Topkara, Ufuk / Nitsche, Bernhard (Hgg.): Zur Resonanz von Gottesbild und Lebensform. Christliche und islamische Perspektiven in Auseinandersetzung mit Hartmut Rosa (Traditions in Transformation. Thinking with Theology 1).
Berlin / Boston: De Gruyter. 2025. 359 S. Gb. 109,95.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat sich in der eigentümlichen Mischung aus sprechenden Metaphern, kritischer Theorie und einem prononcierten Bild von gelingendem Leben einen Platz als ein säkularer Kirchenvater der Spätmoderne erschrieben. Er ist gerngesehener Gast aller christlicher Akademien, hat eine viel beachtete Rede über die Rolle der Religion für die Demokratie gehalten und ein intensives theologisches Nachdenken über die Rezeptionsmöglichkeiten seiner Paradigmen von Beschleunigung, Resonanz, Unverfügbarkeit und jüngst der Spielräume hervorgebracht. In dieser Hinsicht reiht sich der vorliegende Sammelband in eine Reihe von Publikationen ein, setzt aber in mehreren Hinsichten neue Akzente.
Erstens bezieht er den Resonanzbegriff systematisch auf die Wechselwirkung von Gottesverständnis und Lebensform. So wird Rosas Theorie über eine bloße beruhigende Bestätigung, dass Religion auch in der gegenwärtigen Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielen kann, hinaus zu einem hermeneutischen Schlüsselbegriff. Dem religiös-theologischen Interesse erlaubt er, Texte und Fragestellungen der christlichen Kultur- und Geistesgeschichte neu zu lesen. Sozialphilosophisch gibt er den Begriffen der Lebensform (Jaeggi) und der „starken Wertungen“ (Taylor) eine phänomenologisch zu erfassende Erfahrungsgrundlage. Dem Verhältnis von säkularen und religiösen Weltdeutungen bietet er schließlich eine Übersetzungsleistung, die die Gott-Mensch-Beziehung auch sozial abbildbar macht, ohne dabei ein säkulares Selbstverständnis als bloße Mangelerscheinung einer im Kern religiös-transzendenzsensiblen Anthropologie abzuqualifizieren.
Zweitens ist die Publikation bereits durch den Mitherausgeber Ufuk Topkara christlich-islamisch ausgerichtet. Der komparativ arbeitende islamische Theologe der HU Berlin steuert konsequent auch einen sehr lesenswerten und umfassenden systematischen Artikel bei. Topkaras Beitrag erschließt anhand des Resonanzbegriffs die Grundlagen einer islamischen Verantwortungsethik neu. Diese macht es sich zur Aufgabe, den Verantwortungsbegriff nicht nur als individuelle Entscheidungsfähigkeit und Handlungszurechnung zu verstehen, sondern als Unterstützung tragender Beziehungen zu deuten, die auf Vertrauen aufbauen und zugleich durch Haltungen der Mäßigung, Zurücknahme und Anerkennung von Grenzen gefördert werden. Kritisch ist anzumerken, dass von den 15 Artikeln des Bandes nur ein weiterer islamisch-theologisch konzipiert ist. Dieser als Schlussbeitrag angefügte Artikel rahmt zudem nur (wenn auch durchaus plausibel) von der Resonanztheorie unabhängig erarbeitete religionspädagogische Einsichten zum Gottesbild bei muslimischen Schülern und Schülerinnen in Einleitung und Schluss auf jeweils knappen zwei Seiten mit Rosas Begriff. Dass die Besonderheit des Bandes also in der „interreligiösen Dimensionierung“ (IX) läge, wird in der Konzeption folglich nicht eingelöst, auch, weil kein christlicher Beitrag interreligiös konzipiert ist.
Der eigentliche Gewinn des Bandes liegt demgegenüber in der dritten Besonderheit, nämlich in den ausführlichen historischen Fallstudien, die die Publikation bietet. Sieben Beiträge widmen sich Gestalten und Themen aus der geistlichen christlichen Tradition, die den Lebensformbegriff sehr konkret greifbar machen und zeigen, ob und wie sich an ihnen die analytische Kraft der Resonanztheorie bewährt. So kommen einerseits individuelle geistliche Lebensgestaltungen zum Beispiel bei Franz von Assisi, Franz von Sales, Madeleine Delbrêl oder Teresa von Avila in den Blick. Sie werden mit Topoi der geistlichen Theologie wie zum Beispiel dem Gehorsam, der Nachfolge oder der Beziehung von actio und contemplatio verbunden. Andererseits setzen sich drei Artikel mit der gemeinschaftlichen Dimension von christlichen Lebensformen auseinander, so in den Ordensregeln der Benediktiner und der Dominikaner. In diesem historischen Kontext wären muslimische oder andere religiöse Beiträge gut denkbar gewesen.
Im Überblick gesagt, bietet die Publikation eine gut strukturierte Auseinandersetzung mit Rosas Resonanztheorie vor allem aus systematischen und historischen Perspektiven. Die wichtige sozialethische Dimension wird nicht eigens herausgestellt, ist aber explizit durch den Beitrag von Anne Kosenk und implizit in weiteren Beiträgen vertreten, so z. B. in dem sehr lesenswerten fundamentaltheologischen Beitrag von Stefan Gaßmann. Robin Flacks ausführliche Einleitung legt eine gute Grundlage, die das erneute Referat von Rosas Ansatz in manchen Artikeln redundant gemacht hätte. Insgesamt ist die konstruktive Auseinandersetzung mit der Resonanztheorie, die auch kritische Anfragen an ihre methodische Situierung und analytischen Schärfe nicht ausspart, also nur zu begrüßen. Auch wenn es sich mithin vielleicht mehr um eine „philosophische Anthropologie mit ,Absicht einer therapeutischen Zeitdiagnose‘“ (37) als um reine Soziologie handelt, so findet die Resonanztheorie in der Theologie doch eine auch wissenschaftlich fruchtbare Resonanz.
Tobias Specker SJ
Böschemeyer, Uwe: Und wenn Gott wäre … Über Sinn, Zweifel und das Wagnis, sich auf die Suche nach Gott einzulassen.
Innsbruck: Tyrolia 2026, 128 S. Gb. 20,–.
Uwe Böschemeyer ist für zahlreiche Lebenshilfe-Bücher bekannt und versucht einmal mehr, auf der Basis von persönlichen Erlebnissen, psychotherapeutischen Fallberichten und durch das Aufrufen von Zitaten von Romano Guardini, Helmut Thielicke, Friedrich Schleiermacher, Novalis, Dietrich Bonhoeffer und Viktor E. Frankl zu belegen, dass der Mensch in sich eine Sehnsucht nach Gott trägt. In acht Kapiteln gibt der Autor seiner Überzeugung Ausdruck, dass der Mensch von der Gottesfrage nie loskommt. Die Erfüllung in seinem Leben findet auch der säkulare Mensch erst in der Gestaltung des Gottesbezugs. Eine große Rolle spielt dabei die Logotherapie, der sich der Verfasser verpflichtet weiß. Die Frage nach dem Lebenssinn ist stets virulent. Ein Mensch, der sich diesen Sinn nicht geben kann, ist verloren. Dabei kommt Gott ins Spiel. Von ihm her erschließen sich Freiheit, Verantwortung und gelebte Liebe (102).
Zu Recht wendet sich Böschemeyer gegen das Beweisen-Wollen Gottes, auch gegen den Lückenbüßer-Gott der Naturwissenschaften, aber er sucht ganz in Anlehnung an Schleiermacher Gott im Gefühl, in der „schlechthinnigen Abhängigkeit“ (78). Dies muss auch so sein, denn die Prämisse des Autors ist das religiöse Apriori im Menschen. Hier ist freilich der Kernpunkt seines theologischen Ansatzes.
Ich frage mich: Können wir so den heutigen Menschen tatsächlich erreichen? In der psychotherapeutischen Sprechstunde mag mancher Klient ansprechbar sein im Blick auf seine Religiosität. Im Allgemeinen hat der moderne Mensch jedoch eine innere Abwehr, wenn man ihn auf seine Religiosität festlegen möchte. Der ganze Ansatz des Verfassers ist geprägt durch den Versuch, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Die Säkularisation und die Aufklärungsepoche lehnt er als Irreführung des Menschen ab. Sollten wir tatsächlich in der Tiefe unseres Seins den „goldenen Schatten der göttlichen Welt“ (83) antreffen? Schon Goethe hat dies angezweifelt. M. E. darf man nicht hinter die Erkenntnisse der Aufklärungsphilosophie und Schrifterforschung zurückfallen. Die Verheißung, dass wir in unserem Inneren auf Gott treffen, sprechen heute sehr viele Meditationsangebote, religiöse Salbungsgottesdienste und Achtsamkeitsübungen aus. Das so erzeugte Gottvertrauen mag sich wunderbarerweise einstellen. Das größte Wunder ist aber das Begreifen von Gottes Wort, so, wie Gott uns bei diesem Verstehensvorgang ergreift und Vertrauen schafft.
Ralph P. Crimmann