Das Lukasevangelium profiliert – im Anschluss an seine markinische Vorlage, aber deutlicher als Matthäus – eine Theologie des Weges Jesu. Es sind nicht einfach nur geographische Routen, die nachgezeichnet werden, um die im Evangelium geschilderten Begebenheiten der Jesusgeschichte wie Perlen einer Kette an ihnen aufzuhängen. Im Gegenteil: Die Bahnen, auf denen Jesus wandelt, und auf denen ihm seine Jüngerinnen und Jünger folgen sollen, sind als solche bereits theologisches Programm. Lukas will zeigen, wie entschieden Gott in Jesus den Weg zu den Menschen wählt. Nichts daran ist dem Zufall geschuldet. Alles folgt einem ewigen Plan. Der Weg Jesu hat heilsgeschichtliche Bedeutung.1 Jesus geht ihn nicht blind, sondern sehenden Auges. Auch das ist keine narrative Petitesse. Der klare Blick Jesu, den Lukas über das ganze Evangelium hinweg immer wieder aufscheinen lässt, spiegelt das helle, unnachahmliche Licht Gottes, das ihn erfüllt und seine Sendung begründet.
1. Jesu Blick schafft Veränderung
Gleich zu Anfang skizziert Lukas in knappen Zügen wie Jesus Menschen in seine Nachfolge ruft. Zunächst fällt sein Blick auf einige Fischer, namentlich auf Simon Petrus und die Zebedäussöhne Jakobus und Johannes (vgl. Lk 5, 1–11). Von ihnen wird berichtet, dass sie – nachdem Jesus ihnen in staunenswerter Vollmacht begegnet – «alles verließen und ihm nachfolgten» (Lk 5, 11). Der Ruf Jesu in die Nachfolge beginnt mit seinem berufenden Blick. Vordergründig fällt er auf die normale Szenerie des Alltäglichen, auf «zwei Boote, die am Ufer liegen» und auf «Fischer, die ausgestiegen waren und ihre Netze wuschen» (Lk 5, 2), tiefergründig zielt er auf Menschen, deren Leben neue Richtung und edleren Sinn bekommt. Die paradigmatische Erzählung von der Berufung des Levi, die Lukas wenige Verse später folgen lässt (Lk 5, 27–32) verdeutlicht dies. Wieder ist es der Blick Jesu, der den Anfang von allem ausmacht.
Jesus «betrachtet» Levi, der an seiner Zollstation sitzt (Lk 5, 27). Das Verbum qea/sqai findet im Neuen Testament nur selten Verwendung, im Lukasevangelium mit Bezug auf Jesus allein hier. Es bezeichnet ein nachdrückliches Augenmerk, eine aufmerksame Betrachtung.2 Jetzt gilt sie einem Zöllner, also jemandem, der der damaligen Staatsgewalt zur Übertragung von Zoll- und Steuerrechten hohe Pachtbeträge zu entrichteten hatte und deshalb nur durch die Erhebung entsprechender Aufschläge imstande war, die Gewinnzone zu erreichen.3 Dass er sich dadurch bei der Bevölkerung unbeliebt machte, liegt auf der Hand.4 Die Vorhaltungen reichen jedoch weiter. Insbesondere in pharisäisch-religiösen Kreisen, die die Heiligung des Alltags anstrebten, sah man in Zöllnern vornehmlich notorische Betrüger und veranschlagte sie durchgängig auf der Seite der Sünder. Jesus sieht das nicht grundsätzlich anders (vgl. Lk 5, 31f ). Nirgends steht geschrieben, dass er die Konturen verwischt und Sünde nicht länger Sünde nennt. Und doch verändert sein aufmerksames Hinschauen die Gemengelage. Der Mensch kommt in den Blick – als in Schuld- und Unheilszusammenhänge verstrickter Mensch, d.h. in all seiner Not und Erlösungsbedürftigkeit. Doch schon im Anschauen dieses Menschen beginnt die heilende und vergebende Zuwendung Jesu. Gerade sie ermöglicht den sich anschließenden Ruf in die Nachfolge (Lk 5, 27). Denn Nachfolge, die Jüngerschaft (Lk 14, 27.33) und das «hinter Jesus hergehen» (Lk 9, 23) umfasst, führt zur Teilhabe an der Wirklichkeit der Herrschaft Gottes (vgl. Lk 9, 61f ). So sehr sie Sache des Intellekts, des Willens und des konkret gelebten Lebens ist, so sehr und um so viel mehr ist sie eschatologische Entscheidung und heilsgeschichtlicher Lebenslauf5, der aus Umkehr und Aufbruch hervorgeht.
2. Jesu Blick konzentriert die Liebe Gottes
Im siebten Kapitel des Lukasevangeliums bewegen sich zwei Züge aufeinander zu. Der eine – mit dem Katafalk eines jungen Mannes und seiner ihn beweinenden Mutter in der Mitte (vgl. Lk 7, 12) – ist ein Trauerzug, der andere – mit Jesus an der Spitze und seinen Jüngerinnen und Jüngern im Gefolge (vgl. Lk 7, 11) – ist ein Hoffnungsmarsch. Wo sich die beiden treffen, stoßen Tod und Leben aufeinander. Aber das Leben ist stärker als der Tod. Vermittelt wird es durch Jesus. Die Narration Lk 7, 11–17 gehört zum sogenannten lukanischen Sondergut. Die exegetische Wissenschaft treibt die Frage, weshalb Lukas seine Erzählung ausgerechnet an dieser Stelle, nach dem Heilungsbericht des todkranken Dieners eines Hauptmanns (Lk 7, 1–10) und vor der Begegnung Jesu mit zwei Jüngern des Täufers Johannes (Lk 7, 18–23), platziert. Das überzeugendste Argument entwickelt sich aus dem Duktus der Erzählung selbst: Weil die hymnische Antwort Jesu auf die Johannesfrage, dass nämlich «Tote aufstehen und Armen das Evangelium verkündet wird» (Lk 7, 22), nicht im luftleeren Raum ungedeckter Versprechungen hängen, sondern durch die voranstehende Totenerweckungserzählung6 von Nain aufgeladen werden soll.7 Denn um nichts Geringeres geht es: In Jesus ist Gott selbst zugegen. In dieser Vollmacht kann Jesus selbst Tote zum Leben erwecken. Das ist für Lukas keine Ansichtssache, sondern tiefe Glaubensüberzeugung. Doch auch hier ist der Blickwinkel Jesu von entscheidender Bedeutung.
Was Jesus zu sehen bekommt, ist die bitterste Realität vorösterlichen Lebens: Menschen müssen sterben, bisweilen vor der rechten Zeit (Ps 90, 10). Und die schmerzliche Trauer der Hinterbliebenen ist Folge dieses Stachels des Todes. Lukas zeichnet sein Bild in düstersten Farben: gestorben ist kein lebenssatter Greis, sondern ein junger Mann. Damit nicht genug: Er war der einzige Sohn seiner Mutter, die auch noch Witwe ist. Wesentlich tragischer kann ein Trauerfall kaum gedacht werden.8 Die Situation umfassender Trauer und Ohnmacht bildet zugleich den Kontrast zur Unheil überwindenden Wirkmacht Jesu, die Lukas hier mit nur zwei Versen (Lk 7, 13f ) machtvoll aufblitzen lässt und die ihren Anfang nimmt mit dem mitleidsvollen Blick des Herrn auf die Mutter des Verstorbenen: «Und als der Herr sie sah, erbarmte er sich über sie und sagte zu ihr: ‹Weine nicht!›» (Lk 7, 13).
Lukas verbindet hier das Hin-Sehen Jesu mit seiner Empathie. Das, was Jesus sieht, bedingt sein Erbarmen. Nicht umgekehrt. Das aoristische Partizip i.dw,n bezeichnet Vorzeitigkeit gegenüber dem Hauptverb «sich erbarmen».9 So wird der Blick Jesu in besonderer Weise theologisch qualifiziert: Das sich erbarmende Mitleid des Kyrios Jesus Christus, in dem sich Gott selbst Ausdruck verleiht10, ist mehr als eine zufällige Gefühlsregung, es umfasst vielmehr die gesamte, in Jesus selbst konkret und greifbar gewordene Dynamik der Liebe Gottes zu den Menschen. Was in Lk 5, 27–32 bereits grundlegend zur Sprache kam, begegnet hier noch einmal in soteriologischer Verdichtung, weil nun die Überwindung von Tod und Trauer angesprochen ist – freilich vorläufig und nur anfänglich, aber doch mit deutlichem Hinweischarakter auf das Geheimnis von Ostern, das Lukas dann im 24. Kapitel seines Evangeliums und in der Folge über die Apostelgeschichte hinweg als den endgültigen Triumph des Lebens über die lebensfeindliche Macht des Todes erzählen wird. Das erbarmende Mitleid Gottes in Jesus ist aber insofern theologisch konditioniert, als ihm der aufmerksame, den Menschen zugewandte, eben pro-existente Blick Jesu vorangeht. Gottes erbarmende Liebe ergeht über die Menschen nicht nach dem Prinzip einer Gießkanne, sondern in konzentrierter Entschiedenheit, dem Einzelnen zugewandt, gnadenhaft und keineswegs mechanisch.
Vor diesem Hintergrund verliert die Ansage Jesu der trauernden Mutter gegenüber – «Weine nicht!» (Lk 7, 13) – ihre ruppige Schärfe und wird zum Programmwort. Der aufmerksame Blick des Kyrios, sein daraus resultierendes Mitgefühl (Lk 7, 13) und der sich anschließende entschlossene Ruf (Lk 7, 15: «Junger Mann, ich befehle Dir: Steh auf!») können die Trauer der Mutter überwinden, weil der Sohn in der Schöpferkraft Gottes aus dem Tod zum Leben geführt wird. Seine Absicht und seinen Willen realisiert Jesus übrigens nicht nur durch das vollmächtige Wort, sondern auch durch eine vollmächtige Geste, nämlich das Berühren der Bahre (Lk 7, 14). Die Exegese war in der Vergangenheit immer mal wieder geneigt, diesen Gestus in seiner tieferen Bedeutung «weg zu rationalisieren», indem sie darin nur eine den Trauerzug anhaltende Bewegung auszumachen versuchte.11 Das muss keineswegs ausgeschlossen werden. Dennoch bliebe die theologische Interpretation an dieser Stelle zu dünn, würde sie nicht mit Lk 8, 44ff vor Augen davon ausgehen, dass das Berühren der Bahre die Übertragung neuschöpfender, eben lebenspendender Kraft anzeigt, die ihren Ursprung in Gott hat.
Dem entspricht die Reaktion der Menschen, die zu Zeugen des Geschehens wurden. Furcht ergriff sie alle (Lk 7, 16). Das Phänomen kann auf der Ebene der Erzählung als gattungstypisch erklärt werden. Entscheidend ist, was danach folgt: «Die Menschen loben Gott und sagen: ‹Es ist ein großer Prophet unter uns aufgetreten, und: Gott hat sein Volk besucht!›» (Lk 7, 16). Angesprochen ist zunächst auf Seiten der Menschen die Antwort des Glaubens, der vor dem Hintergrund der Ereignisse Gott selbst am Werk wähnt. Angesprochen ist aber nicht weniger das christologische Grundparadigma, dass sich dieser Gott in Jesus ganz und gar und als er selbst mitteilt. Wenn Gott sein Volk besucht, heißt das, dass er sich in Jesus den Menschen neu zuwendet. Und: Dass er einen Blick für die Menschen hat, dass er sie aufmerksam anschaut. Darüber wird noch zu reden sein.
Der erste Blick Jesu markiert jedenfalls im Licht des Lukasevangeliums den dynamischen Beginn der Zuwendung Gottes zu den Menschen. Diese Einschätzung lässt sich vor dem Hintergrund zweier markanter Gleichnisse, die ebenfalls zum lukanischen Sondergut zählen und auf der hohen Ebene jesuanischer Gottesrede anzusiedeln sind, absichern.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25–37)
Im Zentrum des Gleichnisses steht die Gestalt des «barmherzigen Samariters», der sich durch seine ebenso entschlossene wie handfeste, schließlich überaus großzügige Zuwendung als der wahrhaft Nächste des unter die Räuber Geratenen erweist.12 Jesus stellt ihn mit Bedacht dem Verhalten der nur vermeintlich Frommen als Beispiel echter Nächstenliebe entgegen. Dass es ausgerechnet ein Samariter, also ein aus frühjüdischer Perspektive «Gottloser», ist, der den Willen Gottes erkennt und entsprechend handelt, verleiht der Erzählung zusätzliche Brisanz. Bemerkenswert ist, wie die Antitypen auch sprachlich vom vorbildlichen Samariter abgegrenzt werden. Sowohl vom Priester als auch vom Leviten wird in sich entsprechender Wendung gesagt, dass sie «sahen – und vorübergingen» (Lk 10, 31.32). Der scharfe Kontrast ergibt sich aus dem Verhalten des Samariters und wird ebenfalls sprachlich herausgearbeitet. Von ihm heißt es ausdrücklich, dass er «sah – und sich erbarmte» (Lk 10, 33). Die terminologische und inhaltliche Parallele zu Lk 7, 13 sticht ins Auge und ist wohl kaum zufällig. Hier wie dort gehören der aufmerksame Blick und das daraus erwachsende Erbarmen zusammen.
Natürlich geht es im Gleichnis um praktische Ethik. Aber es kommt noch ein anderer wesentlicher Aspekt hinzu, den – nach Lukas – zuerst die allegorische Gleichnisexegese der Kirchenväter hervorzuheben verstand: Dass Jesus, indem er vom barmherzigen Samariter erzählt, in latenter Weise von seinem eigenen Lebenseinsatz aus reiner Liebe «für», d.h. «zugunsten der vielen» und von dem Interesse Gottes an den Notleidenden spricht. Hinter dem selbstlosen Engagement des Samariters leuchten die Proexistenz und die Liebesforderung Jesu (vgl. Lk 6, 30f.35) auf, in denen sich das Erbarmen Gottes manifestiert und zum Ausdruck bringt (vgl. Lk 6, 35). Letztlich verständlich wird der beispielhafte Einsatz des Samariters also erst vor dem Hintergrund des Handelns Gottes in Jesus. Das liebevolle Mitleid, das den Samariter zur großherzigen Hilfe bewog, wirft ein Licht auf jene selbstlose Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus offenbart. Gottes liebevolle Zuwendung gilt den Menschen, die dem Tod preisgegeben waren, jetzt aber aufgrund göttlicher Initiative dem Leben neu zugeführt werden. Gottes Liebe ist ohne Maß: Sie rechnet nicht, sondern verschenkt sich, sie wird großzügig und vorbehaltlos gewährt. Den Anfang macht der aufmerksame Blick.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11–32)
Der barmherzige Vater ist die zentrale Bezugsperson des gesamten Gleichnisses.13 So wie Jesus ihn schildert, handelt er unvorhersehbar, überraschend – er sprengt jedes Schema. Hinter seinem Handeln leuchten die Ausmaße seiner Liebe auf. Das ist entscheidend. Der Schlüsselvers findet sich in Lk 15, 20. Nachdem der jüngste Sohn so sehr auf Abwege geraten war, dass er dem Vater wie tot erschien (Lk 15, 24.32), nun aber zur Umkehr gelangt – desillusioniert freilich und mit der vagen Hoffnung unterwegs, möglicherweise als Tagelöhner am Hof seines Vaters anheuern zu dürfen (Lk 15, 18f ) – heißt es, dass der Vater «ihn sah» und «sich seiner erbarmte». Wieder begegnen die Verbformen von ovra,w und splagnizomai, wieder in komplementärer Verbindung, und wieder im Kontext der theologischen Einholung einer Unheil und Tod überwindenden Liebe Gottes zu den Menschen.
Natürlich darf dieser Vater auf der Erzählebene des Gleichnisses nicht einfach mit Gott identifiziert werden (vgl. Lk 15, 18.21). Auf der Sinnebene aber kann kein Zweifel bestehen, dass Jesus hier von niemand anderem als dem himmlischen Vater spricht14, der sich den Menschen zuvorkommend, vergebend und über alle Maße liebend zuwendet. Insbesondere die zweifache Hervorhebung der todüberwindenden Dynamik des Geschehens (Lk 15, 24.32) zeigt das an und taucht die Pointe der Parabel in das Licht eschatologischer Verheißung.
Erik Peterson resümiert: «Das Auge des Vaters sah weiter als das Auge des Sohnes. […] Es gibt keine Verlorenheit ohne die Liebe des Vaters. […] Wir kommen zu uns, wenn wir uns dessen erinnern, dass wir einen Vater haben, bei dem wir existieren können».15 Dies alles verbindet sich mit dem liebevollen Blick Gottes, von dem Jesus im Gleichnis erzählt.
Insgesamt zeichnet sich ab, dass Lk 10, 25–37 aus christozentrischer und Lk 15, 11–32 aus theozentrischer Warte das schon in Lk 7, 11–17 zur Sprache gebrachte Mysterium der todüberwindenden Menschenfreundlichkeit Gottes flankieren, indem sie den aufmerksamen Blick Jesu als den liebenden Blick Gottes weiterhin profilieren und in seinem soteriologisch-eschatologischen Spannungsfeld deutlicher aufscheinen lassen.
3. Jesu Blick markiert Glaubenskrisen und eröffnet Auswege
Zum Ende des Weges Jesu hin, nämlich im Zugehen auf die Ereignisse der Passion, webt Lukas das Motiv des aufmerksamen Blickes Jesu noch einmal in den Erzählstrom des Evangeliums ein. Zunächst erwähnt Lk 19, 41, dass Jesus Jerusalem erreicht und – als er die Heilige Stadt sieht – über sie weint. Das sind keine Tränen der Rührung, sondern des Kummers. Wieder verbindet der Evangelist das Motiv des Sehens Jesu – wenigstens der Sache nach – mit seiner Empathie. Im Anblick der Stadt bewegt den Messias Jesus das Ausmaß des Nicht-Glaubens der Menschen. Vielleicht steht Lk 19, 14 im Hintergrund.16 Die Tränen fließen nicht, weil Jesus sich womöglich von den Menschen verkannt fühlen würde, sondern weil er weiß, dass ihr Unglaube sie um das Eigentliche ihrer Bestimmung und somit um den tiefsten Sinn ihres Daseins bringt. Wiederum legt der Blick Jesu die Realitäten des Lebens frei.
Noch konzentrierter zeigt sich dies in Lk 22, 61. Ein weiterer Tiefpunkt der Passion ist erreicht. Jesus, verraten und verschleppt, befindet sich zum Verhör im Haus des Hohenpriesters. Petrus folgte ihm von Weitem (Lk 22, 54). Jesus hatte dem Jünger bereits prognostiziert, dass er zum Verräter werden würde (Lk 22, 34). Jetzt holt ihn das ein. Dreimal leugnet Petrus, zu Jesus zu gehören, ihn gar zu kennen (Lk 22, 57.58.60). Danach wendet der Kyrios sich um und sieht Petrus an (Lk 22, 61). Und der versteht und geht hinaus und weint bitterlich (Lk 22, 61f ).
Sicher erinnert Lukas an dieser Stelle historische Sachverhalte. Aber darüber hinaus schreibt er an einer Nachfolgegeschichte und kreiert eine Typologie des Glaubens. Der Blick Jesu konfrontiert Petrus mit der nüchternen Wirklichkeit seines Lebens und seiner Freundschaft zu Jesus (vgl. nur Lk 22, 33). Es ist kein vorwurfsvoller Blick, vielleicht ein trauriger Blick. Ganz sicher ist es ein ehrlicher Blick. Er deckt auf, dass der Glaube eines Menschen nie ein für alle Mal gewonnen ist und Krisen ihm nicht erspart bleiben. Er legt offen, dass kein Mensch, nicht einmal Petrus, sich den Glauben und die Treue zu ihm selbst zurechtlegen können; er bleibt Geschenk. Und er zeigt, dass zu glauben immer auch bedeutet, um die eigene Erlösungs- und Vergebungsbedürftigkeit zu wissen. Gerade so bleibt der Blick Jesu ein menschenfreundlicher, ein befreiender und zutiefst liebevoller Blick.
4. Ein hinschauender Gott
Die Wege Jesu konkretisieren ein theologisches Programm. Im Lukasevangelium findet sich ein entsprechendes Leitmotiv, das sich über den Duktus der Jesusgeschichte verteilt und die Verkündigung Jesu subsumierend auf den Punkt bringt: Der Gedanke, dass Gott sein Volk besucht (Lk 1, 68.78; 7, 16; 19, 44). Jedes Mal fällt dabei der Terminus evpiske,ptesqai. Er bezeichnet eine Haltung Gottes, deren Grundbedeutung im Griechischen allerdings erst in zweiter Linie «Besuchen» und in erster Linie «Draufschauen und Hinsehen» meint.17 Die Bedeutungslinie führt vom ursprünglichen «gnadenvollen Hinsehen» über das behütende «nach jemand schauen» bis hin zum «Aufsuchen».18 All diese Konnotationen verbinden sich inhaltlich mit der lukanischen Konzeption des Blickes Jesu und führen zugleich zurück zum Grundtenor des Evangeliums, dass nämlich Gott sich mit Jesus in die Lebenswelt der Menschen hineinbegibt und dass er sich den Menschen entschieden und unüberbietbar liebevoll zuwendet, «um Licht aufscheinen zu lassen denen, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und ihre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens» (Lk 1, 79).