Wie der Krieg des 21. Jahrhunderts aussieht, wissen die Franzosen jetzt. Er kommt nicht mit einmarschierenden Armeen oder in einer atomaren Apokalypse, sondern er entsteht in ihrer Mitte. Junge Menschen wachsen in ihrer Republik auf, lernen im Ausland das Töten, und bringen den Krieg nach Frankreich – im Namen ihrer Religion.
Das Massaker an den Journalisten und Zeichnern des Satiremagazins Charlie Hebdo ist reich an Symbolik: Mit zahlreichen Karikaturen hatte das Magazin den Islam und seinen Propheten Mohammed verspottet. Nun kam die Rache. Dabei muss man natürlich sagen, dass Charlie sich selbst als «gemeine, böse Zeitschrift» inszenierte. Als solche hat sie alle Religionen verhöhnt, am meisten den Katholizismus und seine Priester. Daneben verspottete man gerne Polizisten, Politiker und alles, was nach Institution roch. Nichts ist heilig – diese Haltung hat in Frankreich Tradition, spätestens seit der Abschaffung des Königtums von göttlichen Gnaden.
Die Geschichte um Charlie entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Am Tag nach den Morden vom 7. Januar ging die Botschaft durch alle Medien: «Je suis Charlie». Was auch immer man mit diesem Slogan assoziiert, in jedem Fall war sein Unterton: «Ich identifiziere mich mit diesen Bilderstürmern. Ihr könnt uns nicht alle abschlachten. Die Meinungsfreiheit kann man nicht unterdrücken. Die Demokratie wird diesen Fanatismus überleben!»
Wenige waren sich bewusst, wie widersprüchlich es ist, für ein höchstes Gut einzutreten – Je suis Charlie! – und gleichzeitig dafür zu eifern, dass alles verächtlich gemacht werden darf und soll. Eigentlich wird Sprache hier untergraben und zerstört. Das Phänomen taucht bei der Zeitschrift Charlie Hebdo selbst auf, die sich als klugen und idealistischen Weltbeobachter geriert – und sich gleichzeitig als «gemein und böse» inszeniert.
Aber welche Meinungsfreiheit bleibt übrig, wenn Worte in ihr Gegenteil verdreht werden und es unmöglich wird, in der Öffentlichkeit ehrlich seine Meinung auszusprechen? Während das Heilige zu etwas Obszönem erklärt wird, feiert man das Recht, alles, was anderen lieb und teuer ist, verhöhnen zu dürfen. Dieses Recht auf Entheiligung bekommt selbst einen heiligen Charakter – wenn dieses Wort nicht verboten wäre –, so dass wir immer noch bei der gleichen Sache sind. Diese ist nun aber auf den Kopf gestellt.
In 1984 hat George Orwell schon geahnt, dass jeder Totalitarismus die Sprache angreift und ihre reichhaltige Bedeutung auszuschalten versucht. Damit will er das Denken einengen. Natürlich ist das heutige Frankreich nicht die fiktive Welt von 1984. Die Republik wird nicht von Big Brother beherrscht. Aber ihre Fundamente werden untergraben, weil sie eine Schwäche für – um es freundlich auszudrücken – Humor hat. In Wirklichkeit tritt damit unkontrolliertes Gelächter an die Stelle vernünftiger Rede, die allein die Grundlage einer Zivilisation sein kann. Das erinnert an eine Szene in William Goldings Der Herr der Fliegen. Ein ehrgeiziger Junge will die Kinder anführen. Doch er macht einen großen Fehler, den er auf keine Weise rechtfertigen kann. Wie kann er die anderen für sich gewinnen? Er äfft den weinerlichen Ton seiner Kritiker nach. Alles beginnt zu kichern, zu lachen und schließlich wild zu tanzen. Der Junge erreicht sein Ziel. Jeder Unsinn kann sich durchsetzen, wenn er unmittelbar für Entertainment sorgt.
Weitere Widersprüche: Als man nach dem 7. Januar im Fernsehen mitverfolgte, wie die Polizei den Mördern auf die Spur zu kommen suchte, musste man unwillkürlich an die tumben Polizeikommandos denken, die Charlie gerne karikierte. Oder: Die gleichen Leute, die am 11. Januar Massenkundgebungen für Charlie organisierten, hatten vergessen, dass sie vor zwei Jahren ähnliche Veranstaltungen für sinnlos erklärt hatten. Damals war gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften protestiert worden, gegen die Untergrabung von Sprache, wenn das Wort «Ehe» einfach neu besetzt wird.
Frankreich hofft in diesen Tagen, dass die Wunden heilen und es weiter gehen kann. Zwei große Fragen bleiben dabei. Die erste lautet: Welche Rolle wird die französische Gesellschaft der Religion einräumen? Die Trennung von Staat und Kirche im Jahr 1905 barg viele schmerzhafte Konflikte. Im alltäglichen Leben der Republik hat man seitdem einige Kompromisse gefunden, aber das Kernproblem bleibt. Was bedeutet die religiöse Neutralität des Staates – zum Beispiel in der Frage nach dem Recht auf öffentliche religiöse Meinungsäußerung?
Für die Mehrheit der Säkularisten – eine Fraktion, die in dem Maße wächst, in dem das kirchliche Leben zurückgeht – ist Religion eine strikt aufs Privatleben beschränkte Angelegenheit. Man glaubt, dass Religion eher heute als morgen verschwinden wird, und dass eine offizielle Anerkennung ihre Existenz nur künstlich verlängern würde. Eine Auseinandersetzung mit Religion erscheint als Widerspruch gegen den Lauf der Geschichte. Im Grunde sind die Säkularisten davon überzeugt, dass Religion ein Euphemismus für Fanatismus ist. Jeder Glaube an etwas Absolutes führt aus ihrer Perspektive zu Krieg; die Welt wird erst Frieden finden, wenn sie frei von Religion geworden ist. Dagegen machen Gläubige deutlich, dass sie sich nicht für ihren Glauben schämen und diesen auch nicht für gesellschaftsfeindlich halten. Die Neutralität des Staates muss nicht bedeuten, dass man neutralisiert oder unterdrückt, was die einzelnen Bürger als lebenswichtig erachten.
Heutzutage ficht die säkulare Gesellschaft die französischen Christen nicht an. Sie können zwischen Gott und Caesar unterscheiden. Es sind vielmehr die ideologisierten Säkularisten, die sich wünschen, dass alle Gläubigen zum Schweigen gebracht werden, bis sie wirklich verschwunden sind und sich ihre religionskritische Diagnose erfüllt hat. In der Zwischenzeit beanspruchen sie für sich das Recht, dass niemand ihnen widersprechen darf. Wer ihre Meinung nicht teilt, wird öffentlich als Sekte gebrandmarkt. Wir brauchen eine neue Haltung der Akzeptanz und des Respekts für religiöse Gemeinschaften, denn sie sind ein Teil Frankreichs.
Die zweite große Frage fasst den Islam ins Auge. Wie können Muslime mit einer Haltung der Intoleranz gegenüber ihrer Religion umgehen? Es ist für sie schwieriger als für Christen; schließlich wurde Jesus vor seiner Auferstehung gekreuzigt, und die Kirche kennt weitaus schwerere Verfolgung. Es ist weniger die Lehre Mohammeds als die Situation in Frankreich, die für Muslime herausfordernd ist, denn sie ist wahrscheinlich ohne Präzedenzfall: Sie finden sich als Minderheit wider, ohne realistische Chance, dies in absehbarer Zukunft zu ändern. Sie werden nicht offiziell unterdrückt – höchstens aufgrund ihres ethnischen, meist nordafrikanischen Hintergrundes. Sie werden sogar dazu eingeladen, nach den Regeln der Demokratie zu spielen. Das beinhaltet nicht nur Meinungs- und Religionsfreiheit – und sogar das Recht, zu missionieren –, sondern auch den Anspruch an sie, die anderen zu respektieren.
Wie können französische (und europäische) Muslime sich in einer solchen Situation verhalten? Niemand kann ihnen von außen helfen. Wir können nur unsere Erfahrung als Christenheit teilen, die viele Widerstände überlebt hat. Nicht indem sie sich militärisch oder politisch durchsetzte (das war die Ausnahme, beim Islam hingegen die Regel); auch nicht, indem sie häretische Bewegungen aus ihrer Mitte angriff (diese Phase hat der Islam hinter sich); sondern indem sie sich der Kritik an ihren Quellen sowie an ihrer geistlichen und theologischen Entwicklung stellte.
Die schrecklichen Ereignisse von Paris könnten trotz allem den Weg bereiten für eine heilsame Krise des Islams und aller Länder mit muslimischer Bevölkerung.
Aus dem Englischen übersetzt von Philip Geck.