Die Aura (Ex-)Papst

Kirchenrechtlich ist Benedikt XVI. nicht mehr als ein Bischof im Ruhestand. Trotzdem – wenn er sich zu Wort meldet, hört die Welt zu. Wie jetzt zum Zölibatsstreit.

Ist das, was ein ehemaliger Papst sagt, wirklich vergleichbar mit dem, was ein emeritierter Bischof äußert? Also eher weniger bedeutungsvoll? Eine entsprechende Einschätzung kam aus dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Sie bezog sich auf die jüngste Stellungnahme von Joseph Ratzinger, emeritierter Benedikt XVI., die bisherige Zölibatsregelung nicht aufzugeben. Das ZdK hat seine Be-Rechnung allerdings ohne die Wahrnehmung der Vielen gemacht. Denn nach wie vor hat das in der Weltgeschichte einzigartige, kultur- und nationenüberschreitende universale Petrusamt seine besondere sakrale Aura nicht verloren, Säkularisierung hin oder her. Die jahrtausendelange Wirkmächtigkeit dieser Institution, die sämtliche geschichtliche Turbulenzen, etwa bei wenig würdigen Amtsinhabern, überdauert hat, trägt weiter zur Faszination und gefühlsmäßigen Unverlierbarkeit dieser Aura bei. Und zu der Autorität, die selbst ein Ex-Papst noch hat, verstärkt durch die religiöse Amts-Inszenierung und Amts-Ritualisierung, an die kein Tenno und keine Queen heranreicht.

Diese unvergleichliche Aura prägt sich eben doch dauerhaft in die Person, den Körper ein. Er verliert die Ausstrahlung nicht, egal wie gebrechlich er in Erscheinung treten mag, wie das bei Johannes Paul II. der Fall war. Es ist so, als ob etwas wesenhaft in die Gestalt eingegangen sei, auch wenn theologisch, kirchenrechtlich ein Ex-Papst kirchenfunktionalistisch nicht mehr ist als ein Kardinal oder Bischof im Ruhestand. Einem ehemaligen Nachfolger Petri und „Stellvertreter Christi auf Erden“ wird weiterhin ein höheres Autoritätsgewicht zugemessen als einem selbst im Amt stehenden bischöflichen Nachfolger sonstiger Apostel. Die gefühlte ex-päpstliche Wesensautorität unterscheidet sich zudem grundlegend von der eines weltlichen Ex-Herrschers. Ein Obama darf als Privatmann sagen, was er will, er reicht niemals an die Autorität eines Trump heran.

Selbst wenn Ratzinger/Benedikt schweigen und seine weiße Gewandung ablegen würde – die ihm durch die auratische Aufladung zugemessene Ausstrahlung verschwindet nicht. Das bedeutet nicht, dass seine in Meinungsfreiheit geäußerte Argumentation schlüssig ist und nicht kritisiert werden darf. Aber die reale Psychologie der Wahrnehmung spricht eine eigene Sprache, auch wenn das Theologen und Laienvertreter ärgert. In den Gesetzmäßigkeiten des Zusammenspiels eines außergewöhnlichen Amts mit dem Unbewussten der menschlichen Psyche liegt allerdings tatsächlich ein Problem, wenn ein Papst nicht erst mit seinem Tod und den dabei inszenierten außergewöhnlichen sakralen Ritualen wirklich aus dem Amt scheidet und der tote Körper die mit ihm zuvor verbundene Aura real verliert. Es bleibt aber dabei: Der Papst ist Franziskus I.

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