Toleranz in einem postliberalen ZeitalterWas wir von einem päpstlichen Faustschlag lernen könnten

Als der britische Premier David Cameron im Frühjahr 2014 ­­erklärte, «wir sollten unserem Ansehen als ein christliches Land mehr Vertrauen entgegen bringen», ging ein Aufschrei durch die liberale Presse. Eine Gruppe von mehr als 50 säkularen Humanisten und Atheisten ergriff umgehend das Wort und erklärte in einem offenen Brief des Daily Telegraph, Cameron spalte die Gesellschaft. Großbritannien ein christliches Land? Oder gespalten zwischen Christen und Nicht-Christen?

Einem Kommentar des Erzbischofs von Canterbury folgend muss man Camerons medienwirksam platzierte Botschaft relativieren. Aber das berühre nicht ihren harten Kern. Das gelebte Christentum sei zwar im Rückzug begriffen. Unter den Gesichtspunkten von Ethik, Recht, Gesetz und Wertvorstellungen stehe Großbritannien aber weiterhin in einer christlichen Tradition. Der Guardian brachte dieses Stellungnahme treffend auf den Punkt: «Britain a Christian country? Mostly, says Archbishop of Canterbury.»

Interessanter als die aufgeregte Reaktion der Säkularisten war vor diesem Hintergrund die Stellungnahme führender Repräsentanten nicht-christlicher Religionen: Für Muslime, Sikhs, Juden und Hindus sei es leichter in einer christlichen als in einer säkularen Gesellschaft zu leben. Von daher die Schlagzeile der Daily Mail zur Stimme der nicht-christlichen Religionen: «Britain IS a Christian country – and we respect that.»

Nach dem post-liberal turn anglophoner Theologie und Philosophie würde die überwältigende Mehrheit englischsprachiger Theologinnen und Theologen sich durch dieses Feedback bestätigt fühlen. Man ist tolerant gegengenüber Muslimen, Juden, Hindus und Atheisten, und hat gelernt, ihnen mit Respekt zu begegnen, gerade weil man sich den Grundwerten des Christentums verpflichtet weiß. Um das zu begreifen, brauchen Christen keinen Nachhilfeunterricht in säkularer Philosophie. Säkularisten können kein Vorrecht beanspruchen, den Prinzipien von Freiheit und Toleranz in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Ihre Perspektive stellt günstigstenfalls eine unter mehreren Perspektiven auf das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft dar. So zumindest die britische Sicht.

In Kontinentaleuropa wird das anders gesehen. Unter dem Einfluss von Jürgen Habermas unterschreibt man in Deutschland nach wie vor den Säkularisierungsmythos Max Webers. Die «säkulare Vernunft» des deutschen Idealismus hat uns demzufolge eine (vermeintlich) neutrale Plattform zur Verständigung zwischen differenten Religionen und Weltanschauungen erschlossen, die es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt. Eine antiquiertere Variante dieses Mythos untermauert seit 1905 die laizistische Staatsideologie Frankreichs. In der vierten und fünften Republik erlebte diese sogar eine Blüte. Doch die britische Sicht der Dinge dürfte den real existierenden Verhältnissen des 21. Jahrhunderts näher kommen: Das Tischtuch der liberalen Konsenskultur der Nachkriegszeit ist zerrissen.

Säkulare Traditionen werden auf absehbare Zeit zum öffentlichen Leben dazugehören. Doch es bleibt festzuhalten, dass es christliche Traditionen waren, die dem Prinzip der Menschenwürde im 15. und 16. Jahrhundert Gehör verschafften – von Pico della Mirandola, und Francisco de Vitoria bis hin zu Bartolomé de Las Casas. Und es ist eine offene Frage, ob säkulare Traditionen die Kraft haben, diesem fundamentalen ethisch-politischen Prinzip Nachhaltigkeit zu verleihen. Es ist ja kein Zufall, dass säkulare Traditionen, dort wo sie dem Prinzip der Menschenwürde treu bleiben, dazu tendieren, sich durch ein Auffangnetz aus jüdisch-christlichen Erzählungen abzusichern. Man mag das als christlichen Atheismus bezeichnen, aber weltanschaulich neutral ist das nicht. Das Diktum des Erzbischofs trifft folglich auch auf die kontinentaleuropäische Lage zu: das europäische Wertegefüge ist in seinem belebenden Kern weitestgehend (mostly) christlich – und eine zukunftsweisende Alternative zu dieser Tradition ist nicht in Sicht.

Unsere kontinentaleuropäische, und zumal deutsch-französische Diskussionskultur scheint diesen, für die schwindende Gemeinde säkularer Humanisten ernüchternden Befund zu verdrängen. Und darum drängt sich eine zweite Frage auf: Hat die liberale Öffentlichkeit Kontinentaleuropas eigentlich überhaupt schon begriffen, was Meinungsfreiheit und Toleranz bedeuten?

Warum zum Beispiel sah man nach den Terroranschlägen von Paris plötzlich überall Schilder mit der Aufschrift «Je suis Charlie Hebdo», und nur viel später vereinzelte Schilder mit der Aufschrift «Je suis Juif» oder «Je suis Ahmad»? Im Zuge des entsetzlichen Überfalls auf die Redaktion von Charlie Hebdo wurden ja auch Juden und Polizeibeamte ermordet. In einem wenig beachteten und doch millionenfach abgerufenen Twitter-Hashtag hieß es kurz darauf: «Ich bin nicht Charlie, ich bin Ahmed, der getötete Polizist. Charlie hat sich über meinen Glauben und meine Kultur lustig gemacht, und ich starb, damit er das weiterhin tun kann.»

Warum wurde Charlie als «Märtyrer der Freiheit» gefeiert? Warum nicht Ahmed? Was ging in den Köpfen von Lehrerinnen und Lehrern vor, die muslimische Kinder dazu zwingen wollten, an einer Gedenkminute für ein islamfeindliches Satiremagazin teilzunehmen? Hätte man ihnen nicht auch vorschlagen können, an Ahmed zu denken? Muss das Entsetzen über einen menschenverachtenden islamistischen Anschlag sich denn notwendigerweise darin Ausdruck verschaffen, dass man sich mit der säkularistischen Ideologie von Islamverächtern identifiziert?

Das Titelblatt der ersten Charlie-Hebdo-Ausgabe nach der Terrorserie bestand bekanntlich aus einer Karikatur, die Mohammet ein «Je suis Charlie Hebdo»in den Mund legte. Wer sich das Toleranzprinzip zu Herzen nimmt, hat sich demnach mit Charlie Hebdo zu befreunden. Kurz darauf attackierte der neue Charlie-Hebdo-Chefredakteur Gérard Biard die vermeintliche Feigheit derjenigen Medien, die den Mut hatten, sich dieser Vereinnahmungsstrategie zu verweigern, mit dem Argument, es gehe hier ja um «ein Symbol für die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit, für Demokratie und Säkularismus».

Haben sich demokratische Muslime, Juden oder Christen vor diesem Symbolon niederzuknien, wenn sie am öffentlichen Leben einer toleranten Gesellschaft teilnehmen möchten? Man kann die Prinzipien von Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Demokratie doch auch verteidigen, ohne sich mit den totalisierenden Ideologien von Laizisten und Säkularisten zu identifizieren? Einzig der Nichteuropäer Papst Franziskus hatte den Mut, angesichts des Medienrummels um Charlie Hebdo dem Ausdruck zu verleihen, was man in abgeklärteren Kulturen als common sense bezeichnen würde: Wenn jemand seine Mutter beleidige, erwarte ihn ein päpstlicher Faustschlag.

Man muss nicht alles gut finden, was in unserer post-modernen Kultur des Spektakels zum Kultobjekt zivilreligiöser Frömmigkeit hochgespielt wird. Doch die Alternative zu diesem Kult kann ebenso wenig darin liegen, die zivilisatorischen Errungenschaften von Meinungsfreiheit und Toleranz zu verabschieden. Aber was heißt es denn überhaupt, tolerant zu sein?

Zur Beantwortung dieser Frage erscheint es mir dringlich, die Wahl der Beispiele zu variieren. Die Prinzipien von Freiheit und Toleranz gelten ja nicht nur für Charlie Hebdo. Als ein 16-jähriger Gymnasiast in Nantes verhaftet wurde, weil er in Facebook eine Karikatur über Charlie Hebdo veröffentlicht hatte, merkten selbst gutgläubige Säkularisten, dass irgendetwas nicht stimmt mit dem Märtyrerkult um Charlie. Geht es hier doch im Kern um das, was Soziologen im Gefolge von Niklas Luhmann und Ulrich Beck als reflexive Modernisierung bezeichnen.

Reflexive Modernisierung, das ist die modernisierungsbedingte Unausweichlichkeit, sich selbst im Spiegel der Second-Order-Perspektive anderer wahrnehmen zu müssen. Unser Gymnasiast aus Nantes hatte dieses Spiegelungsprinzip treffsicher auf den Punkt gebracht, als er die allgegenwärtige Charlie-Hebdo-Karikatur «Der Koran schützt nicht vor Kugeln» zur spiegelverkehrten Karikatur «Charlie Hebdo schützt nicht vor Kugeln» umbaute. Ich finde das Ergebnis dieser Spiegelungsprozedur ebenso pietät- und geschmacklos wie das ungespiegelte Original. Doch selbst ein geschmackloses Feedbackkann zuweilen Aufklärungseffekte zeitigen.

Ein Zitat aus der goldenen Zeit der 68er Bewegung erlaubt, dieses Spiegelungsprinzip schärfer in den Blick zu nehmen. Mitte der 70er Jahre kündigte eine Gruppe amerikanischer Nazis an, einen Marsch durch einen von jüdischen Holocaustüberlebenden bewohnten Vorort Chicagos abzuhalten. Eine bodenlose Taktlosigkeit! Aber hätte der Staat intervenieren sollen? Noam Chomsky, damals eine Ikone der Linken, entschied schlussendlich den amerikanischen Streit um die Naziprovokation mit dem nüchternen Resümee: «Wenn wir nicht an die Meinungsfreiheit von Leuten glauben, die wir verachten, dann gilt sie grundsätzlich nicht.»

Voltaire wird bekanntlich ein ähnlicher Spruch zugeschrieben: «Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.» Man mag einwenden, dass sich dieser Spruch nicht philologisch belegen lässt – und das Amerika nicht mit Europa gleichzusetzen sei. Doch gemessen am Prinzip reflexiver Modernisierung ist die Logik beider Aussprüche unwiderstehlich – und das hat Folgen.

Beispiel Paragraph 86a StGB zur Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Anlässlich eines öffentlichen Gesprächs zum Thema Größenwahn in der Kunst untermauerte Jonathan Meese im Sommer 2012 seine Forderung nach einer Diktatur der Kunst mit einem Hitlergruß. Im darauf folgenden Prozess wurde Meese vom Amtsgericht Kassel freigesprochen. Braucht man also jetzt ein gerichtlich beglaubigtes Künstlerzertifikat, wenn man öffentlich in die Schmuddelkiste nationalsozialistischer Symbole greifen möchte?

An diesem Punkt ist zunächst zwischen Toleranz und künstlerischer Freiheit zu unterscheiden. Die Klaviatur der Kunst hat keine Löschtaste. Diesen Zug hat sie mit Träumen und apokalyptischen Visionen gemein. Spätestens seit Schiller dürfte deshalb klar sein, dass das Ästhetische «von allem was Zwang heißt, sei es im Physischen, sei es im Moralischen, entbunden ist». Im Gefolge der Romantik haben wir außerdem begriffen, dass die Grenzen zwischen ästhetischem Spiel und politisch-religiösem Ernst unscharf sind. Aus diesem Grund sind gerichtliche Zertifikate fatal. Sie suggerieren Kulturen, die die Moderne mit Befremden auf sich zurollen sehen, dass man das zwanglose Spiel ästhetischer Imagination durch die Gewalt (coercive force) des Gesetzes einfrieden oder unter Kontrolle bringen könne. Wer anderen Kulturen ein Beispiel geben möchte, sollte sich aber auch die zweite Hälfte von Schillers Maxime zu Herzen nehmen: Das Ästhetische ist unverträglich mit moralischem Zwang. Und das heißt rezeptionsästhetisch gewendet: Man muss nicht alles, was sich Kunst nennt, gut finden, nur weil man Repressionen gegen das freie Spiel künstlerischer Imagination schlecht findet.

Letzteres führt mich zurück zum Toleranzprinzip. Das Wort Toleranz kommt vom lateinischen Wort tolero. Es meint ich trage/ertrage. Die klassische Definition des Toleranzbegriffs in Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary folgt dieser etymologischen Spur. Sie definiert Toleranz als the abili­ty to accept, experience, or survive something harmful or unpleasant.Toleranz ist demnach die Fähigkeit, etwas Verletzendes (harmful) und Widerwärtiges (unpleasant) zu akzeptieren, zu erfahren und zu überleben. Im deutschen Sprachraum scheint dieser ungeschminkt-realistische Toleranzbegriff noch nicht angekommen zu sein.

So stellt sich zuletzt die Frage nach dem Ablaufdatum deutscher Nachkriegskultur: Sind wir, 70 Jahre nach der totalen Kapitulation, mündig genug, die Toleranzprinzipien reflexiv modernisierter Gesellschaften zu ertragen? Jonathan Meese hat diese Frage wiederholt gestellt, und dabei zugleich die Bigotterie der bürgerlichen Fiktion einer feinsäuberlichen Trennung von künstlerischem Spiel und politischem Ernst vorgeführt. Aber das waren ja angeblich nur die Spektakel eines Spielkindes. So konnte die deutsche Öffentlichkeit dem Ernst dieser Frage ausweichen und stattdessen, im Gleichschritt mit französischen Säkularisten, Charlie-Hebdo-Spektakel zelebrieren.

Man kann die Hartnäckigkeit, mit der man in Deutschland parteiübergreifend am pädagogisch motivierten Paternalismus der Nachkriegszeit festhält, vermutlich nur begreifen, wenn man sie im Lichte der Pathologien der Gegenwart betrachtet: Als ein weiteres Beispiel für die globalisierte Unfähigkeit, zwischen Recht und Moral zu unterscheiden. Nicht alles was erlaubt ist, verdient unseren moralischen Respekt; und nicht alles, was uns als verachtenswert erscheint, sollte verboten werden.

Das einstmals berechtige Resozialisierungsprogramm der Väter und Mütter deutscher Nachkriegskultur hat sich demnach unter der Hand in das moralische Entlastungsprogramm einer von Selbstzweifeln geplagten, merkelianisierten Konsenskultur verwandelt: Wir brauchen uns nicht moralisch zu positionieren, der Staat macht das schon für uns. Die spätmodernen Gesellschaften des Westens oszillieren zwischen dem Tugendterror einer medialen Empörungsindustrie, die jede moralische Übertretung unter Strafe stellen möchte, und einer Kultur repressiver Toleranz, die uns abverlangt, jede Barbarei, die erlaubt ist, gut zu finden. Wenn islamistische Scharia-Staaten daraufhin jede moralische Übertretung unter Strafe stellen und mit barbarischen Bestrafungsritualen sanktionieren, empören wir uns. Aber worüber empören wir uns da eigentlich? Der islamische Fundamentalismus ist nicht mittelalterlich. Er ist das Spiegelbild einer liberalen Konsenskultur, die die Entdifferenzierung von Recht und Moral auf die Spitze getrieben hat.

In dieser Situation wäre es an der Zeit, einen Unterschied zu machen, der einen Unterschied macht. Wenn mein Londoner Zahnarzt plötzlich anti-christliche Charlie-Hebdo-Hefte auslegen würde oder meine iranische Augenoptikerin zwischen ihren Brillenregalen Karikaturen aufhängen würde, die den Holocaust verleugnen, fände ich das ziemlich unpleasant. Und natürlich würde ich mich in dieser Situation verpflichtet fühlen, dem Eindruck, dass hier etwas Beleidigendes und Boshaftes abgeht, in Worten und Taten Ausdruck zu verleihen. Wer Respektloses tut, hat mit einem respektlosen Feedback und zuweilen sogar mit Handgreiflichkeiten zu rechnen. Aber ich käme niemals auf die Idee, aus diesem Grund die Polizei zu alarmieren, oder mir eine Kalaschnikow zuzulegen. Ich toleriere das, und das heißt in diesem Fall konkret: das bürgerliche Recht setzt meinen Möglichkeiten, Respektlosigkeiten durch Respektlosigkeit zu erwidern, Grenzen, die ich zu respektieren und im Zweifelsfall sogar mit Widerwillen zu ertragen habe.

Die Prinzipien von Meinungsfreiheit und Toleranz sind nicht gleichbedeutend mit der Verpflichtung, die Traditionen oder Ideologien Andersdenkender mit Respekt zu behandeln. Mein Respekt gilt den zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne, nicht denjenigen, die sie ausbeuten. Wer das lateinische Wort tolero anders interpretiert, gibt Kulturen, die an den Errungenschaften der Moderne zweifeln, kein Beispiel dafür, was es heißt, den Regeln toleranten Zusammenlebens eine achtenswerte Form zu geben. Man bestätigt allenfalls den Verdacht, dass die von Selbstzweifeln angefressenen, mostly christlichen Kulturen des Westens jede Form von innerer Haltung, Ehrgefühl und aufrechtem Gang verloren haben.

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