Am politisch rechten Rand bezeichnen sie ihre Politik gerne als „christlich“ und sprechen dabei den „Altparteien“ und auch den „Kirchensteuerkirchen“ ab, christlich zu sein – jene sehen das freilich meist genau umgekehrt. Allerdings: Dem anderen dieses Prädikat polemisch einfach ab- und sich selbst zuzusprechen, wirkt als Totschlagargument, als leeres Geplänkel, als sinnloser Grabenkampf. Was kann „christlich“ in der Politik inhaltlich meinen? Oder besser gefragt: Wie können Politiker und Politikerinnen ihre Politik – bei einer bleibend möglichen und nötigen Vielfalt konkreter politischer Optionen – christlich verantworten? Einige Aufmerksamkeitspunkte aus christlicher, genauer: aus biblischer Tradition möchte ich formulieren. Wenige Schriftbezüge seien erwähnt.
- Die Welt ist geschaffen, gut, für alle Menschen. Die Menschheit darf die ihnen angebotenen Ressourcen nutzen und genießen – und soll diese nachhaltig bewirtschaften, um sie für künftige Generationen zu bewahren. Güter dürfen nicht von wenigen gerafft und ausgebeutet werden, zum Schaden der anderen, sondern sie müssen geteilt werden mit allen, als Grundlage des Lebens (Gen 1-2).
- Alle Menschen haben eine unantastbare Würde: Niemand darf Menschen morden, niemand lügen – es gibt ein Recht auf gewaltfreien und der Wahrheit verpflichteten Umgang miteinander. Niemand darf stehlen. Die Alten und die Kinder, die Kranken und die Schwachen sind mit Fürsorge zu integrieren. Niemand darf lieblos andere für seine Zwecke begehren (Dtn 5).
- In Christus sind alle Völker und Menschengruppen eins und haben daher gleiche Rechte: Juden und Heiden, Frauen und Männer, Gläubige und Ungläubige, Freie und Sklaven, Ausländer und Volksangehörige, Menschen mit und ohne Behinderung oder Krankheit (Gal 3,28).
- Den Armen gilt es aufzuhelfen, die Hungernden zu nähren, die Kranken zu heilen, Not zu lindern. Soziale Gerechtigkeit, in der alle bekommen, was sie zu einem menschenwürdigen Leben brauchen, ist ein hoher Wert der Menschen und Gottes. Güter sind für alle da und zu teilen (Mt 25,31-46).
- Flüchtende und Fremde sind aufzunehmen, zu beherbergen, zu integrieren. Alle Menschen sollen Heimat und Auskommen finden, auch im fremden Land. Die Gastfreundschaft ist heilig (Rut).
- Gott will Frieden unter den Menschen, einen Frieden, der auf Gerechtigkeit beruht. Jegliche Machtpolitik und Gewaltanwendung, die Menschen leiden lässt oder tötet, sie ausbeutet oder unterdrückt, ist verwerflich (Joh 14,27). Eine Perspektive der Versöhnung muss immer offengehalten werden.
- In einem Gemeinwesen ist die Rechtsordnung dazu da, die Befreiung der Menschen aus Unrechtsverhältnissen zu schützen und zu erhalten. Recht darf nicht dafür missbraucht werden, dass wenige Menschen übermäßig Güter oder Macht gewinnen oder Andere in irgendeiner Weise versklaven (Mt 5,17 ff.).
- Menschen sollen im Glauben wachsen, d. h. im Vertrauen auf sich, auf andere und auf Gott. Ihre Hoffnung soll gestärkt werden: auf ein gutes Leben auf Erden und auf ewiges Leben in der Herrlichkeit Gottes. Die Liebe, also das freie und wohlwollende Annehmen, soll zunehmen: zu sich selbst; zu Familie, Freunden, Geliebten; zu Fremden und zu Feinden; zum Schöpfer und Herrn aller Dinge. Nur in diesen geistlichen Haltungen wird Leben lebenswert und glücklich (1 Kor 13,13).
- Christen sind demütige Menschen: Demut bedeutet nicht Demütigung – Menschen werden erniedrigt oder erniedrigen sich selbst. Der demütige Mensch verzichtet auf Machtstreben und Grandiosität, er erkennt seine geschöpflichen Grenzen an, er geht bescheiden und dankbar, ruhig und liebevoll seinen Lebensweg, und er übernimmt für sich und für andere Verantwortung (Ps 131).
- Die Menschen dürfen in Verbindung mit Gott oder der göttlichen Kraft bleiben: individuell und gemeinschaftlich, rituell oder spontan, in Dank und Lob, in Fürbitte für die leidende Menschheit, in Klage, in der Suche nach Ruhe in Gott. Alle sind dazu eingeladen, in vielfältigen Formen und Religionen, im Respekt vor dem Anderen, in Freiheit und in Toleranz (Psalmen).
Kein Politiker und keine Politikerin, keine politische Partei wird alle diese im Christentum verwurzelten Haltungen und Werte perfekt verkörpern. Auch keine kirchliche Gruppe oder Richtung wird das können. Immer werden sie – je nach persönlichem Charisma und nach persönlichen Grenzen – Teilbereiche davon besonders fördern und eigene Akzente setzen. Das ist menschlich bedingt – und gut so.
Vielleicht helfen die erwähnten Aufmerksamkeitspunkte zu unterscheiden, wo soziales Engagement oder Politik aus christlicher Verantwortung vollzogen werden und wo nicht – und welcher Partei man als Christ, als Christin eher die Stimme geben kann und soll. Noch einmal, zusammengefasst: Gemeinwohl hat Vorrang gegenüber den Interessen der einzelnen oder der Gruppen; eine universalistische Ethik bindet alle Menschen mit ihren Bedürfnissen und mit gleichen Rechten in die universale Gemeinschaft ein.