Rezensionen: Kunst & Kultur

Schumm, Johanna: Witz und Fülle. Oder was heißt barock?
Konstanz: University Press (Wallstein) 2024. 397 S. Gb. 38,–.

Der verlängerte Untertitel des gewichtigen Bandes beschreibt sein Anliegen: „Eine Untersuchung … entlang der Schriften von Baltasar Gracián über die Mannigfaltigkeit der Fülle und den Scharfsinn des Witzes und ihre Zusammenhänge als Charakteristika des Barock, mit Einlassungen zu anderen Autoren und Künstlern seiner Zeit und später …“.

Zum „Witz“ schreibt die Autorin (10): Seine heutige Bedeutung als eine kurze, häufig anonyme und auf das Lachen anderer zielende Form ist relativ jung. Älter bedeutet „Witz“ eher List, Verstand und Wissen, was sich in „gewitzt“ und „witzlos“ heute noch zeigt. Der Begriff meint eine Text- und Sprechform wie eine intellektuelle Kompetenz – so auch in anderen europäischen Sprachen. Gracián schreibt seine Abhandlung über den Witz (agudeza) in diesem Verständnis. Fülle“ (copia) meint das Überbordende, der Exzess, der Überschwang, das Zuviel, die lange Form, die Steigerung – in der frühen Neuzeit steigerte sich das Wissen, etwa die Zahl der bekannten Tierformen, der Sprachen. Im Barock, insbesondere bei Gracián verbindet sich beides: der knappe, klare und geistreiche Witz, die überfließende und chaotische Fülle. Ja, Barock ist die „Dynamik von Fülle und Witz“ (359).

Das Buch behandelt sein Thema in drei Kapiteln mit je einem Werk Graciáns: Die Stilistik mit seiner Abhandlung über die Geisteskunst Agudeza y arte de ingenio, die Politik mit seinem sehr bekannten „Handorakel und die Kunst der Lebensklugheit“ (Oráculo manual y arte de ingenio), die Poetik mit seinem Roman „El Criticón“. Diese Werke werden vielfältig in Bezug gebracht: mit einem wimmelnden, also gleichsam fülligen Triptychon Boschs, mit Erasmus von Rotterdam, mit Descartes, mit Walter Benjamin und mit Sigmund Freud; das Handorakel mit Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts; das Criticón dann vor allem mit der Malerei von Velázquez – diese Bezüge wirken auf den ersten Blick etwas beliebig, erstaunen in der Durchführung jedoch in ihrer Treffsicherheit, und – ja genau – in ihrer Fülle und ihrem Witz.

Das Oráculo ist ein Handbuch für „Politik“, sowohl für Staats- wie für Privatpolitik, was im 17. Jahrhundert noch ungetrennt war. Politik ist die Lehre des Situativen, in dem man sich angepasst und klug, auch mit „Verstellung“ – man diskutiert bis heute breit, ob und wie weit diese legitim ist – und mit guter Menschenkenntnis zu bewegen hat. In der Gegenwart, so von Schumm aufgezeigt, wird Graciáns „Politik“ vielfach aufgegriffen und weitergeführt.

Das Buch zeigt eine stupende Literaturkenntnis der Autorin – füllig und witzig; es geht sehr ins literaturwissenschaftliche Detail, ist freilich auch gut geschrieben und gut lesbar. Gracián sei „Jesuitenschüler“ gewesen (15); dass er sein Leben lang selbst Jesuit war, wird nur angedeutet – fälschlich wird neben ihm René Descartes als Jesuit bezeichnet (245). Inhaltlich hätte man Graciáns geistige Prägung durch den Jesuitenorden genauer in Blick nehmen können. Ein großes Buch.

 Stefan Kiechle SJ

Tetzlaff, Karl: Im Sehnsuchtsbereich. Theologische Erkundungen der Gegenwartsliteratur.
Freiburg: Herder 2026. 192 S. Gb. 32,–.

Seit Paul Tillichs „Theologie der Kultur“ dürfte in der protestantischen Theologie wohl kaum mehr strittig sein, dass belletristische Literatur durchaus einen locus theologicus darstellen kann, aus dem Einsichten über Gott und seine Welt zu gewinnen sind. Der vorliegende Band unternimmt solche theologisch-literarischen Erkundungsgänge. Zunächst überraschend ist für den Rezensenten, dass die Romantik den theoretischen Ausgangspunkt dieser Expeditionen bildet. In einem ausführlichen Prolog kann der Verfasser aber überzeugend darlegen, warum die „romantische Verschmelzung von Religion und Literatur“ (9) auch für die theologische Lektüre zeitgenössischer literarischer Texte fruchtbar gemacht werden kann.

In zehn Miniaturen widmet sich der Verfasser dem Schaffen vorwiegend sehr bekannter deutschsprachiger und internationaler Autorinnen und Autoren. Dabei geht es meist um ein eher kursorisches Durchgehen der Gesamtwerke. Eine intensivere Analyse einzelner Texte hätte hier und da zu größerer Tiefenschärfe führen können.

Dennoch kann Tetzlaff zeigen, wie oft gerade eine Leerstelle oder Aporie zur Andeutung einer transzendenten Dimension werden kann und wie immer wieder auch in völlig säkularen Zusammenhängen religiöse Motive durchscheinen. So findet er in Herbert Grönemeyers Songtexten Spuren einer von Novalis geprägten „Bergbau-Mythologie“ (59) oder beschreibt „Eichendorff-Momente“ (92) in Romanen von Wolfgang Herrndorf. Zuweilen wirken die Verbindungen allerdings etwas willkürlich, etwa dann, wenn eher assoziativ die Bildsprache Caspar David Friedrichs mit Jon Fosses negativer Mystik in Verbindung gebracht wird.

Nicht nur im Beitrag zu den Songs von Herbert Grönemeyer fällt auf, dass immer wieder der Musik eine entscheidende Funktion zukommt. So werden Lieder von Udo Lindenberg für den Ich-Erzähler in Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“ zu „säkularisierte[n] Psalmen“ (111), Bachs Johannespassion spielt bei Annie Ernaux oder ein Haydn-Quartett bei Friedrich Christian Delius eine entscheidende Rolle. Und die Tradition des evangelischen Gesangbuchs fungiert im theologischen Schlusswort als Resonanzraum des Diskurses.

Inhaltlich besonders ertragreich ist gerade dieser Epilog. Im Anschluss an Dorothee Sölles Idee der „Realisation“ religiöser Sprache in der Dichtung stellt der Verfasser seine theologisch-literarischen Erkenntnisse in den Kontext der aktuellen Säkularisierungsdebatte und formuliert: „Nicht die Menschen müssen kirchlicher, sondern die Kirche muss religionsfähiger werden“ (182). Man muss kein Barthianer sein, um zu fragen, ob diese Forderung nicht offenbarungstheologisch zu kurz greift und ob die pointierte Kritik an der Institution in dieser Schärfe berechtigt ist, wenn die Prägung in den Blick genommen wird, die Autorinnen wie Nora Bossong oder Annie Ernaux durch die Auseinandersetzung mit ihrer katholischen Erziehung und Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Friedrich Christian Delius durch die literarische Verarbeitung ihrer Herkunft aus dem evangelischen Pfarrhaus erfahren haben.

Wie dem auch sei: Das Buch ist ein kundiger Begleiter bei theologischen Streifzügen durch die Literatur der Gegenwart.

Stephan Lüttich

Steindl-Rast OSB, David / Kreuzeder, Alexandra: HerzWerk. Freude finden mit Rainer Maria Rilkes „Sonette an Orpheus“.
Innsbruck: Tyrolia 2025. 224 S. Gb. 25,–.

Das doppelte Rilke-Jubiläum (150. Geburtstag am 4.12.2025 und 100. Todestag am 29.12.2026) schwemmt zur Freude aller Rilke-Fans, immerhin der bekannteste deutschsprachige Dichter weltweit, zahlreiche Neuerscheinungen auf den Buchmarkt. Eine davon bietet sich vor allem jenen an, denen die poetische, bildgewaltige Sprache bisweilen mehr Hindernis als Freude bedeutet: „Freude finden mit Rainer Maria Rilkes ‚Sonette an Orpheus‘“.

Der Titel „HerzWerk“, ein Begriff von Rilke selbst (aus „Wendung“, 1914), mag zunächst kitschig oder abschreckend auf Leserinnen und Leser wirken, die sich eine akademische Auseinandersetzung mit dem vielbesprochenen Stoff wünschen, einem Zyklus aus 55 Sonetten, alle im Februar 1922 niedergeschrieben. Diese Befürchtungen können getrost ignoriert werden, denn der Band brilliert trotz bewusst einfacher Sprache und übersichtlichem Aufbau in 24 Häppchen mit Sachkenntnis, Quellenkunde, einem gut sortierten wissenschaftlichen Apparat und mit einem interdisziplinären, kritischen Feingefühl zwischen Theologie und Literaturwissenschaften.

Der Benediktinermönch David Steindl-Rast, der am 12. Juli einhundert Jahre alt wurde, stellte das Buch zur Erscheinung im Sommer 2025 in der bis auf den letzten Stehplatz gefüllten Wiener Schottenkirche vor. Humorvoll kokettierte Bruder David damit, dass er bereits das Licht der Welt erblickt hatte, als Rilke noch (einige Monate) darauf wandelte. Als ihm seine streng-katholische Mutter mit zwölf Jahren Rilkes „Stundenbuch“ schenkte, war die bis heute andauernde Leidenschaft für die Poesie erwacht. Gemeinsam mit Alexandra Kreuzeder, Soziologin, Logothera­peutin und Mitglied der benediktinischen Weggemeinschaft im Europakloster Gut Aich (Salzburg), entwickelte er diese Publikation zum Teil im Interview-Stil auf Spaziergängen am Wolfgangsee im Salzburger Land.

Für „HerzWerk“ haben Kreuzeder und Br. David „besonders der Spiritualität des Dichters nachgespürt, die im Zusammenspiel von Orpheus-Mythos und Christus-Mythos zum Ausdruck kommt“ (12 f.). Wenngleich sich Rilke bewusst von eindeutigen Christus-Bezügen distanziert und damit ein zeitloses, allgemeingültiges religiöses Werk geschaffen habe, stehe er in der Tradition der Mystiker. „Zeitlebens musste der Dichter sich innerlich vom verzerrten, beengenden Verständnis der christlichen Religion, in das seine Mutter ihn als Kind hineingezogen hatte, absetzen und befreien“ (25 f.). Die Bibel konnte er trotzdem nie lange aus der Hand legen. Um vom Unsagbaren zu sprechen, bediene Rilke sich gerne der biblischen und der altgriechischen Mythen, und das aus einer möglichst reinen, d. h. kindlich unvoreingenommenen Perspektive. Orpheus ist das Urbild des Dichters schlechthin, ein Sänger, der selbst den Totengott Hades zu berühren vermochte, und damit auch der Mensch schlechthin, „denn der Mensch ist ja Dichter, das sprachbegabte Tier … Es ist kein Zufall, dass in der frühchristlichen Kunst Christus nicht selten als Orpheus dargestellt wurde“ (25).

Diese Rilke-Publikation eignet sich hervorragend für Wiederentdecker des Dichters sowie für Anfänger, die zwar den hohen Erkenntnisgewinn nicht scheuen, wohl aber sperrigen Fachjargon: „Die Fachausdrücke der Poetik beispielsweise vermeiden wir völlig. Deren Überbetonung hat ja leider schon in der Schule viele Kinder vom eigentlichen Wesen der Gedichte abgelenkt und ihnen die Freude an der Dichtung verdorben“ (Kreuzeder, 13).

                Philipp Nötzl

Roth, Patrick: Licht aus dem Dunkel. Über den dramatischen Zusammenhang von Traum und Abendmahl.
Hg. von Martin W. Ramb und Holger Zaborowski. Göttingen: Wallstein 2026. 91 S. Gb. 18,–.

Was sind schon Träume? Schäume, reimen die einen, oder bezeichnen die Traumdeutung als „Tiefenschwindel“ (Dieter E. Zimmer). „Nichts ist mehr euer Werk“ als Träume, ruft Nietzsche. Patrick Roth aber ist weder Psychoanalytiker noch Neurologe, sondern ein literarisch begnadeter Erzähler. Viele Jahre lang ist er in die Schule von Hollywood gegangen. Er hat biblische Figuren in seiner Christus Trilogie (1991, 1993, 1996), in dem Roman Sunrise. Das Buch Joseph (2012) und in dem Erzählzyklus Das Gottesquartett (2020) auferstehen lassen und sich intensiv mit den Archetypen von C.G. Jung befasst. Beim Kölner Aschermittwoch der Künstler im Februar 2024 hat er einen aufsehenerregenden Vortrag „Über den dramatischen Zusammenhang von Traum und Abendmahl“ gehalten. Der liegt nun in Form eines kleinen, gewichtigen Essays vor.

Dramatisch ist der besagte Zusammenhang allemal: ungewöhnlich und zugleich handlungsstark. Denn es komme darauf an, so führt Patrick Roth aus, den Traum nicht in konkrete Tagesreste zu übersetzen, sondern nach innen zu wenden. Damit kommt die Frage auf, woher wir kommen und wie Träume uns zu dem machen, was wir eigentlich sind. Genau das ist ein Akt, der durchaus eucharistisch verstanden werden kann. Denn der Traum, als „vom Ich Gemachtes“, werde uns Nacht für Nacht auf die Zunge gelegt, um einverleibt zu werden. Er ist also so etwas wie ein tägliches Abendmahl, eine Nahrung aus dem Numinosen, der gottzugewandten Seite unseres Ichs, das nicht mehr Herr im eigenen Haus ist. Als innere Speise verwandelt der Traum das Aufgenommene und den Speisenden selbst. Er bringt „Licht aus dem Dunkel“. Das bringt der Titel von Roths Vortrag auf den Punkt.

Wie diese Verwandlung durch den Traum und im Traum vonstattengeht, führt uns Patrick Roth am Beispiel des Geschichtenerzählens vor Augen. Eigene Träume werden ebenso lebendig-farbig geschildert und erzählend ausgelegt wie die Traumbilder einer Freundin in Hollywood. Was dem ungeübten Auge zunächst trivial und unspektakulär erscheinen mag, erweist sich in Roths an C.G. Jung geschulter Traumdeutungskunst als von lebensrettender, ja weisheitlicher Qualität.

Auf diese Weise wird, wer den Traum nacherzählend aufs neue verinnerlicht, zum „True Detective“. Wie in der amerikanischen Krimiserie ermittelt der Traum-Erzähler auf eigenes Risiko die Schmutz- und Erlösungsschatten seines Lebens. Der Traum konspiriert auf diese Weise mit etwas, das größer ist als wir selbst, ob wir es Gott nennen oder nicht. Zugleich provoziert und inspiriert der Traum uns als Zumutung einer Wandlung. Er ist uns, so Patrick Roths Einsicht, auf eine Schwelle gelegt, die zu überschreiten unsere Sache ist.

                Michael Braun

Prato, Dolores: Unten auf der Piazza ist niemand. Roman. Aus dem Ital. von Anna Leube.
München: Hanser 2024. 976 S. Gb. 38,–.

Dolores Prato (1892-1983) begann die Arbeit an diesem Buch, das ihre Kindheit schildert, mit über achtzig Jahren; 1980 erschien es in einer stark gekürzten Fassung. In vollem Umfang kam es in Italien 1997 heraus, die deutsche Übersetzung, die sehr herausfordernd war, sogar erst 2024.

Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag: das kleine Mädchen Dolores sitzt versteckt unter dem Tisch. Es hört den Onkel sagen: „Bring sie zurück, sie stirbt uns hier.“ Die Tante antwortet: „Sie ist nun mal hier.“ Es ist die erste Erinnerung des Mädchens, die Geburt ihres Bewusstseins. Die Tragik ist gesetzt: Das Kind ist unerwünscht, da unehelich geboren. Seine Mutter, eine verwitwete Aristokratin hat bereits vier „legale“ Kinder. Der Vater bleibt unbekannt; die Vermutung steht im Raum, er könnte Jude gewesen sein. Nach der Geburt kommt das Kind zuerst zu einer Amme, im Alter von zwei Jahren dann zu den schon älteren Verwandten. Der Onkel ist katholischer Priester, seine unverheiratete Schwester führt ihm den Haushalt. Sie leben in Treja, einer Kleinstadt in der Provinz Marken, die bis 1870 zum Kirchenstaat gehört hatte.

Das Kind wird nie geherzt, niemand spielt mit ihm, niemand nimmt es in den Arm. Ein einziges Mal kommt eine angeheiratete Tante zu Besuch, die das Kind wahrnimmt und mit ihm Hoppe-Hoppe-Reiter spielt. Im italienischen Macerata reimt man statt „Hoppe-Hoppe-Reiter“, wie auch im entsprechenden Vers des Romans: (Staccia minaccia, buttala) „Giù la piazza – hinunter auf die Piazza“. Dies ist die schönste Kindheitserinnerung und gibt dem Buch den Titel. Dolores Kindheit spielt sich vorwiegend in Innenräumen und auf den Gassen der Stadt ab. Das Mädchen sieht kaum Bäume, ist nie in der Natur, hat keine Freundinnen.

Doch aus dieser Kindheit, in der fast alles fehlt, was für eine gesunde Entwicklung notwendig scheint, wird großartige Literatur. Beim Lesen wird man Zeuge dieses Wunders, das auch die Autorin explizit so nennt: „Die Einsamkeit schenkte mir Wunder, die Wunder löschten die Einsamkeit“ (542).

Das Werk hat keine eigentliche Handlung. Die Autorin beschreibt Menschen, Dinge, Häuser, Rituale, Wörter und Namen, die zum Kind sprechen. Meisterhaft vermittelt Prato die kindliche Perspektive, das Staunen über Unverstandenes und Unverständliches. Der Blick des Kindes auf seine Umgebung ist unbestechlich, manchmal grausam. Zwischen den einzelnen Erzählblöcken blitzt etwas auf von der Lebenserfahrung der alten Frau. Die Sprache ist virtuos und betörend genau.

Neben diesen hohen literarischen Qualitäten ist das Buch auch eine Fundgrube für die Geschichte des Alltags und der Frömmigkeit. Da ihre Umgebung durchtränkt war vom christlichen Glauben katholischer Prägung, ist Pratos Buch auf diskrete und implizite Art auch eine religiöse Selbstbefragung: Was von all den christlichen Bräuchen und Liturgien hat sich als tragfähig erwiesen? Gleich auf den ersten Seiten hängt ihr der Onkel ein Medaillon mit einem Symbol des Heiligen Geistes um: „Veni sancte spiritus. Eine bedeutsamere Fürbitte konnte er mir nicht umhängen“ (26). Wegen einer nicht gebeichteten vermeintlichen Sünde wurde ihr die Erstkommunion „zum schrecklichsten Tag meiner Kindheit, der erste der qualvollen Tage meines Erwachsenenlebens“ (904). Auf S. 646 schildert sie eine spektakuläre Gebetserhörung. Die Liturgien ersetzten ihr Theater und Kino. Dem Priester-Onkel und seiner Güte setzt sie ein vielschichtiges, differenziertes Denkmal.

936 Seiten, kaum Handlung, ohne dass es je langweilig würde – im Gegenteil. Seit vielen Jahren hat mich kein Buch mehr so berührt.

                Gisela Tschudin

Heller, Jakob Christoph / Rocks, Carolin (Hgg.): Literarische Exerzitien. Formen des Übens in der modernen Literatur.
Göttingen: Wallstein 2026. 373 S. Gb. 42,–. 

Die von Ignatius von Loyola zu Beginn seines Exerzitienbuchs formulierte Analogie zwischen körperlichen und geistlichen Übungen überträgt der vorliegende Sammelband auf die Literatur. Er dokumentiert die Beiträge einer Tagung, die sich 2023 im Hamburger Warburg-Haus mit dem kreativen Potenzial strukturierter Schreib- und Lesepraxis befasste. 

In einer ausführlichen Einleitung (7-60) entfalten die Herausgeber die Grundannahmen ihres Unternehmens und bestimmen dessen Ort im Spannungsfeld von Ästhetik und Ethik, genauer: im Blick auf die Frage, inwiefern literarische Formen des Übens als Verfahren der Selbstvergewisserung, der Disziplinierung und der ästhetischen Reflexion verstanden werden können. Dabei offenbaren sie ein zum Teil überraschend detailliertes Wissen um Struktur, Theologie sowie Vor- und Wirkungsgeschichte der ignatianischen Exerzitien.

Die folgenden dreizehn Einzelstudien (61-371) spannen dann einen weiten historischen Bogen: Er reicht von René Descartes und Karl Philipp Moritz über Rahel Varnhagen und Bertolt Brecht bis zu Thomas Bernhard und Karl Ove Knausgård. So entsteht ein Panorama literarischer Übungsformen, das mehrere Jahrhunderte und unterschiedliche Gattungen umfasst. Die Beiträge sind (wie bei Sammelbänden kaum anders zu erwarten) von unterschiedlicher Qualität. Aus theologischer Perspektive ragt insbesondere der Aufsatz von Niklaus Largier hervor (187-204), der den Spiegelungen der ignatianischen Exerzitien im Werk von Joris-Karl Huysmans und Georges Bataille nachgeht.

Die Konzeption des Bandes legt den Schwerpunkt auf den Übungscharakter der Exerzitien und damit das Spannungsverhältnis von formaler Anleitung und individueller Aneignung. Das Interesse gilt hier vor allem ihrer imaginativen Kraft, die sich insbesondere in der compositio loci mit ihrer geradezu dramatischen Inszenierung der Vorstellungskraft entfaltet. Andere Aspekte wie die Unterscheidung der Geister oder die auf eine Lebensentscheidung zielende Wahl tretenin den Hintergrund, obwohl auch diese Strukturelemente der Exerzitien ein erhebliches Potenzial für literaturwissenschaftliche Analysen eröffnet hätten.

Theoretisch bewegt sich der Band weitgehend im Koordinatensystem von Roland Barthes und Michel Foucault, deren Denken die Literatur- und Kulturwissenschaft seit Jahrzehnten nachhaltig prägt. Umso bedauerlicher, dass profilierte Exerzitieninterpretationen der jüngeren Vergangenheit wie die hermeneutische Lektüre von Michel de Certeau SJ oder der existentialistische Deutungsansatz von Gaston Fessard SJ nur am Rande oder gar nicht vorkommen.

Der Band ist jedenfalls ein außerordentlich anregender Versuch, die ignatianische Übungspraxis für die Literaturwissenschaft fruchtbar zu machen. Er zeigt einmal mehr, dass zentrale Schätze der christlichen Überlieferung heute nicht selten gerade außerhalb kirchlicher Binnenräume intensiv rezipiert und gewürdigt werden.

                Stephan Lüttich

Anzeige: Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte. Von Jan-Heiner Tück
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