Secretum meum mihi«Der Circle», theologische Techno-Utopien und panoptische Kirchenräume

Leonardos Predigttheater: Das erste Panoptikum

 

In den Skizzenbüchern Leonardo da Vincis (1452–1519) finden sich an verschiedenen Stellen Entwürfe für Gottesdiensträume. Eine der Zeichnungen ist mit den Worten teatri per uldire la messa versehen. Sie zeigt einen kleeblattförmigen Zentralbau, in dessen Mitte sich ein frei stehender Altar befindet. In drei von vier Konchen erheben sich konzentrisch ansteigend die Sitzreihen. In seiner Monozentrik erinnert der Entwurf stark an manche Kirchenbauten des 20. Jahrhunderts. Noch radikaler ist die Skizze, die Leonardo mit loco dove si predica betitelt hat: Zu sehen ist ein nahezu kugelförmiger Theaterraum, in dessen Mitte eine begehbare Säule als Ort für den Prediger dient: Durch diese Anordnung erhält jeder Sitzplatz auf den Rängen die gleiche Distanz zum Predigtort in der Mitte.1 Es zeigt sich also, dass einer der frühesten Belege für die Einschließungssysteme, die der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) 1975 in seinem Werk Überwachen und Strafen2 als Panoptikum analysiert hat, nicht jenes Gefängnis ist, das der britische Vater des Utilitarismus einst entwarf – im Panoptikum des Jeremy Bentham (1748–1832) war es den Gefängniswärtern durch eben jene begehbare Säule im Mittelpunkt des kreisrunden Gebäudes jederzeit möglich, sämtliche in einsehbaren Zellen festgehaltenen Gefangenen zu kontrollieren –, die ersten Panoptiken waren vielmehr die imaginierten Gottesdienst- und Predigträume des Leonardo da Vinci. Sie unterschieden sich radikal von den komplexen und polyzentrischen Sakralräumen des Mittelalters, die durch die Salbung des Bischofs bei der Weihe zu lebendigen Organismen geworden waren, in denen die verschiedensten Handlungen zur gleichen Zeit stattfanden und die oftmals so gebaut waren, dass der Blick des Besuchers das Ganze des Raumes und des Geschehens in ihm überhaupt nicht zu erfassen imstande war: Ein Abbild der himmlischen Herrlichkeit, die größer ist, als menschliches Begreifen.

Dave Eggers’ «Der Circle»: Den Kreis abschließen

 

Vierzig Jahre nach Foucaults Überwachen und Strafen haben Ausmaß und Qualität der Überwachung ungeahnte Dimensionen angenommen. Dank neuer Technologien und universaler Vernetzung steht die Vollendung der transparenten Gesellschaft bevor, in der völlige Kontrolle herrscht. Diese geht von keinem lokalisierbaren Machtzentrum aus, von keinem Geheimdienst und keinem Diktator, sondern ist völlig wechselseitig und sozial. So lautet jedenfalls die These von Dave Eggers’ Ideenroman Der Circle.3 Das Werk des 1970 geborenen US-Amerikaners erzählt die in der unmittelbaren Zukunft angesiedelte Geschichte der 24-jährigen Mae Holland. Mae hat eine Stelle bei der angesagtesten und wichtigsten Internetfirma der Welt ergattert, beim Circle – eine Mischung aus Google, Apple, Facebook, Twitter. Die Kunden des Monopolisten erhalten eine einheitliche, öffentliche Internetidentität, mit der sie nicht nur alle Geschäfte abwickeln, sondern auch ihre gesamte soziale Interaktion erledigen sollen. Schon plant der Circle, dem Staat die Organisation der Wahlen abzunehmen. Begeistert stürzt sich Mae in die glitzernde Unternehmenswelt, in der die Arbeit hart, aber trotzdem ein Vergnügen ist. Restaurants, Konzerte und coole Parties auf dem Unternehmenscampus sollen ein Leben außerhalb der Arbeit im Circle überflüssig machen. Das große Ziel des Unternehmens ist die «Vollendung» des Circle, die Abschließung des Kreises: Dann ist alles mit allem verbunden, dann steht jedem jede Information zur Verfügung, dann können alle alles sehen. So entwickelt man beim Circle einen implantierten elektronischen Chip für Kinder, der den Eltern die ständige Ortung erlaubt und so Missbrauch und Kindesentführung nahezu unmöglich macht. Man will mit der vollständigen Dokumentation des Alltags von Politikern dafür sorgen, dass die Korruption endgültig der Vergangenheit angehört. Und Freiwillige auf der ganzen Welt sind schon dabei, preiswerte Überwachungskameras anzubringen, auf die jedermann Zugriff hat: Sie erlauben es nicht nur, sich ein Bild vom Wetter am Lieblingsstrand zu machen, sondern sollen auch dem Diebstahl, der Gewaltkriminalität und überhaupt jeglicher Gesetzesübertretung ein Ende machen. Nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten entwickelt sich Mae schließlich zur Vorzeigemitarbeiterin, die alle Geheimnisse aus ihrem Leben zu tilgen bereit ist und den Wahn der totalen Transparenz auf die Spitze treibt.

Wenn die Romanprotagonisten – die freilich mehr Ideenträger als wirklich Personen sind – ihre Visionen formulieren, tun sie dies oft mit moralisch und religiös grundiertem Pathos. Eggers bringt diese Dimension auch explizit ins Spiel, indem er einen ehemaligen Priesteramtskandidaten und nunmehrigen Computerexperten auftreten lässt: «Ihr werdet alle Seelen retten», spricht der Theologe. «Ihr werdet sie alle sammeln, ihr werdet sie alle das Gleiche lehren. Es wird eine einzige Moral geben, ein einziges Regelwerk.» Die kollektive und gegenseitige Überwachung verwirklicht die Allwissenheit Gottes, so erklärt er Mae begeistert: «Bald wird jeder Einzelne von uns in der Lage sein, jeden anderen zu sehen und ein Urteil über ihn zu fällen. Wir werden alles sehen, was Er sieht. Wir werden Sein Urteil aussprechen. Wir werden Seinen Zorn channeln und Seine Vergebung erteilen.»4

Die Skeptiker haben im Roman dieser überwältigenden Dynamik kaum etwas entgegenzusetzen. Zu jenen gehört Mercer, mit dem Mae in der Vergangenheit eine Beziehung hatte. Nun erscheint ihr seine Kritik am Circle nur noch bizarr und lächerlich. «Wir sind nicht dafür geschaffen, alles zu wissen», schreibt er ihr. «Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, dass unser Verstand möglicherweise auf das Gleichgewicht zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten justiert ist? Dass unsere Seelen die Geheimnisse der Nacht und die Klarheit des Tages brauchen? Ihr schafft eine Welt mit ständigem Tageslicht, und ich glaube, es wird uns alle bei lebendigem Leib verbrennen.»5 Mercer wird im Verlauf des Romans genauso unter die Räder des Fortschritts kommen, wie Maes Freundin Annie, deren soziale Existenz vernichtet wird, weil ein Programm zur digitalen Aufarbeitung der Familiengeschichte Untaten ihrer Vorfahren und Verwandten ans Licht bringt.

Dave Eggers’ Roman, der im Spätsommer 2014 die Bestsellerlisten stürmte, hat im deutschen Sprachraum eine intensive Debatte über die Internet-Gesellschaft angestoßen. Er hat einen Nerv getroffen, weil er das anschaulich macht, was allzu oft unanschaulich bleibt: Den Wert der Privaten. Dass die Handlung konstruiert, die Figuren flach und die Dialoge klischeehaft sind, tut dieser Tatsache keinen Abbruch.

Antonio Spadaros Cybertheologie: Vervollkommnung durch das Internet?

 

Verdienst des Romans ist es auch, die bedrohlichen Aspekte eines euphorischen Techno-Utopismus aufgezeigt zu haben. Diese sind doch längst jedem klar, meint Dirk Knipphals in seiner Rezension des Romans für die taz.6 Dass dies nicht der Fall ist, zeigt das Bändchen des Jesuiten Antonio Spadaro über Cybertheologie, das vor einiger Zeit auf Italienisch erschien und vor kurzem ins Englische übersetzt wurde.7Der Chefredakteur der italienischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica wurde hierzulande vor allem durch sein Interview mit Papst Franziskusbekannt.8 Spadaros Erörterung zum Christentum im Internetzeitalter ist eine eigentümliche Mixtur aus Zitaten bekannter und weniger bekannter Medien- und Internettheoretiker und diverser vatikanischer Dokumente, wobei ein einheitlicher Standpunkt nicht immer klar erkennbar ist. Im Vorwort betätigt sich Spadaro jedenfalls als technophiler Mystiker, für den technischer Fortschritt und Eschatologie zu konvergieren scheinen: In der Entwicklung der Kommunikation erkenne die Kirche das Handeln Gottes, der die Menschheit zur Vervollkommnung treibe. Das Internet sei seinen Möglichkeiten nach ein Raum der Gemeinschaft, der Teil unserer Reise hin zu dieser Vervollkommnung sei. Gefordert sei darum ein spiritueller Blick auf das Internet, der Christus als denjenigen sehe, der die Menschheit aufruft, sich immer mehr zu vereinigen und zu verbinden.9 Im letzten Kapitel mündet das Buch wenig überraschend in Spekulationen über Teilhard de Chardins (1881–1955) Ideen von der Noosphäre und dem Omega-Punkt der Geschichte.10

Panoptische Kirchenräume: Für eine Theologie des Geheimnisses

 

Hier werden die theologischen Quellen der Vernetzungsschwärmereien erkennbar. Aber hätte eine kritische Theologie nicht die Aufgabe, neben einer Theologie der Öffentlichkeit11 auch so etwas wie eine Theologie des Geheimnisses zu entwickeln? Um zum Beispiel der Kirchenräume zurückzukehren: Zu den zentralen Anliegen der Liturgischen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte die Öffentlichkeit und Gemeinschaftlichkeit des Gottesdienstes. Privatmessen, Privatandachten und Privatfrömmigkeiten galten den theologischen Protagonisten der Bewegung als sekundär, wenn nicht gar defizitär. Die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil brachte konsequenterweise vor allem klar gegliederte Einheitsräume hervor, in denen Ablenkungen vom Wesentlichen unerwünscht waren. Auch die heute oft geforderte und vorgeschlagene kreisförmige Anordnung von Sitzplätzen im Kirchenraum – jüngst etwa im Entwurf für die Neugestaltung der Berliner Hedwigskathedrale – steht im Dienst von Gemeinschaft und Einheitlichkeit. Selten wird jedoch bemerkt, wie sehr derartige Dispositionen es den Anwesenden erschweren oder sogar unmöglich machen, über die Nähe oder Distanz zum liturgischen Geschehen und über den Grad ihrer Beteiligung am gemeinschaftlichen Handeln selbst zu bestimmen.

Secretum meum mihi, secretum meum mihi. Diesen rätselhaften Ausruf, der sich nur in der Vulgata-Fassung von Jesaja 24, 36 findet, zitiert Romano Guardini (1885–1968) in Vom Geist der Liturgie. Das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft in der Liturgie stellt sich bei Guardini differenzierter dar, als bei manchen seiner Mitstreiter in der Liturgischen Bewegung: «Die Liturgie hat dem Menschen gegeben, dass er in ihr sein Innenleben nach seiner ganzen Fülle und Tiefe aussprechen kann und doch sein Geheimnis geborgen weiß: Secretum meum mihi. Er kann sich ergießen, kann sich ausdrücken, und fühlt doch nichts in die Öffentlichkeit gezogen, was verborgen bleiben muss.»12

Die christliche Tradition spricht nicht nur von den alles sehenden Augen Gottes. Sie kennt auch den Wert des Geheimnisses. Sie weiß um die Bedeutung der Einsamkeit, in der die Seele Gott begegnet. Sie weiß, dass jeder Mensch einzigartig und für Gott unendlich wertvoll ist. Sie weiß, dass jeder mit der Geburt seine eigene Reise durch das Leben antritt, um den Weg zu Gott zu finden und ihn einst von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

In panoptischen Zeiten braucht es darum in der Kirche Räume des ­Geheimnisses.

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