Sie wären auch ein guter Soldat geworden“ – so verabschiedete man mich nach der Musterung in die Kriegsdienstverweigerung. Als „Zivi“ war ich für Krötenzäune und Fledermausnistkästen zuständig, anstatt auf Pappkameraden zu schießen – zu keiner Zeit habe ich diese Entscheidung bereut. Es waren die Jahre des Kalten Krieges und Wettrüstens, und kurz bevor der Bundestag dem NATO-Doppelbeschluss zustimmte, schloss die Friedensbewegung bis zu 400000 Menschen zwischen Stuttgart und Neu-Ulm Hand in Hand zu einer Kette zusammen. 500000 Menschen versammelten sich im Bonner Hofgarten. Widerstand war Pflicht auch für viele meiner, der damals jungen Generation. Wir forderten Händereichen statt Hochrüsten, Annäherung durch Dialog mit den Warschauer-Pakt-Staaten. Unser Vorbild war Willy Brandt, der durch seine Friedenspolitik Sympathieträger in West und Ost war.
Nein, ich bin weder „Putin-Versteher“ noch realitätsblind. Aber können immer nur weitere Waffen die Antwort sein? Wo sind heute die Friedensbewegten, wo sind die Politiker, die Hände reichen? Dass die Ukraine mittlerweile maximal hochgerüstet ist, ist auch das „Verdienst“ der NATO. Ein ganzes Volk als Kampfmaschine: Wollen wir das wirklich? Säen wir hier im Westen nicht vielmehr Wind? Und werden Sturm ernten? Es ist längst zum Reflex geworden, jede russische Attacke mit weiterer Waffenproduktion und -lieferung zu kontern. Wo ist die Dialog- und Kompromissbereitschaft der Bundesregierung? Ein Einfrieren des Frontverlaufs mit de facto- Anerkennung des Ist-Zustands würde viele Menschenleben retten. Dies eher mit diplomatischem Druck und Sanktionen zu erreichen anstatt durch Säbelrasseln, muss das Ziel einer westlichen, auch christlich intonierten Politik sein.
„Empört euch!“, möchte man rufen, „geht auf die Straße, bildet Menschenketten!“ Als Christ keine andere Antwort zu finden, als wie ferngesteuert immer weiter zu drohen, zu rüsten und Feindbilder zu schüren, widerspricht allem, was Christus uns gelehrt hat. Die Politik, unsere Gesellschaft und teils auch die Kirchen sind in einer beängstigenden Dialogunfähigkeit erstarrt. Und das gilt – sind wir ehrlich – auch für diesen sinnlosen Irankrieg und die überzogene militärische Gewalt Israels. Ist Schulterzucken unsere einzige Antwort?
Dirk Müller
In meiner Generation erschien Krieg immer sehr weit weg. Entweder als düsteres, aber abgeschlossenes Kapitel in den Geschichtsbüchern oder irgendwo in Ländern, die man gerade so auf der Landkarte finden konnte. In einer solchen Zeit war es leicht, für Abrüstung zu sein und sich insgeheim sogar darüber zu freuen, dass die zunehmend klein-gesparte Bundeswehr weltpolitisch kein großer Faktor war. Über Jahrzehnte haben wir es uns im militärischen Windschatten der USA sehr bequem gemacht. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir in Europa sicher sind und im Fall der Fälle mächtige und verlässliche Verbündete haben.
Inzwischen ist die Welt eine andere. Mit dem offenen Angriff auf die Ukraine hat Russland den Bodenkrieg nach Europa zurückgebracht, mit Panzern, verwüsteten Städten und viel zu vielen zivilen Opfern. Und der Präsident der einmal so verlässlichen Schutzmacht USA denkt inzwischen vor allem in Deals und eigenen Vorteilen und hat keine Scheu, ganz offen die Nähe zu Putin zu suchen. Wenn wir uns in Europa nicht selbst verteidigen können, wird es im Zweifel womöglich niemand tun.
Das bittere alte Diktum „Wer den Frieden will, bereite den Krieg vor“ gilt auf der Weltbühne noch immer. Wer keine militärische Macht hinter sich hat, wird zum leichten Ziel in den Augen derer, die sich nicht an Recht und Verträge halten. Die Ukraine ist hier tragisches Beispiel: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfügte das Land über das drittgrößte Atomwaffenarsenal der Welt. Diese Waffen wurden bis 1996 vollständig an Russland abgegeben, im Austausch gegen Sicherheitsgarantien. Man setzte auf Vertrauen statt auf Abschreckung – eine Strategie, die nicht aufging.
Dabei muss Verteidigung kein Fass ohne Boden sein. Es wäre schon ein großer Schritt, sich den 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzunähern, die die NATO-Länder langfristig bereits beschlossen haben. Aktuell erreichen die wenigsten diese Marke. Diejenigen, die es tun, sind meistens Länder im Osten Europas – Polen, Lettland, Estland. Jene also, die die Kriegsfront noch deutlich näher im Nacken spüren. Wenn Deutschland mitzieht und auch seinen Beitrag in Rüstung und gemeinschaftlich-europäische Verteidigung investiert, tun wir das nicht nur für uns, sondern auch für sie.
Simon Lukas