass Henrici eine solche Person ist, ergibt sich bereits aus dem bisher Gesagten. Es zeigt sich zusätzlich darin, dass er über die genannte Zeit hinweg in fast jedem Jahrgang der Zeitschrift einen oder sogar mehrere Beiträge übernahm – allemal zu theologischen, philosophischen und spirituellen Themen, deren eingehende Behandlung der kirchlichen «Communio» dient. Zugleich wurde kaum ein Anderer dem internationalen Zuschnitt des Periodicums in solchem Ausmaß gerecht. Sieht man von den klassischen Sprachen ab, die er nach dem Abitur an der Universität Zürich zu studieren begann, beherrscht er weitere sechs Sprachen in Wort und Schrift. Schon zu Studienzwecken, dann aber auf Einladung zu diversen Gastprofessuren sowie zur Mitwirkung an vielen internationalen Konferenzen zog es ihn buchstäblich in alle Welt hinaus. Dass er dadurch nicht nur weltweit bekannt, sondern mehr noch überall geschätzt wurde, überrascht nicht. So verdankt sich die Erfolgsgeschichte von Communio in mancher Hinsicht dem unermüdlichen Engagement dieses Schweizer Weltbürgers.

Peter Henricis Zeit als Weihbischof und Generalvikar im Bistum Chur zwischen 4. März 1993 und 5. Februar 2007 zu würdigen, fehlt es hier an Platz. Dies zu tun muss der Kirchengeschichtsschreibung der Schweizer Kirche vorbehalten bleiben. Die seinerzeitigen Konflikte im Bistum Chur, die Papst Johannes Paul II. dazu veranlassten, zur Lösung derselben zwei Weihbischöfe einzusetzen – neben Henrici den deutschen Marianisten Paul Vollmar –, um «die kirchliche Einheit wiederherzustellen», hatten im Winter 1992/3 ein Ausmaß, leider auch Niederungen erreicht, dass eine nachhaltige Befriedung der Situation nur noch durch die Berufung von kirchlichen Persönlichkeiten zu erwarten war, die inner- und außerhalb der katholischen Kirche, weltweit, ob ihrer unbestrittenen geistigen Größe Anerkennung besaßen. Henrici selbst äußerte wiederholt Zweifel darüber, ob es ihm deshalb neben anderen gelungen sei, die damaligen Auseinandersetzungen auf Dauer oder gar auf alle Zukunft hin gelöst zu haben, weil sie ihm letztlich als Symptom der «gesamten kulturell-gesellschaftlichen Umstrukturierung» erschienen, die nun einmal auch mit einem antirömischen Affekt einhergehen. Trotzdem darf behauptet werden, dass die Kirche in der Welt von heute nur noch dann wahr- und ernstgenommen sein wird, wenn Bischöfe von der geistigen Statur eines Peter Henrici zur Regel, nicht zur Ausnahme werden.

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