Wien, im Winter
Draußen schon dunkel
Lüster drinnen
und Leute
auf weichem Polster
Klänge
Stimmen
Mélange
In den Zeitungen:
Das Attentat von Paris
Entsetzen
Trauer
Appelle:
der Papst
die Politik
die Meisterdenker.
Dazu die Bilder von Charlie:
Ein krummnasiger Jude feilschend
aus den Opfern von Auschwitz
Kapital schlagend:
Shoah Hebdo
Der Papst bei der Wandlung –
die Hostie ein rotes Kondom:
Ceci est mon corps!
Mohammed, der Prophet,
mit brennender Fackel, Benzin,
auf einer Himmelstreppe:
Chérie, ich steig‘ für fünf Minuten herunter
und suche Charlie!
Er nicht,
Gotteskrieger
haben Charlie gefunden
und die revanche de Dieu
vollstreckt.
Die Zeichner aber,
wussten sie nicht,
was sie taten?
In Zürich, Paris,
in London, Berlin
in seltener Eintracht:
Vive la liberté!
Ein Philosoph legt nach:
Märtyrer der Pressefreiheit!
Der Chor der Millionen
auf den Plätzen und Straßen
Je suis Charlie! Je suis Charlie!
Moi pas – denke ich
und sage es nicht.
Wer trocknet die koscheren
Tränen?
Am Nachbartisch die leise Stimme:
Es brodelt, es
brodelt.
Die Tränen des Propheten
In der Türkei gesperrt,
in den arabischen Ländern verboten,
in Europa begehrt:
der weinende Mohammed.
Schwach
ist er
stark – spricht nicht
von Schmähung,
Lästerung,
Rache.
Sagt:
Alles vergeben!
Alles?
Die Karikaturen,
die blutigen Attentate,
die Ermordung der Mörder?
Ein Prophet,
der die Lektion
der Vergebung
predigte
der
das Unerträgliche
wehrlos
ertrüge
der
sich von
Tränen übermannen
ließe
er
könnte,
was keiner noch konnte:
Eiferer
besänftigen
die Axt
der Hand des Henkers
entwinden
den Sprengsatz
im Gürtel des Attentäters
entschärfen
Gläubigen wie Ungläubigen
die Hand
reichen
und sagen:
Salam.
Das Gewicht der Welt
Das Bild
und die Träne
im Aug des Propheten
sie dürfen nicht sein.
Schmähung!
Lästerung!
Rache!
Zorn quillt
aus Häusern
auf Plätze und Straßen
brodelt und kocht:
Wir alle sind Mohammed!
Steine Stöcke
Fackeln –
brennende Kirchen
und Tote
in fernen Ländern.
Hier
das Wort
an der Schwelle zum Schweigen:
Allein
die Barmherzigkeit Gottes
kann die Flut des Bösen
begrenzen
sagte
der alte Papst
sagt
der Kardinal.
In der dunklen Kapelle
leuchtende Kerzen
darin
nur wenige
beten
Agnus Dei
Es trägt
was keiner
tragen kann
Es schultert
die
Welt.