Nach dem tödlichen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin am vergangenen Samstag stehen Trauer, Schock und Mitgefühl an erster Stelle: Eine Frau hat durch die Gewalttat ihr Leben verloren, 29 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt – an einem Tag, der der Feier des Lebens und der Vielfalt seiner Ausprägungen galt.
Politiker sowie Vertreter von Kirchen und Verbänden bekundeten ihre Solidarität und warnten vor gesellschaftlicher Spaltung. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte bei einem Gedenkgottesdienst in der Berliner Marienkirche: „Diese Taten haben nur einen Zweck. Sie wollen unsere Gesellschaft spalten, sie wollen uns das Wichtigste nehmen, was wir haben, nämlich unsere Offenheit und unsere Freiheit.“ Und er betonte: „Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern.“
Solche Appelle sind richtig und wichtig. Aber sie sind zunächst nur Worte, die an der Wirklichkeit noch nichts ändern. Denn viele Menschen sind eingeschüchtert: Lesben und Schwule, trans- und intersexuelle Personen oder solche, deren Lebensform auf andere Weise von der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft abweicht und die sich selbstironisch unter dem Ausdruck queer (englisch „seltsam“) zusammenfassen. Neben ihre Trauer tritt das Gefühl der Angst. Und das mehr als ein halbes Jahrhundert nach den Aufständen in der New Yorker Christopher Street, die zum Ausgangspunkt der weltweiten Schwulenbewegung wurden. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, nicht selbst schon beschimpft worden zu sein oder mich unsicher gefühlt zu haben, auch bei Großveranstaltungen wie dem CSD.
Ein Blick in die Statistik genügt, um diese Erfahrung sachlich zu fundieren: Laut Bericht des Bundeskriminalamts hat sich die Zahl queerfeindlicher Straftaten in Deutschland seit 2010 verzehnfacht. Mehr als zweitausend solcher Taten wurden allein im vergangenen Jahr polizeilich erfasst. Dunkelfeldstudien legen nahe, dass das tatsächliche Ausmaß erheblich größer sein dürfte. Als Ursachen für den Anstieg nennt der Bericht einerseits eine langsam steigende Bereitschaft, Übergriffe anzuzeigen, und andererseits eine feindselige Gegenreaktion auf die zunehmende Sichtbarkeit queerer Menschen.
Queerfeindliche Gewalt beginnt nicht erst mit Körperverletzung oder einem tödlichen Anschlag. Sie beginnt dort, wo Menschen eingeredet wird, ihre bloße Sichtbarkeit sei eine Provokation. Diesem Reflex muss die Gesellschaft als Ganzes entgegentreten – Solidaritätsbekundungen und „Fürchtet euch nicht“-Appelle allein genügen nicht. Wir müssen uns dem Hass widersetzen, der aus der Tat in Berlin spricht. Dazu bedarf es der Differenzierung und der Konsequenz – auf politischer Ebene, im Handeln der Kirchen und letztlich bei jeder und jedem Einzelnen.
Zunächst zwei Differenzierungen: Die Frau starb nicht, weil sie für queere Rechte demonstriert hatte, sondern weil ein Mann seinen Hass auf andere in Gewalt auslebte. Der 21-jährige Täter, der beim Festnahmeversuch durch die Polizei getötet wurde, war nach bisherigen Erkenntnissen ein vorbestrafter Islamist. Islamismus muss klar als Problem in Deutschland bekannt und bekämpft werden. Wer jedoch im Chor mit den Rechtspopulisten Musliminnen und Muslime unter Generalverdacht stellt, verrät dabei genau jene Menschenwürde, die er zu verteidigen vorgibt.
Und schließlich zwei Mahnungen in Richtung konsequentes Handeln: Es ist dringend notwendig, Gefährder polizeilich und strafrechtlich besser verfolgen zu können. Innere Sicherheit beginnt aber nicht erst bei der Telefonüberwachung. Wer die Finanzierung queerer Beratung und Jugendarbeit kürzen will, wie es Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) kürzlich ankündigte, schwächt gesellschaftliche Schutzeinrichtungen, die nach dem Anschlag feierlich beschworen werden. Ähnliches gilt für die Kirchen: Ihre Solidarität mit queeren Menschen darf nicht erst am Tatort beginnen. Sie muss sich auch in Sprache, Seelsorge und Sexualethik bewähren. Können Kirchen glaubwürdig vor religiöser Ideologie warnen, wenn sie ihre eigene queerfeindliche Tradition nur halbherzig aufgeben?
Die Aufforderung zu konsequentem Handeln betrifft uns alle. Wir müssen der perfiden Strategie jeder Form von Extremismus widerstehen, zwischen „uns“ und „denen“ zu trennen. Die Teilnahme der Berliner Imamin Seyran Ateş am Gedenkgottesdienst bietet dafür ein starkes Bild: Im Kampf gegen Extremismus geht es nicht um ein Gegeneinander „des Christentums“ und „des Islams“, sondern um eine freiheitliche Auslegung von Religion und den gemeinsamen Schutz vor ihrer extremistischen Instrumentalisierung.