Rezensionen: Geschichte & Biografie

Ullrich, Volker: Helmuth James von Moltke oder: Wie man den Mut zum Widerstand findet.
München: C.H. Beck 2026. 428 S. Gb. 32,–.

„Der wird alles tun, was er in diesem fürchterlichen Buch schreibt“, soll Helmuth James Graf von Moltke nach der Lektüre von „Mein Kampf“ erklärt haben. Glasklar lag 1931 dem 24-jährigen Jurastudent Hitlers Ziel vor Augen, das sich hinter dem Schlagwort „Lebensraum“ verbarg: Umsturz der harten Friedensordnung von Versailles und der brutale Krieg einer ideologisch aufgeheizten, expansiven Ostpolitik, die in dem gescheiterten Separatfrieden von Brest-Litowsk 1918 die Generäle Hindenburg und Ludendorff bereits anvisiert hatten.

Anders als die meisten Zeitgenossen nahm der junge Graf ernst, was Hitler in seiner Programmschrift ankündigte. Eine befreundete amerikanische Journalistin hatte ihn gebeten, „drei Nazibonzen“, darunter Gregor Strasser, zu interviewen. In dem einstündigen Gespräch wurde Moltke erstmals mit faschistischen Denkmustern konfrontiert – und war entsetzt. Die Verwirrung politischer Ansichten veranlasste Moltke, sich in „Mein Kampf“ zu vertiefen.

Der bekannte Historiker Volker Ullrich hat ein sprühendes Lebensbild von Helmuth James von Moltke gezeichnet. Die Darstellung atmet vitale Frische; sie rührt von dem dichten Briefwechsel, den der älteste von fünf Geschwistern mit Mutter Dorothy und Ehefrau Freya pflegte, die sich um das Familiengut während seiner Abwesenheit kümmerte. Beide Frauen, Mutter und Ehefrau, waren starke Persönlichkeiten, die sein liberales Weltbild prägten.

Der Erbe von Kreisau wurde am 11. März 1907 geboren; er wurde Helmuth genannt nach dem Sieger von Königgrätz und Sedan und James nach dem Großvater Sir James Rose Innes, der einer der angesehensten Juristen der Südafrikanischen Union war; unterstützt von seiner Gattin Jessie bemühte er sich um Ausgleich zwischen Engländern und Buren, Weißen und Schwarzen. Die preußischen und kosmopolitisch liberalen Erbteile verschmolzen in Helmuth J. Moltke, der auch während Hitlers militärischer Anfangserfolge ein Gegner blieb.

Moltke war viel auf Reisen, auch nach 1933. In London erwarb der Berliner Anwalt die Lizenz, als Advokat tätig zu sein. Er konnte, spezialisiert auf internationales Privatrecht, jüdischen Mitbürgern und NS-Verfolgten zur Flucht verhelfen. Seine Briefe an Freya, die sie in einem Bienenstock vor der Gestapo versteckte, spiegeln drastisch die Atmosphäre der Reichshauptstadt: Er habe „räuberische Geschichten erlebt“ und fühle sich „wie ein Gully, der infolge zu viel Schlamms verstopft ist“.

Nach Kriegsausbruch wurde Moltke Experte für Kriegs- und Völkerrecht unter Admiral Canaris. Nur selten fand er im Vernichtungskrieg bei der Wehrmacht Gehör, um das Leben von Kriegsgefangenen und Geiseln zu retten. Moltke sammelte einen geheimen Kreis von Regimegegnern aller gesellschaftlicher Schattierungen, um „Grundsätze für die Neuordnung“ nach dem „Tausendjährigen Reich“ zu entwickeln. Moltke wurde im Januar 1944 verhaftet.

Obwohl ihm eine Beteiligung an Stauffenbergs Attentat vom 20. Juli nicht nachgewiesen werden konnte, wurde er wegen „Hochverrats“ zum Tod verurteilt. Blutrichter Freisler ließ sich zu der Bemerkung hinreißen: „Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: Wir fordern den ganzen Menschen!“ In Moltkes Kreis war der Samen der Ökumene auf fruchtbaren Boden gefallen: unter den Geistlichen des Kreisauer Kreises waren allein drei Jesuiten, von denen Alfred Delp wie Helmuth James von Moltke Blutzeugen wurden.

                Anselm Verbeek

Theiner, Peter: Carl Goerdeler. Ein deutscher Bürger gegen Hitler. Biographie.
München: C.H. Beck 2024. 496 S. Gb. 34,–.

Gerhard Ritter schrieb 1954 die erste umfangreiche Biografie über Carl Friedrich Goerdeler, noch aus persönlicher Verbundenheit heraus. Sie war ein idealisierendes Monument, auch eine Verteidigung gegenüber kritischen Vorbehalten aus dem Ausland.  Jetzt ist, siebzig Jahre danach, eine neue umfangreiche Biografie über Goerdeler erschienen, von dem Historiker und langjährigen Bereichsleiter der Robert-Bosch-Stiftung Peter Theiner. Sie ist in einem gut lesbaren und verständlichen Stil verfasst.

An etlichen Stellen ist bemerkbar, dass es auch um eine Verteidigung Goerdelers gegen seine Kritiker in den 1960er- bis 90er-Jahren geht. Ihm wurde, meist von eher linker Seite, ein autoritäres Demokratieverständnis vorgeworfen, ein Festhalten an revisionistischen Forderungen, ja sogar Antisemitismus. Ohne namentlich auf die Kritiker einzugehen, löst Theiner diese Vorwürfe auf, mit Hilfe detaillierter Textanalyse der zahlreichen Denkschriften (seit 2003 sind sie auf 1300 Seiten vollständig zugänglich) und Einordnung in die strategischen Überlegungen Goerdelers und seiner Mitstreiter. Man merkt dem Autor seine Abneigung gegen eine moralisierende Geschichtsschreibung an, die vom hohen Ross der nie angefochtenen Nachgeborenen Verhaltensnoten an historische Akteure in ihrer zeitgenössischen Verflochtenheit verteilt.

Goerdeler wurde 1884 in eine preußische Beamtenfamilie hineingeboren, in ein nationalkonservatives aber zugleich weltoffenes und diskussionsfreudiges Milieu. Während seines Jurastudiums in Tübingen besuchte er auch Lehrveranstaltungen in Volkswirtschaft. Nach dem Studium zog es ihn in die Verwaltung. Nach Stationen in Solingen und Königsberg wurde er 1930 zum Oberbürgermeister von Leipzig gewählt. Nach 1933 behielt er sein Amt, hatte aber von Anfang an Konflikte mit den örtlichen NS-Größen, etwa im „Leipziger Flaggenstreit“, wo er zunächst das Hissen der Hakenkreuzflagge auf dem Leipziger Rathaus verhindern konnte. Sein endgültiger Bruch mit dem NS-Regime erfolgte im November 1936. Der stellvertretende OB, ein überzeugter Nationalsozialist, nutzte eine kurze Abwesenheit Goerdelers aus, um das Felix-Mendelssohn-Denkmal demontieren zu lassen. Daraufhin beantragte Goerdeler seine eigene Entlassung aus dem Amt.

Die Firma Bosch in Stuttgart mit ihrem Geschäftsführer Hans Walz unterstützte den Widerstand. Goerdeler bekam einen Vertrag als freier Mitarbeiter. Man war sich einig, dass die ungeheure Verschuldung des Reiches zwangläufig zu einem Krieg führen müsse. Goerdeler sollte ein Netzwerk des Widerstands im In- und Ausland aufbauen. Er versuchte in zahlreichen Treffen, die britische Regierung zu veranlassen, durch deutliche Ansagen und Drohungen die Hitler-Regierung von ihrem Expansionskurs abzubringen. Goerdeler drang aber letztlich nicht durch. Beeindruckend sind jedoch seine Unermüdlichkeit und sein Optimismus.

1938 war der Boden für einen erfolgreichen Putsch gegen die Regierung Hitler vorbereitet. Doch dann kam am 29./30. September 1938 das Münchner Abkommen, und der Kairos war verstrichen. Während des Krieges versuchte Goerdeler weiterhin in unermüdlicher Netzwerktätigkeit, den militärischen Arm des Widerstandes zu stärken, aber die meisten Generäle winkten ab. Goerdeler stand schon länger unter Beobachtung durch die Gestapo. Im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und vor dem Volksgerichtshof unter Freisler zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung erfolgte – an der Seite von Alfred Delp SJ – am 2. Februar 1945.

Vertieft man sich in die dramatische Geschichte des Deutschen Widerstands mit der zentralen Figur Goerdeler, kann man leicht von Trauer, Gram und Wut überfallen werden. Denn der Widerstand hätte auch erfolgreich sein können.

                Günter Herrmann

Bazyar, Shida: Die Lücken. Roman.
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2026. 517 S. Gb. 25,–. Deutscher Buchpreis 2026.

Shida Bazyars Roman „Die Lücken“ kartografiert die deutsche Geschichte seit den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart aus einer postmigrantischen Perspektive. Das fiktive Dorf Heimesbach dient als Mikrokosmos, in dem sich historische Schichten wie ein Palimpsest überlagern. Diese zeitliche wie räumliche Verdichtung ermöglicht eine simultane Betrachtung von NS-Täterschaft, Nachkriegsverdrängung und aktuellen gesellschaftlichen Konflikten. Der Roman verzichtet auf lineare Erzählstrukturen und wählt stattdessen das Prinzip der Fragmentierung. Verschiedene Handlungsstränge und Figuren werden in kurzen, achronischen Szenen montiert, ohne dass eine klassische Hauptfigur dominiert. Die dadurch erzeugte Unübersichtlichkeit verweigert sich einer dominanten Mastererzählung und überlässt dem Leser die Arbeit der Vernetzung. Kapitelüberschriften mit Jahreszahlen und Ortsangaben dienen als mnemotechnische Hilfen zur Orientierung.

Die Erzählerin, die als tot vorgestellt wird und aus einer panoramatischen Vogelperspektive blickt, fungiert nicht als allwissende Herrin der Geschichte, sondern als Beobachterin. Sie teilt nur das mit, was sich ihr zeigt und wieder entzieht. Dies unterstreicht die poetologische Idee, dass das Erzählen von Lücken nicht auf deren Füllung, sondern auf deren Sichtbarmachung zielt. Inhaltlich verbindet Bazyar die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit mit der Darstellung migrantischer Erfahrungen. So illustriert etwa die Figur der Lore Koch, die von der Dorfschönheit zur NS-Täterin wird, zum einen den Prozess der Täterwerdung, der durch Ideologie, Gruppendynamik, Sadismus und den Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz getrieben ist. Zum anderen stehen Koch und andere Figuren des Dorfs für eine Kontinuität der NS-Täter-Geschichte bis in die Gegenwart der Nachwendezeit – quer geschnitten u. a. mit den halbherzigen Versuchen seit den 1980er-Jahren, den Holocaust im ehemaligen „Gaumusterdorf“ aufzuarbeiten, und im Short-Cuts-Prinzip konfrontiert mit Geflüchteten z. B. aus dem Iran, die den alten Leuten jetzt u. a. als hilfsbereite Nachbarn oder hilflose Alte im Pflegeheim begegnen. Gezeigt wird zum einen, wie Täter-Fragen in der Breite normalisiert wurden und wie diese Strukturen bis in die 1990er-Jahre, etwa in den Rostocker Anschlägen, fortwirken.

Zum anderen wird deutlich, wie sich die Grenzen der Zugehörigkeit nicht primär entlang kultureller Linien, sondern entlang mentaler und klassistischer Kriterien ziehen. Unter den migrantischen Familien gibt es solche, die sich anpassen wollen, und solche, die dies ablehnen, wobei die Konflikte oft eher intergenerationell und sozialräumlich denn kulturell bedingt sind. Dass die (Dorf-) Gesellschaft als postmigrantische Gesellschaft in ständiger Aushandlung begriffen ist, führt der Roman so eindringlich vor Augen. Die Erzählerin, die selbst als Geflüchtete drei Jahre in Deutschland lebte und dann abgeschoben wurde, blickt aus einer doppelten Distanz: der der Toten und der der Ausgewiesenen. Gerade dies aber ermöglicht einen kritischen Blick auf die deutsche Erinnerungskultur, die von Schweigen, Vertuschung und Geschichtsklitterung geprägt ist. Dass die Darstellung vieler Figuren schemenhaft bleibt, ist deshalb kein Defizit, sondern Programm eines postmigrantischen Erzählens, dem es so gelingt, die lückenhafte Erinnerungskultur in seiner Aktualität für die Gegenwartsgesellschaft eindringlich vor Augen auszustellen.

   Claudia Stockinger

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