Kirche und KartografieTopografie des Glaubens

Manchmal hilft der Blick auf eine ganz andere wissenschaftliche Disziplin, um einiges Hilfreiches über die Religion, Glauben und Kirche zu lernen.

Am vergangenen Wochenende kam mir die große Ehre zu, ein wunderbares Paar auf ihrem Weg in die Ehe begleiten zu dürfen. Da beide Kartografie studiert haben, wollte ich in meiner Rede ein paar entsprechende Elemente einfließen lassen. Und je länger ich mich bei meinen Vorbereitungen mit der Kartenwissenschaft befasste, desto mehr Parallelen konnte ich nicht nur zum zwischenmenschlichen Beziehungsleben, sondern auch zum Glauben und zur (katholischen) Kirche entdecken.

Die Kartografie und der Glaube dienen dazu, den Menschen auf ihren Wegen Orientierung zu geben und sie gut durchs Leben zu navigieren. Dafür bedarf es zum einen der Ausrichtung an sowie der Verankerung in einem „Oben“ – sei es der Norden oder Gott. Zum anderen braucht es feste, haltgebende Strukturen, wie das Netz aus Längen- und Breitengraden oder aus Bibel, Theologie, Ritualen und Gemeinden. Sowohl eine Karte als auch das Christentum arbeiten mit bestimmten Symbolen, (die zum besseren Verständnis in Legenden erklärt werden) und die Inhalte, Botschaften und Intentionen vermitteln, veranschaulichen und in einen größeren Sinnzusammenhang stellen sollen. Nicht zuletzt kann man bei topografischen Karten und in unseren Kirchen durchaus Höhen- und Tiefengebiete, Sonnen- und Schattenseiten erkennen.

Wenn wir schon von den dunklen Seiten sprechen: Auch die Kartografie ist nicht vor Anfechtungen und Kritikpunkten gefeit. Und der Blick auf diese Aspekte lohnt sich durchaus, denn auch hier kann man Parallelen zur Kirche feststellen – und vor allem richtungsweisende Lektionen für sie ableiten: Karten können immer auch als Werkzeuge der Machtausübung benutzt werden und sind nicht vor ideologischen Beeinflussungen oder gar Missbrauch gefeit. Sie können Identität und Wir-Gefühl stiften, aber auch bestimmte Personengruppen ausgrenzen oder gar unsichtbar machen. Allein die Festlegung von bestimmten Bezeichnungen kann zur bewussten Herrschaftsdemonstration genutzt werden, wie man aktuell am Beispiel des Golfs von Mexiko/Amerika sehen kann. Vermehrt wird der Kartografie zudem vorgeworfen, zu eurozentristisch zu sein (also Europa und das europäische Denken in den Mittelpunkt zu stellen) und somit besonders afrikanische Länder an den Rand zu drängen und koloniale Denkmuster fortzuschreiben. Darüber hinaus gelten klassische Landkarten angesichts der sich zuweilen schnell verändernden Welt oft als starr und undynamisch.

Sie haben es sicher selbst bemerkt: Es zeigen sich auch hier augenfällige Ähnlichkeiten zu den „Problemzonen“ der katholischen Kirche! Gut, dass zumindest die Kartografie in den letzten Jahren dazugelernt und erste Veränderungen angestoßen hat – und genau davon sollte sich die Kirche definitiv inspirieren lassen und ebenfalls aktiv werden: Es braucht in beiden Bereichen mehr Bewusstsein für die eigenen Schattenseiten und blinden Flecken, einen verantwortungsbewussteren und partizipativeren Umgang mit Macht, mehr Gerechtigkeit, Multiperspektivität, Inklusion und Augenhöhe sowie eine stete Bereitschaft zur Veränderung, zur Reform, zur Anpassung an die gegenwärtige Wirklichkeit und Lebensrealität. Nur so können Karten – und die Kirchen – den Menschen wirklich gerecht werden, ihnen Halt und Orientierung vermitteln und ihnen ein hilf- wie segensreicher Reiseführer durchs Leben sein.

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