Neulich war ich auf einem Kreuzfahrtschiff. In der Kabine lag eine kleine Bordzeitung. Das Internet war teuer, also fand ich Gefallen dran. Karsamstag war ein Seetag: den ganzen Tag auf dem Meer, ohne Hafen. Ich schaute in das Blättchen, das nahe Hochfest kam nicht vor, ich war wenig verwundert. Mittags plauderte ich mit unserem Kellner, er werde abends den Easter Service besuchen, sagte er. Ich war überrascht. Gottesdienst auf dem Schiff? Stand nicht in meinem Blatt.
Als ich mich mit meinen Söhnen kurz vor acht auf die Stufen des Kinderdecks setzte, wurde die Bühne gerade abgeräumt und die Liegestühle leerten sich. Es war absurd zu meinen, in der bunten Hallenbad-Atmosphäre würde gleich das Evangelium verkündet. Doch so kam es. Zusammen mit rund 100 meist philippinischen Besatzungsmitgliedern haben wir die Osternacht gefeiert. Nach dem Gottesdienst fragte ich nach, wieso denn von dieser Veranstaltung nirgendwo etwas zu lesen war; sei sie für die Besatzung reserviert? Keinesfalls, erklärte mir die zuständige Frau, man freue sich, wenn Gäste mitfeiern. Doch ankündigen wolle man die Heilige Messe nicht, die Sorge sei, dass die Urlauber sich belästigt fühlen. Es ginge hier um Erholung und Entspannung, da scheue man dieses schwierige Thema. Spontan hatte ich Verständnis dafür, meine Bordzeitung war ja kein Gemeindeblatt, was hatte die Auferstehungsfeier neben der Karaoke-Show zu suchen? Auch ich war froh, meinem Journalisten-Alltag entfliehen zu können. Keine Empörungswellen mehr, viel Sonnencreme statt Polarisierung.
Doch was ist Journalismus, welchen Journalismus will ich machen, fragte ich mich in meiner Außenkabine. Ist katholische Publizistik so etwas wie die Schiffszeitung? Müsste christlicher Journalismus nicht eine Alternative sein zu der lauten und nervösen Medienwelt um uns herum? Eine Bord-Blättchen für das schwankende Kirchenschiff, das erbaulich und versöhnlich Konflikte und Schmerzpunkte meidet?
Christ in der Gegenwart war so nie und soll so nie werden, vielmehr ist das etwas sperrige Wort, das den zweiten Namensteil bildet, eine Ansage gegen jede Weltflucht und Weltvergessenheit. Journalismus, auch christlicher Journalismus, bedeutet, die Gegenwart abzubilden, mit allen Abgründen und Aufbrüchen, auch mit Ansichten und Anschauungen, die zum Widerspruch einladen. Manche Medien und Onlineportale fallen hinter diesen Anspruch zurück, sie bedienen ihre Bubble, sparen das jeweils Unliebsame aus. Gegen diese bequeme Liegestuhlhaltung wollen wir angehen: Weder Kreuzfahrt noch Kreuzzug.
Zugleich muss Christ in der Gegenwart noch mehr sein. Wir schauen auch mit einem Blick, der gerade in einer säkularen Gesellschaft verstörend sein kann, für die erholungsbedürftigen Mitreisenden auf dem großen Meer der Zeitgänge. Spiritualität und gelebter Glauben können heute schnell randständig und abwegig erscheinen. Dass eine Wochenzeitung den Anspruch hat, sich gegenwärtig mit den Texten des Evangeliums, den heiligen Zeichen der Liturgie und der Gegenwart Gottes zu beschäftigen, ist für viele Zeitgenossen so plausibel wie eine Messfeier auf einem Kreuzfahrtschiff.
Wer sich treu bleiben will, darf Veränderungen nicht scheuen, so lässt sich ein Vers von Wolf Biermann für unsere Zeitschrift anwenden. Paulus sagt es so ähnlich. Wir wollen nicht alles anders machen, aber das Heft stärker sortieren, so hat die Redaktion es auf einer Klausurtagung gemeinsam erarbeitet. Dazu gehört konkret, dass die Seiten 2 und 3 noch aktueller und journalistischer werden. Der Kommentar bekommt mehr Gewicht und wandert nach oben. Hier kann auch ein Pro-Contra stehen. Wir führen auf der Seite 3 eine Randkolumne ein, mit der wir kurz und bündig mit Interviews, Porträts oder anderen Formaten auf virulente Themen reagieren können. Unser Aufmacher auf derselben Seite, der Zeitgang, ist der relevante Debattenbeitrag zur Woche.
Die Seite 5 ist und bleibt unser spirituelles Herzstück, das den Kern unseres Auftrags trifft. Die Seiten 6 und 7 dienen, wie schon bisher, der Vertiefung und Verbreiterung unserer Themen aus Politik, Kultur, Wissenschaft, Kirche und Theologie. Wie gewohnt starten wir auch weiterhin auf der Seite 1 mit einem religiösen Leitartikel, für den wir neue Autorinnen und Autoren gewonnen haben. Auch für unsere Kolumnen und die Beilage weit! haben wir noch einige Ideen, die wir bald zeigen werden.
Der besondere Schatz unserer Zeitschrift sind Sie, liebe Leserinnen und Leser. Für Sie pflegen wir das Bewährte und probieren immer mal etwas Neues aus. Die Segel sind gesetzt, die Untiefen haben wir auf dem Radar. Wir sind gespannt auf Ihre Rückmeldungen.