Goebbels Rede vom 28. Mai 1937

Götz Aly ist einer der bedeutenden Politikwissenschaftler und Historiker des Landes. Sein Standardwerk „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ wurde zuletzt 2025 aufgelegt und durch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt. Aly beschäftigt sich mit der bedrängenden Frage, warum 1932/33 so viele Deutsche geschlossen hinter Hitler standen, ihn wählten und dann bis zum bitteren Ende zu ihm hielten. Auch die beiden großen Kirchen sind im Blick. Das Kapitel über die katholische Kirche fängt mit dem Satz an: „Anders als die akademische Jugend, die übergroße Mehrheit der Protestanten und ein erheblicher Teil der Arbeiterschaft ließ sich die katholische Kirche kaum in das System der Gleichschaltung eingliedern.“ Allerdings gibt es einen Schwachpunkt, der von der nationalsozialistischen Propaganda und insbesondere vom ex-katholischen Kirchenhasser Joseph Goebbels genutzt wurde, um das katholische Milieu in die Defensive zu drängen: Die „sittliche Verkommenheit“ des katholischen Klerus. Goebbels machte sie zum Thema seiner Rede am 28. Mai 1937 in der Berliner Deutschlandhalle. Sie wurde im Rundfunk übertragen und löste die zweite, diesmal auch medial orchestrierte Welle von Sittlichkeitsprozessen gegen Kleriker aus.

Es ist schwer zu ertragen, diese Rede zu lesen, aber doch nötig, sie nicht bloß abzutun. In keiner Weise will Götz Aly das Zeugnis von vielen Priestern im Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur desavouieren. Am Ende des Kapitels weist er exemplarisch auf den Widerstand des Jesuiten Rupert Mayer hin, der seinen Mund auch nicht zu den Vorwürfen wegen Sittlichkeitsverbrechen halten konnte. Aber zum Gesamtbild gehört eben auch die jüngst noch einmal bestätigte Erkenntnis, dass „trotz starker Verkürzungen, Übertreibungen und gelegentlich grober Verfälschungen … die Zeitungsberichte in aller Regel einen wahren Kern“ enthielten. Dieser Kern ist schlimm genug.

Goebbels prangerte in der genannten Rede auch die Vertuschungsmechanismen innerhalb des Systems an. Sie gehören bekanntlich zum Phänomen des sexuellen Missbrauchs zu allen Zeiten dazu. Er schimpfte darüber, dass die katholische Kirche bloß „bedauerliche Einzelfälle“ einräumte. Er brandmarkte die Praxis der kirchlichen Autoritäten, Täter in andere Pfarreien zu versetzen oder sie sogar aus dem Gemeindedienst herauszunehmen, um in Erziehungsanstalten für Jugendliche weiterzuwirken. Die Kirchen, so Goebbels, würden die staatliche Erziehung in der Hitlerjugend, die „frisch, unmuffig und unprüde ist“, ihrerseits als „Sittenverfall“ brandmarken. „Blame-Game“, würde man heute sagen. Nun wissen wir heute zwar auch, dass sich hinter dem „unmuffigen“ Körperkult der Nazis – und nicht nur der Nazis – ebenfalls sexualisierte Gewalt verbarg, aber das entlastet nicht die Praxis der Vertuschung auf der eigenen Seite.

Zu den wenigen selbstkritischen kirchlichen Stimmen gehörte der Bischof von Münster, Kardinal Clemens Graf von Galen. In einer Denkschrift Ende Juli 1937 verwies er darauf, dass „auch das Vertrauen der wohlunterrichteten und gutgesinnten Christen stark belastet ist durch das Empfinden, dass es an Wachsamkeit und Strenge der kirchlichen Obern gefehlt hat.“ Zwar führte die Kampagne von Goebbels nur selten zu Kirchenaustritten, aber vermutlich war das auch gar nicht das politische Ziel seiner Propaganda. Vielmehr ging es darum, „die Klerisei mürbe zu machen“, sie einzuschüchtern. Und das gelang in erheblichem Maße, wie die Sicherheitsdienste im Laufe des Kampagnenjahres dann auch befriedigt feststellten.

Warum ist der Hinweis auf diese Dinge für heute wichtig? Zum einen wird deutlich, dass sexueller Missbrauch wie überall, so auch in der katholischen Kirche kein jüngeres Phänomen ist, wie immer noch einige behaupten. Vielmehr hat er samt den typischen Vertuschungsstrategien eine lange Tradition. Zum anderen zeigt sich, dass die Aufklärung sexuellen Missbrauchs eng mit einer demokratisch funktionierenden Öffentlichkeit zusammenhängt. In Diktaturen besteht gesteigerter Loyalitätsdruck auf allen Ebenen. Die Kräfte sind entsprechend geschwächt, wenn Aufdeckung von Gewalt in den eigenen Reihen ansteht. Daraus folgt aber umgekehrt, dass ein innerer Zusammenhang zwischen der Aufklärung sexuellen Missbrauchs einerseits und demokratischen Verhältnissen andererseits besteht. Es ist kein Zufall, dass es während einer längeren Friedensperiode gerade die demokratischen Gesellschaften sind, in denen das Thema der sexualisierten Gewalt auf die Tagesordnung gekommen ist. Wer meint, die Ergebnisse der Aufarbeitung zeigten, wie dekadent die westlichen Gesellschaften sind, der irrt. Das Schweigen in Diktaturen ist ein Symptom für ihr Einschüchterungs- und Erpressungspotential. Mehr nicht. Aber darin liegt auch eine ermutigende Erkenntnis: Es ist eben die Wahrheit, die frei macht, auch frei zur Resilienz und zum freimütigen Wort in Diktaturen.

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