Papst Franziskus ist es ein großes Anliegen, dass die Kirche auf der ganzen Welt missionarischer wird. In seinem programmatischen Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium wendet er sich an alle Gläubigen, «um sie zu einer neuen Etappe der Evangelisierung einzuladen».1 Was es bedeutet, ein Apostel und Missionar zu sein, können wir immer wieder neu vom Völkerapostel Paulus lernen.
Für den seligen John Henry Newman war Paulus der «glorreiche Apostel», der «anziehendste unter den inspirierten Verfassern», der «packendste und einnehmendste der Lehrer», für den er «immer eine besondere Verehrung» hegte.2 Von Newman sind vier Predigten hinterlassen, die er zur Gänze dem Völkerapostel widmete. In diesen Ansprachen geht es ihm nicht so sehr um die apostolischen Tätigkeiten, sondern vor allem um die innere Gesinnung, die Herzenshaltungen, die Paulus prägten. Die Ausführungen des englischen Konvertiten haben nichts von ihrer Frische verloren und können auch uns am Beginn des 21. Jahrhunderts helfen, unsere Sendung zum Apostelsein neu zu entdecken und zu vertiefen.
1. Erfahrung der Bekehrung
Niemand kann Apostel sein, wenn er nicht von der Gnade Gottes ergriffen wurde und durch eine tiefgehende Bekehrung gegangen ist. In einer Predigt aus seiner frühen anglikanischen Zeit spricht Newman über Pauli Bekehrung in ihrer Beziehung zu seinem Amt.3 Für Newman ist die Erfahrung der Bekehrung des Saulus die geeignete Einführung in dessen Amt. Was meint er damit?
Bekanntlich war Saulus der Anführer der Christenverfolger. Er billigte die Steinigung des Stephanus, der sterbend für seine Mörder betete. Später erhielt er von den religiösen Autoritäten die Vollmacht, die Jünger des neuen Weges auch in Damaskus ins Gefängnis zu werfen. Doch vor den Toren der Stadt wurde er «durch ein Wunder zu Boden gestreckt und zu dem Glauben bekehrt, den er verfolgte».4 Die Bekehrung Pauli ist in erster Linie ein Erweis der Macht Gottes, seines Triumphes über den Feind: «Um seine Macht zu zeigen, fasste er mit seiner Hand mitten in die Schar der Verfolger seines Sohnes hinein und ergriff den tatkräftigsten unter ihnen».5 Zugleich ist diese Bekehrung die Frucht des Gebetes von Stephanus: «Das Gebet des Gerechten vermag viel. Der erste Märtyrer hatte mit Gottes Hilfe die Macht, den größten Apostel zu erwecken».6 So wird deutlich, dass niemand Apostel sein kann, wenn er nicht auf die verwandelnde Macht Gottes und auf die Kraft des stellvertretenden Gebetes vertraut.
Die Gnade der Bekehrung machte Paulus zu einem leuchtenden Vorbild. Es ist ein Geheimnis der göttlichen Vorsehung, dass Paulus, der aus eigener Erfahrung um die Last menschlicher Schuld und die Kraft des göttlichen Erbarmens wusste, zum geistlichen Vater der Heiden werden sollte: «In der Geschichte seiner Sündenschuld und deren überaus gnadenvollen Vergebung dient er weit mehr als seine Mitapostel zum Beispiel für sein Evangelium, nämlich dass wir alle vor Gott schuldig sind und nur durch seine überschwängliche Freigebigkeit gerettet werden können».7 Wie Paulus ist jeder Apostel gerufen, das Erbarmen Gottes zuerst durch sein Leben und dann durch das Wort zu bezeugen.
Durch sein früheres Leben war Paulus ein besonders geeignetes Werkzeug für den Plan Gottes mit den Heiden. Freilich mahnt Newman in diesem Zusammenhang zur Vorsicht, weil die Ausbreitung des Evangeliums zuletzt nicht das Werk eines Menschen, sondern der Gnade Gottes ist. Doch Gott bedient sich in der Regel menschlicher Helfer, um seine Pläne zu verwirklichen. Paulus war für die Heidenmission wie prädestiniert – nicht nur durch sein Wissen und seine Geistesgaben, sondern auch und vor allem durch seinen persönlichen Glaubens- und Bekehrungsweg. Dieser Weg lehrte ihn, an den schwersten Sündern nicht zu verzweifeln, die verborgenen Glaubensfunken in den Menschen zu entdecken, sich in die verschiedensten Versuchungen einzufühlen, in Demut die Fülle der ihm geschenkten Offenbarungen zu tragen und die eigenen Erfahrungen klug für die Bekehrung anderer anzuwenden. So wurde Paulus zu einem «Tröster, Helfer und Führer seiner Brüder», dem «in hohem Maß die Kenntnis des menschlichen Herzens» verliehen war.8 Es ist trostvoll zu wissen, dass alle Erfahrungen des Lebens – die positiven, aber auch die negativen – gemäß dem Plan Gottes für die Ausbreitung des Evangeliums nützlich werden können.
Freilich will Newman mit diesem Gedanken nicht sagen, dass jemand schwer gesündigt haben muss, um ein großer Apostel und Heiliger werden zu können. Die früheren Sünden machten Paulus nicht zu einem besseren Christen, sondern «nur geeigneter für eine bestimmte Absicht in Gottes Vorsehung – geeigneter, als Bekehrter andere zu bekehren».9 Newman stellt auch klar, dass Paulus vor seiner Bekehrung nicht ein gottloses oder unsittliches Leben führte. Er gehorchte seinem Gewissen und wandte sich nicht im Stolz gegen Gott. Freilich sündigte er, weil er sein Gewissen nicht hinreichend vom Licht der Heiligen Schrift erleuchten ließ, Jesus nicht vom Alten Testament her, wie etwa Simeon und Hanna, als den verheißenen Erlöser erkannte und deshalb die Jünger des Herrn verfolgte. Welche Schlussfolgerung zieht Newman aus dieser Überlegung für den einzelnen Christen? «Er soll das Licht des Gewissens in sich nähren und ihm folgen, wie Saulus es tat. Er soll sorgfältig die Schriften lernen, wie Saulus es nicht tat. Gott, der sogar Erbarmen hatte mit dem Verfolger seiner Heiligen, wird sicher seine Gnade über ihn ausgießen und ihn zu der Wahrheit führen, die in Jesus ist».10 Der apostolisch gesinnte Gläubige hört auf die Stimme des Gewissens und auf das Wort der Offenbarung. Er lässt sich stets neu von Gott ansprechen, umgestalten und aussenden.
2. Kenntnis der menschlichen Natur
Die tiefe Vereinigung mit Christus, zu der jede echte Bekehrung führt, bringt Paulus im Galaterbrief mit folgenden Worten zum Ausdruck: «Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat» (Gal 2, 20). Manche Heilige sind so sehr vom Leben Gottes erfüllt, dass sie sich gleichsam ganz darin verlieren und an der menschlichen Natur scheinbar keinen Anteil mehr haben. Wie Newman in der Predigt Die charakteristische Gabe des heiligen Paulus zeigt, gehört der Völkerapostel zur anderen Gruppe von heiligen Menschen, «bei denen die Übernatur sich mit der Natur verbindet, ohne sie zu verdrängen – sie stärkt, sie erhebt, sie veredelt – Menschen, die eben weil sie Heilige sind, Menschen geblieben sind».11 In dieser Predigt, die Newman einige Jahre nach seiner Aufnahme in die katholische Kirche in der Universitätskirche in Dublin hielt, fragt er nach dem besonderen Merkmal, das den Völkerapostel von anderen Heiligen unterscheidet. Seiner Auffassung nach zeichnet sich Paulus vor allem dadurch aus, dass die Fülle der göttlichen Gaben nicht zerstörte, was menschlich an ihm war, sondern es vergeistigt und vervollkommnet hat.
Deshalb konnte Paulus den Menschen mit seinen Stärken und Schwächen, seinen Versuchungen, Sehnsüchten und Neigungen besonders gut verstehen: «Die menschliche Natur, die gemeinsame Natur des ganzen Adamsgeschlechtes spricht und handelt in ihm mit einer kraftvollen Gegenwärtigkeit, mit einer körperlichen Fülle, zwar stets unter dem beherrschenden Einfluss der göttlichen Gnade, ohne indes bei all ihrer Unterordnung etwas an wirklicher Freiheit und Kraft einzubüßen. Weil eine solche Kraft des Menschseins in ihm lebt, ist er infolgedessen imstande, mit der ihm besonders eigenen Gabe in die menschliche Natur einzudringen und mit ihr zu empfinden».12
Obwohl der Apostel auch vor seiner Bekehrung gewissenhaft lebte, zählt er sich unter die verworfenen Heiden und redet, als wäre er einer von ihnen. Er wusste sich solidarisch mit seinen Mitmenschen, ja mit dem ganzen Geschlecht Adams. Darum war er sich bewusst,
dass eine Natur sein eigen war, fähig genug, sich in all die Vielheit der Gefühle, Pläne, Bestrebungen und Sünden zu verrennen, in die sie sich auch tatsächlich auf der ganzen Welt und bei den meisten Menschen verrannt hatte. Und in diesem Sinn trug er die Sünden aller Menschen an sich, er gesellte sich ihnen bei und sprach von ihnen und von sich, als wären sie ein und dasselbe. Er, ein strenger Pharisäer (wie er sich selbst beschreibt), ohne Tadel nach der Gesetzesgerechtigkeit, der mit ganz gutem Gewissen vor Gott wandelte, der Gott schon in seinen Vätern mit reinem Gewissen diente, er nennt sich anderswo trotz allem einen ruchlosen Heiden, einen Auswurf, bevor die Gnade Gottes ihn rief.13
Paulus zeigte nicht mit dem Finger auf andere, sondern wusste, dass Sünde und Begehrlichkeit auch in ihm wohnten. Er kannte die menschliche Natur durch und durch, «weil er in dieser seiner von der Gnade nun geheiligten Natur lebendig erfasste, was sie in ihren Neigungen und Auswirkungen gewesen wäre, wenn sie der Gnade beraubt geblieben wäre».14 Der missionarische Gläubige bleibt zeitlebens auf dem Weg der Umkehr und der Neuwerdung in Christus. Er kann sich in andere Menschen hineindenken, mit ihnen mitfühlen, ihre Kämpfe verstehen, ihre Freuden und Sorgen teilen.
Seine Liebe zur menschlichen Natur zeigt Paulus auch dadurch, dass er heidnische Schriftsteller zitiert. Newman verweist auf drei bekannte Stellen, an denen der Apostel griechische Autoren anführt: Auf dem Areopag in Athen findet er einen Anknüpfungspunkt an einem Altar mit der Inschrift: «Einem unbekannten Gott» (Apg 17, 23). Die Korinther erinnert er an ein Wort des Dichters Menander: «Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten» (1 Kor 15, 33). Im Brief an Titus zitiert er den Philosophen Epimenides: «Alle Kreter sind Lügner und faule Bäuche, gefährliche Tiere» (Tit 1, 12). Warum erwähnt Paulus heidnische Autoren? Newman antwortet: Weil er «ein ehrlicher Liebhaber der Seelen war. Er liebte die arme Menschennatur mit leidenschaftlicher Liebe, und die Literatur der Griechen lieh ihm nur die Worte dafür; er neigte sich zärtlich und kummervoll über sie, weil er ihre Wiedergeburt und Rettung wünschte».15 Die Heilsordnung Gottes umfasst auch die Griechen, ja alle Völker. So klar Paulus lehrt, «dass die Heiden in Finsternis und Sünde und unter der Macht des bösen Feindes lebten, er gibt nicht zu, dass das Auge des göttlichen Erbarmens nicht auch sie erreicht hätte».16 Der Apostel verabscheut nichts von dem, was echt menschlich ist. Er hat ein großes und weites Herz, weil er davon überzeugt ist, dass Gott das Heil aller Menschen will.
Schließlich betont Paulus, dass alle Menschen Kinder Adams sind, und «der Gedanke, dass alle Menschen Brüder seien, bereitete ihm Freude».17 Er unterstreicht jedoch nicht nur die Abstammung des Menschengeschlechts von Adam, sondern betrachtet auch «voll Zartgefühl die Gefangenschaft, die Angst, die Sehnsucht und die Erlösung der armen Menschennatur».18 Denn, wie es im Römerbrief heißt, «die ganze Schöpfung» – die ganze menschliche Natur – «wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes» (Röm 8, 19). Der Apostel darf immer wieder neu daran erinnern, dass alle Menschen den gleichen Ursprung und das gleiche Ziel haben: Sie kommen von Gott und sind berufen zu einem Leben in Gottes Herrlichkeit.
3. Liebe zum eigenen Volk
Newman kommt auch auf die Liebe des Apostels Paulus zu Israel, seinem eigenen Volk, zu sprechen. Wusste er sich mit dem ganzen Menschengeschlecht verbunden, «wie fühlte er erst mit seinem eigenen Volk! Welch ein eigenartiges Gemisch von edlem Stolz, bitter und süß (wenn ich so sagen darf ), aber auch von nagendem und erdrückendem Schmerz brachte über ihn der Gedanke an das Volk Israel».19
Auch nach seiner Bekehrung bleibt Paulus stolz auf die Auserwählung seines eigenen Volkes. Dies wird besonders deutlich im Römerbrief, wo er schreibt: «Sie sind Israeliten; damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus, der über allem als Gott steht, er ist gepriesen in Ewigkeit. Amen» (Röm 9, 4–5). Mit welcher Dankbarkeit schaut Paulus auf Israel, auf «die höchste und auch die niedrigste unter den Nationen, sein eigenes treues Volk, dessen Ruhm von Jugend auf seiner Gedankenwelt vertraut war und ihn mit Liebe erfüllte».20
Aber dieser dankbare Stolz verbindet sich mit Trauer und Schmerz (vgl. Röm 9, 2). Denn gerade jenes Volk, das jahrhundertelang nach dem Messias Ausschau hielt, ihm den Weg bereitete und ihn ankündigte, nahm ihn nicht auf. Paulus konnte die Verstocktheit der Israeliten verstehen, weil auch er vor seiner Bekehrung dieselben Empfindungen und Gedanken über Jesus hegte. Aus Mitleid wollte er, wie Mose im Alten Bund, für sein Volk in die Bresche springen (vgl. Ex 32, 11–14), ja um seiner Brüder willen «verflucht und von Christus getrennt sein» (Röm 9, 3). Er war bereit, aus Liebe alles für sein Volk zu geben. «Er trat für sie ein, noch während sie seinen Herrn und ihn selbst verfolgten».21 Sein Herz blutet wegen der Herzenshärte Israels, so dass er ausruft: «O teuerstes, o ruhmvolles Geschlecht, o elendiglich gefallenes! So groß und so verworfen!»22
Zugleich hegt Paulus – trotz allem – Hoffnung für sein Volk. Als er einsehen musste, dass die meisten Israeliten den Herrn Jesus nicht annahmen, tröstete er sich mit der zuversichtlichen Ahnung, dass ihre Verstocktheit den Heiden zum Segen würde und «sie in einer späteren Zeit gerettet würden».23 So schreibt er im Römerbrief: «Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Heiden in voller Zahl das Heil erlangt haben; dann wird ganz Israel gerettet werden» (Röm 11, 25f ).
Jeder Christ, der zum Apostel geworden ist, wird in derselben Gesinnung auf seine eigene Familie und sein eigenes Volk schauen: mit dankbarem Stolz für alles Gute und Schöne, das er empfangen hat; in gläubiger Bereitschaft, stellvertretend für jene einzutreten, die den Herrn nicht, noch nicht oder nicht mehr kennen; mit unerschütterlicher Hoffnung auf Gottes Erbarmen für alle.
4. Mitgefühl mit den Gläubigen
In einer Predigt, die Newman ebenfalls in der Universitätskirche in Dublin kurze Zeit später vortrug, geht er näher auf die Liebe des Apostels zu den Christen ein. Diese Predigt hat den Titel Mitgefühl, die Gabe des heiligen Paulus. Newman führt darin den Gedankengang der vorausgehenden Predigt weiter und zeigt, mit welcher Zuneigung der Völkerapostel seinen Brüdern und Schwestern im Glauben begegnete. Diese seine Humanitas ist eine Tugend, die aus der übernatürlichen Gnade stammt, «obwohl ihr Gegenstand die menschliche Natur als solche ist, ihre Vernünftigkeit, ihre Neigungen, ihre Geschichte. Und das ist jene Tugend, die meines Erachtens für den heiligen Paulus so charakteristisch ist; und er selbst schärft sie so oft in seinen Briefen ein, so, wenn er inniges Erbarmen, Güte, Milde, Sanftmut und dergleichen fordert».24 Wie zeigt sich diese Haltung im Leben und Wirken des Apostels?
Newman hebt hervor, dass Paulus so sehr von der Liebe zu den anderen erfüllt ist, dass er «in der Gesamtausrichtung seines täglichen Denkens seine Gaben und Vorrechte, seine Stellung und Würde fast aus den Augen verliert, dass höchstens der Ruf der Pflicht ihn an sie denken lässt, während er sich selbst nur als gebrechlichen Menschen kennt, der zu gebrechlichen Menschen spricht und aus dem Bewusstsein der eigenen Schwäche gegen die Schwachen gütig ist».25 Paulus weiß, dass nicht nur die anderen das Erbarmen des Herrn brauchen, sondern auch er selbst. Er nennt sich selber am liebsten Knecht Jesu Christi: «Wir verkündigen nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen» (2 Kor 4, 5). Und er bekennt sich zu seiner eigenen Ohnmacht: «Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt» (2 Kor 4, 7). Der Apostel weiß um seine Bedürftigkeit und sein Angewiesensein auf Gottes Gnade. Gerade darin bleibt er mit seinen geistlichen Söhnen und Töchtern verbunden.
In seinen Predigten und Briefen kommt Paulus immer wieder auf seine Schwachheit zu sprechen: «Als wir nach Mazedonien gekommen waren, fanden wir in unserer Schwachheit keine Ruhe. Überall bedrängten uns Schwierigkeiten: von außen Widerspruch und Anfeindung, im Innern Angst und Furcht» (2 Kor 7, 5). Über sein Wirken in Korinth bezeugt er: «Ich kam in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch. Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden» (1 Kor 2, 3f ). Als er von den Offenbarungen spricht, die der Herr ihm geschenkt hat, verweist er darauf, dass ihm «ein Stachel ins Fleisch» gestoßen wurde, «ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe» (2 Kor 12, 7). Auch über schwere innere Kämpfe schweigt er nicht: «Wir wollen euch die Not nicht verschweigen, Brüder, die in der Provinz Asien über uns kam und uns über alles Maß bedrückte; unsere Kraft war erschöpft, so sehr, dass wir am Leben verzweifelten» (2 Kor 1, 8). Und bei seinem Abschied von den Ältesten in Milet sagt er: «Ihr wisst, wie ich vom ersten Tag an, seit ich die Provinz Asien betreten habe, die ganze Zeit in eurer Mitte war und wie ich dem Herrn in aller Demut diente unter Tränen und vielen Prüfungen» (Apg 20, 18f ). Warum spricht Paulus mit solcher Offenheit und Natürlichkeit von seinen Schwächen und inneren Kämpfen? Newman führt aus: «Ein Mann, der sich so seiner eigenen Größe entkleidet, sich auf eine Ebene mit seinen Brüdern stellt, sich derart auf das Wohlwollen der menschlichen Natur verlässt und mit solcher Schlichtheit und solch spontaner Offenheit des Herzens redet, ist unmittelbar in der Lage, eine große Liebe zu ihnen zu hegen und eine große Liebe zu seiner Person zu entfachen».26 Apostelsein darf nicht mit weltlichem Heroismus oder menschlichem Perfektionismus verwechselt werden. Gott braucht für die Erfüllung seiner Pläne nicht perfekte, sondern liebende Herzen: Herzen, die von seinem Feuer ergriffen sind, die sich davon läutern und umgestalten lassen, die durch ihr inneres Leuchten andere Menschen anziehen und in Liebe zu Christus führen.
Newman bekräftigt immer wieder, dass die Gnade im Herzen des Apostels Paulus die menschliche Natur nicht verdrängte, sondern heiligte und erhöhte. Er bewahrte alles, was menschlich, doch nicht sündhaft war. Er lebte in der Gemeinschaft mit seinem geliebten Herrn und war doch stets empfänglich für die Empfindungen der Menschen und der Welt um ihn herum. Newman sieht hier die eigentliche Mitte der paulinischen Herzenshaltung:
Wie wunderbar! Er, der seine Ruhe und seinen Frieden in der Liebe Christi besaß, war ohne die menschliche Liebe nicht ausgefüllt; er, dessen höchster Lohn in der Anerkennung Gottes bestand, hielt Ausschau nach dem Beifall seiner Brüder. Er, der einzig vom Schöpfer abhing, machte sich dennoch abhängig vom Geschöpf. Im Besitze dessen, was unendlich war, wollte er dennoch das Endliche nicht missen. Er liebte seine Brüder nicht nur «um Jesu willen» – um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen –, sondern auch um ihretwillen. Er lebte in ihnen; er fühlte mit ihnen und für sie; er war um sie besorgt; er kam ihnen zu Hilfe, dafür aber sehnte er sich nach ihrem Trost. Sein Geist war wie ein Musikinstrument, eine Harfe oder eine Violine, deren Saiten, ohne berührt zu werden, in Schwingung geraten durch die Töne, die von anderen Instrumenten kommen, und getreu seiner eigenen Weisung hat er sich stets «gefreut mit den Fröhlichen und hat geweint mit den Weinenden» (Röm 12, 15); und so war er der am wenigsten schulmeisterliche aller Lehrer und der mildeste und liebenswürdigste aller Vorgesetzten.27
Besonders stark war die Verbundenheit des heiligen Paulus mit seinen Freunden und Mitarbeitern, und zwar in allen Situationen des Lebens. Er freute sich, «dass Stephanus, Fortunatus und Achaikus zu mir gekommen sind» (1 Kor 16, 17). Sein Geist hatte «keine Ruhe, weil ich meinen Bruder Titus nicht fand» (2 Kor 2, 13). «Aber Gott, der die Niedergeschlagenen aufrichtet, hat auch uns aufgerichtet, und zwar durch die Ankunft des Titus» (2 Kor 7, 6). Er sandte Grüße nach Rom an Phöbe, an Priska und Aquila und «die Gemeinde, die sich in ihrem Haus versammelt», an Epänetus, an Maria, an Andronikus und Junias und an viele andere Brüder und Schwestern (vgl. Röm 16). Er berichtete, dass Epaphroditus «so krank war, dass er dem Tod nahe war. Aber Gott hatte Erbarmen mit ihm, und nicht nur mit ihm, sondern auch mit mir, damit ich nicht vom Kummer überwältigt würde» (Phil 2, 27). Er klagte, «dass sich alle in der Provinz Asien von mir abgewandt haben» (2 Tim 1, 15), und an anderer Stelle: «Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten; alle haben mich im Stich gelassen. Möge es ihnen nicht angerechnet werden» (2 Tim 4, 16). Von seinen Getreuen wandten sich manche von ihm ab: «Demas hat mich aus Liebe zu dieser Welt verlassen […]. Nur Lukas ist noch bei mir» (2 Tim 4, 10f ). Und am Schluss des 2. Briefes an Timotheus schreibt er: «Grüße Priska und Aquila und die Familie des Onesiphorus! Erastus blieb in Korinth, Trophimus musste ich krank in Milet zurücklassen. Beeil dich, komm noch vor dem Winter! Es grüßen dich Eubulus, Pudens, Linus, Klaudia und alle Brüder» (2 Tim 4, 19–21). Welche Liebe, welches Vertrauen, welche Feinfühligkeit und auch welches Mitleiden und welcher Schmerz kommen in diesen Worten zum Ausdruck! Newman ist davon ergriffen und schreibt: Paulus, «der besondere Künder der göttlichen Gnade, ist auch der besondere Freund und Vertraute der menschlichen Natur. Er, der uns das Geheimnis der höchsten göttlichen Ratschlüsse enthüllt, bekundet zu gleicher Zeit das zarteste Interesse an der Seele des einzelnen Menschen».28 Der Apostel hat ein weites Herz, er denkt an die ganze Welt und betet für alle. Aber er wendet sich zugleich mit großer Liebe und Einfühlsamkeit dem einzelnen Menschen zu, weil er um seine einzigartige Würde und Berufung weiß und weil ihm das Heil jedes Einzelnen am Herzen liegt.
Aufgrund dieser Haltungen leuchtet unmittelbar ein, dass Paulus entrüstet war, wenn er in den christlichen Gemeinschaften Eifersüchteleien, Feindschaften und Parteiungen wahrnehmen musste. Er bezeichnete diese Verfehlungen
nicht nur als einen Schimpf gegen seinen Heiland, sondern als einen Angriff auf jene gemeinsame Natur, die uns, jedem einzelnen, Anrecht gibt auf den Titel Mensch. Da er diese gemeinsame Natur liebte, so machte es ihm Freude, alle, die an ihr teilhaben, als Einheit zu sehen, mochten sie auch über die ganze Erde zerstreut sein. Er fühlte mit ihnen allen, wo immer und wer immer sie waren; und er empfand es als eine besondere durch das Evangelium geschenkte Gnade, dass die Einheit der menschlichen Natur hinfort in Jesus Christus anerkannt und wiederhergestellt wurde. Der Parteigeist war also, auch wenn es nicht bis zur Spaltung kam, dem Geist des Apostels schlechthin zuwider und ein Ärgernis für ihn.29
Den Korinthern, die zerstritten waren, weil einige zu Paulus, andere zu Apollos, wieder andere zu Kephas und einige zu Christus hielten, stellte er die Frage: «Ist denn Christus geteilt?» (1 Kor 1, 13). Bei den durch die Gnade erneuerten Menschen «gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen» (Kol 3, 11). Der Apostel trägt den Wunsch und das Gebet Jesu, dass alle eins seien, tief in seinem Herzen. Er ist Diener der Einheit in Christus und weiß, wie sehr die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses von der Einheit abhängt: «Alle sollen eins sein […], damit die Welt glaubt» ( Joh 17, 21).
5. Kampf und Gottvertrauen
Aus der katholischen Zeit Newmans sind uns kurze Notizen zu einer Predigt zum Thema Der heilige Paulus als Urbild der missionarischen Kirche erhalten. Die Grundgedanken dieser frei gehaltenen Predigt vervollständigen die Ausführungen über die Herzenshaltungen des Apostels.
Newman beginnt diese Predigt mit dem Hinweis, dass Paulus vor allem ein Sämann des Wortes war: «Er säte an allen Orten». Und er war ein Kämpfer – nicht nur, wie David, gegen Goliat, sondern «gegen die ganze Welt».30 Was Paulus begonnen hat, wird von der Kirche an allen Orten und zu allen Zeiten fortgeführt. Doch nicht nur das Aussäen geht weiter, sondern auch der Kampf.
Paulus ist dafür ein Urbild: Er kämpfte gegen die Zeloten aus dem Judentum; man denke etwa an den Eid der vierzig Männer, die weder essen noch trinken wollten, bis sie Paulus getötet hätten (vgl. Apg 23, 12); und er kämpfte gegen die Fanatiker aus dem Heidentum, wie beispielsweise der Aufruhr der Silberschmiede in Ephesus zeigt (vgl. Apg 19, 21ff ). Er musste sich auch mit den Gleichgültigen auseinandersetzen, wie zum Beispiel mit dem Statthalter Festus, der ihn für verrückt erklärte (vgl. Apg 26, 24), oder mit den Philosophen auf dem Areopag, die ihn nach seiner Rede über die Auferstehung verspotteten und auf ein andermal vertrösteten (vgl. Apg 17, 32).
Newman wendet diese Ausführungen auf seine Zeit an: Die Kirche im England des 19. Jahrhunderts hatte gegen fanatische Evangelikale und gegen gleichgültige Staatsmänner zu kämpfen. Die einen bezeichneten Rom als Antichristen, die anderen kümmerten sich bloß um ihren politischen Vorteil. Gewiss dürfen wir diese Gedanken auch auf unsere Zeit übertragen: Aggressive Feindschaft auf der einen und Gleichgültigkeit auf der anderen Seite machen es vielen Menschen heute schwer, die Botschaft des Evangeliums anzunehmen und zu bezeugen.
Newman ist aber in keiner Weise pessimistisch, sondern voll Zuversicht: «Die ehrfurchtgebietende Einheit der Kirche ist unser Trost». Sie zeigt, «dass die Kirche von Gott kommt» und «ihr nichts fremd oder neu ist».31 Das führt ihn zur abschließenden Feststellung, die ein bleibender Aufruf für alle Glieder der Kirche ist: «Unsere Aufgabe besteht darin zu säen und zu kämpfen, und den Rest Gott zu überlassen».32
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Es beeindruckt, dass Newman in seinen Pauluspredigten keine großen Missionsstrategien entwirft und auch nicht die beeindruckenden Aktivitäten des Völkerapostels herausstreicht. Nicht das äußere Tun scheint für ihn maßgebend zu sein, sondern die Gesinnung des Herzens, aus der alles Denken, Reden und Handeln wie aus einer lebendigen Quelle hervorströmt. Man kann sagen, dass Newman in diesen Predigten – ausgehend von Paulus – das innere Profil eines apostolisch gesinnten Menschen umreißt. Wesentliche Mosaiksteine für dieses Profil sind: die Bereitschaft zur Bekehrung, die Gottes Gnadenkraft zu einer persönlichen Erfahrung und dadurch das eigene Leben zu einem Vorbild für die anderen macht; die Kenntnis der menschlichen Natur, die dazu verhilft, sich in andere hineinzudenken, mit ihnen mitzufühlen, ihre Freuden und Sorgen zu teilen; die Liebe zum eigenen Volk, die sich in Dankbarkeit, in stellvertretender Hingabe und in zuversichtlicher Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit für alle zeigt; das Mitgefühl mit den Gläubigen, das dazu anspornt, allen alles zu werden; den Mut zum geistlichen Kampf, ohne den es in dieser Welt nicht möglich ist, Menschen zum Evangelium zu führen; vor allem aber das unerschütterliche Vertrauen auf die Macht des Wortes Gottes. Denn unsere Aufgabe besteht darin, den Samen des Wortes großherzig auszusäen und es Gott zu überlassen, wann und wie der Same Frucht bringt.