Europa von der Peripherie her denkenDie Reden von Papst Franziskus als Anstoß einer politischen Kultur der Compassion und des transversalen Dialogs

Wenn ich von Peripherie spreche, spreche ich von Grenzen. Normalerweise bewegen wir uns in Räumen, die wir auf irgendeine Weise kontrollieren. Das ist das Zentrum. […] Es ist eine Sache, die Wirklichkeit vom Zentrum her zu sehen, und eine andere Sache, sie vom äußersten Ort her zu sehen, an den du gelangt bist. […]
Die Wirklichkeit sieht man besser von der Peripherie als vom Zentrum aus.1

Der Aufruf, an die gesellschaftlichen und existenziellen Peripherien zu gehen und von dort einen neuen Blick auf die Wirklichkeit zu gewinnen, bildet ein Grundmotiv im Pontifikat von Papst Franziskus. Wo die Gefahr wächst, die Kontrolle schwindet und Menschen auf ihr «nacktes Leben» reduziert sind, gerade dort wird deutlich, worauf es wirklich ankommt. Was heißt das für ein Europa, das sich lange als Zentrum verstanden hat und das zurzeit eine tiefe Krise durchläuft? Das Bild der Europäischen Union als Modell von Demokratie, Stabilität und Rechtssicherheit, von freiem Handel und einer immer tieferen, Wohlstand und Frieden sichernden Integration hat Risse bekommen: Im Innern gibt es Anzeichen einer massiven sozialen, ökonomischen und politischen Desintegration und wachsender kultureller Ressentiments (bis hin zum möglichen Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro, dem Referendum über die EU-Mitgliedschaft in Großbritannien, den Wahlerfolgen euroskeptischer Populisten). Militärische und terroristische Bedrohungen, hegemoniale Ansprüche und unkontrollierte politische Räume sind an Europa herangerückt. All diese Problemlagen verdichten sich im Schicksal der Flüchtlinge. Sie suchen Sicherheit, Frieden, Wohlstand und Freiheit in Europa und bestätigen darin die Attraktivität des europäischen Modells. Sie stoßen auf Grenzen und Zäune, Schlepper und Lager, finden sich in Lebensgefahr und auf das nackte Leben reduziert. Ihr Schicksal ist der Ernstfall der moralischen und politischen Krise Europas. Politisches Handeln und bürokratische Entscheidungen werden zu Fragen von Leben und Tod.

Kann in einer solchen Situation der Papst Orientierung stiften? Kann der Blick auf die Wirklichkeit Europas «von den Peripherien her» helfen, die vielbeschworene «Seele Europas» zu entdecken, die Zusammenhalt stiftet und gemeinsames Handeln über den «wohlverstandenen Eigennutz» hinaus ermöglicht? Die Stimme des Papstes hat in der europäischen Öffentlichkeit Gewicht: Er verbindet die «traditionelle» katholische Autorität seines Amtes mit der «unkonventionell-experimentellen» Ausstrahlung seiner Person. Er nutzt die öffentliche Resonanz in den Zentren der spätmodernen Mediengesellschaft, um der ethischen Autorität der Leidenden und Marginalisierten Geltung zu verschaffen. Er erreicht damit sehr unterschiedliche Milieus und politische Lager, er findet über Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg Anerkennung und Beachtung. Was aber ist die Botschaft des Papstes an Europa?

Die erste und deutlichste Botschaft liegt darin, wo der Papst sich «positioniert»: Die erste Reise seines Pontifikats galt Lampedusa2, jener süditalienischen Insel, an der tausende Bootsflüchtlinge übers Mittelmeer Europa erreichen – oder bei diesem Versuch ihr Leben lassen. Der erste Besuch eines europäischen Landes außerhalb Italiens galt Albanien: dem Armenhaus Europas mit einer muslimischen Mehrheit, das nach Jahren schärfster Unterdrückung der Religion heute ein Beispiel für das «friedliche Zusammenleben und die Zusammenarbeit von Angehörigen verschiedener Religionen» sei, so der Papst.3 Seine dortigen Äußerungen zum Dialog der Religionen konkretisieren die grundsätzlicheren Ausführungen in seinen Reden vor dem Europaparlament und dem Europarat.4 Der Besuch in Straßburg war auf die europäischen Institutionen beschränkt. Die unmittelbar folgende Reise galt der Türkei – am geografischen Rand Europas gelegen, zugleich ein wirtschaftliches und politisches Machtzentrum, spannungsreich zwischen Europa und Asien, Islam und säkularer Moderne, Orient und Okzident verortet.5 Mit Bosnien-Herzegowina hat der Papst aktuell das dritte muslimisch geprägte Land in Europa besucht. In dem Land, das bis heute unter dem Balkankrieg und seinen Folgen leidet, das für religiös-ethnische Konflikte, aber auch für das Zusammenleben der Religionen und die Chance eines offenen und toleranten Islam steht, zeichnet Franziskus die Vision von Sarajewo als einem «europäischen Jerusalem»6, wobei er die Verheißungen Jerusalems als Zentrum der monotheistischen Religionen anzielt, nicht die faktische Zerrissenheit. Die «Positionierung» dieser Reisen ist deutlich: die Priorität der Armen und Leidenden und die Bewegung an die Peripherie, die Begegnung mit dem religiösen Pluralismus und mit dem Islam, das Sichtbarmachen der Not, aber auch von gelingenden Modellen des Zusammenlebens und des Dialogs.

Im Folgenden werde ich die Reden des Papstes in drei Schritten auswerten, die von der Diagnose über die «Therapie» zu seiner Vision führen.

1. Fluchtburg Europa: Die Diagnose der Müdigkeit

Das menschliche Schicksal, die Hoffnungen und Enttäuschungen der Flüchtlinge, vor allem aber das Massengrab Mittelmeer werden oft mit dem Bild von der «Festung Europa» verbunden. Das Bild hat zwei Seiten: Es steht für Abschottung, Selbstbehauptung und Fremdenfeindlichkeit in Europa; es drückt aber auch aus, dass Europa für Menschen als «Fluchtburg» attraktiv ist, auf der Suche nach Sicherheit, Verlässlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Wohlstand. In diesem Sinn ist es Ausdruck eines Versprechens von (Rechts-)Schutz und Freiheit; ein Versprechen, das im Umgang mit den Flüchtlingen allzu oft gebrochen, ja pervertiert wird, indem die Wehrhaftigkeit sich gegen die Flüchtlinge statt gegen die Fluchtursachen richtet. Das Bild der Fluchtburg bringt aber auch zum Ausdruck, dass Europa mit seiner Verpflichtung auf Menschenrechte und Rechtssicherheit, auf Freiheit und Sozialstaatlichkeit in eine Defensive geraten ist. Europa wirkt «alt», verunsichert oder – wie der Papst in seinen Reden immer wieder formuliert – «müde», ja «unfruchtbar».7 Vor dem Europarat spricht er vom «Bild eines verletzten Europa», das seine Krisen nicht mehr mit der früheren Lebenskraft zu bewältigen wisse: «Ein etwas müdes, pessimistisches Europa, das sich durch die Neuheiten, die von anderen Kontinenten kommen, belagert fühlt.»8

Die Kritik des Papstes richtet sich dabei nicht gegen die Ideale und Werte Europas selbst, sondern zielt auf die innere Schwäche im Verfolgen dieser Werte. Vor dem Europaparlament diagnostiziert er, dass «die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben [scheinen] zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner In­stitutionen.» Dahinter erkennt er den Verlust einer «authentischen anthro­pologischen Orientierung», der in eine Nützlichkeits- und Wegwerfmentalität auch gegenüber Menschen an den Grenzen des Lebens führe. Die Vitalität und innere Kraft Europas bemisst sich nicht an Erfolg und Macht, sondern an der humanen Ausrichtung der Gesellschaft – und diese wiederum hat ihre Bewährungsprobe dort, wo Menschen in ihrem nackten Leben verwundbar sind: in der Flüchtlingspolitik an den Grenzen Europas wie in der Biopolitik an den Grenzen des Lebens.

Besonders deutlich wurde der Papst auf Lampedusa. Am anonymen Schicksal der Flüchtlinge und am stummen, unsichtbaren Tod der Ertrunkenen werde deutlich, dass wir den Schrei dieser «Brüder und Schwestern» nicht hören und dass der «Traum, mächtig zu sein, groß wie Gott», in eine «Kette von Fehlern, eine Kette des Todes» führt, bei der am Ende «alle und niemand» verantwortlich scheinen, wenn das Blut des Bruders oder der Schwester vergossen wird. Gegen die «Globalisierung der Gleichgültigkeit», die uns «unempfindlich gegen die Schreie der Anderen macht» und uns lehrt, «an uns selbst zu denken»9, brauche es die Fähigkeit, das Elend der anderen affektiv an sich heranzulassen: «Wir sind eine Gesellschaft, die die Erfahrung des Weinens, des Mit-Leidens vergessen hat!» Die Fähigkeit, zu weinen und Mitleid zu empfinden, eröffnet Prozesse der Umkehr, führt zu einer neuen Sicht der Wirklichkeit, bedingt eine andere Ausrichtung des Verhaltens. Der Papst präsentiert kein politisches Programm, sondern wirbt um eine veränderte Wahrnehmung, die dann politisches Handeln motiviert und orientiert.

2. Europa als Baum: Anamnetische Sensibilität und hoffnungsvolle Zukunftsgestaltung im Horizont der Transzendenz Gottes und Würde des Menschen

Soweit die Diagnose. Mit welchen Maßstäben wird sie verknüpft? In seiner Rede vor dem Europaparlament kündigte der Papst eine «Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung» an, verbunden mit dem Appell, dass «Europa seine gute Seele wiederentdeck[e]».10 Es gehe darum, «ein Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Werte; das Europa, das mutig seine Vergangenheit umfasst und vertrauensvoll in die Zukunft blickt, um in Fülle und voll Hoffnung seine Gegenwart zu leben.»11 Die «transzendente Würde» des Menschen ist das normative Zentrum des Politischen. Quelle einer humanen Ausrichtung des Politischen aber ist darüber hinaus die Fähigkeit zur Erinnerung, die Aufmerksamkeit gegenüber der Gegenwart und die utopisch-visionäre Kraft zur Zukunftsgestaltung. In der Rede vor dem Europarat führt Franziskus dies an einem Gedicht von Clemente Rebora aus, das einer Pappel mit ihren zum Himmel gestreckten Zweigen, mit festem Stamm und tiefen Wurzeln gilt. Europa habe sich «immer nach oben hin ausgestreckt, […] bewegt von einem unersättlichen Sehnen nach Erkenntnis, Entwicklung, Fortschritt, Frieden und Einheit.» Die Voraussetzung dafür aber sei die «Festigkeit des Stammes und […] Tiefe der Wurzeln», ein Zusammenhang, der sich einer «isolierten wissenschaftlichen Mentalität» entziehe: «Um der Zukunft entgegenzugehen, bedarf es der Vergangenheit, braucht es tiefe Wurzeln und bedarf es auch des Mutes, sich nicht vor der Gegenwart und ihren Herausforderungen zu verstecken.»12 Erinnerung und Tradition seien dabei nicht als ein «bloßes museales Vermächtnis der Vergangenheit» zu verstehen, sondern als aktive Hinwendung zum kulturellen Erbe, das man «durch die tägliche Übung des Gedächtnisses lebendig erhalten muss». Nur so ist Europa in der Lage, auch heute «die Kultur zu inspirieren und seine Schätze der gesamten Menschheit zu erschließen.»13 Damit zeichnet der Papst eine Alternative gegenüber den beiden Tendenzen, die das europäische Projekt von innen gefährden: rückwärtsgewandte religiöse Traditionalismen und Fundamentalismen einerseits, ein geschichtsloser und religionsfeindlicher Szientismus andererseits, der keine Orientierung und utopische Vision kennt und sich daher auf technokratische und funktionale Lösungsansätze beschränkt. Die Nostalgie der Traditionalisten und die technologische Stückwerk-Arbeit der Bürokratie verwalten den Bestand der Vergangenheit bzw. der Gegenwart und besetzen Räume. Der Papst plädiert dagegen für eine Wiederentdeckung humaner politischer Visionen, die gemeinsames Handeln motivieren und orientieren können, die «Prozesse eröffnen»14. Dies verbindet lebendige Erinnerung, die Wahrnehmung und Wachsamkeit des Gewissens, den Mut zur politischen Vision. Diese Vision möchte ich abschließend umreißen.

3. Gastfreundliches Haus der Begegnung: Die Vision lebendiger Multipolarität und dialogischer Transversalität

Mit dem Motiv der «Multipolarität» wendet sich der Papst gegen «geopolitisch-hegemonische Reduktionismen», die Europa von einer einheitlichen Identität oder einer überschaubaren Polarität her definieren, z. B. vom Ost-West-Gegensatz her. Begreift man Europa als eine multipolare Größe, dann konstituiert sich eine gemeinsame Identität aus komplexen Begegnungs- und Konfliktgeschichten, in denen es aufbauende wie auch zersetzende Spannungen gibt, die «zwischen vielfältigen kulturellen, religiösen und politischen Polen» auftreten, sich dabei keinesfalls mit Ländergrenzen decken.15 Es kommt dann auf den kreativen und konstruktiven Umgang mit dieser Vielfalt an, um Einheit und Frieden im lebendigen Zusammenspiel der Unterschiede zu ermöglichen.

Das Motiv der «Transversalität» in der Rede vor dem Europarat steht für ein entgrenztes, für die Anderheit des Anderen geöffnetes Verständnis von Dialog.16 Kriterien, Spielregeln, Grenzen des Dialogs lassen sich nicht im Vorhinein bestimmen, es gibt ein wechselseitiges Sich-Durchdringen der Differenzen auf unterschiedlichen Ebenen: politisch, religiös, kulturell, zwischen den Generationen, Nationalitäten, Diskursen. Das bedeutet einen Abschied von «Reinheitsvorstellungen» im öffentlichen Diskurs: Er funktioniert nicht «rein vernünftig», «rein modern», erst recht nicht «rein christlich». Weder die Säkularität oder ein bestimmter europäischer Weg durch die Moderne, weder Laizismus noch das Christentum oder ein politischer Liberalismus können die Regeln vorweg bestimmen, denen Dialog und Diskurs zu folgen haben. Die Begegnung mit dem Anderen und Fremden fügt sich nicht in einen vorgefassten Rahmen. Europa ist selbst wieder zu einem Kontinent der Einwanderer geworden. Das führt auch zu einer Neubestimmung der Rolle von Religion(en) in der Öffentlichkeit.17

Die moderne Definitionsmacht über das Rationale und Legitime gerät in einer solchen Situation an ihre Grenzen. Sie erweist sich als ohnmächtig und sprachlos gegenüber religiösen, traditionalistischen, regionalistischen oder nationalistischen Akteuren, die Europa derzeit infrage stellen. Die in Brüssel dominante Kultur der Rationalisierung, der Nüchternheit und der politischen Neutralisierung religiöser, nationaler, regionaler Identitäten ist konfrontiert mit kulturellen und historisch tief verwurzelten Konflikten wie auch mit neuen Formen «heißer Religion», die von den Migranten mitgebracht werden. Europa ist herausgefordert von einer hochemotionalen Politik der verletzten Identität und Würde, der Ressentiments und Vorbehalte, von fremdenfeindlicher Selbstbehauptung und Ängsten auf der einen Seite, denen bei den Migranten Traumatisierungen und konkurrierende Narrative, starke und zugleich prekäre Gruppenidentitäten gegenüberstehen. Diese sind in erheblichem Maß religiös und kulturell bestimmt. Das wirft Fragen nach einem friedlichen Zusammenleben auf. Formale Verfahren, eine säkulare Rahmenordnung und ein geteilter Minimalkonsens allein reichen dazu nicht aus. Sie setzen eine grundsätzliche Übereinstimmung und Identifikation mit dem Gemeinwesen voraus. Neutralität können sich diejenigen leisten, die mit dem status quo zufrieden sind, die sich mit ihrem Selbstverständnis und Prinzipien im «Grundkonsens» repräsentiert sehen oder für die ihre religiösen Überzeugungen und gemeinschaftlichen Identitäten nicht so wichtig sind. Derzeit erleben wir aber, dass die unhinterfragten Voraussetzungen und Selbstverständlichkeiten europäischer politischer Kultur(en) und Identität(en) neu und grundsätzlich zur Debatte stehen. Es braucht die öffentliche Kontroverse um politische Fragen der Anerkennung und der Identität. Damit stehen konfliktreiche, hochemotionale Auseinandersetzungen an, die nicht von neutralem Boden aus entschieden, an Gerichte oder Bürokratien delegiert werden können.

In diesen Konflikten setzt der Papst erstens auf ein emotionales Pathos der Compassion,18 das damit beginnt, an die Peripherien zu gehen, aktiv hinzuschauen, sich berühren zu lassen und sichtbar zu machen, wo Menschen in Not sind. Gegen die politischen Emotionen der religiös-weltanschaulichen Fundamentalisten und der politischen Populisten, gegen die «insularen», «mediterranen» und «austeritätspolitischen» Ressentiments, die Europa derzeit zu zerbrechen drohen und nicht nur die Flüchtlingspolitik lahmlegen, braucht es eine Erneuerung des Humanismus und einer Politik der Menschenrechte, die ihrerseits aus starken emotionalen und affektiven Ressourcen schöpft. Zweitens setzt der Papst auf einen entgrenzten, «transversalen» Dialog der Religionen, in dem diese ihre eigenen humanen Ressourcen mobilisieren. Normative Grundlegung und kriterielle Ausrichtung eines solchen Dialogs scheint der Papst vor allem der direkten Begegnung der Menschen, der Orientierung der Glaubenden an der Heiligkeit Gottes und des Menschen zuzutrauen – weniger abstrakten Kriterien oder der säkularen Rechtsordnung (die er gleichwohl anerkennt).19 Die Perspektiven lassen sich zusammenfassen in der Vision eines Europa, das in Öffnung und Gastfreundschaft «jene geistige Jugend wiederfindet, die es fruchtbar und bedeutend gemacht hat.» Es brauche eine «Art ‹neuer Agora› […], in der jede zivile und religiöse Instanz – obschon in der Trennung der Bereiche und in der Verschiedenheit der Positionen – sich frei den anderen gegenüberstellen kann, ausschließlich bewegt von der Sehnsucht nach Wahrheit und dem Wunsch, das Gemeinwohl aufzubauen.»20 Dass eine solche Vision gelingt und sich nicht als naive Utopie erweist, liegt dann zuerst in der Verantwortung der Religionen und religiösen Gemeinschaften selbst und kann nicht an die säkulare Rahmenordnung delegiert werden. Die Religionen müssen ihre humanisierende Kraft, ihr Zeugnis von der Unverfügbarkeit Gottes und der Würde jedes Menschen aus den eigenen Traditionen gewinnen und im Zusammenleben mit Nichtglaubenden und Andersglaubenden bewähren. Der Blickwechsel vom rational, rechtlich und bürokratisch verwalteten Zentrum hin zum gefährdeten Leben an den Peripherien, aber auch zu den Aufbrüchen, die dort gewagt werden, zum Dialog der «communities», der Lebensformen, der konkurrierenden Narrative und Identitäten ist riskant. Ich halte ihn für unausweichlich, damit ein «alt gewordenes» Europa zu neuer Kraft, zu humanen Visionen und auch zu einer religiösen Erneuerung findet. Verantwortbar ist eine solche Umkehr aber nur, wenn der Pluralismus der Religionen und Weltanschauungen mit der unbedingten und grundlegenden Anerkennung der Religionsfreiheit, der autonomen Vernunft sowie einer fairen und säkularen Verfahrensordnung einhergeht. Eine Kultur der Compassion und des transversalen Dialogs setzt damit weitreichende Umkehr- und Lernprozesse bei religiösen wie säkularen Akteuren voraus.

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