Das «Dennoch» von Flucht und VertreibungHilde Domin als Dichterin des Exils1

Wenn man das Werk eines Dichters verstehen will, ist man gut beraten, seine Kernvokabeln auszumachen, die sich an prägnanten Stellen in den Texten wiederholen und eine hinterlassungsfähige Bedeutung erzeugen. Lieblingswörter Goethes sind «Klarheit» und «Geschichte», ein Lieblingswort von Kafka ist «Zittern», eines von Benn «Durchhalten».

Hilde Domins Herzwort ist das «Dennoch». Es stammt aus dem Wortschatz der Lutherbibel und der Barockdichtung. Der Arztdichter Paul Fleming ermutigt damit den Menschen, gegen den sich alles, «Glück, Ort und Zeit verschworen» hat, zur Unverzagtheit. In geringfügigen Variationen taucht dieses «Dennoch» oder «Trotzdem» schon im ersten Gedicht des ersten Lyrikbandes von Hilde Domin auf («Man muß weggehen können / und doch sein wie ein Baum»). Es wird immer wieder aufgegriffen, hin und her gewendet (so in den «Drei Arten, Gedichte aufzuschreiben»), es wird in dem letzten Lyrikband genannt, den die Neunzigjährige 1999 publizierte (Der Baum blüht trotzdem), und es wird in ihrem letzten Gedicht aus dem Nachlass besiegelt. «Ich küsste dich trotzdem», heißt es da, in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1988, adressiert an ihren soeben verstorbenen Mann. Das «Dennoch» hebt die Geschichte der Trennungen auf, an denen Hilde Domins Leben reich ist. Es ist das Motto von Sisyphos, der nicht aufhört, den schweren Stein den Berg emporzuwälzen, und von Abel, der aufgefordert wird aufzustehen, um seinem Mörder Kain eine zweite Chance zu geben. Es ist das Rettungswort, um Flucht, Vertreibung und Exil zu überleben. Dieses «Dennoch», das Hilde Domin in ihren Gedichten diesen Erfahrungen entgegensetzt, steht in einer großen jüdischen Tradition. Jan Assmann zufolge ist der biblische Exodus die wohl maßgeblichste Menschheitsgeschichte, weil dieser Exodus nicht Geschichte schreibt, sondern Geschichte macht: «Sie ist so wirklich wie das Volk, das sich von ihr her definiert und als das einzige der antiken Völker kraft dieser Identifikation und Definition bis heute, allen Verfolgungen zum Trotze, überlebt.»2 Kurzum: Hilde Domins «Mut zum Dennoch» (Ulla Hahn) ist kein trotzköpfiger Mutmachappell, sondern ein erfahrungsbewährtes Manifest der Ermutigung. Auf die Frage nach ihrem Lebensmotto in dem berühmten FAZ-Fragebogen hat Hilde Domin geantwortet: «Dennoch». Und gleich präzisiert: «Auf der Kippe zwischen Furcht und Zuversicht. Balancierstange die ratio».

Um diesem Leitwort «Dennoch», das auch ein Leidwort, ein Wort des Leidens an der Zeit und am Mitmenschen ist, auf die Spur zu kommen, muss man Biographie und Werke aufeinander beziehen, aber nicht in dem trivialen Sinne, dass die Biographie das Gedicht erklären hilft. Vielmehr geht es darum, wie sich das gelebte Leben im Gedicht spiegelt und warum ein Gedicht auf manchmal paradoxe Weise die Möglichkeit des besseren Lebens ausdrücken, ja sogar vorwegnehmen kann. Dabei gilt es zwei Klippen zu umschiffen. Die eine ist die Hilde Domin nicht ganz abzusprechende Tendenz, ihren Lebenslauf so zu begradigen, dass er gut genug für eine deutsch schreibende Frau mit jüdischer Herkunft in die Lyrikgeschichte der Moderne passt. Die andere Klippe sind die sich daraus ergebenden Selbstmythisierungen, die von Kritikern wie Forschern – mich selbst eingeschlossen – allzu leicht aufgenommen und eine Zeitlang weitergeschrieben worden sind. Neuere Publikationen, die zum 100. Geburtstag von Hilde Domin erschienen sind, die Biographie von Marion Tauschwitz und vor allem die Ehebriefe, korrigieren einige liebgewordene Mythen um Hilde Domin; so war das Exil kein «zweites Paradies», sondern vielmehr eine von Hurrikans, Erdbeben, Armut und Einsamkeit heimgesuchte «Inselkäfigexistenz»; so fiel ihr erster Lyrikband Nur eine Rose als Stütze nicht vom Literaturhimmel, sondern war das Produkt angestrengter Selbstvermarktung eines (wie es eine Dichterkollegin ausdrückte) «überdimensionalen […] Ichs». Der Heidelberger Philosoph und Freund Hans-Georg Gadamer schrieb einmal, Hilde Domin sei eine «höchst begabte Frau, aber selbst die briefliche Distanz ist manchmal noch nicht groß genug, um es mit ihr auszuhalten.»3

1. Biographie im Zeichen von Sprache und Exil

«Geburtstage», so heißt ein unerschrocken originelles Gedicht von Hilde Domin:

Sie ist tot.

heute ist ihr Geburtstag

das ist der Tag

an dem sie

in diesem Dreieck

zwischen den Beinen ihrer Mutter

herausgewürgt wurde

sie

die mich herausgewürgt hat

zwischen ihren Beinen

sie ist Asche

*

Immer denke ich

an die Geburt eines Rehs

wie es die Beine auf den Boden setzte

*

Ich habe niemand ans Licht gezwängt

nur Worte

Worte drehen nicht den Kopf

sie stehen auf

sofort

und gehen.

Das Gedicht ist entstanden am 23. März 1965, dem Geburtstag ihrer 1951 gestorbenen Mutter. Es handelt von vier Geburten: zwei menschlichen (der Geburt der Mutter und der eigenen Geburt), einer aus der Tierwelt (die Geburt eines Rehs) und einer Kopfgeburt (der Geburt eines Gedichts). Die Sprache ist unsentimental, unfeierlich, die Erinnerung an das «Herauswürgen» passt überhaupt nicht zum Geburtstag. Dass die Werke der Dichter Ersatzkinder sind, ist ein alter Topos der europäischen Kultur, auch wenn das Buch («liber», aus dem Griechischen «leppo» > Schäle) und die Kinder («līberi», aus dem Indogermanischen) nicht auf einem gemeinsamen Wortstamm gewachsen sind.

Hilde Domin ist zwar eine poeta docta, eine in den alten und neuen Sprachen gelehrte Dichterin. Sie will uns aber hier keine literaturgeschichtliche Ahnenurkunde vorhalten, sondern ein Bekenntnis zum «Dennoch»: Sie hat keine Kinder (obwohl sie gerne welche gehabt hätte), aber Bücher hinterlassen: sechs Gedichtbände, vier Bücher mit essayistischen und autobiographischen Schriften, einen Roman, ein Prosabuch, zwei poetologische Bücher, eine Anthologie und die Doppelinterpretationen. Bücher, die viele Leser fanden, von ihrem ersten Lyrikband wurden 33.000 Exemplare verkauft, von den Gesammelten Gedichten (bis 2004) weit über 20.000.

Diese geistigen Geburten unterscheiden sich von der menschlichen und der tierischen Geburt durch ihre Freiheit. Das Wort steht, kaum ausgesprochen, auf eigenen Beinen, es ist ausgetrieben und «[u]naufhaltsam» unterwegs, wie es in einem Gedicht heißt: «Das eigene Wort, / wer holt es zurück, / das lebendige / eben noch ungesprochene / Wort?» (GG 170)

Das Gedicht «Geburtstage» liefert die Grundbausteine der Biographie.4 Nimmt man das Judentum hinzu, das uns den Gedanken der Weltschöpfung durch Wortschöpfung überliefert hat, das aber für Hilde Domin in erster Linie eine Schicksalsgemeinschaft ist, zu der man sich so oder so bekennen muss, und bedenkt man ihr doppeltes Los von Exil und Rückkehr, dann sieht man die wichtigen Konstanten des Werks: dichterische Neugeburt, Sprache als Weg zur Wahrhaftigkeit, Judentum als biographisches «Zentnergewicht», Exil als Heimatverlust und Sprachgewinn. Diese Konstanten hängen eng miteinander zusammen, sie kreuzen sich in der Biographie und bestimmen das literarische Werk Hilde Domins von Anfang an.

In dem Aufsatz Unter Akrobaten und Vögeln (1964) bekennt sie:

Ich, H. D., bin erstaunlich jung. Ich kam erst 1951 auf die Welt. Weinend, wie jeder in diese Welt kommt. Es war nicht in Deutschland, obwohl Deutsch meine Muttersprache ist. Es wurde spanisch gesprochen, und der Garten vor dem Haus stand voller Kokospalmen [...]. Meine Eltern waren tot, als ich auf die Welt kam. Meine Mutter war wenige Wochen zuvor gestorben (GA 21).

Die Wendung von der Neugeburt des Künstlers ist keine exotische Metapher unter «Kokospalmen», sondern eine schockhafte Lebenszäsur. Der Anfang der Dichtung setzt den Tod der Mutter voraus, der die Tochter an den Rand des Selbstmords gebracht hat. Das Schreiben von Gedichten war ein Dennoch-Leben, ein Leben trotz des Todes. Gedichte schreiben wurde zum Lebens-Mittel im Wortsinne, «wie Atmen». Hinzu kommt, dass Hilde Domin in einem spanisch sprechenden Ambiente eben nicht spanisch, sondern in deutscher Sprache zu schreiben begann. Nach dem Tod der Mutter wurde die Muttersprache zur Sprache der Dichtung. Es war eine Sprache im Exil. Und das ist der entscheidende Aspekt: Nicht als deutsche Dichterin ging Hilde Domin ins Exil, aber sie wurde im Exil zur deutschen Dichterin.

Hilde Domins dichterische Neugeburt war eine Vertreibung, aber auch eine «Heimkehr ins Wort». Wie Gertrud Kolmar, wie Paul Celan, hat sie ihr zweites Leben mit der Änderung des Familiennamens besiegelt. Aus Hilde Palm, geborene Löwenstein, wurde Hilde Domin. Es ist ein Dichtername in mehrfacher Hinsicht. Ein Dichterkollege, Wolfgang Weyrauch, empfahl ihn ihr, als sie bei ihrer Landung in Bremerhaven erstmals nach 22 Jahren wieder den Fuß auf deutschen Boden setzte. Es ist ein Name, der sie von ihrem Mann abgrenzt, der eigene literarische Ambitionen hatte und daher die Gedichte seiner Frau argwöhnisch betrachtete. Und es ist ein dichter Name, ein «Berufungsname», der die Erinnerung an ihr drittes Asylland verdichtet, an die Dominikanische Republik, in der sie 14 Exiljahre verbrachte. Die Namenswahl wird in dem Gedicht Landen dürfen als dichterische Landnahme erläutert:

Ich nannte mich

ich selber rief mich

mit dem Namen einer Insel

(GG 229).

Die Dichtung liegt hier allerdings von der biographischen Wahrheit drei Jahre entfernt. Das hat nur auf den ersten Blick etwas mit Koketterie zu tun (Else Lasker-Schüler hat sich bekanntlich zeitlebens glatt sieben Jahre jünger gemacht). Im Jahr 1997 feierte Hilde Domin in Heidelberg ihren 85. Geburtstag; als Geburtsdatum galt allenthalben der 27. Juli 1912. Nur zwei Jahre später, 1999, wurde im Stuttgarter Neuen Schloss der 90. Geburtstag festlich begangen. Einem findigen Journalisten war aufgefallen, dass Hilde Domins Bruder eigentlich ihr Halbbruder sein müsste, weil er doch im gleichen Jahr wie sie, und das mit nur wenigen Monaten Abstand, geboren worden sei. Um die Ehre ihres Bruders zu retten, trat Hilde Domin die Flucht nach vorne an.

2. Köln, die «versunkene Stadt», und die Vertreibung aus der Kindheit

«Colonia me genuit», schreibt Hilde Domin in Anlehnung an den berühmten Satz Vergils («Mantua me genuit»). Ihre Kölner Kindheit hat sie in dem langen Aufsatz über Meine Wohnungen (1974) beschrieben, der bezeichnenderweise den Doppeltitel Mis moradas trägt – Reminiszenz daran, dass die späteren Wohnungen im spanischsprachigen Exil allesamt «Fluchtwohnungen, Zufluchtwohnungen» waren, mit «vier Türen, daraus zu fliehn».5 Die Kölner Wohnung in der Riehler Straße war so groß, dass die Kinder im Flur mit Rollschuhen laufen konnten. Mit ihrem jüngeren Bruder verbrachte sie ihre Kinder- und Jugendjahre in einer Atmosphäre, in der sie «immer, ohne Angst, die Wahrheit sagen» durfte. Selbst in der Schule zog sie unbekümmert den direkten Weg zur Wahrheit vor. Sie verfasste Aufsätze in Reimen, schrieb (als Dreizehnjährige) eine so gute Bildbeschreibung, dass sie vom Direktor in das Museum am Hansaring eingeladen wurde, und hielt im Anwaltstalar des Vaters eine so kritische Abiturrede, dass die Schulleitung erwog, ihr das Abschlusszeugnis wieder abzuerkennen. Als sie im März 1929 am Merlo-Mevissen-Gymnasium unter dem Vorsitz des damaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer ihr mündliches Abitur ablegte und vom Schulrat für ihre Verteidigung der Paneuropa-Idee eine Note herabgestuft wurde, zerriss sie zuhause aus Zorn ihr taubenblaues Samtkleid.

Am 26. April 1961 kam sie auf Einladung der Gedok (der Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen, dem ältesten und europaweit größten Netzwerk für Künstlerinnen aller Sparten) nach Köln, zu ihrer ersten Dichterlesung. Trotz der schlechten Werbung der Stadt und trotz der Befürchtungen Hilde Domins, der nach ihr lesende Heinrich Böll werde ihr die Show stehlen, war der Festsaal des Kölnischen Stadtmuseums in der Zeughausstraße gut gefüllt. Als Hilde Domin im Museum aus dem Fenster sah, «auf den Appellhofplatz und das Gericht mit den großen neuen Glastüren», kam ihr die Idee zu einem Gedicht. Sie hat es Böll gewidmet. Es ist ein poetisches Dokument der Vertreibung aus der Kindheit (GG 243):

Die versunkene Stadt

für mich

allein

versunken.

Ich schwimme

in diesen Straßen.

Andere gehn.

Die alten Häuser

haben neue große Türen

aus Glas.

Die Toten und ich

wir schwimmen

durch die neuen Türen

unserer alten Häuser.

Nach der Rückkehr ist die Vertrautheit mit der Heimatstadt einer Erfahrung der Fremde gewichen. Im Fluss der Erinnerung verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Geschichte und Mythos. Für alle anderen war Köln in den 1960er Jahren die im Krieg zerbombte und nach 1945 wieder aufgebaute Stadt. Nicht aber für Hilde Domin. Sie erinnert an die römische Vorgeschichte der Stadt, an die Colonia Agrippinensis, und an den mythischen Ort der versunkenen Sagenstadt Gression, von der wir aus rheinländischem Sagengut wissen, dass sie so groß war, dass man hundert Stunden gebraucht hätte, um ihre Mauern zu umschreiten. Hilde Domin bringt beide Wahrnehmungsdimensionen zusammen. Sie kippt die Bewegungsrichtung um: horizontales Schwimmen statt vertikales Gehen. Dadurch gelingt es, das Unvereinbare im Paradoxon zu vereinigen. Möglich wird so die Begegnung der Sprecherin mit den «Toten», denen, die «nie wieder heimkehren können, den im Exil, im Krieg, in den Lagern Umgekommenen» (AH 62), eine Solidaritätsutopie.

Zu diesen Toten zählen auch Hilde Domins Eltern, die im Exil starben. Dem Vater Eugen Löwenstein, einem aus Düsseldorf stammenden Juristen, der von den Nazis aus dem Amt verstoßen wurde, gelang mit der Mutter Paula Löwenstein, einer aus Frankfurt stammenden ausgebildeten Opernsängerin, rechtzeitig die Flucht über die belgische Grenze. Am Vater hat sie vor allem den Sinn für Gerechtigkeit und Richtigkeit bewundert, Richtigkeit auch der Aussprache, so schwer es fällt: «Der sterbende Mund / müht sich / um das richtig gesprochene / Wort / einer fremden / Sprache», heißt es in dem ihrem Vater gewidmeten Gedicht «Exil» (GG 244).

Aus Begeisterung für ihren Vater studierte Hilde Domin zunächst Jura in Heidelberg; später wechselte sie zu Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie. Bei Karl Jaspers lernte sie, in Seminaren neben dem gleichaltrigen Golo Mann und dem zwei Jahre älteren Dolf Sternberger sitzend, das Selbstvertrauen der Existenzphilosophie, das «Seiner-selber-Innewerden im Scheitern, also in der Grenzsituation». Von Karl Mannheim lernte sie das «Sich-selber-Relativieren», die Erdung des freischwebenden Intellektuellen.6

Anders als ihre Lehrer, die sie eine Kassandra schalten, registrierte Hilde Domin schon früh die Zeichen des «hereinhängenden Unheils». Sie hörte während ihres Berliner Wintersemesters (1930/31) auf einer NS-Versammlung in der «Hasenheide» (hier hatte Turnvater Jahn 1811 seine erste Sportstätte errichtet) eine Rede Hitlers. Bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 erlebte sie in Freiburg die aufgeputschte Stimmung, «als wäre alles schon entschieden, und alles sei verloren» (GA 340).

In einem Brief vom 22.9.1932 an Erwin Walter Palm schreibt Hilde Domin aus Heidelberg in erstaunlicher Klarsicht der Lage, auf die Propaganda des seinerzeitigen Wirtschaftsministers und Medienzaren Alfred Hugenberg anspielend:

Alles, was überhaupt noch geschieht, geschieht zur Vermeidung von etwas noch Ueblerem. Im übrigen kümmert sich jeder um sich, und die res publica ist eine Sache für Fachpolitiker. Wir schliddern in die schönsten Vorkriegszustände, mit einigen kleinen Unterschieden: die wirtschaftliche Lage ist ungleich schlechter, die Freiheitssphäre des einzelnen schon von da aus beschränkter; vor allem, damals war trotz des autoritären Regimes der Liberalismus geistiges Allgemeingut, heute ist er verpönt. Dann schon lieber im Deutschland der Jahrhundertwende und in den ersten zehn Jahren, als in dem unter Beisteuer von nationalsoz. Gedankengut von Hugenbergianern aufgewärmten teutschen Staat.7

3. Exil auf Probe in Italien und England

Das Exil begann für Hilde Domin schon 1932, noch bevor es ihr durch die «Nürnberger Rassengesetze» aufgezwungen wurde. Sie hatte 1931 in Heidelberg den Archäologiestudenten Erwin Walter Palm (1910–1988) kennengelernt, den Gefährten ihres Lebens.8 Die gemeinsame Studienreise nach Rom (1932) wurde unfreiwillig zur ersten Station ihres langjährigen Exils. Zunächst setzte Hilde Domin ihr Studium in Rom und dann in Florenz fort. 1935 promovierte sie mit einer Arbeit über «Pontanus als Vorläufer von Machiavelli» in Politikwissenschaft, verzichtete dann jedoch auf eine wissenschaftliche Laufbahn, um als Mitarbeiterin ihres Mannes dessen Studien zu unterstützen. 1936 heiratete sie ihn in Rom.

Mit Erwin Walter Palm galt sie fortan als rassisch Verfolgte. Die Identifikation mit dem durch die Rassegesetze aufgezwungenen Judentum fiel ihr schwer, war Jüdischsein für sie doch «keine Glaubensgemeinschaft» und keine «Volkszugehörigkeit». Das Judentum ist für Hilde Domin eine «Schicksals­gemeinschaft», in die sie «hineingestoßen» worden ist, «ungefragt wie in das Leben selbst», vor der sie sich aber «nicht drücken» will, weil die menschliche Solidarität mit den Verfolgten unabdingbar zu ihrem «Credo» gehört (AH 66f.). Wie der deutsch-jüdische Exildichter Hans Sahl (1902–1993) zählt sie sich zu der «endgültig letzten Generation deutsch-jüdischer Dichter», nach denen keine mehr kommen, die als Primärzeugen von der deutsch-jüdischen Emigration erzählen können: Denn wir, schreibt sie, «die Überlebenden dieser Verfolgung, sind die Letzten in der deutschen Geschichte» (VN 120). Diese paradoxe Zugehörigkeit zum jüdischen Schicksal hat sie stets als «Zentnergewicht» (AH 60) erfahren, stets aber auch als eine persönliche und literarische «Quelle der Kraft». Sie verdankt diesem aufgezwungenen Schicksal die «Extremerfahrungen» von Flucht und Verfolgung, Exil und Rückkehr, Erfahrungen, die ihr «sonst fremd geblieben wären» (AH 67f.).

Nach Hitlers Rombesuch 1938 und Mussolinis antisemitischem Rassendekret vom 7. September, gerade rechtzeitig vor der großen Verhaftungswelle Anfang 1939, entschlossen sich Hilde und Erwin Walter Palm, über Nacht nach Sizilien zu fliehen. Von dort aus emigrierten sie im März 1939 über Paris nach Südengland, wo sie Hilde Domins Eltern wiedersahen. Eine Schwester ihrer Mutter hatte dort in eine wohlhabende Familie eingeheiratet.

Ihren Lebensunterhalt verdiente Hilde Domin als Sprachlehrerin für Diplomatenkinder an einem College in Somerset. Die englische Sprache war die dritte, die sie, nach dem Französischen und dem Italienischen, lernte. Sie lebte dreisprachig. Italienisch war die Privatsprache des Ehepaars, «so gut wie ein Geheimcode». Mit den Eltern sprach sie deutsch, in Gesellschaft englisch.

Doch aus Angst vor einer deutschen Invasion und vor verkappten Nazi-Spionen zeigte sich das Gastland ungastlich. Jüdische Flüchtlinge und Nazi-Sympathisanten wurden gemeinsam in Internierungslagern als sogenannte feindliche Ausländer eingesperrt.9 Sogar Domins fast siebzigjähriger Vater wurde verhaftet und erst freigelassen, nachdem er ein Visum bekommen hatte. Die Eltern hatten ihr letztes Geld mit der Tochter geteilt, damit sie im Sommer 1940 mit ihrem Mann England verlassen konnte. Im «untersten Deck eines kleinen Dampfers» (AH 28) – Stefan Zweig reiste in der ersten Klasse desselben Schiffes – gelangte sie über Kanada und Jamaika nach Santo Domingo. Die Erfahrungen dieser Suche nach einem Zufluchtsort dokumentiert das Gedicht Graue Zeiten:

Menschen wie wir unter ihnen

fuhren auf Schiffen hin und her

und konnten nirgends landen

Menschen wie wir unter ihnen

durften nicht bleiben

und konnten nicht gehen

Menschen wie wir unter ihnen

standen an fremden Küsten

um Verzeihung bittend daß es uns gab

(GG 340).

4. Doppelleben im «zweiten Paradies»

Die Ankunft der Palms auf der Karibikinsel Santo Domingo wurde beinahe durch ein polizeiliches Versehen vereitelt. Der Beamte in Jamaika, wo das Flüchtlingsschiff eintraf, verstand das Wort «for transshipment only» im Pass als Verbot, einen Fuß aufs Land zu setzen, und hielt die Flüchtlinge auf einem Munitionstransportschiff fest. Doch die Palms hatten über einen Schiffsoffizier die Aufmerksamkeit des archäologiebegeisterten Gouverneurs erregt, der den Flüchtenden die Landung erlaubte. Von Jamaika flogen sie über Kuba nach Santo Domingo. Auf dieser Insel am «Ende der Welt» (GA 56) endete ihre Odyssee. Heute macht das Land als «Domrep» touristische Karriere. Damals war es aber keine exotische «Zuflucht am Rande» (VN 84), sondern eine Diktatur unter dem Deckmantel der Menschenfreundlichkeit. Der Diktator Rafael Trujillo Molina10 nahm die Flüchtlinge aus Zentraleuropa auf, um ein ansehnliches Bildungssystem aufzubauen und sein Land, wie er sagte, aufzuweißen (VN 83). Auf der anderen Seite richtete er Massaker unter den dunkelhäutigen Haitianern an und ließ politisch oder kulturell Andersdenkende brutal verfolgen. Der selbsternannte «Große Wohltäter» war ein «furchterregender Lebensretter». Hans Magnus Enzensberger hat das Bildnis dieses Landesvaters als ein Kapitel aus der Geschichte von Politik und Verbrechen beschrieben. Als Trujillo 1961 ermordet wurde, hinterließ er neben 1887 Denkmälern 40 Prozent Arbeitslose, über 60 Prozent Analphabeten, 65 Prozent Bauern ohne Grund und Boden und eine Massenarmut mit einem Durchschnittseinkommen von 200 Dollar: jährlich!

Ihren Mann, dessen Arbeiten sich als Pionierleistung auf dem Gebiet der spanisch-amerikanischen Kunstgeschichte erwiesen, unterstützte Hilde Domin bei der Übersetzung seiner zunächst italienischen, dann englischen Vorlesungen in die spanische Sprache. Dass Hilde Domin als Mitarbeiterin ihres Mannes und seit 1948 als Deutschlektorin an der Universität St. Domingo die «Texte gewendet» hat «wie andere Kleider wenden» (VN 30), erwies sich als Glücksfall. Die Sprache wurde zum Katalysator der dichterischen und übersetzerischen Tätigkeit. Im Exil übersetzte sie mit ihrem Mann die Hauptautoren der spanischen Moderne.11 «Gedichte lesend» machte sie sich «in dem fremden Lande, in der fremden Sprache ein wenig heimisch» (FP 37).

Über die Brücke der fremden Sprachen vergewisserte sich Hilde Domin der Muttersprache. Sie war der letzte Besitz, den ihr die Verfolger nicht nehmen konnten. Sie ging nicht so weit wie Paul Celan, der mit der Muttersprache als Mördersprache rang.12 Aber sie legte großen Wert auf die Wahrhaftigkeit des Wortes und hielt den Niedergang der Sprache mit Konfuzius für den Anfang des Niedergangs der Menschen.

Domins längstes und autobiographischstes Gedicht, Wen es trifft, markiert die Grenze zwischen Exil und Rückkehr. Es ist das letzte Gedicht, das sie vor ihrer Rückkehr nach Europa schrieb, entstanden im Oktober 1953 nahe der kanadischen Grenze; und es ist die «erste Anrede» an die, die dem «Überlebenden von Verfolgung begegnen» (FP 33). In suggestiven Bildketten spricht eine furchtlose «kleine Stimme». Sie setzt dem sklavischen Schicksal des Exilierten die Freiheit entgegen, «das Verschlingende beim Namen [zu] nennen / mit nichts als unserm Atem» (GG 240). Diese Freiheit erlaubt es, das Wissen von Exil und Verfolgung zu dokumentieren, ohne es legitimieren zu müssen. Auf diese Weise hält Wen es trifft den Zeitpunkt des Überlebens im Gedicht fest. Es ist kein Holocaust-Gedicht, aber ein Gedicht über den Umgang mit der Erinnerung an Holocaust und Antisemitismus, das in eine ganze Reihe weiterer, längst noch nicht hinlänglich gedeuteter Gedichte gehört, beispielsweise Es kommen keine nach uns (1958) und Von uns (1961).13 Hilde Domin war sich bewusst, wie schwierig es ist, die individuellen Erfahrungen der Überlebenden von Exil und Holocaust denen weiterzugeben, die davon nur gehört und gelesen hatten. Umso wichtiger war es ihr, das von ihr Erlebte als dichterisches Zeugnis vor allem an die jüngere Generation weiterzugeben. Auf diese Weise schlagen ihre Gedichte über Exil und Rückkehr eine Brücke von der Erinnerung der Zeitzeugen zum kollektiven Gedächtnis der nächsten Generation.

5. Rückkehr aus dem Exil

Die Rückkehr nach Deutschland nach 22jährigem Exil war ein jahrzehntlanger Prozess, der von zwei längeren Spanienaufenthalten unterbrochen wurde. Erstmals kehrten Domin und Palm im Frühjahr 1954 auf Einladung des DAAD zurück. Sie besuchten Hamburg, Berlin, Frankfurt und die Heimatstadt Köln. 1954/55 wohnte Hilde Domin mit ihrem Mann fast ein Jahr lang in München, wo sie nach 25 Jahren ihren Bruder wiedersah. Sie erkannte in dieser Zeit, dass sie «hier ein wenig mehr / als an andern Stätten / zuhaus» war (GG 16).

Bei ihrem erneuten Deutschlandbesuch 1957 bereitete ihr die literarische Welt eine «euphorische Heimkehr» (VN 38). Die Titelmetapher des ersten Lyrikbandes Nur eine Rose als Stütze (1959) wurde von der Kritik als Vertrauensbeweis für die deutsche Sprache verstanden (VE 53–56). Man kann sich dieses Wortvertrauen Hilde Domins gut vorstellen, wenn man das Titelbild mit den Bildern ihrer deutsch-jüdischen Schicksalsgeschwister vergleicht. Nelly Sachs spricht von der «Windrose der Qualen», Paul Celan von der «Ghetto-Rose» und der «Niemandsrose». Dennoch (und das ist wieder typisch für Hilde Domin) gewinnt sie ihrem Bild etwas Positives ab. Als ihr Mann sie beim Tode ihrer Mutter im Stich ließ und bei einer mexikanischen Millionärswitwe weilte, da hatte sie eben «nur eine Rose als Stütze».

Etwas Besonderes ist Domins Rückkehr auch, weil sie die erste von ganz wenigen Lyrikern war, die nach Deutschland zurückkehrte – und dann auch noch als Botin der Versöhnung. Sie hielt es aus, dass in ihrem ersten Heidelberger Haus unter ihr ein Schwager von Hitler wohnte. Ihr Sinn stand nicht nach Vergeltung und falschen Verdächtigungen. Offenherzig bekannte sie sich zur Bundesrepublik Deutschland. Sie schätzte die deutsch-französische Versöhnung, die «Anbindung Deutschlands an Europa», die deutsch-israelische Begegnung zwischen Konrad Adenauer und Ben Gurion sowie das Grundgesetz.14

Aber auch hier gibt es ein Dennoch. Trotz der Schönheit Heidelbergs, wo Hilde Domin seit 1961 bis zu ihrem Tod lebte, blieb die Rückkehr ein «Erlebnis von äußerster Zerbrechlichkeit» (AH 70). Hilde Domin reagierte hochempfindlich auf antisemitische Vorfälle. Sie lebte in einem Heidelberger Stadtteil, in dem in den 1960er Jahren jeder Achte die NPD wählte. Nach Schändungen jüdischer Friedhöfe erwog sie, aus der Bundesrepublik auszureisen. Sie konnte nie vergessen, dass Deutschland das Land war, «in dem unsagbare Furchtbarkeiten unter dem Schweigen und Wegsehen aller geschehen waren». Hier: so lautete selbstbewusst der Titel ihres dritten Lyrikbandes von 1964. «Hier», aber nicht: «Heimat». Deutschland ist für Hilde Domin das Land, wo sie «das Fremdsein / zu Ende» kostet (GG 253). Wer heimkehrt, wird mit Wiedererkennen beschenkt, aber mehr noch durch Nichtwiedererkennen erschreckt. Das Land der Geburt und der Kindheit ist ein doppelbödiges «zweites Paradies». Die Fremde ist nicht zur Heimat geworden, und dem Rückkehrer erscheint die Heimat fremd.

Dieses ambivalente Rückkehrerlebnis15 thematisiert der Roman Das zweite Paradies, ein nicht leicht zu verstehendes Buch, das nach einer mehrjährigen Odyssee durch die Verlage erst 1968 erscheinen konnte. Wir können das Buch heute als Migrationsroman lesen. Es erzählt von einer Ankunft ohne anzukommen, vom Fremdwerden der Sprache und vom Verrat der Liebe. Diese Botschaft hat in einem interkulturellen Deutschland, in dem derzeit jeder fünfte einen, wie man sagt, «Migrationshintergrund» hat, an Gültigkeit nicht verloren. Ein Gedicht Hilde Domins sagt es als Mahnung: «Gewöhn dich nicht. / Du darfst dich nicht gewöhnen. / Eine Rose ist eine Rose. / Aber ein Heim / ist kein Heim» (GG 210).

6. Das Gedicht als «Augenblick von Freiheit»

Hilde Domins Lyrik entzieht sich jeder gängigen Einordnung. Sie hat sich der Negativität der Weltuntergangsliteratur ebenso verweigert wie der politischen Tendenzdichtung. Als der Krieg zu Ende war, warnte sie vor Nachkrieg und Unfrieden (so heißt die von ihr 1970 herausgegebene, 1995 erweiterte Anthologie). Als die Dichter 1968 auf die Barrikaden gingen und nicht mehr Gedichte, sondern «Analysen und Steine» in die Hand nahmen, da war sie den einen zu links und den anderen nicht links genug. Als Mitte der 1990er Jahre die Atomkriegs- und Kaltekriegsangst vergangen zu sein schienen, erinnerte sie an das Vernichtungspotenzial des technischen Fortschritts: «Der übernächste Krieg / sagt Einstein / wird wieder mit Pfeil und Bogen geführt».16

Hilde Domins «Dennoch»-Gedichte setzen Zeichen der Hoffnung wider alle Hoffnung. Etwa in den drei Liedern zur Ermutigung (1961). Das erste beginnt mit dem traurigen Bild von den tränennassen Kissen mit verstörten Träumen. Dann folgt das «Dennoch»: «Aber wieder steigt / aus unseren leeren / hilflosen Händen / die Taube auf» (GG 221). Die Hände sind hilflos, sie sind sogar leer. Aber die emporsteigende Taube ist kein billiger Dichterzaubertrick, sondern Symbol eines poetischen Vertrauens. Der Vogel ist Zeichen eines Wunders, einer sehr irdischen Gnade, die dem Menschen ebenso zufallen kann wie das größte Unglück. Deshalb ist Domins Hoffnungspoetik nicht mit dem Glauben zu verwechseln. Sie ist keine christlich denkende Dichterin. Es geht ihr darum, Modellerfahrungen auch aus der jüdischen und christlichen Exil-Tradition zu artikulieren, Beispiele, mit denen der Dichter den politisch wachen, brüderlich denkenden Menschen im Leser anzusprechen bemüht ist. Dazu bedarf es nicht vieler Worte und keiner komplizierten Sprache. Hilde Domins «einfache Worte» «riechen nach Mensch». Der Kern dieser dialogischen Poetik ist das Vertrauen darauf, dass es ein Du gibt, das sich von einem Ich anrufen lässt.

Aufschlussreich ist auch das Gedicht Sisyphus aus dem Jahr 1967: ein jenseits der Philosophie des Absurden angesiedelter Aufruf, den Stein bergaufwärts zu rollen, obwohl es sinnlos scheint; eine Ermutigung zum Neuanfang. Auf diese Weise sind Hilde Domins Gedichte «Depeschen aus der Agentur der praktischen Vernunft», wie Iso Camartin anlässlich der Verleihung des Heidelberger Preises für Exilliteratur an Hilde Domin (1992) sagte.

Hilde Domins Exil-Gedichte erinnern an Flucht und Vertreibung, ohne Wehmut, mit dem Mut zum Dennoch und zur zweiten Chance. Worin diese Chance besteht, das haben ihr selbst die kritischsten ihrer Kollegen bescheinigt. Es ist eben Hilde Domins «Sanfter Mut» zu einem Dennoch, das auf Taubenfüßen daherkommt, aber tiefe Spuren hinterlässt und allem entgegentritt, was den Menschen daran hindert, ein Mensch zu sein. «Sanfter Mut», so heißt das Dennoch-Gedicht, das Erich Fried der Kollegin in den 1980er Jahren gewidmet hat:17

«Du

würdest auch noch dem Tod

leise

entgegentreten!»

«Leise?

Vielleicht.

Aber

entgegentreten.»

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