Beim marche républicaine, dem Gedenkmarsch vom 11. Januar 2015, fiel mir folgendes Plakat auf: Juifs, chrétiens, musulmans – bisounours vaincra («Juden, Christen, Muslime – Glücksbärchis werden siegen»).1 Diese Parole deutet an, religiöse Differenzen seien einzig zu überwinden durch den Regress in eine Welt des Märchenhaften, der Kindheit, frei von Religion und sonstigen Eigenheiten. Das Plakat erinnerte mich an die gemeinschaftlich erlebten Gefühle nach dem 11. September 2001. «Nichts wird sein wie zuvor», sagte man. Doch es wurde noch schlimmer. Wir wurden Zeugen einer Gefühlsverwirrung, die in die beständige Wiederholung der gleichen Fehler und in einen verbrecherischen Krieg mündeten. «Die Dinge falsch zu benennen», sagt der Rapper Abd al Malik (Camus zitierend), «fügt dem Elend der Welt noch weiteres hinzu.»
Möchte man vermeiden, dass sich die Geschichte wiederholt, darf man sich nicht in den Ursachen der Katastrophe irren. Andere als ich haben sich den – durchaus realen – materiellen Ursachen gewidmet: die Verwahrlosung der Banlieues, Schulabbrüche, das Desaster in unseren Gefängnissen etc. Jedoch müssen wir uns der Frage nach den intellektuellen Motiven für den Angriff auf Charlie Hebdo stellen. Alle gutmenschlich naiven «Glücksbärchis» treten vereint auf, um «unsere Werte» gegen die «Barbarei» zu schützen. Wir wollen zur Abwechslung einmal versuchen, die «Barbaren» zu verstehen.
Am Anfang steht das biblische Verbot, Gott darzustellen. Eigentlich basiert die Bibel hier auf Unmöglichem: So einfach es scheinen mag, Statuen von Lokalgottheiten herzustellen, mit klaren Funktionen wie Liebesabenteuern etc., so unmöglich scheint es, den einen, unsichtbaren Schöpfer-Gott zu zeichnen.
Mit dem Christentum ändert sich nun diese Praxis. Zuerst werden Christus und die Heiligen dargestellt, anschließend werden deren Bilder verehrt. Das gefällt nicht allen, so ist es das Anliegen der Ikonoklasten, diese zu zerstören. Doch zum Zweiten Konzil von Nicäa (787) ist die große theologische Rechtfertigung gefunden: Christus ist ganz Mensch und ganz Gott; in der Verehrung seines sichtbaren menschlichen Bildes wird seine unsichtbare göttliche Realität verehrt. Hier gründet die große Ikonentradition des Ostens.
Im Gegensatz dazu wird in der westlichen Kunst der Schwerpunkt auf die Freiheit des Künstlers gelegt. Dies führt im 12. Jahrhundert zur Darstellung Gottes, des unsichtbaren Vaters, als Greis. Jedoch hat diese künstlerische Praxis, die sich etwa in der Sixtinischen Kapelle zeigt, nie eine theologische Rechtfertigung erfahren. Den unsichtbaren Gott darstellen – die religiöse Kunst des Ostens ist dem Westen auf diesem Terrain nicht gefolgt.
Seither hat sich die Kunst im Westen jeder Freiheit zur Gottesdarstellung geöffnet. Abgebildet zu werden heißt jedoch auch für Gott, dem Spott ausgeliefert zu sein. Was nicht verbildlicht ist, kann auch nicht karikiert werden. In seiner Inkarnation war Christus selbst der Beleidigung ausgesetzt, was wiederum die Entstehung einer eigenen Gattung der frommen Darstellung zeitigte (denken wir z. B. an Fra Angelicos außergewöhnliche «Verspottung Christi» in St. Marco, Florenz). Die Identifikation mit der Beleidigung ist für den Christen ja sogar der Weg der Heiligung: «Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen […]!» (Mt 5, 11). Dabei hatte diese doppelte Auslieferung an die Blicke und an die Beleidigung die Zerbrechlichkeit des Bildes gefördert, so dass sein Wert kippen konnte. Seit dem 19. Jahrhundert tauchen Karikaturen Christi, der Jungfrau Maria und der Heiligen auf. Sie erscheinen häufig im Kontext antiklerikaler – für jene Zeit unglaublich heftiger – Karikaturen.2 Den Klerus zu karikieren ist dabei so alt wie die Glossenmittelalterlicher Manuskripte: Jene Kritzeleien sind oft das Werk von Klerikern, die die Laster ihrer Mitbrüder kritisieren. Somit reiht sich Charlie Hebdo in eine westliche Tradition christlicher und postchristlicher Kunst ein.
Der Islam hat den gleichen biblischen Ausgangspunkt: ein striktes Verbot von Gottesdarstellung, ja ein prinzipielles Bilderverbot in sakralen Räumen. Das wahrhaft verehrungswürdige ist der Koran, die Buchwerdung Gottes. Da der Islam keiner Inkarnation Rechnung tragen muss, geht er den zum Christentum entgegengesetzten Weg: der Prophet wurde in die Unsichtbarkeit Gottes absorbiert. Je nach Epoche und Region gab es verschiedene Ansätze. Am Anfang des Islams gibt es eine Fülle von Mohammed-Darstellungen, wovon die bekanntesten wohl die Bilder über die «Himmelfahrt des Propheten» sind. Man kann in der Schia fast von so etwas wie einer Ikonen-Tradition sprechen, denn Mohammed und die großen Heiligen der Schia, angefangen mit Ali, werden abgebildet. Dagegen weicht die Sichtbarkeit in bestimmten sunnitischen Schulen graduell einer gewissen Absorption in göttliche Heiligkeit. Mohammed erscheint zunächst umgeben von einem Nimbus aus Flammen, anschließend wird sein Gesicht, wie auch das der anderen Propheten, durch einen Schleier verhüllt und schließlich entschwindet er in etwas wie einem Feuerkranz. Im 19. Jahrhundert sieht man seinen ganzen Körper in goldenen Flammen verzehrt.3 Die Ablehnung, Propheten darzustellen, erklärt sich also weder zwingend aus dem Ursprung, noch ist diese einheitlich, doch scheint sie heute mehrheitlich gültig. Vor allem aber scheint es zum Kennzeichen religiöser Orthodoxie geworden zu sein, und das mit zum Teil komischen Folgen: Der Film Mohammed – Der Gesandte Gottes (1976)zeigt ein «Leben Mohammeds», in dem dieser kein einziges Mal auf dem Bildschirm erscheint.
Schlicht ein Bild des Propheten (oder eines Propheten) vorzustellen, wird von der Mehrheit der Muslime als anstößig empfunden. Eine Karikatur stellt daher eine doppelte Beleidigung dar. Sind das alles jüngere Radikalisierungen und fundamentalistische Interpretation? Wahrscheinlich. Aber obliegt es dem französischen Staat, der Welt die richtige Interpretation des Islams vorzuschreiben? (Um dies zu verschleiern, wird auf allen Kanälen gebetsmühlenartig wiederholt, dies alles habe nichts mit dem Islam zu tun, niemand müsse sich stigmatisiert fühlen…) Ich befürchte dies wäre eine unendliche Aufgabe.
Wir befinden uns also in einem Teufelskreis: Für «uns» ist die Karikatur, aus der Meinungsfreiheit abgeleitet, zum Menschenrecht geworden. Für viele Muslime rührt es an das Teuerste überhaupt. Und tatsächlich zwingt der Westen dem Osten die Herrschaft der Bilder auf, die seiner christlichen oder postchristlichen Geschichte entspringt. Hier treten zwei semiotische Systeme in Konflikt.
Wie Worte und Gesten können auch Bilder verletzen. Nun ist für viele eine Mohammed-Karikatur nicht nur eine Darstellung, sondern eine Handlung, die das Heiligste berührt. Zu den (allgemein verurteilten) psychischen Foltermethoden in Guantanamo gehörte das Urinieren auf einen Koran. Versuchen wir uns in die Lage eines Katholiken zu versetzen, der mit anschauen müsste, wie auf eine Hostie uriniert wird. Dabei geht es bewusst um die Handlung und nicht um die Darstellung, wie jemand uriniert. Hier liegt das Herz des Widerspruchs: Die Karikaturisten meinen eine Beleidigung darzustellen (sie meinen, einen Auswuchs des Islams abzubilden bzw. anzuprangern) – tatsächlich wird es von traditionellen Muslimen als das Begehen der Beleidigung aufgefasst. Die Zeichner verstehen sich als Verteidiger der Freiheit, darzustellen; die Darstellungen aber zeitigen reale Folgen.
Man wird einwenden, es sei die große Tradition des französischen Antiklerikalismus. Sicherlich. Aber damit das Argument zieht, bräuchte es im Islam so etwas wie einen Klerus. Wir gehen wie gewohnt vom katholischen Modell aus. Ohne den Klerus wäre es nicht die Hierarchie, die Hiebe abbekommt, sondern alle Gläubigen.
Von hochgelehrten Spezialisten hören wir Forderungen nach einem Ende selbsternannter Imame, oder den Wunsch nach mehr körperschaftlicher Organisation, um jemanden zu haben, mit dem man verhandeln kann. Warum nicht gleich verlangen, dass die Muslime sich Bischöfe und einen Papst wählen? Auch die sakrosankte Laizität wird beschworen, aber dazu bräuchte der Begriff erst einmal eine einheitliche Bedeutung. In Europa sieht man was er bedeutet: Im Laufe der mimetischen Rivalität mit der Kirche, hat es der Staat Stück für Stück geschafft, sich von ihr zu trennen und ihre Macht auf das forum internum zu reduzieren. Es fällt jedoch schwer, sich vorzustellen, was dies im konkreten Fall muslimischer Länder bedeuten soll.
Sollte die negative Laizität, die keinen Glauben anerkennt, eine Laizität werden, die keinen Glauben respektiert? Hohe Staatsautoritäten offenbaren ihre Ignoranz gegenüber dem Phänomen, wenn sie Töne wie «Écrasez l’infâme! – Zermalmt die Niederträchtige!» anschlagen. Sie glauben fest, dass Religionen Privatmeinungen seien, die sich in der Moderne auflösen ließen. Sie sehen nicht, dass dem Gläubigen seine Religion «innerlicher ist, als er selbst» (Augustinus). Man mag dies begrüßen oder bedauern, aber nur der Glücksbärchi-Gutmensch wird es ignorieren.
Eines ist sicher und bedenkenswert: die Dichotomie «unsere Werte» vs. «die Barbarei» wird uns nur tiefer in den Teufelskreis treiben, statt uns zu befreien, wenn wir nicht bereit sind, uns selbst zu hinterfragen. Andernfalls erfüllen wir wider Willen die Erwartungen der Al Qaida-Strategen.
Gegen ihresgleichen sind die naiven «Glücksbärchis» die tolerantesten Wesen: infantil lächelnd, demokratisch gesinnt und voller lustiger Bildchen. Wenn sie aber den anderen gegenüber ihren laizistischen Frieden durchsetzen wollen, dann befürchte ich, dass ihnen kein anderes Mittel als die Gewalt bleibt. Der Bilderstreit droht zum reellen Krieg zu werden.
Aus dem Französischen übersetzt von Raphael Schadt.