Autoritäre Staatsmodelle stellen nicht nur Risiken dar, sie bieten auch Vorteile: nehmen sie dem Einzelnen doch die Last der Verantwortung, sein Leben frei zu gestalten. Was zunächst zynisch klingt, diskutieren die Theologen Georg Essen und Magnus Striet in ihrem moderierten Zwiegespräch Was vom Westen bleibt mit ernsthafter Mahnung. Und schlagen einen weiten Bogen von der individuellen Freiheit, die eben auch überfordern kann, über die – teils fragwürdige – Rolle der Katholischen Kirche in den liberalen Demokratien „des Westens“ bis hin zum Glauben in der Gegenwart: Welche Bedeutung hat er in einer individualisierten Welt voller Möglichkeiten – und welche Legitimation? Kann Glaube sogar wachsen und sich schärfen an einer Welt, in der Gott und die letzten Dinge immer mehr an Gewicht verlieren?
Sowohl Striet als auch Essen werfen der Kirche vor, sich nicht deutlich genug zu den Werten des liberalen Rechtsstaats zu bekennen. Im Überlebenskampf freiheitlich-demokratischer Regierungsformen infolge von allen möglichen Erschütterungen und Kriegen halte sich die Kirche bedeckt, und sie werde staatliche Autorität im freien Westen in letzter Konsequenz gar nicht anerkennen können, solange sie nur die eigene Autorität als höchste anerkenne. Essen warnt deutlich, dass Leo XIV. „zu einer ganz tragischen Gestalt im Papstamt werden“ könnte, wenn er, angetreten als Brückenbauer, „zerrieben wird im unversöhnlichen Verfeindungszwang der Antagonisten“. Der Papst stehe vor der gewaltigen Aufgabe, die modernen Freiheitsrechte im Namen seiner Kirche zu verteidigen.
Steht Kirche somit in der Pflicht, „mit der eigenen Lehrtradition zu brechen“, wie es Striet fordert, um „ein revidiertes, produktives Verhältnis zur liberalen Moderne“ zu finden? Es fallen Schlagworte wie die Zulassung von Frauen zum sakramentalen Amt, Umgang mit Homosexualität, Laienbeteiligung, verbunden mit der ernüchternden Erkenntnis, „dass man sich für Lehramtspositionen nicht mehr interessiert“.
Dies weitergedacht, bleibt „vom Westen“ mehr als vom Einfluss des Vatikans auf diesen Westen. Was aber bleibt vom Glauben? Das Buch hätte auch gut mit Was vom Glauben bleibt betitelt werden können. Wie dürfen wir Gott in unserer säkularen Welt denken? Wie dürfen wir Gott denken, wenn er doch, angesichts der Theodizeefrage, gar nicht oder doch zu wenig eingreift in eine Welt voller Unrecht und Leid? Einem blinden Glauben erteilen Striet und Essen eine Absage. Ein solcher sei unlauter angesichts maßlosen Leidens und öffne autoritären und illiberalen Glaubensangeboten die Türen. Die Theodizeefrage überzeugend beantworten kann freilich auch dieses Buch nicht. Interessant aber: So sehr die Freiheit des Menschen auch das Schlimme ermöglicht, so sehr scheint diese Freiheit doch von Gott gewollt zu sein. Essen argumentiert hier schöpfungstheologisch: Der Mensch mit all seinen Möglichkeiten, guten wie schlechten, ist von Gott offenbar bewusst in die Welt geworfen. Er ist frei. Nur kann er leider nicht allzu gut damit umgehen. Was sich auch in der Gefährdung freiheitlicher Demokratien durch Autokratien zeige. Ebenso in Wählertendenzen, die freie Demokratie zu nutzen, um sie abzuwählen.
Christlicher Gottesglaube speise sich aber gerade aus der Freiheit. Gott müsse „radikal als Freiheit“ und zugleich „personal gedacht werden, wenn dieser Gott ein Gott sein soll, der dem Menschen in seiner Sehnsucht nach einer ... versöhnenden und anerkennenden Vollendung entgegenkommt“, so Magnus Striet.
Der Mensch sucht diese Versöhnung, da sind sich beide Theologen einig. Versöhnung mit sich selbst – auch im Sehnen nach Antworten auf die großen Fragen: Was kommt noch? Was ist der Sinn meiner und aller Existenz? Und: Wer, wenn nicht Gott, kann endgültige Gerechtigkeit schaffen?